Das Schicksal

Auf dieses egozentrische Weltbild gründet sich also das Germanische Verständnis des Schicksals. Seine Aspektentsprechungen fand es in den drei Nornen: Urd, Werdandi und Skuld, die das Schicksal aller Menschen in einem kunstvollen Teppich weben, der damit das Gesamtgefüge darstellt, das als "Wyrd" bekannt war. Hier zeigt sich auch ein weiteres Merkmal der Germanischen Welt: Urd steht für die Vergangenheit, für das, was war und manifestiert ist.
Werdandi bezeichnet Gegenwart und zugleich das daraus resultierende, sie ist zuständig für das "Werdende", wie ihr Name verrät. Skuld bemißt den Lebensfaden und schneidet ihn ab. Ihr Name bedeutet das "Schulden", das Sollen. Sie errechnet aus den Ergebnissen des Vergangenen und der Schlußfolgerungen daraus, die sich in der Gegenwart in dem Entstehenden zeigen, die "Fadenlänge", die nicht nur die Länge des Lebens symbolisiert, die Fadenlänge beschränkt auch die Spannweite, die sich der einzelne Mensch über den Teppich horizontal strecken kann. Was scheinbar fehlt, ist die Zukunft.
Und tatsächlich wurde in den Germanischen Sprachen die Zukunft auch im Präsens ausgedrückt, ein eigenes Futur existierte nicht. Das bedeutet, daß die Germanen Gegenwart und Zukunft nicht getrennt sahen, die Taten der Gegenwart bestimmen die Zukunft und das individuelle Schicksal. Und darin liegt die Möglichkeit, eben dieses akzeptieren zu können. Nur aus der heutigen Sicht, der Sichtweise einer durch das Christentum Griechisch- Römisch geprägten Kultur, die über ihr Latein dafür sorgte, daß die heutigen Germanischen Sprachen ein von der Gegenwart abgesetztes Futur besitzen, dessen mühsame Bildung über Hilfsverben von seiner fehlenden Ursprünglichkeit zeugt, läßt dieses Schicksalsverständnis fatalistisch erscheinen. Wenn "nach mir die Sintflut" gelten kann, sieht man wenig Verantwortung seinem eigenen mit Allem verbundenen Schicksal gegenüber.
Vielmehr birgt das sich entsprechende Leben im Gleichgewicht zwischen den Polaritäten die Sicherheit, die den meisten Menschen der heutigen Zeit, in der es üblich ist, sich für einen Pol entscheiden und damit den anderen automatisch als Bedrohung empfinden zu müssen, fehlt.

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