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Aud Die altnordische Frau Hildegard von Podewils
Aus: Bekannte - Unbekannte Frauen am Rande der Geschichte Franz Müller Verlag, Dresden, 1941.
Kalter Wind pfiff vom Djyrifjord herüber, als Gisli sich
auf den Weg machte, um Aud zu freien. Sie war die Tochter eines Norwegers
namens Vestein und seiner Frau Hild, und sie hatten ein Haus, drüben im
innersten Winkel des Adlerfjords. Der Vater war zur Zeit der ersten Besiedlung nach Island
gekommen, und er lehrte seine Kinder die strengen Gesetze der Familie lieben
und die Ehre über alles setjen, was das Leben und das Schicksal auch über sie
bestimmen möge. Aud und ihr älterer Bruder, der gleich dem Vater Vestein
hieß, hatten schon als ganz kleine Kinder beschlossen, einander in jeder
Gefahr nahe zu sein und einer den ändern zu rächen, falls ihm einmal Böses
geschähe. Nun hatte man gerade das Jahr 960 begonnen, als der junge
Gisli auf dem elterlichen Hof der schönen Aud seine Werbung vorbrachte. Er war
von edlem Wüchse, groß und schlank, und der graue Mantel mit der goldenen
Spange fiel in weiten Falten von seinen Schultern. Als er Aud zum ersten Mal in die Augen sah, wußte er, daß
ihm die Leute drüben im Habichtstal, von dem er gekommen war, nicht zuviel
erzählt hatten. Sie sah frei und stolz zu ihm auf, und als er ihre kleinen
Hände in die seinen nahm, wußte er, daß er jetjt endlich den Schafe gefunden,
nach dem er auf Island bisher vergebens gesucht hatte. Sie sah sein blitzendes
Schwert, als er sie in seine Arme nahm, sie gelobte über dieses Symbol hinweg
treue Hingabe, die sie für alle Zeiten mit ihm verbinden würde. Vestein, ihr Bruder, war zu jener Zeit schon verheiratet
mit Gunnhild, und seine beiden Buben betrachteten voller Neugier den Segler des fremden Mannes, der drunten zwischen
den Klippen stand und der ihre Tante Aud nun von ihnen forttragen sollte ... Vielleicht
war es die gemeinsame Liebe zu Aud, die Gisli in so herzlicher Freundschaft mit
ihrem Bruder Vestein verband. Sie waren sich wohl früher schon auf der
Thingstätte begegnet, aber seit Aud in sein Leben getreten war, schien es, als
sei ein Teil von ihr der bessere von Vestein geworden. Als sie
vor dem Hof ihres Vaters Abschied nahmen, zog Gisli plötjlich aus seinem Wams
eine blanke Münze. Sie war wohl eine gute Unze schwer, aber Gisli bog sie
leicht und beherzt auseinander, daß sie mitten durch auseinandersprang. Die
eine Hälfte gab er Vestein, die andere behielt er selbst. „Wir
wollen uns die Hälften zuschicken, wenn es einem von uns ans Leben geht. Eine
innere Stimme sagt mir, daß wir noch in die Lage kommen werden, wenn wir uns
auch selber nicht begegnen . .." Aud ging
ein paar Schritte vor ihnen und wendete sich jäh um, als sie diese seltsame
Handlung gewahr wurde. Die beiden Männer standen sich gegenüber und sahen sich
an, als wäre ihre Blutsbruderschaft erst in diesem Augenblick geheiligt worden.
Böse Ahnung befiel bang Auds Herz, aber als sich Gisli ihr wieder zuwandte,
lachten seine blauen Augen so unbeschwert, daß sie den ernsten Worten der
Männer keine allzuschwere Wichtigkeit mehr beimessen wollte, als sie ohnehin in
diesen Sekunden schon beanspruchten. „Komm zu
uns ins Habichtstal und sieh dir einmal an, ob Aud es gut bei mir haben
wird", rief Gisli zurück, als der Segler schon seine Leinwandarme reckte.
Auds langes, blondes Haar flatterte im Wind, und sie stand ein wenig schmal und
zierlich neben dem großen Gisli, der sehütjend seine Arme um ihre Schultern
legte. Vestein verschwand klein und fern hinter dem Adlerfjord, während Aud
immer näher ihrer neuen Heimat zusteuerte ... Noch
waren die beiden Ufer des Djyrifjordes unbebaut. Hinter den Steilufern der
Basaltberge lag das Habichtstal mit seinen fruchtbaren Feldern, das Werk
friedlicher Arbeit, das den Segen der Erde für die lebenden und die kommenden
Geschlechter in sich trägt. Glanz und Ruhm der machtvollen Wickingerfahrten
haben zu dem tieferen Sinn des Saatkornes zurückgeführt, aus dem alles Leben
erwächst. Saftiges Grün und liebliche Wiesen zaubern das Bild, das den
Hintergrund aller Göttermärchen und Heldensagen der Edda bildet. Altnordische
Dichtung wird hier lebendig, die Skalden werden es, die isländischen
Dichterahnen, zu deren Helden Gisli und seine kluge und tapfere Frau gehörten
... Auf der
Südseite, da wo die Mündung der Ache ist, stand zu jener Zeit Gislis Hof. Der
Grund hieß Bühl und grenzte dicht an den Seehof, den Gisli seinem Vater gebaut
hatte, lange bevor er sich zum Sterben hingelegt hatte. Dort wohnte jetjt sein
Bruder Thorkel mit seiner Frau Asgeerd — und seine Schwester Thordis mit ihrem
Mann Thorgrim. Aud ging
hinter dem Pflug und bestellte Haus und Feld, während Gisli den Geschäften der
Männer nachging. Sie ist,
so sehr sie rechtlich hinter ihrem Mann zurücksteht, aufrecht und zuverlässig
an seiner Seite. Sie ist seine Beraterin, und es gibt keinen Abend, an dem er
vom Thing oder von einer Arbeit heimkehrt, an dem er mit Aud nicht den Tag
durchspricht und auch ihren Rat anhört. So ist es auch eines Tages, als Gisli
von einer Fahrt auf seinem Lastkutter heimkommt und ihr Grüße von Vestein
bestellt. Gisli war
mit seinem Bruder Thorkel auf einer Handelsfahrt gewesen, und Asgeerd, ihre
Schwägerin, war auf dieser Reise mit Vestein bekanntgeworden. Vestein war auch
ein großer Kauffahrer und immer unterwegs, wenn es für Island Schätje zu
erobern gab. Als Aud
drüben im Seehof war und die leuchtenden Augen der Schwägerin sah, in denen
irgendein verstecktes Feuer glühte, das aus schiefen Winkeln zu Aud
hinüber-blitjte, wußte Aud, was geschehen war. Vestein war in Versuchung
geführt worden von dem Zauber des Weibes, und irgendeine bange Vorahnung quälte
bei diesem Wissen ihr Herz. „Hilf mir das Hemd für Thorkel zuschneiden",
herrscht die Schwägerin Aud an, aber ihre Stimme hat einen unsicheren Klang,
als sie leiser hinzufügt: „Und sieh mich nicht so starr an, als erkenntest du
mich zum ersten Male .. ." „Das muß
wohl so sein", sagt Aud, und nach einer Weile dies: „Ich kann nicht besser
zuschneiden als du. Wenn du meinem Bruder Vestein das Hemd zuschneiden
solltest, würdest du mich gewiß nicht darum bitten..." „Darum
mußt du dich nicht kümmern, meine Liebe, denn wenn du dich in meine Sachen
einmischen willst, muß ich dir sagen, daß ich trotzdem mache, was mir
gefällt!" „Ich
weiß, wie es um dich steht, Asgeerd, aber reden wir nicht mehr davon." „Ich sehe
keinen Fehler darin, daß mir dein Bruder Vestein gefällt. Man hat mir auch
davon erzählt, daß Thor-grim dich oft besucht hat, bevor Gisli dich
heiratete." „Deswegen
aber kann man meiner Ehre nichts anhaben", sagt Aud stolz, „seit ich
Gislis Frau bin, habe ich keinen anderen Mann nur angesehen. Floren wir jet^t
mit diesem Gespräch auf..." Sie
wendet sich zum Gehen, aber während sie die Tür öffnet, sieht sie drüben,
jenseits der Halle, eine dunkle Gestalt hinter der Säule verschwinden, und es
war ihr, als habe sie die Gestalt Thorkels erkannt... Darum
ging sie noch einmal zurück und sagte zu Asgeerd milder, als es in ihrem Sinn
lag: „Oft entsteht etwas Schlimmes aus solchem Weibergeschwätj. Und es mag
sein, daß aus unserem Gespräch auch etwas Schlimmes wird. Wir müssen uns etwas
ausdenken, um keinen Männerstreit heraufzubeschwören ..." Asgeerd
lachte unbekümmert: „Ich habe mir schon etwas ausgedacht. Heute nacht, wenn
Thorkel und ich zu Bett gehen, lege ich ihm meine Arme um den Hals, dann wird
er mir alles verzeihen und das Geschwätj eine Lüge nennen . .." „Das
allein wird wohl noch nichts ändern", meinte Aud, und es wurde ihr übel
beim Anblick des artfremden Weibes,
das sich aufreizend in den Hüften wiegte und
sagte: „Wie willst denn du dir bei Gisli heraushelfen, wenn man ihm davon
spricht?" „Ich
werde Gisli alles sagen, was mir Kummer macht, und er wird mir wie immer
helfen, wenn ich nicht weitersehe. Als Gisli
am Abend von der Feldarbeit heimkehrte, traf er unweit der Grenze seines
Grundes Thorkel an einen Baum gelehnt, die trägen Arme hinter dem Kopf
gefaltet, mit mürrischem Gesicht vor sich hinstarrend ... Da fragt
ihn Gisli, ob er sich nicht wohl fühle. Aber Thorkel spuckte in weitem Bogen
über die Hölzer und kehrte sich zum Gehen. „Krankheit ist nichts gegen meinen
Ärger — aber du wirst es schon noch früh genug erfahren, wenn es auch noch
etwas dauert..." Als Aud
Gisli in der Nacht von dem Frauenzank erzählte und von all dem, was dabei
gesprochen wurde, zog sich seine Stirn in sorgenvolle Falten. Inzwischen
neigte sich der Sommer seinem Ende entgegen, und man rüstete sich wie
alljährlich zu dem Fest, den Winter zu empfangen. So war es von altersher Sitte
im Nordland gewesen, und Aud hatte alle Hände voll zu tun, die Speisen
herbeizutragen, die über hundert Menschen sättigen sollten. Unten in der Halle
war eine lange Tafel gedeckt, hohe Bierkrüge standen darauf und Teller für das
Wildbret, den Fisch und die Braten, die Aud selbst mit den Mägden zurechtmachte,
während Gisli die Teppiche an die Wand hängte, um die Gäste würdig zu
empfangen. Als alles bereit war, meinte Aud: „Nun
fehlt mir nur einer, um mich restlos glücklich zu machen. Wäre nur Vestein
unter den Gästen, für die alle Köstlichkeiten bereit sind!" „Darüber
denke ich anders", meinte Gisli, „ich gäbe etwas darum, daß er jetzt nicht
herkäme ..." Damit war
ihr Gespräch zu Ende. Gisli
sandte noch zu gleicher Stunde zwei Knechte mit seinen schnellsten Pferden
Vestein entgegen, um ihn zu warnen, falls er sich doch auf den Weg machen
sollte, zu kommen. Als die Männer schon viele Stunden unterwegs ,waren, als sie
gerade über das Moosfeld ritten, sahen sie tief drunten im Bärental einen
einsamen Reiter. Schwarz flatterte der Mantel von seinen Schultern, und sein
Gesicht war hart entschlossen, als sei er nicht der Mann, der sich von einem
vorgenommenen Entschluß abbringen lassen könne. Trot}-dem jagten ihm die
Knechte nach und schrieen aus Leibeskräften, denn er war so versonnen und in
seinen Gedanken vertieft, daß er nicht einmal die Krähen zu hören schien, die
über seinem Kopf kreisten und entsetzlich krächzten. Vestein
wurde aschfahl im Gesicht, als er die Botschaft der beiden hörte, und plötdich
zog der eine der beiden Männer eine halbe goldene Münze hervor, die genau zu
der Hälfte paßte, die Vestein in seinem Gürtel trug. Wie hatte doch Gisli
damals gesagt: ,,.. .
wir wollen sie uns schicken, wenn es einem von uns ans Leben geht..."
Vestein aber wirft trotjig den Kopf zurück. „Ich
glaube eurer Mission, und hättet ihr mich früher getroffen, so wäre ich
umgekehrt. Aber hier fließen schon alle Wasser zum Djyrifjord, ich muß nun
dorthin und sehne midi auch danach... Nehmt eure Schiffe und fahrt voraus, um
Gisli und meiner Schwester zu sagen, daß ich komme ..." Stumm und
ratlos sahen sich die Knechte an, aber sie kehrten dennoch um und taten, wie
ihnen der Bruder ihrer Herrin gesagt hatte. Als
Vestein ins Lämmertal kam, ließ er sich über den Fjord setzen, sich und sein
Pferd, das ihn den weiten Weg getragen hatte. Irgendwo traf er einen, der ihn
ansprach: „Sieh da,
der Vestein vom Adlerfjord wagt sich in das Nest der Habichte, aber sieh dich
vor — es ist anders dort geworden, und nicht alle dort wollen dir wohl..." Wie einen
Spuk schüttelte Vestein die dunkle Gestalt ab, die sich ihm quer in den Weg
gestellt hatte ... hell und klar
strahlte der Mond und ließ die Gletscher über
den Eisbergen in seltsamem Licht strahlen, daß es fast aussah, als lösten die
spifjen Zacken gewaltige Heerscharen aus, die hinunter ins Tal marschierten,
gespenstig, lautlos .. . Kurz vor
Bühl war das Bild verlöscht. Nun leuchteten die Fackeln auf dem Gebiete des
Schwagers, und Aud schritt ihm unter dem hölzernen Toreingang entgegen. Noch
nie war sie ihm so schön erschienen, wie sie mit den stillen, leuchtenden
Augen auf ihn zuschritt, soviel weibliche Würde in ihrer Haltung, daß er
unwillkürlich das Knie beugte vor dieser Anmut. Lang und weich umgab das
fließende Gewand ihre stattliche Erscheinung, das lockige Blondhaar fiel ihr
über die vollen Brüste, und ihr schönes edles Gesicht strahlte froh. Sie lag in
den Armen des langentbehrten Bruders, als Gisli den Schwager willkommen hieß
und sagte: „Nun muß wohl alles so kommen, wie es kommen muß ..." Aber
Vestein hörte kaum diese Worte, so sehr war er in der Freude befangen, wieder
nahe bei Aud zu sein. Aud schien es manchmal, als suchten seine Augen unstet im
Saai, aber er fragte nicht — so schien es Aud auch am besten, darüber zu
schweigen, daß Thorkel und seine Frau Asgeerd zum Abend abgesagt hatten. Sie
waren beide nicht zum Fest erschienen, das gerade auf seinem Höhepunkt zu sein
schien. Das Bier floß in Strömen, und mancher Held hatte schon tiefer in den
Humpen gesehen, als ihm gut tat. Niemand hörte mehr nach Gislis schwermütigen
Liedern, die er leise vor sich hinsang und die Aud, seine Gefährtin, ihm
ablauschte ... Einen Tag
und eine Nacht währte das Fest. In der zweiten Nacht war der Schlaf allein noch
das Herrlichste, was ihnen beschert werden konnte. In tiefer Stille lag das
Haus. Nur Gisli schlief nicht. Er stufte den Kopf in die Hände und lauschte in
das lähmende Schweigen. Höflich rauschten draußen seltsam die Bäume, die Weiden
peitschten ihre langen Arme an das Fenster, und ein fürchterlicher Sturm schwoll
gleich darauf wie ein Orkan durch die Nacht. Gisli hört das Heulen und Pfeifen
draußen und dann — Splittern, Bersten ... Wenige Minuten später fühlt er die
kalte Nachtluft im Zimmer und sieht, daß der Wind einen Teil des Daches
davongetragen hat. Er eilt hinaus zum Heu, um wenigstens die Vorräte zu retten,
denn zu gleicher Zeit regnet es vom Himmel, was es nur regnen kann ... Aud ist
erwacht und tastet nach der Hand ihres Mannes. Aber sie greift ins Leere und
sieht stattdessen eine Gestalt neben dem Bett ihres Bruders, der drüben an der
Wand schläft. Sie fühlt Augen auf sich brennen, die allein aus dem Dunkel der
Nacht leuchten und ihr vielleicht bekannt vorkommen. Aber dann kommt vom Bett
Vesteins dieser ent-se^liche Wehlaut und die ächzende Stimme Vesteins, sie ist
fast nur ein Seufzen: „Weh mir ... das saß ..." Im
gleichen Augenblick war das Dunkele, das eben noch am Bett drüben stand, aus
der Türe gehuscht auf leisen Sohlen, die keinen Laut hinter sich lassen. Wie
ein Blilj ist Aud aus ihrem Bett bei Vestein. Und sie findet den Bruder mit
starr und grausig geöffneten Augen, einen Speer mitten durch die Brust.. . Das Blut
rinnt über ihre Arme und Hände, während sie in jähem Entse^en nach der Waffe
greift, um sie aus der fürchterlichen Wunde zu entfernen, aber da ist schon
Gisli hinter ihr. „Laß das,
nun kommt meine Aufgabe..." und er reißt mit einem einzigen schnellen Ruck
den Spieß aus dem Herzen Vesteins. Denn es
ist alte Sitte im Nordland, daß der den Ermordeten rächen wird, der die
Mordwaffe aus seiner Wunde zieht... Jede
Gegend in Island hat ihre eigene Saga, ihre Familiengeschichte, aus der sich
ihre ganze Eigenart erklärt. Sie überlieferte sich von Generationen über die
Geschlechter. Das Wissen um germanische Menschen und nordische Bräuche wird
durch sie erst nahe, und wir erleben sie, als wären sie aus heutiger Zeit. Aud
war die Verkörperung der nordischen Frau, und die Erzählungen, die um sie und ihren
Mann Gisli kreisen, geben den starkes Geist wieder, der Geschichte in Island
formte. Aud ist
es selbst, die Gisli das Schwert in die Hand drückt, den Bruder zu rächen, als
der Mörder gefunden war. Schnee
lag sehen über den Halden und hüllte die Höfe ringsherum in ein undurchsichtig
eisiges Kleid. Vestein ruhte darunter, und die Habichtstaler wallfahrten zu der
Stätte, die nun für immer seine Heimat geworden war. Sie nahmen ihre Wettspiele
wieder auf, als ob nichts geschehen wäre. Das
Schlagballspiel wurde drunten am Binsenteich gespielt, und als der Frühling
wieder über die Berge kam, veranstalteten sie dort ein kleines Turnier. Da war
Gisli und sein Bruder. Thorkel, der immer ein wenig schief aus den Augen sah
und der sich scheu hinter den anderen versteckte. Sein Schwager Thorgrim
dagegen war robuster, nicht nur von Statur, und forderte Gisli immer wieder von
neuem zum Spiel heraus. Drüben
stand Thordis, Gislis schöne und stolze Schwester, die sich belustigt das
Wetteifern mit ansah. Aber sie war unnahbar und ein wenig hochmütig und sah auf
Aud um eine halbe Kopfeslänge herunter. Nun sollte sich's zeigen, wer der
Stärkere war ... Gisli und
seiner Schwester Thordis Mann Thorgrim stehen sich gegenüber. Thorgrim fällt,
und der Ball rollt über ihn hinweg zur Grenze. Es ist nur ein Spiel von wenigen
Sekunden— während Gisli den Ball fängt, hat sich Thorgrim wieder in der Gewalt
und faßt nach Gislis Fuß, daß dieser voll Zorn den Schwager in die Finger
hackt... Aud steht
nicht weit von der Kampfbahn entfernt. Sie sieht deutlich Thorgrims Gesicht und
seine Augen, die starr zu dem Hügel hinüberblicken, hinter dem Vestein, ihr
Bruder, ruht. Irgendwo, schien ihr, hat sie diese Augen schon eitnal so unheimlich
flackernd erlebt, und während sie ihren Schwager am Boden liegen sieht — wird
ihr plötdich bewußt, in welcher Nacht sie seine Augen schon einmal so gesehen .
. . Und sie wendet sich langsam um und streift dabei Thorkel, den so anders
gearteten Bruder ihres Mannes, der auch dieses Spiel nur von weitem besieht,
ohne sich selbst dafür einzusetzen. Seine Familie war an Vestein gereinigt,
aber ein anderer hatte für ihn die Lanze brechen müssen... Als es
Abend wurde, kehrten die Kämpfer heim zu ihrem Herdfeuer, und auch Aud hatte
die Suppe für Gisli gekocht. Sie duftete so lieblich, als gelte es, ein Hochzeitsmahl
einzuleiten. Viel Mühe hat sich Aud gegeben, ihren Helden zufriedenzustellen.
Sie aßen stillschweigend, so wie jeden Abend. Ohne ein Wort zu verschwenden,
steigt Gisli hoch, zwei, drei Stufen nur zu der Truhe, in der Graueisen, das
Schwert seines Vaters, verwahrt lag. Frühmorgens,
als es Tag zu werden versprach, wartete Aud auf ihn drunten an der Haustüre. Gisli
hatte nur dies gesagt, als er um Mitternacht fort ging: „Ich gehe hinüber zu
Thorkel und Thorgrim. Schieb den Riegel wieder vor die Türe und bleib wach,
solange ich fort bin, und schließ wieder auf, wenn ich zurückkomme..." Aud sah
nun im Morgengrauen den Mann drüben vom Seehof kommen. Ihr Herz klopfte wild
und schmerzlich. Tausend Leben möchte sie jetjt darum geben, wenn Gisli, der
Gerechte, Friedfertige nun an ihrer Seite droben in dem breiten Bett liegen
könnte, als gäbe es nur ihre Liebe und sonst nichts auf der Welt. Aber nun, da
einmal das Furchtbare geschehen war, galt nur die Rache — Vestein konnte nicht
nach Walhall fahren, bevor sein Leib nicht gerächt. Durch den
Bach, der das Wasser für die Wirtschaft liefert und den Seehof mit Bühl
verbindet, watet Gisli barfuß. Langsam schreitet er auf das Haus zu. Er hat den
schwarzen Mantel locker über die Schulter geworfen. Über sein Hemd und die
Leinenhosen breitet sich ein häßlicher, dunkelroter , Flecken. Aud
streckt beide Arme aus und zieht den Männerkopf zu ihren Schultern herunter. „Mein
Schwager Thorgrim ist tot", sagt Gisli nur und sonst nichts. Sie stehen
noch so vereint, als längst drüben hinter den Bergen die Sonne aufgegangen
ist... Der
gewaltsame Tod eines Mannes, er mochte erfolgt sein unter welchen Umständen er
wolle, erforderte unerläßlich Sühne. Die ganze Sippe war für die Bestrafung des
Mörders verantwortlich. In den meisten Fällen war der Grund des Kampfes für den
Mann nicht Abenteuertum, sondern eine Pflicht, die jeder unbedingt auf sich
nehmen mußte: die Blutrache. Unter den
Gästen, die von weit her zu Thorgrims Begräbnis gekommen waren, war auch der
Bruder des Erschlagenen: Börck. Er war dick und unförmig, und sein häßliches
Gesicht sah unter der Leidensmiene so furchterregend aus, daß Aud schauerte,
als sie ihn sah. Er und Thordis standen oft beiseite und flüsterten
miteinander, als sie nach altem Brauch den toten Thorgrim auf das Schiff luden
und den Sand um ihn herum anhäuften, bis er ihn ganz bedeckte. Vor dem Hügel
des Toten maßen sich die beiden Frauen mit bitteren Blicken, und Aud war sich
nur zu sehr bewußt, daß Thordis, die stolze, abweisende, ihren Mann nur allzu
grausam rächen würde, auch gegen den eigenen Bruder. Und da zeigt Thordis vor
allen Menschen nach der Seite hin, wo Gisli auf sein Schwert Graueisen gestuft
steht... Börck hat
die Fehde vor den Thing gebracht. Der dicke Börck lehnte jede persönliche Rache
ab und erst recht den gütlichen Vergleich, der es den befehdeten Parteien im
zehnten Jahrhundert frei ließ, sich durch eine Geldsumme auszusöhnen. In
Heerscharen strömten die Männer zum Gerichtsplafj, der so recht den Stempel
eines wehrhaften Volkes trug. Es schien, als seien sie alle zum Kampf
hierhergekommen. Es waren viele angesehene und mächtige Männer unter denen, die
als Bundesgenossen auf Gislis Seite standen. Aber des Börck und Thorgrims Sippe
war über ganz Island verzweigt, und so gelang es ihnen schließlich doch, über
Gisli das schreckliche Urteil zu fällen, das ihn zeitlebens zum Geächteten
machte. Furchtbar
war der Weg des lebenslänglich Verbannten in die entse^liche Steinwüste im
Inneren Islands. Vogelfrei in die Einöden gebannt, die mit ihren schroffen Abgründen an
den Rand der Verzweiflung bringen können. Dieses Schicksal traf Gisli, den
Helden, der wie keiner vor ihm sein Vaterland liebte und verteidigte, dem er
jeijt als Geächteter gegenüberstand. .. Sieben
Jahre währte dieses Heldenleben noch, Jahre, in denen es ihm immer wieder
gelingt, durch List unerkannt unter die Menschen zu kommen, ihnen geheimnisvoll
zu helfen und an ihren Kämpfen teilzunehmen, solange und sooft — bis sich sein
Schicksal vollendete ... Aud
begleitet ihn hinauf in die Steinwelt der Berge und nistet sich mit ihm ein
gleich den Raubvögeln, die wild und frei ihre Nester unter den Felsen bauen.
Viele Jahre teilt Aud in selbstloser Fürsorge das Leben der Entbehrungen und
trostloser Leere, das für Gisli nur mit all dem gefüllt ist, was Aud heißt und
dem was ihr Herz und ihre Hände ihm zu bereiten vermögen. Sie klettert über die
Felsen, um ihm die Eier der Vögel als Nahrung zu bringen, sie singt ihm die
heiteren Lieder des Südens vor, wenn seine schwermütigen Skaldengesänge durch
die Traumgesichte, die ihn nachts befallen, immer unheimlicher und trauriger
werden. Eines
Tages bittet er Aud, ihn allein zu lassen. Und sie, erst entsetjt über diesen
Wunsch, versteht ihn im gleichen Augenblick. Er
begleitet sie bis zu der Stelle, von der aus sie weit drüben im Tal das
Herdfeuer ihres Hofes Bühl wußten, der jetjt Thorkel, seinem Bruder gehörte — Vor
vielen Jahren, als alles noch glückhaft um sie herum war, hatte Gisli einmal
mit Aud eine Ruderfahrt gemacht, um Haushorn herum über den Adlerfjord, ihre
alte Heimat, hinüber zum Geirthsfjord. Dort war ein Stück Land, das ihnen
gefiel und auf dem sie einige Zeit glücklich gewesen waren. Dort war es auch, wohin
Aud in ihrem Unglück flüchtete. Es war ein kleiner Hof, der nun Aud aufnahm und
von wo aus sie sehnsüchtig und treu wartete, bis Gisli sie wieder rief. Einmal
hörte sie, daß Gisli ganz dicht bei ihr gewesen sei, und wenige Minuten später
kam die Magd aus dem Dorf gelaufen, um furchtbare Nachricht zu bringen. In
einem Schlitten mit zwei Lastpferden davor sei Gisli in Richtung Geirthsfjord
gefahren, als ihn irgendeiner erkannt hat und mit den Verfolgern hinterdrein
galoppiert sei. Dicht vor Haushorn hatte einer der Speere den Mann durchbohrt,
der aus dem Wagen heraus in den Schnee fiel, während der Kutscher des Gefährtes
weitergerast sei, ohne zu bemerken, daß sein Fahrgast gar nicht mehr hinter ihm
saß ... Und dann
erfuhr Aud, daß der Kutscher Gisli selbst gewesen war und seinen vornehmen,
schwarzen Mantel mit dem Knecht getauscht hatte, der hinter ihm ira Schlitten
Platj genommen hatte. Gisli lebte! Es war
kurz vor dem Herbst des Jahres 967, an dem die Blätter der Bäume schon früher
fielen, als man es in Island gewohnt war. An die Türe Auds klopfte ein Mann,
den sie mit der Sippe Thorgrims verschwägert wußte. Er hieß Eyjolf und hatte
ihr immer schöne Augen gemacht, sdion in Bühl, als sie noch eine ganz junge
Frau war. „Ich
möchte mit dir einen Handel eingehen, Aud", fing er an. „Sag du mir, wo
Gisli ist, dann gebe ich dir dreihundert Mark Silber, die ich für seinen Kopf
bekommen habe ... und außerdem will ich dir auch eine Heirat verschaffen, die
in allem besser sein soll als deine jetzige. Sitjt hier draußen am öden Fjord
und bist noch so eine schöne, begehrenswerte Frau, die niemals einem Menschen
begegnet, der sie bewundern kann..." Da
antwortete Aud: „Es ist
zwar unwahrscheinlich, ob du mir eine Heirat schaffen kannst, die mir so gut
scheint, wie meine jetzige. Aber es ist schon so, und du hast recht, Geld ist
der beste Witwentrost, wie man zu sagen pflegt. Laß mich sehen, ob dein Geld
auch wirklich so viel und so gut ist, wie du sagst!" Da
schüttelte er ihr das Geld in den Schoß, und sie ließ es durch ihre
schmalen Fingern gleiten und haßte es aus tiefster Seele, weil es den Tod ihres
Liebsten bezahlen sollte ... Irgendwo
in den nahen Wäldern lag Gisli versteckt, und Aud wußte es — ebenso wie ihre
Magd. Die lief hinaus, um es Gisli zu sagen: „Aud hat den Verstand verloren.
Sie will dich für Geld verraten . .." Aber
Gisli lachte nur und sagte: „So lange
mir der Tod nur von Aud droht, bin ich um mein Leben nicht bange!" Zur gleichen
Minute sprach drinnen Aud zu Eyjolf, während sie das Geld sorgfältig gezählt
hat: „Dein
Geld ist wirklich gut und so viel, wie du mir gesagt hast — nun erlaubst du mir
also damit zu tun, was ich will...?" Und ehe
Eyjolf nur antworten kann, ist sie aufgestanden und schlägt ihm den Beutel mit
dem schweren Silber um die Nase, daß ihm sofort das Blut herausströmt... „Hast du
geglaubt, ich würde dir Schurken meinen Mann verkaufen? Dein Leben lang sollst
du daran denken, daß eine Frau dich geschlagen hat." Eyjolf
schrie wie ein Stier aus seiner häßlichen Wunde heraus: „Ergreift den Hund und
schlagt ihn tot, wenn's auch eine Hündin ist!" Aber
einer seiner Knechte, die auf sein Schreien herbeiliefen, hielt ihn fest, denn
er war dabei; das Bewußtsein zu verlieren. Über den ohnmächtigen Mann hinweg
bat er die Frau zu fliehen, damit sie ihr Leben schüije. Und sie zog von ihrem
Finger den goldenen Ring, um ihn dem Knecht zu schenken, der für sie und Gisli
eintrat. Der Ring war das letjte, was sie von Gisli besaß ... So floh
sie mit Gisli wieder in die Berge. Alles, was er in dieser furchtbaren Achtzeit
an Heldentaten unerkannt auf Island tat, steht unvergänglich von den Skalden
verzeichnet, die jene Vergangenheit Islands so groß machten. Wir aber sprechen
nur von der Frau, die an seiner Seite still den Kampf focht, ohne den das Leben
Gislis undenkbar gewesen wäre . . Tagsüber
versteckte sie den Mann, und nachts wanderten sie. Manchmal spielte er in
irgendeiner Verkleidung die Rolle eines Komödianten oder irgendeines Mannes,
den man an der Straße kaum beachtete. Dann waren seine Verfolger in der Nähe
und schritten oft an ihm vorüber, ohne ihn zu kennen. Aud hielt sich abseits,
um ihn nicht zu verraten. Einmal,
als sie am Hafen auf ihn wartete, sah sie zwei Burschen stehen, die neugierig
zu ihr hinübersahen. Sie erschrak — bis ihr die Gesichter der Knaben bekannt
vorkamen und sie in ihnen die beiden Söhne ihres toten Bruders Vestein
erkannte, von dem alles Unheil ausgegangen war... Die Knaben waren groß und
stark geworden, aber sie schienen scheu und bedrückt. Nun hatten sie auch Aud
erkannt. Die
Knaben kamen von Bühl, und ohne daß sie weitersprachen, las Aud an ihren
Mienen, was sie dorthin geführt hatte und was inzwischen geschehen war. So zog
das Verhängnis seine Kreise, und das Blut rächte sein Blut in ewiger Folge...
„Geht", bat sie die Neffen, „Gisli darf euch nicht antreffen, denn er kann
es nicht ertragen, die Mörder seines eigenen Bruders Thorkel zu sehen, wenn er
eure Tat auch gutheißen muß . . ." In den
Klippen droben zwischen den gigantischen Felsen beschloß Gisli seinen
Lebenskreis. Zwölf Männer hatten von seinem Versteck erfahren und machten sich
auf, den Vogel zu fangen. Sie kletterten die Wand hoch, aber Gisli wehrte sich
mit Steinen und mit seiner Axt. Einer der Angreifer rief zu ihm hoch: „Jetjt
sollst du mir die schönen Waffen lassen, die du hast und auch Aud, dein Weib
..." Ein Speer
zuckte nach Gislis Herzen, der aber hieb mit seiner Axt dagegen und schlug das
Speereisen vom Schaft. Er hatte das Schwert Graueisen umgegürtet und den Schild
in der Hand. In der Sekunde, in der Gisli das Schwert zog und es einem Angreifer in die Weichen trieb, kletterte ein zweiter
von der anderen Seite herauf, um sich in den Rücken Gislis zu schleichen. Aud
sah es gerade noch rechtzeitig und warf ihm einen Stein auf die Hand, daß er
alle Kraft verlor und den obersten Hang hinunterstürzte. Mitten aus dem Kampf
heraus rief Gisli über die Schulter hinweg zu Aud: „Ich wußte immer, daß ich ein gutes Weib habe. Aber ich
wußte nicht, daß ich das tapferste von ganz Island habe... Und doch ist dein
Dienst nicht so gut, als du beabsichtigt hast, denn sonst hätte auch der dort
den Weg der anderen gehen können..." Das waren die letjten Worte, die Aud von ihrem Mann
vernahm. Denn als Gisli den elften Mann zur Strecke gebracht hatte, kam der
zwölfte aus dem Felsschacht unbemerkt von Gisli und Aud wieder hochgeklettert
und zielte genau in Gislis Herz hinein. Aud stürzte über ihn, um mit dem Blut sein entfliehendes
Leben aufzuhalten. Aber es kam nicht mehr zurück, Gisli war schon auf jener
großen, weiten Reise aller Helden, die nach Walhall führte. Niemand mehr hat Aud seit dieser Stunde gesehen. Als man
den Leichnam des toten Helden hinunter ins Tal brachte, war die Frau
verschwunden. Einige wollen sie noch einmal drunten im Hofe von Geirthsfjord
gesehen haben, als ob sie Abschied genommen habe, bevor sie Island für immer
verließ. Einige aber, und das sind die Dichter und Skalden vom Nordland,
wissen, daß sie die Geister von Walhall zu den Göttern getragea haben, um sie
unsterblich zu machen ...
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