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Aleister Crowley
Der Mann, sein Leben
und sein Werk
GardenStone
©Copyright GardenStone, 1998.
Dieses Artikel war Teil einer Workshop, wo Aleister Crowley das zentrale Thema war.
Um es sofort am Anfang zu sagen,
dieser Text lehrt nicht, wie man Magier wird, es werden keine Abhandlungen magischer
Theorie und Praxis gegeben. Das war auch nicht Absicht. Es gibt viele Aussagen,
Meinungen und Behauptungen über die Person Aleister Crowleys. Leider stützen
diese sich im Allgemeinen nicht auf zutreffende Informationen. Die Absicht dieser
Ausarbeitung ist lediglich, hier ein wenig Licht zu schaffen über die Person
und das Leben Crowleys. Weil man bei so etwas auch die Zeit, die politische und
kulturelle Konstellation berücksichtigen muß, wird auch darüber
ein wenig erzählt. Es soll auch als Anstoß dienen, sich selber weiter
zu informieren, entweder über die Geschichte und die Entwicklung des Okkultismus
in Europa, dazu gibt es am Ende eine feine Literaturempfehlung, oder über die
Magie Crowleys; dazu sollte man sich selber wenigstens die grundlegenden Werke zulegen
und sie gründlich lesen. Da es sehr viel über Crowley zu sagen gibt, ist
hier eine kleine Auswahl gemacht, und die Information in diesem Text ist ganz allein
die persönliche Wahl des Autors.
In 1875 gründete die Russin
Helena Petrovna Blavatsky (HPB) in New York die "Theosophische Gesellschaft".
Theosophie bedeutet "Lehre vom Göttlichen / von Gott", und darum
ging es HPB; sie wollte den Menschen den Zugang zu diesem Göttlichen erschließen.
Der Zeitpunkt dazu war günstig; einige Jahrzehnten zuvor hatte der Spiritismus
sich über die USA und Europa verbreitet und hatte das Interesse an okkulten
Sachen wiedererweckt.
Aber auch der Franzose Eliphas
Levi hatte schon zuvor, als einer der Begründer der Wiederbelebung der Magie,
dazu beigetragen. Im Jahr der Gründung der TG, also 1875, stirbt Levi.
Und das gleiche Jahr 1875 brachte
noch mehr:
Der englische Magier Edward Alexander
Crowley, der später als Aleister Crowley bekannt wird, wurde geboren, der amerikanische
Sexualmagier Randolph macht auf sich und auf seine Werke aufmerksam, indem er einen
spektakulären Freitot wählt, und Rudolf Glauer wird geboren, der später
als Freiherr von Sebottendorf die Thule-Gesellschaft leitet und als Wegbereiter
der NSDAP bekannt wird.
Etwas später wird in England
die SRIA gegründet, (Societas Rosicruciana In Anglia), und in Frankreich entstehen,
durch die okkulten Publikationen von Levi kleinere okkulte Gruppen.
Aber mit der Gründung der
TG geht es weltweit los; eine riesige esoterische Welle geht durch die ganze westliche
Welt. Viele Begriffe, die in Magie und Esoterik heutzutage normal sind, wurden durch
die TG an das große Publikum gegeben. Fragmente aus fernöstlicher Kultur
und Religion hatten ihren Eintritt in den westlichen Okkultismus; Einflüsse,
die bis heute noch bestehen:
Durch HPB waren Begriffe wie Yoga,
Tantra, Karma und Reinkarnation auch in Europa Gemeingut geworden.
Und gerade diese Entwicklung war
vielen Okkultisten ein Dorn im Auge; das erleuchtete Wissen sollte nur denen bekannt
sein, die damit gut umgehen konnten, magische Praxis kann, in Händen von Laien
und unverantwortlichen Menschen großen Schaden anrichten. Deshalb eilte Ende
des 19. Jahrhundert der elitäre Schlachtruf durch die Welt: Okkultes Wissen
muß Geheimwissen sein.
Damit wird der Startschuß
gegeben für einen Wildwuchs von Geheimorden, Geheimbünden, Einweihungstempeln,
Bruderschaften und ähnlichem.
Aus der TG entstanden viele neue
Richtungen der Magie, Mystik und Philosophie; z.B. die Antroposophie von Rudolf
Steiner, die noch immer in den sog. Walldorfschulen wiederzufinden ist.
Nach Blavatskis Tod gab es sehr
viele Interessenten, die den hinterlassenen esoterischen Kuchen verteilen wollten.
Deshalb wollten die neuen elitären Okkultisten damit nichts zu tun haben, denn,
wie gesagt, die Erleuchtung sollte nicht jedem zu Verfügung gestellt werden.
Nach bewährtem Prinzip gründeten sie deshalb 'Neues'. Nicht ihr okkultes
Wissen wurde bekannt, umso mehr aber die verbalen Kriege, die zwischen den verschiedenen
Richtungen entbrannten. Christliche und nicht-christliche esoterische Gruppierungen
entstanden, wenn innerhalb einer Orden die Meinungen auseinander gingen, kam es
zu Trennungen, die in Gründungen neuer Orden mündeten. Rosenkreuzer und
Freimaurer hatten in dieser Zeit großen Zulauf. Vielen Menschen genügte
es nicht, Mitglied bei nur einer Gruppierung zu sein, oft waren die gleichen Personen
in unterschiedlichen Organisationen anzutreffen, ja oft war es sogar eine Empfehlung
für die Aufnahme in einen Orden, wenn man z.B. schon hochgradiger Freimaurer
war.
Unter anderem aus der Kritik an
der Freigabe esoterischen Wissens und unter Einfluß des Eintritts von Frauen
in okkulte Kreise, wurde 1889 in England der später so bekannt gewordene "hermetic
Order of the Golden Dawn" gegründet. Man kann jetzt aber ruhig sagen,
daß auch dieser Orden aus der Theosophische Gesellschaft heraus gewachsen
ist.
Viele der Geheimgesellschaften
hielten ihre Kenntnisse so geheim, daß sie jetzt nichts mehr als nur ein Name
sind, wenn überhaupt noch ein Name existiert. Anders ging es mit dem "Golden
Dawn". Trotz Eid zur Geheimhaltung publizierte einer der (nicht mal so hochgradigen)
Mitglieder, Israel Regardie, 1937 fast das ganze Geheimwissen des Ordens. Diese
Veröffentlichung ist auch jetzt noch eines der grundlegendsten Werke der Magie
im 20. Jahrhundert. Sehr viel Wissen aus den verschiedensten Richtungen der Esoterik
und des Okkultismus wurde von den Golden Dawn Leuten zusammengetragen, und, und
gerade das ist das wichtige, in ein zusammenhängendes magisch-okkultes System
gebracht. Damit war eine, bis dann einzigartige, Lernhierarchie für esoterisches
Wissen geschaffen. So sind z.B. Kenntnisse der Astrologie, des Tarot, der Kabbala,
der Alchemie, der Freimaurerei, der Rosenkreuzer und der christlichen Magie im magischen
System des Golden Dawn wiederzufinden. Mit der Gründung der GD war die Zeit
von hauptsächlich Theorien und gelegentlichen Ritualen vorbei; theoretische
Kenntnissen waren noch immer sehr wichtig, aber praktische Rituale waren jetzt angesagt.
Gerade diese magischen Riten zogen neue Mitglieder an wie ein Magnet das Eisen.
Bekannte Personen meldeten sich als Mitglied an, u.a. der Dichter und Nobelpreisträger
William Butler Yeats und der Autor Arthur Edward Waite, dem wir das Rider-Waite
Tarot verdanken.
In dieser Zeit von lebhaften Gründungen
und wieder Auflösungen von Orden, Tempeln oder Brüderschaften verschiedenster
Art, gründete in 1895 der Österreicher Karl Kellner den Osttemplerorden,
den Ordo Templis Orientis, abgekürzt O.T.O. Wie vielen anderen Orden, arbeitete
dieser O.T.O. auch hauptsächlich im Verborgenen. Dieser Orden unterschied sich
von den vielen anderen Orden dadurch, daß man sich hier theoretisch und praktisch
nicht nur, aber auch mit Sexualmagie beschäftigte. Sexualmagische Praktiken
waren nicht neu, sie waren z. B. schon aus fernöstlichen Lehren und aus der
Antike bekannt. Im Europa aber, wo die Unterdrückung alles Sexuellen für
den größten Teil der Bevölkerung zur Kultur gehörte, was dieser
Aspekt des O.T.O. etwas Neues und Gewagtes.
Bei der Sexualmagie handelt es
sich um magischer Anwendung der Kräfte des Libido, die bei sexueller Erregung
freigesetzt werden. Statt Extasetechniken mit Drogen, körperlicher Überanstrengung
oder Fasten, wird hier die Sexualität benutzt. Die Energie, die auf dem Höhepunkt
eines sexuellen Akts freigesetzt wird, wird in ein visualisiertes Ziel geladen,
damit dieses Ziel sich verwirklichen kann.
Der O.T.O. benutzte hierzu nicht
nur fernöstliche Quellen, wie z. B. das Tantra, sondern auch westlicher Quellen,
wie das Buch Magia Sexualis des Amerikaners Randolph. Dieser Orden wäre wahrscheinlich
genauso wie viele andere auch in Vergessenheit geraten, wenn nicht später Aleister
Crowley ihn übernommen hätte.
Und damit sind wir wieder bei
Aleister Crowley, und es ist jetzt auch der Moment, uns etwas über den Menschen
Crowley zu informieren.
Am 12. Oktober 1875 wird Edward
Alexander (später also Aleister) Crowley in Leamington, Warwickshire, England
geboren. ACs Vater war, außer ein erfolgreicher Bierbrauer, auch Abstinenzler,
und zog als Laienprediger durch das Land. Nach Aussagen ACs, war die Mutter eine
der scheinheiligsten und blindgläubigsten Menschen, denen er je begegnet sei.
ACs spätere anti-christliche Äußerungen werden wohl mit diesen Jugenderfahrungen
mit christlicher Engstirnigkeit Zuhause zusammenhängen, dies soll aber keine
Entschuldigung dafür sein.
AC war wohl genauso eklig wie
viele kleine Jungen; er soll z.B. eine Katze zu Tode gequält haben, bloß
um herauszufinden, ob diese wirklich neun Leben hätte. Und ein selbstgemachtes
Feuerwerk kostete ihn fast sein noch junges Leben. Seine Mutter soll ihm einmal
in einem Wutausbruch als das 'Große Tier' beschimpft haben. (Aus der Johannes-Apokalypse,
wo auch die Zahl dieses Tiers, die 666, entnommen wird.) Vielleicht erklärt
das seine spätere Begeisterung, wenn er anfängt sich selber so zu nennen,
wenn er es auch in der altgriechischen Form tut: "To Mega Therion".
1892 kommt AC auf eine Schule,
wo Homosexualität gängig war; es stellte sich heraus, daß sein Zimmergenosse
sich anderen Jungen als Prostituierter verkaufte. Er ließ sich auf eine andere
Schule versetzen, wo er nach kurzer Zeit Gonorrhöe (Tripper) bekam. Schon zuvor
war er im Alter von sechzehn Jahren Zuhause durch das Dienstmädchen in sexuelle
Vergnügungen eingeweiht worden.
In 1896 hatte er in einem Hotel
in Stockholm eine ekstatische Erfahrung, eine spontane Erfahrung von Einsicht in
die vielen schönen Möglichkeiten des Lebens. Diese Erfahrung brachte ihn
dazu, nach Wegen zu suchen, diese Möglichkeiten zu verwirklichen, und zwei
Jahre später begibt er sich, nach einer Begegnung mit George Cecil Jones, auf
den Pfad zur magischen Erleuchtung, und das wird ihn sein weiteres Leben beschäftigen.
Dieser Jones war ein Mitglied des hermetischen Ordens des Golden Dawn.
Nach seiner Schulzeit, zuerst
am Trinity College, später an der Universität von Cambridge, fing AC an,
Gedichte und kurze Prosa zu schreiben.
Als sein Vater starb, kam AC schon
früh zu Geld, und das ließ er auch reichlich fließen.
In 1898 wurde Crowley Mitglied
im Golden Dawn, und, teilweise weil er einer der Günstlinge des Vorsitzenden,
MacGregor-Mathers und von einem der wichtigen Mitglieder, Allan Bennett, war, stieg
er schnell auf der hierarchischen Leiter des Ordens. Weil aber andere Mitglieder
gar nicht so entzückt von Crowley waren, geriet der Orden in eine Zerreißprobe.
Nachdem AC in 1900 die notwendigen Studien der GD vollendet hatte, verweigerten
die Londoner Führer ihm den dazugehörenden Grad, und deshalb vollführte
das Haupt des Ordens, MacGregor Mathers kurze Zeit später in Paris höchstpersönlich
die Zeremonie, und AC bekam den Grad des Adeptus Minor. Das verursachte großen
Krach; verschiedene Mitglieder verließen den Orden, und es wurden sogar astrale
Angriffe auf Crowley und Mathers ausgeführt, das Ganze eskalierte derartig,
daß sogar die Polizei schließlich eingreifen mußte.
Zwar blieb AC im Golden Dawn,
aber er hatte genug von den Streitereien und fing an, die Welt zu bereisen. Einige
Jahre lang zieht er herum, und besucht Mexiko, Ägypten, Indien, Frankreich
und Ceylon. In Ägypten, das er mit seiner ersten Frau, Rose Kelly, besuchte,
passierte das wohl wichtigste Ereignis in seinem Leben; im März 1904 stellte
die aufgestiegene Wesenheit Aiwass Kontakt mit ihm her, AC betrachtete Aiwass später
als seinen Schutzengel, und in einer drei Tage lang dauernden Sitzung wurde AC ein
Text diktiert. Dieser Text war "The Book Of The Law", Liber Al Vel Legis,
das Buch des Gesetzes. Das Buch ist eine Prophezeiung; die Zeit des Horus wird vorhergesagt,
das gekrönte und alles erobernde Kind, und für die Menschheit soll eine
neue Epoche beginnen. Basisprinzipien dieser Lehre sind:
- "Tu was Du willst sei das
ganze Gesetz" (Do What Thou Wilt Shall Be The Whole Of The Law), zu oft mißverstanden
als eine Legitimierung für exzessives und antisoziales Verhalten, statt zu
erkennen, daß die wirkliche Bedeutung ist, den eigenen 'Wahren Willen' zu
entdecken. Die beiden anderen Hauptprinzipien sind:
- "Liebe ist das Gesetz,
Liebe unter Willen" (Love Is The Law, Love Under Will), und
- "Jeder Mann und jeder Frau
ist ein Stern" (Every Man And Every Woman Is A Star).
Wie das so oft bei Religionen
ist, die Exklusivität beanspruchen, alle andere Religionen sind falsch und
ihre Anhänger müssen ausgerottet werden. Das Buch des Gesetzes ist an
vielen Stellen kryptisch, aber gerade über diese Sache wird klare Wein gegossen.
Auf eine Reise durch China mit
Frau und Kind, versucht er als erfahrener Bergsteiger vergeblich den riesigen Berg
Kangchenjunga zu bezwingen, und besucht, ohne Familie, Kanada und die USA. Zurück
in England vernimmt er, daß seine Tochter in Rangoon an Typhus gestorben ist.
1909 trennt er sich von seiner
Frau, weil sie an Alkoholismus leidet, und heiratet mehrere Jahre später seine
'scarlet woman' Lea Hirsig. Als seine Tochter aus dieser Ehe auch stirbt, ist AC
völlig am Ende, und versucht, möglicherweise aus Anlaß dieses Verlustes,
sich in dieser Zeit von einer Drogensucht zu befreien.
Im Jahre 1906/1907 gründete
Crowley einen eigenen magischen Orden, den A.A., was steht für Argentum Astrum
(Silberner Stern). Manchmal wird auch Astron Argon, Aster Argos und Argentum Astrum
geschrieben; Silberner Stern auf Lateinisch und Griechisch.
Mit diesem Orden versuchte Crowley sein Ideal einer individualistischen Lebensweise
für Eingeweihte zu realisieren.
Viele spätere Orden und Tempel magischer Schulen benutzten das hier von Crowley
entwickelte Gradsystem und sein mystisches und magisches Curriculum. In seinem Buch
"Magie in Theorie und Praxis" stellt Crowley in klarer Sprache die Lehren
des A.A. dar.
Nach einiger Zeit fing er an,
das offizielle Organ des A.A., die umfangreiche, halbjährliche Zeitschrift
"The Equinox" herauszugeben. Den Namen verdankt die Zeitschrift seinem
Erscheinungsdatum: die Frühjahr- und Herbsttagundnachtgleichen. Der größte
Teil der Artikel in diesen Heften wurde von Crowley selber geschrieben.
Nach seiner Scheidung 1909 von
Rose Kelly fühlte AC sich frei für die Welt der Drogen und Frauen, er
stürzte sich wieder auf die Poesie, und wurde wieder sehr aktiv in der Magie.
1912 kam Crowley in Kontakt mit
dem Leiter des Ordo Templis Orientis, O.T.O. (Orden des östlichen Templer).
Zuerst wurde er dabei beschuldigt, Geheimnisse über die Sexualmagie dieses
Ordens in einem seiner Bücher publiziert zu haben, aber als dieses Mißverständnis
gelöst war, wurde er kurze Zeit später das Haupt der englischen Abteilung
der O.T.O.
Während des ersten Weltkrieges
war AC in den USA, und schrieb dort einige Publikationen, die in seinem Vaterland,
England, als pro Deutsch eingeschätzt wurden, und das machte den schlechten
Ruf, den er ohnehin in der Presse schon hatte, noch schlimmer.
In 1920 gründet Crowley auf
Sizilien seine später so bekannte Abtei des Thelema. (Thelema ist griechisch
für 'Wille'). Hier wollte er mit seinen Getreuen nach den Gesetzen des Liber
Al leben, in Liebe und Freiheit. Aber schon nach drei Jahren, als in Italien das
Mussolini- Regime an die Macht kommt, und die Abtei von Behördenseite verboten
wird, kommt diese Initiative zu ihrem Ende, und Crowley wird ausgewiesen.
In der englischen Presse war die
Abtei regelmäßig Thema, und es wurde geschrieben von schlimmen schwarzmagischen
Ritualen. Sachverständige Information bekam die Öffentlichkeit kaum, und
vielleicht gerade deshalb wurden die Geschichten in der Presse immer schlimmer.
Aber AC hatte auch Anhänger,
später nannten sie sich Thelemiten, und diese gibt es heutzutage auch noch.
Sie legen heute aber Wert darauf, keine 'Crowlyaner' genannt zu werden; dieser Name
soll bedeuten, daß Crowleys Anweisungen in den Lehren pünktlich gefolgt
werden, weil diejenigen, die sich Thelemiten nennen, die entsprechenden Lehren weiter
ausbauten, weiter entwickelten.
Seit 1922 war Crowley auch das
Oberhaupt des gesamten internationalen O.T.O. geworden, und war längere Zeit
sehr beschäftigt, die Geheimnisse der Magie immer weiter und tiefer zu durchforschen
und damit auch praktische Erfahrungen zu sammeln. Auf Grund dieser theoretischen
und praktischen Studien schrieb Crowley viele Bücher. Über Astrologie,
Tarot, I Ging, Kabbala, Numerologie, Sufismus, Sexualmagie und andere Themen publizierte
er grundlegende Erkenntnissen. Heute wird als sein wichtigstes Werk das aus vier
Teile bestehendes "Buch Vier: Magick" gesehen, das besteht aus: Teil 1;
Mystik, Teil 2; Magie, Teil 3; Magie in Theorie und Praxis und Teil 4; Liber Al
Vel Legis.
Teil Eins führt durch die
verschiedenen Stufen der Meditation, welche die Basis von Crowleys Auffassung der
Magie bildet. Crowley stützt sich dabei auf den Weg des achtfachen Yoga. Damit
gehört er zu einem der ersten Europäer, der eine Integration des östlichen
Yoga mit der westlichen Magie auch auf praktischer Ebene darbietet. In Teil Zwei
führt Crowley seine Leser durch die Symbole der Zeremonialmagie; Tempel, Kreis,
Altar, Stab, Kelch, Schwert und noch viele andere Attribute der zeremoniellen magischen
Praxis werden ausführlich in ihrer Anfertigung, ihrem Zweck und ihrer Bedeutung
vorgeführt. In Teil Drei erläutert Crowley seine Sicht auf die Magie,
und gibt, außer der Theorie, auch viele praktische Anleitungen; Prinzipien
des Rituals, Formeln für die Elementarwaffen, Tetragrammaton, Albim, IOA, Abrahadabra,
usw. werden erläutert, die Wichtigkeit des Schweigens, der Gesten, der Geheimhaltung,
des Eids und noch viele andere Aspekte der Magie werden von ihm beschrieben.
Der Mensch Crowley genoß
einerseits die Publizität, und hatte sein Verhalten auch daran angepaßt,
damit er auch ständig in die Zeitungen kam, er hatte die Reputation, teuflisch
zu sein, und als der verdorbenste Mensch auf Erden zu gelten, aber hatte dann zu
spät bemerkt, das er dieses Image nicht kontrollieren konnte, es nicht ablegen
konnte, als es unbequem wurde.
Er stirbt in Dezember 1947 im
englischen Brighton, und als auf seiner Beerdigung vier Tage später, gemäß
seinem Wunsch, Texte von ihm gelesen wurden, zeigte sich die englische Presse noch
ein letztes Mal schwer erschüttert.
Gerald Yorke, jemand, der Crowley
viele Jahre aus der Nähe beobachtet hat und seine Werke sammelte, schrieb über
ihn: "Was Crowley auch war, ein Scharlatan war er nicht. Er glaubte, er arbeitete,
er litt und er hatte wirklich Macht. Es gelang ihm nicht, die Religion des Thelema
innerhalb seines Lebens weltweit zu verbreiten, wer aber die 'Natur', die Eigenschaften
dieser Religion kennt, wird das nicht verwundern. Die christliche Welt damals sah
AC als einen Repräsentanten des Teufels, und Unwissenden denken heute noch
immer so. Crowley hat sich gelegentlich, auch um sein Image aufrecht zu halten,
anti-christlich geäußert, aber im Grunde war er nicht so. Die herrschende
christliche Religion hat ihn nicht interessiert, er hatte seine eigene Religion,
und so wie der Hinduismus oder die Asatru komplett andere Religionen sind, so war
auch die Religion des Thelema eine komplett eigene Religion.
Seit Eliphas Levi war Crowley
derjenige, der im Bereich der Magie sehr viel entwickelt hat, viele neue Denkanstöße
vermittelte, sehr mutig und stark der nach seiner Meinung blind gewordenen Menschheit
neue Wege zeigen wollte, und zweifellos als der größte Magier des 20.
Jahrhundert gesehen werden kann. Seine komplizierte Persönlichkeit, in bestimmten
Bereichen der Magie schweigsam, anderswo sehr sprachgewandt und publizitätsgeil,
mal ätzend, mal freundlich und liebevoll, bereit vieles zu opfern, machte,
das seine bahnbrechende Arbeit im Bereich der Magie Zeit seines Lebens nur in kleinem
Kreis anerkannt wurde. Heutzutage gehören viele Werke Crowleys zur Standardliteratur
für diejenigen, die in die westliche Zeremonialmagie einsteigen wollen, viele
neue Richtungen der Magie stützen sich ebenfalls auf Werke Crowleys.
Viele Neueinsteiger suchen leider
den kurzen Weg zur Praxis der Magie, eine Fastfood-Magie. Crowleys Werke werden,
wenn überhaupt, dann zu oft nur teilweise, fragmentarisch oder in Zusammenfassung
gelesen. Das führt unvermeidlich zu Mißverständnissen, Unverständnis,
falschen Interpretationen, Anti-Crowley-Äußerungen und Scharlatanerie.
Crowley sah die Menschheit selber als seine Zielgruppe für Liber Al Vel Legis,
heutzutage gibt es Gruppen von Thelemiten, auch im deutschsprachigen Bereich, die
'das unwissende Volk' als blindes Vieh sehen, das man nach Belieben ausnutzen darf.
Das ist aber nicht der Weg, den Crowley zeigte, sondern das ist Dekadenz in Extremis,
der ultimative Holzweg. Aber verwunderlich ist es nicht, daß es auch solche
Nachfolger von Crowley gibt, denn die Essenz der Lehre Crowleys ist wirklich nicht
einfach zu verstehen.
Quellen und Empfehlungen:
- Ralph Tegtmeier, "Magie und
Sternenzauber; Okkultismus im Abendland", Dumont, 1995, ISBN: 3-7701-2666-1
Für alle, die sich über
die Geschichte des Okkultismus in Europa informieren möchten, ist dieses Buch
einfach das Beste auf diesem Gebiet. Dabei liest es sich doch wie ein Roman. Auch
wer nicht in die Magie einsteigen will, sondern sich einfach gut informieren möchte
über wichtige Strömungen und Personen und deren Einfluß, der sollte
dieses Buch unbedingt lesen.
- Israel Regardie, "Das magische
System des Golden Dawn", Bauer Verlag 1996, ISBN: 3-7626-0504-1. Drei Bände.
Das Buch enthält die Grundlagen
der Magie im 20. Jahrhundert. Für Einsteiger in die Magie einer der besten
Starts. Da Übersetzungen nicht immer haargenau sind durch persönliche
Auffassungen und Interpretationen des Übersetzers, ist es empfehlenswert auch
ein Exemplar in der Originalsprache, Englisch, zu besitzen, damit man bei Zweifeln
selber übersetzen und interpretieren kann.
Aleister Crowley, Magick: "Buch
Vier", Edition Annanael 1996, Teil 1: Mystik, Teil 2: Magie, ISBN: 3-901134-09-3.
Teil 3: Magie in Theorie und Praxis,
ISBN: 3-901134-10-7.
Diese Bücher sind der Kern
der Magie nach Aleister Crowley. Nur wer sie vollständig liest, studiert, darüber
nachdenkt und meditiert, mit anderen Interessenten darüber diskutiert und Praxistips
auch tatsächlich befolgt, hat eine gute Chance, den Inhalt auch wirklich zu
verstehen.
Aleister Crowley, "Das Buch
des Gesetzes". Liber Al Vel Legis, Sphinx 1993, ISBN: 3-85914-140-6.
Dieses Buch enthält den englischen
Text und die deutsche Übersetzung nebeneinander, und als Anhang gibt es auch
noch den handgeschriebenen Text von Crowley.
- Kenneth Grant, "Remembering
Aleister Crowley", Skoob books publishing, London 1991, ISBN: 1-871438-22-5.
Dieses, und der nächste Titel sind nützliche Nachschlagewerke für
diejenigen, die sich weiter über die Person Aleister Crowleys informieren möchten.
- Sandy Robertson, "The Aleister
Corwley Scrapbook", Foulsham and company Ltd. 1988, ISBN: 0-572-01456-2.
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