Die Disen

 

Von Susan Granquist, aus dem Amerikanischen von Vicky Gabriel

Dieses Artikel erschien zuerst in die Zeitschrift Hag & Hexe und wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion zur Veröffentlichung auf Boudicca's Bard verfügbar gestellt.


Alte Steinhaufen tragen ihre Namen und verweisen uns auf die Plätze an denen sie bereits in prähistorischer Zeit verehrt wurden. In ihrem Namen wurden Festlichkeiten wie das ”Dísablot" oder ”Dísthing" abgehalten; ebenso rief man sie um Schutz, Wohlstand und eine leichte Geburt an.

Unseren modernen Zeiten erscheinen sie allerdings mysteriös. Manchmal werden sie mit den ”Toten Frauen" der Sagen in Verbindung gebracht, an anderen Stellen wird eine Beziehung zu den ”Fylgjur" oder den Walküren vermutet und schließlich und endlich verwendeten einige Dichter den Begriff ”Disen" äquivalent zu dem der Nornen, der Schicksalsgöttinnen, die einen jeden Menschen von der Geburt bis zum Tod begleiten. In diesem Zusammenhang ähneln sie den altenglischen Isen oder der germanischen Itis; oft werden sie auch mit den im keltischen wie auch germanischen Raum weit verbreiteten Matronae oder Matres verglichen. Das Dísablot wurde ebenso wie das altenglische Modranet im Winter gefeiert die Nacht der Mütter.

Das Wort ”Dís" bedeutet in seiner ursprünglichsten Form ”Göttin" und ist auf die Sprachwurzel zurückzuführen, aus welcher alle frühen indoeuropäischen Sprachgruppen den Begriff der Göttlichkeit ableiten. Der Name Dís kann sowohl Göttinen als auch sterbliche Frauen von hohem Rang und Ehren bezeichnen. In diesem Zusammenhang wären auch Hulda, Percht, Frau Frie, Frau Gode und einige weitere Gestalten zu nennen, die ebenso wie die Disen im ”Helgakviða Hjörvarðssonar" (Das Lied von Helgi Hjörvarðsson) den Feldern Fruchtbarkeit bringen und die allgemein mit Geburt und Tod in Verbindung stehen. Hilda R. Ellis Davidson, die wie auch andere Gelehrte die Disen eindeutig als leitende und lenkende Gott- oder Wesenheiten sieht, gibt dieser Zweideutigkeit in ihrem frühen Werk ”The Road to Hel" eine neue Perspektive: ”Das vorliegende Material legt gewiß den Schluß nahe, daß die Walküren-Wächterinnen, die Hamingjur-Familienwächterinnen und die Disen-Wächterinnen ein und dem selben Konzept entspringen. In der Geschichte von Thidhrandi finden wir denselben Dualismus die dunkle und die helle Frau im Kampf um den Helden...". In ihrem Buch ”Myths and Symbols of Pagan Europe" führt Davidson ihre Ansichten über die Rolle dieser übernatürlichen Wesenheiten weiter aus: ”Sie wurden mit Bäumen, Felsen und Seen in Verbindung gebracht; und Frauen, die Kinder wollten, wandten sich an sie um Hilfe. Man sagte von ihnen, daß sie Kinder pflegen und erziehen, so wie es auch die Wesenheiten des Landes manchmal taten, und ebenso wie die englischen Feen ermutigten sie die jungen Mädchen, gute Hausfrauen zu werden. Bezeichnend für sie ist der duale Aspekt, der sie sowohl in schreckeneinjagenden als auch in anziehender Form erscheinen läßt. Manchmal wählten sie wahrhaft monströse Gestalt... Die Feste dieser weiblichen Wesenheiten fanden im Winter statt. Am Vorabend des Weihnachtsfestes oder des Epiphaniastages stellte man, wie auch für die Elfen, Lebensmittel für sie vor das Heim. Wie die Mütter wurden sie mit der Tätigkeit des Spinnens assoziiert, obwohl sie eher das Schicksal zu spinnen scheinen."

Zuzüglich zu diesen Gedankengängen deutet Davidson, das Vafthrudhnismal anführend an, daß die Disen Ragnarök überleben und die folgende Erneuerung einleiten. In ”Gods and Myths of Northern Europe" arbeitet Davidson die Verbindungen zu dem mittelalterlichen deutschen Gedicht ”Rabenschlacht" heraus, welches erzählt, wie Widia von seiner riesigen Ahnin Wachilt Rettung erfährt. Als er um sein Leben flieht, erscheint Wachilt aus der See und bringt ihn mit seinem Pferd auf dem Meeresboden in Sicherheit. Ein Pferdeharnisch aus Solberg (Schweden) zeigt einen Mann mit Leine und Angelhaken in einem Boot, das von einer Gestalt gehalten wird, welche die meisten Gelehrten als eine Form der göttlichen Hilfsgefährtin (wie zum Beispiel die Walküren) anhand des Hairdo, der Bernsteinhalskette, des Umhangs und der Robe identifizieren, da all diese Attribute auch bei der Walküre vom Alskog-Stein gefunden wurden. Dieser Stein datiert auf das neunte Jahrhundert zeigt eine Walküre, die mit einem Horn in der Hand eine Seele in Walhall willkommen heißt. Aidan Meehan beschreibt diese Figur in seinem Buch: ”Celtic Design, The Dragon and the Griffin: The Viking Impact" als ”dargestellt mit dem geleerten Kelch des Lebens, den sie aufs Neue füllen wird, in der erhobenen Hand."

Die Überschneidung der verschiedenen Rollen wird deshalb etwas verwirrend, weil dieselben Wesen, die den Helden oder die Familie beschützen, sie auch beim Tod empfangen und in die Anderswelt geleiten. In ”Myths and Symbols of Pagan Europe" konstatiert Davidson: ”In gewissem Grad werden sie mit den Schwanenfrauen in Verbindung gebracht; auch stellen sie ein Bindeglied zu den Frauen der Schamanen des nördlichen Eurasien dar. Diese Frauen unterstützen und beschützen ihren Ehemann, indem sie mit der Hilfe freundlich gesonnener Geister kämpfen und diesen dann bei ihrer Reise in die Anderswelt behilflich sind. Ein anderes Bindeglied stellen sie zu den Schildfrauen der nordischen Quellen dar, die Waffen tragen und mit diesen wie Männer kämpfen; eine weitere Verbindung besteht zu den Seherinnen, die Kindern ihr zukünftiges Schicksal voraussagen und zu den Nornen, übernatürlichen Frauen, die das Schicksal der jungen Helden weben...". Diese Sichtweise wird von Mircea Eliade in: ”Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy" unterstützt. Die Vorstellung einer geistigen oder feenhaften Ehefrau findet sich in vielen Kulturen, doch in den schamanischen erlangt sie besondere Bedeutung. Hier verfügt der Schamane oft über eine geistige oder göttliche Gefährtin, die die Funktion einer lenkenden Gottheit innehat; manchmal handelt es sich auch um einen Familiengeist, der immer in der Familie bleibt und vom Vater auf den Sohn übergeht. Diese Form findet sich in vielen Sagen wie zum Beispiel der ”Hallfredar Saga".

In ”Der Zauber von Groa" nähert sich Svipdag dem Totentor und wendet sich dort an seine verstorbene Mutter, welche von Zaubern und Segen spricht, Warnungen erteilt und ihm bei der Suche nach seiner übernatürlichen Braut Menglöd hilft. Ähnliche Beispiele übernatürlicher Gefährtinnen finden wir in Sigrun aus den ”Helgakviða Hhundingsbana" (Das Lied von Helgi dem Hundingstöter) oder in Svava, die als behelmte Frau mit einer Truppe von ”südlichen Disen" während der Schlacht erschien; an ihrer Seite waren Trollfrauen und andere Geister, die ihren jeweiligen Familien im Kampf magischen Schutz zukommen ließen und die auf alles Lebendige nach Art einer ”Geisterfrau" oder ”Traumfrau" einwirken konnten. Diese mit astralen Reisen oder der Aussendung des Geistes verwandten, metaphysischen Fähigkeiten, lassen erkennen, daß es sich hierbei um nichts für uns heute gänzlich Neues handelt die Gaben, die man im allgemeinen mit dem ”Hamr" der Nornen in Verbindung bringt, dem aussenden des Geistkörpers, gehören auch in diesen Bereich. Ebenso besteht ein Bindeglied zum Seidhr, wie ihn Freya lehrt. Diese Kunst umfaßt veränderte Bewußtseinszustände, Gestaltwandeln und Geistreisen alles Fähigkeiten, die man ebenso bei Schamanen findet, welche entweder mit Hilfe von Gottheiten reisen oder ihre Kraft aus der Verbindung mit diesen Wesenheiten schöpfen.

Das Wissen um den Glauben an Geister, die von älteren Schamanen nach ihrem Tod an jüngere weitergegeben werden ist hilfreich, um die Bedeutung des Erscheinens der Wächter-Wesenheiten vor Thorsteinn zu verstehen. Sie warnen ihn vor einer gegen ihn gerichteten Verschwörung und vergiessen Tränen, als er sich weigert, ihren Rat anzunehmen. Erst als er ihnen auf ihre Frage: ”Wohin sollen wir uns nach deinem Tag wenden, Thorsteinn?" antwortet: ”An meinen Sohn Magnus", verschwinden die Wesenheiten beruhigt. Dieselbe Frage wird Hallfredhr und seinem Sohn gestellt, und signifikanterweise erscheint die Fylgjukona nach Anrufung desselben Namens durch den Sohn mit dem Schwert, das ein Geschenk des Königs ist und zu welchem sie eine Verbindung hat all dies sind Nachweise dafür, daß es sich um dieselbe Wesenheit handelt, die sich auf eine dem nornischen Konzept entsprechende Weise einem bestimmten Menschen verbindet. Hier finden wir also ein gutes Beispiel für die Übergabe eines Geistes an einen Nachfolger. In diesem Fall kann man zwar nicht direkt von einem Ahnengeist sprechen, doch stellt sich hier sehr deutlich dar, wie der Übergang von ”Hamingja" von einem zum anderen mit der Übergabe eines Gegenstandes gekoppelt sein kann, den man in magischer oder schamanistischer Terminologie als Kraftobjekt sehen könnte. Dieser Vorgang wird im Besonderen mit Gestalten in Verbindung gebracht, die man als Varianten des edlen und bedeutenden Führers sehen könnte, da zum Beispiel das Schicksal von Prinzen abhängig von ihrem Schlachtenglück und der Hilfe ihrer Disen war. Diese Hilfe konnte sich jedoch auch dem Feind zuwenden oder gar in einen Fluch verwandeln, wenn die Disen nicht angemessen geehrt oder gar beleidigt wurden. Der Fluch, den Sigrun über ihren Bruder ausspricht, um den Tod ihres Gatten zu rächen, hilft Helgi ganz erheblich, herauszufinden, über welche Fähigkeiten die Disen seiner Familie verfügen seien sie nun sterblich oder unsterblich.

The boat shall budge not which beareth thee,

a fair wind though doth fill its sails;

the steed shall run not thou ridest on,

though fain thy foeman flee thou wouldest!

The sword shall bite not which is bared by thee,

but it sing o'er thyself and smite thee down,

(nor shield shelter but be shattered quickly,)

(though sore needed when set upon).

In diesem Fluch finden wir weitere Bindeglieder zu den Idisen des althochdeutschen ”Ersten Merseburger Zauberspruchs" und zu Seidkonas und Göttinen, die Kampf- und Schlachtenmagie betrieben; doch ebenso läßt sich eine Verbindung zur schamanischen Tradition ziehen, wo Frauen an der Seite ihrer Ehemänner, Söhne und Brüder, Zauber für Jagd und Krieg weben. Das Wohlergehen eines Clans oder Stammes hing nicht nur vom Erfolg der Krieger und Jäger ab, sondern war ebenso auf die Geburt einer möglichst großen Zahl starker Kinder angewiesen. Um das Kind aus der Fessel des mütterlichen Leibes zu befreien, wurden dieselben magischen Worte verwendet, die zur Fesselung des Kriegers in der Schlacht Anwendung fanden. Die Anweisungen, die Disen ihren Helden geben, beinhalten sowohl die besonderen Umstände der Geburt als auch die ”heilenden Hände" als Merkmal von Heldenhaftigkeit bzw. Königtum, doch ebenso bezeichnet die Kenntnis der neun Reiche einen Mann als Helden.

Auch zwei der Fähigkeiten, die man diesen übernatürlichen Frauen zuschreibt Spinnen und Weben werden wie auch mit der Geburt von Kindern, so auch mit dem Schicksal von Helden in Verbindung gebracht. In ”Die große Mutter: Analyse eines Archetypus" erklärt Erich Neuman Spinnen und Weben als weibliche Rollenbilder, die sich einerseits auf materielle Tätigkeiten wie die Herstellung von Bekleidung für die ganze Familie beziehen, die andererseits aber auch in übertragener Bedeutung zu sehen sind. Dann geht es um das Sich-aus-dem-Körper-Herausspinnen und Bekleiden der menschlichen Seele Aufgaben, die eine Beziehung schaffen zu den ”Großen Müttern, Neith, Netet, und Isis; Eileithyai oder Athene; Urth, Holda, Percht, oder Ixchel; und sogar die Hexe aus den Märchen sie alle sind Spinnerinnen des Schicksals." In seinem Buch ”The Well and the Tree" erklärt Paul Bauschatz die Symbolik des Beowulf im Zusammenhang heiliger Festgelage oder Rituale, die dem schon erwähnten Disablot ähneln. Er nimmt an, daß die Braukunst ebenso wie das Spinnen zu den Ernte-, Transformations- und Vereinnahmungstätigkeiten zu zählen ist und führt das Wort ”Symbol" auf die Wortwurzel ”sum" oder ”sam" zurück; stellt also einen Zusammenhang zwischen dem Begriff des Symbolismus und den Tätigkeiten des Sammmelns und Erntens her. Dies umfaßt nicht nur die Ernte des Stammeshäuptlings, das gemeinsame Ausgießen einer Flüssigkeit oder das Bierbrauen; dieser Kontext würde auch die Kunst des Seidhr mit einbeziehen, die semantisch mit dem Wort ”Brauen" in Verbindung steht. Die Attribute Wissen, Erinnerungsfähigkeit und auch Vergessen werden in den Eddas mit Bier oder Met in Verbindung gebracht; hier findet sich ein Brückenschlag zu den Geschichten über Reisen in andere Reiche, wo übernatürliche Frauen aufgesucht werden, die Wissen vergeben oder ”brauen" so zum Beispiel von Gunnlodd oder Hyndla.

Nach Jan de Vries sind die friesischen Begriffe ”warf" und ”werf" von dem Wurzelwort ”hverbandrehen" hergeleitet, welches wie auch ”wyrd" und seine Ableitungen eine Reihe unterschiedlicher Bedeutungen hat, unter anderem ”Gerichtshof", ”Yard" und ”Deich oder Damm", was andeutet, daß diese Worte ursprünglich nicht einen Ort, sondern eine Art von Bewegung oder Aktion benannten. In der Darstellung heidnisch-germanischer ”Gilden" bekannt als ”hvirfingr", ein Kult, in dessen Zentrum das rituelle Festmahl stand wird mit dem Wort ”hvir-drehen" das Kreisen des Methornes in Richtung des Sonnenlaufs bezeichnet. Diese Richtung gewährleistete eine wohltätige Kraft für das Fest, das Gericht oder das Begräbnis und weist auf die Wurzeln dieser religiösen Handlungen hin den Sonnenkult. Die Sonne als Spinnerin des menschlichen Lebens und Schicksals der Welt, in Licht und Dunkelheit, wird als weibliche Kraft gesehen, die Licht aus der Dunkelheit schafft. Dies drückt sich symbolisch im ”Kelch des Lichts" der Inspiration und den Feiern um Jul aus, wo man die Geburt bzw. das Erscheinen der ”Hebamme" und der ”Lichtmutter" erwartete. Dasselbe Thema klingt in der Reise des Nerthus-Wagens an (Symbol für den ewigen Kreis), und ebenso findet es sich in Davidsons Theorie der Riesinnen neben den Wellen anderer Welten, die Macht über Leben und Tod haben.

Diese Riesinnen und Göttinen, diese Ahnenmütter und Wächtergeister sind natürlich in die Rituale der Asatrú eingeschlossen, auch wenn das spezielle Fest nicht ausdrücklich zu ihren Ehren stattfindet. In ihrer Funktion als Mütter der Götter und Menschen können ihre Hilfe, ihr Schutz und Segen immer angerufen werden. Milch und süß zubereitetes Getreide wie zum Beispiel Porridge und der englische Getreidepudding oder Brot mit Butter sind gut als Begleitgaben für eine Disenanrufung oder ein Fest zu ihren Ehren geeignet. Es besteht keine Notwendigkeit, komplizierte Rituale zur Anrufung der Disen zu erarbeiten, um mit ihnen vertraut zu werden. Kleine Nahrungsgaben oder die Reservierung eines Platzes für sie während eines Festes oder Gelages sind uralte Wege, sie zu ehren und ihren Segen zu erhalten.


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