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Was ist Chaosmagie?
Der folgende Artikel ist das Einführungskapitels des Buchs »Techniques of Chaos Magic«
von
Joseph Max 555
aus Kalifornien. Wir danken dem Autor für
die Abdruckgenehmigung und weisen darauf hin, daß das Copyright für diesen
Artikel beim Autor liegt.
Deutsche Übersetzung:
Vicky Gabriel
Von
Hag & Hexe freigegeben für Boudicca's Bard
Der Begriff »Chaosmagie«
beinhaltet oft den Widerhall von Drohung und Faszination zugleich. Wahrscheinlich
ist allerdings die Annahme zutreffender, daß dies in der Absicht jener Menschen
lag, die diesen Begriff prägten. Wie dem auch sei - es ist wichtig, zu bedenken,
daß sich Gerald Gardner, als er seine Rekonstruktion des europäischen
Heidentums in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts herausbrachte und sie
»Hexenkunst« nannte, desselben Effekts ebenso bewußt war wie der
Wirkung, die dies auf seine Zeitgenossen haben würde. Nichts geht über
den Ruch des »Verbotenen«, wenn man Menschen faszinieren will.
Um dem »bösen«
Image zu begegnen, das dem Begriff der »Hexenkunst« anhängt, füllte
Gardner seine Schöpfung mit »Sei brav«-Moralpredigten mit nur dürftiger
Verbindung zum Hedonismus (»So lange es niemandem schadet, tue, was du willst«)
und mit einem eingebauten System göttlicher Vergeltung für die Anwendung
von »böser Magie« (das Gesetz der dreifachen Wiederkehr). Man könnte
auch sagen, daß er nicht den Mut hatte, alles auf eine Karte zu setzen.
Das Etikett »Chaosmagie«
leidet unter zwei der Sache selbst innewohnenden Nachteilen. Zum einen zieht die
»Cyberpunk«-Assoziation dieses Begriffes dieselben menschenfeindlichen
Typen an, die sich bereits zuvor aus ähnlichen Gründen zum Etikett »Satanismus«
hingezogen fühlten. Für sie ist es sozusagen eine Art »Satanismus-Light«.
Dieser Menschentypus pflegte die Begriffe »Hexe« oder »Hexer«
(Warlock) zur Selbstbeschreibung zu verwenden, bevor der Begriff der Chaosmagie
in Mode kam - »Chaosmagier« klingt doch viel cooler. Dieselben Leute,
die einst umgekehrte Pentagramme auf ihre schwarzen Lederjacken gemalt haben und
sich »Hexer« nannten, sind nun zu Chaossternen übergewechselt und
bezeichnen sich statt dessen als »Chaosmagier«.
Der zweite (und weitaus bedeutendere)
Nachteil besteht darin, daß der essentielle Grundgedanke der Chaos-Magie natürlicherweise
jeder Beschreibung trotzt, da er aufgrund seiner Natur in höchstem Maße
persönlich und experimentell ist. Sogar jene Menschen, welche die Ausübung
der Chaos-Magie für sich in Anspruch nehmen, empfinden eine Definition derselben
über ihr persönliches Modell hinaus als äußerst schwierig.
Chaosmagie ist gefährlich,
ehrfurchteinflößend, von großem Potential und aus diesem Grund
höchst verlockend. Es ist »Magick ohne Schranken«. Die Regeln bestehen
darin, daß es keine Regeln gibt - abgesehen davon, alles zu erlernen, was
für jeden persönlich funktioniert und es zur Umsetzung des eigenen Willens
einzusetzen.
Die Kraft der Chaosmagie liegt
in ihrer Rätselhaftigkeit und ihrer Faszination. Es gibt ebenso keine Möglichkeit
einer genauen Beschreibung der Chaosmagie wie es möglich ist, das Tao zu definieren.
»Was man beschreiben kann, ist nicht Tao«, wie schon der alte Weise
sagte. In gewisser Weise vermute ich, das Chaosmagier die letztendliche »Geheimgesellschaft«
darstellen, obwohl dies eher in der Natur dieser Magieform selbst liegt und weniger
durch Eide oder Verordnungen von oben erzwungen wird.
Warum also wird dieser Weg als
Chaosmagie bezeichnet? Nun, mehr aus allgemeiner Übereinstimmung denn aus irgend
einem anderen Grund. Doch ich kann ein paar Stellungnahmen anbieten:
Zunächst gibt es da die zugrundeliegende
Annahme, daß alles im Universum miteinander in Verbindung steht, da uns die
Chaosmathematik zeigt, daß all jene Dinge, die uns zufällig und willkürlich
erscheinen, in der Tat chaotisch sind und über eine höhere »Ordnung«
verfügen, die nur von einem weit genug entwickelten Standpunkt aus wahrgenommen
werden kann. Chaos führt zur Wirklichkeit selbst und im Besonderen zur Lebenskraft
und somit der Neigung der Materie zu Intelligenzzuwachs.
Dem Oxford English Dictionary
zufolge ist das Wort »Chaos« griechischen Ursprungs. Seine originale
Bedeutung war »ein ungeheurer Abgrund oder eine solche Kluft, eine unergründliche
Spalte, leerer Raum, unendliche Dunkelheit, der Urzustand des Universums«.
In der modernen Sprache wurde dies zu folgenden Bedeutungen verfeinert: »die
'formlose Leere' der primordialen Materie, die 'große Tiefe' oder
der 'große Abgrund', aus welchem sich der Kosmos oder die Struktur des Universums
entwickelt haben.« Die volkstümliche Interpretation des Wortes als Synonym
für »Unordnung« ist jüngeren Datums und stellt eine irregeleitete
Entwicklung dar. Ordnung wie auch Unordnung sind in sich selbst Manifestationen
des uranfänglichen Chaos. Die ursprüngliche Bedeutung hatte mehr mit dem
gemein, was der Mystizismus des Ostens »Tao« nennt. Ich halte dies auf
keinen Fall für einen Zufall.
Aus diesem Grund nennen wir Chaosisten
diesen ursprünglichen Zusammenhang »Chaos«, statt »Gott«
oder irgend einen anderen traditionellen Namen zu verwenden, um jeglichen anthropomorphischen
Gedanken bei etwas zu beseitigen, das so vollständig un-menschlich ist, daß
es sich dem Verständnis gänzlich entzieht - zumindest dem, welches mit
intellektuellen Mitteln erreicht werden soll.
Ein anderer Grund für diese
Bezeichnung besteht im Umstand, daß viele der Konzepte moderner Chaostheorie
metaphysisch interpretierbar sind. Es ist zum Beispiel offensichtlich, daß
viele okkulte Systeme eine ganze Reihe von Faktoren gemeinsam haben. In der Chaostheorie
gibt es etwas, das wir einen »unbekannten Anziehungspunkt« nennen, welcher
eine bestimmte Form jenes Zusammenhangs ist, der in einem turbulenten System entsteht.
Ein gutes Beispiel dafür bietet ein Strudel; er entsteht sowohl in einer Luftströmung
als auch in fließendem Wasser oder in Staubstürmen - in allem, vom Roten
Fleck auf dem Jupiter bis im Ablaufwasser eines Badewannenabflusses. In magischen
Begriffen gesprochen, wäre ein unbekannter Anziehungspunkt zum Beispiel astrale
Projektion oder die entlang der Wirbelsäule ausgerichteten Energiezentren.
Chaosmagier suchen nach solchen Gemeinsamkeiten anscheinend unterschiedlicher Systeme
und verwenden sie als Anhaltspunkte für zugrundeliegende Faktoren, die ihres
unbedeutenden Symbolismus beraubt direkte Verwendung finden können. Dies geschieht
in der Absicht, die praktischen Techniken zu enthüllen, welche sich hinter
der äußeren Fassade befinden.
In kulturellen Begriffen gesprochen
kann Chaosmagie als die Vorhut der Zeremonialmagie beschrieben werden. Im Gegensatz
zu ihren Vorgängern bringt sie mehr Spontaneität mit sich und vermeidet
eine strenge Rahmenstruktur aus Ritualen und Prozeduren. Ebenso erforscht sie die
Techniken des Schamanismus und der Hexerei - Dinge, angesichts derer die meisten
magischen Traditionen dazu neigen, sie hochnäsig als »unter ihrer Würde«
zu betrachten. Chaosmagie wird von vielen modernen kulturellen Trends beeinflußt,
hierzu gehören zum Beispiel Cyberpunk, Postmodernismus
und Dekonstruktionismus. Sie versucht, viele der aktuellen Theorien aus
Wissenschaft und Philosophie wie zum Beispiel die Quantenphysik, die Synchronizitätstheorie
und - natürlich - die Chaostheorie einzubeziehen. Es gibt sogar Einflüsse
aus der Geschichte des Okkultismus, wie beispielsweise durch Aleister Crowley, Austin
Osman Spare, den Taoismus, den tibetischen Buddhismus, viele Formen des traditionellen
Schamanismus und sogar durch bestimmte Autoren des Science-fiction und der Fantasy-Literatur.
Oder, um einen dieser Autoren
- nämlich Peter Carroll - zu zitieren: »Wenn Sie eine Kurzdefinition
haben möchten, der die meisten Chaosisten zuzustimmen geneigt wären, würde
ich die folgende anbieten: Chaosisten akzeptieren üblicherweise den Meta-Glauben,
daß der Glaube selbst nur ein Werkzeug zum Erreichen von Wirkungen darstellt;
er ist kein Selbstzweck.«
Der Meta-Glaube ist ein wichtiges
Konzept in der Chaosmagie. Dahinter steht der Gedanke, daß es sich beim Glauben
um nicht mehr als einen psychologischen Geisteszustand handelt, obwohl er durchaus
die Kraft hat, unsere eigene und manchmal auch die Realität anderer Menschen
zu formen. Er ist das Mittel, nicht der Zweck; das Fahrzeug, aber nicht das Ziel.
In »The Theatre of Magick«
schrieb Ray Sherwin: »Der Chaosmagier glaubt nicht im Sinne von Vertrauen.
Er oder sie führt praktische Experimente durch, um zu ermitteln, ob den Postulaten,
die er oder sie entweder selbst entwickelt oder von jemand anderem ausgeliehen hat,
irgendein Wert innewohnt. Es ist eine Tatsache, daß wir uns um der Übereinstimmung
willen alle gewisse organische Glaubensformen aneignen müssen. Sie alle glauben
daran - zumindest die meiste Zeit über - daß der Stuhl, auf dem Sie gerade
sitzen, real ist. Dies ist nicht unbedingt ein geistiger Vorgang, sondern eher ein
instinktiver oder organischer, ohne welchen das Leben unmöglich wäre.«
Diese Glaubensebene trifft nicht das, womit sich der Meta-Glaube beschäftigt,
sondern hat eher mit der Ebene des Vertrauens zu tun.
Die Ausübung des Meta-Glaubens
verleiht eine furchtbare Freiheit sowie eine ebenso furchtbare Verantwortung. Chaosmagisches
Arbeiten umfaßt die vorübergehende Annahme eines zwanghaften Glaubenssystems,
dessen magische Möglichkeiten es erlauben, einen bestimmten Effekt zu erreichen;
dem folgt dann zur Vervollständigung der Arbeit die Aufgabe dieses Glaubens.
Aufeinanderfolgende oder sogar einander widersprechende Glaubenssysteme werden je
nach Wunsch oder Notwendigkeit angenommen. Um dies tun zu können ist es von
übergeordneter Wichtigkeit, daß kein einzelner Glaubenskreis jemals als
letztendlich wahr akzeptiert wird.
Diese Verweigerung jeglichen Absolutismus
erklärt den unheilvoll bösen Ruf der Chaosmagie im modernen Okkultismus
mehr als alle anderen Faktoren. In fast jedem früheren Fall eines Wiederauflebens
okkulter Philosophie wurden deren »hohe moralische Maßstäbe«
fanatisch ausgerufen - und zwar unabhängig von ihrem öffentlichen Ansehen.
Gerald Gardner formulierte im Zuge seiner »Wiederbelebung« der Hexenkunst
nahezu zweihundert moralische »Gesetze«, um die Aktivitäten seiner
Anhänger zu lenken, welche bis auf den heutigen Tag mit dem Ziel, die Welt
von ihrem Wohlwollen zu überzeugen, eine ewige Schlacht schlagen. Sogar Aleister
Crowley und seine Nachfolger haben stapelweise Prosa fabriziert, um den Thelema-Grundsatz
»Tue, was du willst soll sein das ganze Gesetz« als »höheres«
moralisches Gesetz zu etablieren. Ob dies zutrifft oder nicht steht hier nicht zur
Debatte. Chaosmagie umgeht diese Streitfrage gänzlich; es gibt kein Dogma,
welches einem »gute« oder »gesunde« moralische Maßstäbe
indoktriniert, bevor man mehr über die Einzelheiten der Arbeitsweise erfährt.
Wer Chaosmagie praktiziert, muß selbst entscheiden, was letztendlich für
ihn »gut« oder »böse« ist.
Als Ergebnis dessen hat Chaosmagie
keinerlei Begrenzungen. Dies ist kein neues System oder ein Aufguß älterer
Systeme oder irgend eines anderen, bereits existierenden Modells - es ist eine Einstellung,
ein anderer Weg, die Kunst der Magie zu betrachten. Es ist auch nicht »neu«,
da jeder frühere Adept, der jemals seinen eigenen ketzerischen Pfad verfolgt
hat, tatsächlich dem Ruf des Chaos antwortete. Doch sowie aus irgend einem
Pfad ein System erwächst, sowie heilige Bücher geschrieben und Rituale,
Sitten und Moralformen für »die Anhänger« verordnet werden,
hat es aufgehört, Chaosmagie zu sein. Sie bleibt dies nur, wenn wir stets auf
diesem schmalen Grad weitergehen, auf welchem wir dem Fluß des Chaos begegnen.
Es ist allerdings nicht dasselbe
wie schlicht und einfach nach allem zu greifen, was geschieht und unsere Phantasie
beeindruckt. Auch die Vermischung und Verschmelzung von Teilen und Versatzstücken
mehrerer verschiedener alter Rituale und Glaubensstrukturen zu einem »System«
- auch wenn es ein persönliches ist - repräsentiert ebenfalls nicht die
Chaosmagie. Eingeschlossener Glaube bleibt eingeschlossen. Es ist weitaus wichtiger,
frei zu bleiben, um die Grenzen zu erweitern, als »korrekt« oder gar
beständig zu sein. Chaosmagie stellt nicht nur einfach einen neuformulierten
Mischmasch alter magischer Traditionen und im Trend liegender neuer Etikette dar.
So, wie Chaosmagie heute allgemein
definiert wird, leitet sie sich von den Arbeiten Austin Osman Spares und Peter J.
Carrolls her. Beide wiesen den größten Teil der traditionellen magischen
Praxis als unnötig kompliziert, kulturell selbstgerecht und im allgemeinen
unwirksam zurück; auch sahen sie die in diesen Kreisen geläufige Furcht
vor den machtvollen, aber gefährlichen Techniken der Hexerei und des Schamanismus
als hinderlich an. Ebenso waren beide der Ansicht, die traditionellen okkulten Lehren
beschäftigten sich weitaus mehr mit der Vermittlung eines moralischen Systems
als mit allem anderen, was aus diesen Systemen in der Tat Religionen mache. Spare
zog als erster eine Verbindung zwischen Magie und dem zu seiner Zeit relativ neuen
Bereich der Psychologie, womit er die okkulte Praxis von der Notwendigkeit einer
religiösen Weltsicht befreite. Carroll gründete zusammen mit Sherwin die
Illuminaten von Thanateros (IOT) und versuchte auch, die Konzepte der Chaostheorie
und der Quantenmechanik in die Bereiche des Okkulten und Paranormalen mit einzubeziehen.
Dementsprechend ist die Chaosmagie
vielleicht die erste Form der Zeremonialmagie, welche sich dem Gegenstand ihres
Interesses nicht in der Art einer antiken Kunst nähert. Statt dessen wird Magie
als etwas begriffen, mit dem man experimentieren und innerhalb dessen man Verbesserungen
vornehmen kann. Praktischerweise geben alle anderen Systeme - sie werden ja schließlich
nicht umsonst »Traditionen« genannt - vor, daß »die alten
Meister« alle Geheimnisse der Magie bereits vor langer Zeit entdeckt hätten
und wir armen modernen Menschen nur darauf hoffen könnten, wenigstens einen
kleinen Schimmer der vergangenen Herrlichkeit zurückzuerobern. Diese antiquierte
Einstellung hat die Entwicklung der magischen Künste seit dem Untergang Roms
gelähmt.
Chaosmagie unterscheidet sich
von den »Systemen« der Vergangenheit weiterhin durch ihren spezifischen
Zugang. Sie sieht Ritualmagie eher als Psychodrama denn als echte Verehrung an und
ähnelt als solche eher der Stanislavsky-Methode in der Schauspielkunst. Das
primäre Ziel eines chaosmagischen Rituals besteht darin, einen mentalen Zustand
zu schaffen, den wir als »Gnosis« bezeichnen. Der Begriff wird in diesem
Fall ähnlich seiner Verwendung durch die Tantristen gebraucht, wo der umherschweifende
Geist zum Kurzschluß gebracht wird, so daß die Absicht des Magiers in
den Quantenfluß des Universums eingeprägt werden kann. Wie ein nach der
Stanislavsky-Methode arbeitender Schauspieler trachtet der Chaosmagier danach, die
Alltagswirklichkeit zu überlisten und jeglichen Zweifel aus seiner momentanen
Realität auszuschließen. Um dies zu erreichen, bedient er/sie sich der
Werkzeuge eines Schauspielers: Bühnenbild, Kostüme, Requisiten, Worte,
Klänge und besonders dessen, was Stanislavsky die emotionale Erinnerung nennt.
Jedes kraftvolle und verwandelnde Erlebnis kann genutzt werden, um diese emotionale
Erinnerung anzuzapfen - das schließt Sex ebenso wie Schmerz, Verwirrung, Begeisterung,
Abscheu und Ekstase ein, vor allem in einander widersprechenden Kombinationen.
Chaosmagier verwenden Sigille
(magische Absichten, die in Form symbolischer Zeichen oder als Mantras wiedergegeben
werden), rituelle Techniken jeden Ursprungs (vor allem ethnisch-ursprüngliche)
und Artefakte jeder gewählten Kultur zur Formung eines magischen Raums, welcher
eine vorübergehend autonome Zone darstellt, in der der Zustand der Gnosis erreicht
werden kann. Gnosis ist die Tür zur wirkungsvollen Magie; im Augenblick der
Zeitlosigkeit, im Zustand der magischen Trance bildet der Geist eine direkte Schnittstelle
zur nichtkausalen Verbundenheit aller Dinge im Universum. Starke emotionale Reaktionen
sind der am leichtesten zugängliche Schlüssel zur Gnosis; psycho-dramatische
Rituale, die die emotionale Erinnerung zur Hervorbringung der gewünschten Reaktion
verwenden, stellen die Hand dar, welche den Schlüssel hält.
Da ein Ritual traditionell eine
Landkarte des Bewußtseins darstellt, kann es auch als Karte des neuen Pfades
dienen, den man in seiner eigenen Psyche geschaffen hat. Festgelegte und beschriebene
Rituale sind zusammen mit solchen Machwerken wie »Schattenbüchern«,
»heiligen Büchern«, »Veröffentlichungen im Soundso-Magazin«
und so weiter genau dafür geschaffen, den Magie Praktizierenden vor dem Chaos
zu schützen. Kurz gesagt - es gibt immer Raum für neue chaosmagische Methoden,
aber niemals für chaosmagische Systeme.
Philosophisch gesehen enthält
die Chaosmagie Ähnlichkeiten mit dem Taoismus, die taoistische völlige
Stille allerdings ausgenommen. Der Erfolg dieser Magieform hängt von der gänzlichen
Selbstvernichtung ab und hat auf diese Weise viel mit der buddhistischen Nagarjuna-
und der Madhyamaka-Schule sowie vielleicht in noch höherem Maße mit der
Nyingmapa-Schule des tibetischen Buddhismus gemeinsam; eine Untersuchung der Chod-Rituale
des tibetischen Buddhismus wird der Formulierung effektiver Chaosriten wertvolle
Anhaltspunkte bieten. Die Auswirkungen eines Zen-Koans auf den schweifenden Geist
vermitteln eine schwache Ahnung dessen, wonach ein Chaosmagier sucht.
Die Ausübung der Chaosmagie
kann destabilisierende Wirkung haben, da sie zur Zerstörung des Glaubens geschaffen
wurde. Ebenso wie die Anwendung psychedelischer Drogen ist sie in der Lage, die
persönliche Realität drastisch zu verändern. Aus diesem Grund ist
Chaosmagie nichts für empfindliche Menschen oder für jene, die sich vor
dem fürchten, was in den Tiefen ihres Selbst lauert.
Dualistische Konzepte wie jenes
der »weißen« und »schwarzen« Magie sind auf Chaosmagie
nicht anwendbar - nicht einmal im Sinne guten oder bösen Handelns. Magie ist
- ähnlich dem Elektromagnetismus - eine Kraft ohne innewohnende moralische
Eigenschaften. Als Ergebnis dessen neigen Chaosmagier dazu, zum Extrem zu drängen
und eher mittels der Bewegung von Pol zu Pol denn durch das Bestreben nach Mäßigkeit
ein Gleichgewicht herzustellen. Peter Carroll schrieb in »Liber Null«:
»Das Endresultat beider Wege ist wahrscheinlich nicht unähnlich, da sie
sich auf eine Weise begegnen, die unmöglich zu beschreiben ist. Der sogenannte
'Weg der Mitte' oder auch Pfad des Wissens besteht im reinen Erwerb von Ideen aus
zweiter Hand, ist eine Entschuldigung dafür, nichts von beidem zu tun und führt
nirgendwo hin.« Die moralisch neutrale Chaosmagie ist wahrscheinlich nicht
für jene Menschen geeignet, die sich noch keinen gut entwickelten Kodex persönlicher
Ethik geschaffen haben. In der Tat würden sich die meisten - wenn auch nicht
alle - Chaosmagier dann, wenn man ihnen die Pistole auf die Brust setzt, als »Schwarzmagier«
bezeichnen, jedoch nicht auf eine Weise, wie dies von jenen definiert wird, die
die dunkle Seite des Daseins als ausschließlich »böse« betrachten.
Die Magie eines Chaosmagiers ist deswegen »schwarz«, weil sie sich mit
dem Dunklen und Verborgenen beschäftigt.
In den letzten Jahren hat sich
die Magie in hohem Maße mit politischen Vorlieben verbunden. Die meisten Menschen
verlangen eine Art Rahmen, in welchen sie ihre Meinungen und Vorlieben stellen können.
Dies macht eine Mischung von Magie und Politik in einem solchen ganzheitlichen System
sehr viel attraktiver, als es Politik alleine wäre. Die aufstrebenden magischen
Systeme unserer Tage - wie zum Beispiel Thelema und das Neuheidentum - sind genau
deswegen so beliebt, weil sie einen soziopolitischen Glauben mit der Anerkennung
einer magischen Wirklichkeit verbinden; es verleiht ihren politischen Inhalten einen
»höheren Zweck«. Auch Politik hat selbstverständlich rein
gar nichts mit Chaosmagie zu tun. Politik ist die Kunst, andere Menschen dazu zu
bringen, sich an einen bestimmten Satz von kulturellen Werten anzupassen (oder zumindest
deren Vorherrschaft anzuerkennen). Chaosmagie entlarvt die Torheit von politischen
Inhalten, indem sie uns zeigt, daß all unsere Anstrengungen, Ordnung in diese
Dimension zu bringen, von außerordentlicher Tollkühnheit sind. Jeder
Versuch, zu organisieren bedeutet das Bestreben nach einer Zunahme der Bestimmtheit
des Daseins. Dies steht im Gegensatz zur Ethik der Chaosmagie. Lebenskraft ist spontan,
ebenso wie die Evolution selbst. Keine politische oder soziale Bewegung ist jemals
dem von ihrem Begründer dargelegten Kurs gefolgt; die Systeme haben sich entweder
beinahe bis zu Unkenntlichkeit verändert oder sind verschwunden - Entwicklung
oder Untergang.
Eine überpolitisierte soziale
Gruppe ist jedoch in jedem Fall ausnahmslos gelähmt und unfähig, mit den
schnellen Veränderungen des Bewußtseins, welche innerhalb der Gruppe
auftreten können, fertig zu werden - besonders, wenn sich dieses Bewußtsein
als Antwort auf magisch-spirituelle Betrachtungen entwickelt. Wie können wir
von einem System, welches Magie und Politik miteinander in Verbindung bringt, etwas
anderes als drastische Instabilität erwarten?
Auf ähnliche Weise können
wir feststellen, daß Religion und Chaosmagie grundlegend unvereinbar sind;
das eine begrenzt, während das andere befreit. Das eine erfordert, daß
sich der Intellekt in einem verordneten, lächerlichen Glaubenssystem verbiegt,
das andere übernimmt lächerliche Glaubenssysteme seiner eigenen Wahl und
für seine eigenen Zwecke - und zerstört sie dann. Religion - und die meisten
magischen Systeme sind und waren immer von essentiell religiöser Art - erfordert
einen einzigen Satz an philosophischen Ideen, welcher für alle Menschen, alle
Zeiten und alle Umstände gilt. Chaosmagie verlangt flexible persönliche
Glaubensgrundsätze oder in anderen Worten: Meta-Glauben. Religion erfordert
bestimmte Gedanken und Handlungsweisen, um als gut oder böse klassifizierbar
zu sein; Chaosmagie versucht, jeden Aspekt des Daseins zu verstehen und einzuschließen.
Aus diesem Grund beschäftigt
sich die Chaosmagie nicht mit derart amorphen mystischen Zielen wie der Suche nach
dem Wahren Willen oder der Überquerung des letzten Abgrunds - zumindest nicht
direkt. Wenn Sie die Göttin verehren oder mit Ihrem Heiligen Schutzengel kommunizieren
wollen, schauen Sie sich besser woanders um; das moderne Neuheidentum bietet ein
riesiges Buffet verschiedenster Verschmelzungen aus Religion und Magie - von Wicca
bis Thelema, von der Weißen Bruderschaft des Lichts bis zur Kirche Satans.
Das Ziel der Chaosmagie besteht in der Entwicklung praktischer magischer Techniken,
die reale, dem Willen des Magiers entsprechende Veränderungen schaffen. Dies
wird von äußeren materiellen Wirkungen nicht begrenzt, sondern enthält
(und das ist vielleicht noch viel wichtiger) Tätigkeiten, die dafür erschaffen
wurden, die Psyche des Magiers auf tiefgründige Weise zu verändern - jedoch
auf eine Weise, die vom Magier selbst gewählt wurde oder die zu erforschen
er beschlossen hat und nicht auf von außen verfügte Weise. Die Struktur
der Chaosmagie - wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann - besteht
in der Unstrukturiertheit. Sie ist absolut nichthierarchisch. Chaosmagie stellt
magische Anarchie dar, aber im eigentlichen Sinne dieses Begriffs - sie ist eine
Magie ohne Anführer.
Das Prinzip der Chaosmagie besteht
darin, daß man alles Erwünschte auf jene Weise erleben kann, in der man
dies tun möchte; das ist die chaosistische Auffassung des »Tue, was Du
willst soll sein das ganze Gesetz«. Daher liegt es bei Ihnen, wo, wann und
worauf Sie sich einlassen wollen.
Oder in Kürze: Chaosmagie
ist eben Chaosmagie. Sie ist weder eine neue Religion noch nur ein neues magisches
System. Es ist überhaupt kein System. Bitten Sie andere Menschen nicht, es
für Sie in soziologischen, politischen oder religiösen Begriffen zu definieren.
Obwohl diese Menschen vielleicht in der Lage sein könnten, ein sinnvolles Dogma
zu konstruieren, wird es dennoch nichts mit dem Chaos zu tun haben.
Oder, wie es Louis Armstrong ausdrückte,
als er nach der Natur des Jazz gefragt wurde: »Wenn ich es Ihnen erklären
muß, werden Sie es so oder so nie verstehen!«
In Form des Chaos hat die Leere
keine anderen Merkmale als sich selbst. Dies schafft die Schwierigkeiten bei der
Beschreibung dieses Zustandes, denn es ist kein »es«. Die Chaosmagie
stellt ein nichtdualistisches Tor dar, das selbst jene, die es »geschaffen«
haben, verblüfft, da es von derartiger Multi-Verschiedenheit ist, daß
seine Entwicklung immer in unvorhersagbare Richtungen fortschreitet. Chaosmagie
wird immer unabhängig von einer einzigen Quelle wachsen. Niemand kann sie »lehren«.
Oder um Austin Spare zu zitieren: »Alles, was ein Lehrer jemals tun kann,
ist, dir deine eigene Herrlichkeit zu zeigen.«
Die Chaosmagie stellt eine Erweiterung
jenseits unserer Realität und jenseits der Systeme der Traditionalisten dar.
Wenn man unsicher ist, wie man vorgehen soll und über keinerlei magische Erfahrung
verfügt, kann man sicher sein, in der Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit
traditioneller Pfade eine Mischung von Methoden zu finden, die zur Natur des Suchenden
passen. Doch wenn man seine Fähigkeiten mit diesen geprüften und getesteten
Systemen verfeinert hat, muß der nächste Schritt in der Leere und der
notwendigen Entwicklung einer eigenen Methodologie bestehen - welche das Herz der
Chaosmagie ist. Jegliche Beschreibung der Chaosmagie als einem »System«
unterliegt jener Falle, in die Menschen immer dann stolpern, wenn sie etwas verbegrifflichen
müssen.
Die Chaosmagie verwendet Konzepte
wie den postmodernen Dekonstruktionismus zum Studium des Okkulten und hat hierbei
einige bemerkenswerte Einsichten gewonnen, insbesondere den Gedanken, daß
alle magischen Systeme soziologisch ableitbar und kulturell befangen sind. In ihnen
allen liegt dieser »unbekannte Anziehungspunkt«, den man aus dem Morast
des archaischen Symbolismus gewinnen und der von einem schlauen Magier eingesetzt
werden kann.
Diese neue Weise, die Kunst der
Magie auszuüben, ist soweit als möglich frei von jeglichem moralischen
Dogma und ein Weg, welcher sich ausschließlich an den Notwendigkeiten persönlicher
Entdeckungen orientiert. Da die Praxis der Chaosmagie zum Ziel hat, den begrenzten
dualistischen Zugang zur Magie, welcher die Traditionen bisher gekennzeichnet hat
und uns an die Vergangenheit fesselt, anzupassen und dann zu übertreffen, ist
sie aufgrund ihrer Natur jenseits unseres Verständnisses sowie jenseits unserer
Fähigkeit vorherzusagen, in welche Richtung sie sich entwickeln wird.
Doch die Schnittstelle der Angelegenheit
ist das Chaos, und aufgrund allgemeiner Übereinstimmung nennt sich diese Angelegenheit
»Chaosmagie«.
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