LOST HIGHWAY
oder:
GNOSIS BEIM AUTOFAHREN


Dogstar

©Copyright: Dogstar 1998
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Einleitung

Dieser Artikel richtet sich an Leute, welche dabei sind, erste praktische Übungen oder Vigilien im Bezug auf die Entwicklung ihrer magischen Fähigkeiten regelmäßig durchzuführen.

Möglicherweise wird sich der eifrige Praktikant alsbald an jener Spalte des Abgrundes wiederfinden, an welcher er anfängt, die Ökonomie seiner Vorgehensweise zu überdenken. Diese Überlegungen mögen dadurch ausgelöst werden, daß die großen AHA-Effekte bei der Einübung yogischer Praktiken, Atemübungen, mentaler Chakren-Erweckung, Traum-Erinnerungen, und was man ihm nicht sonst so alles empfohlen hat, bisher ausgeblieben sind, oder daß er bei seinen gelegentlichen Gras-Tee-Nachmittagen mit dem/der besten Freund/in das Potential magischer Qualitäten um einen herum wesentlich greifbarer zur Hand hatte, als nach einem Versuch gedanklicher Stille.
Ausserdem - seien wir ehrlich - kommt man sich Samstag Abend ausgestreckt auf dem Wohnzimmerboden, alle äußeren Einflüsse abgeschirmt, sogar das Telefon wurde neben die Gabel gelegt, doch eher wie auf einem Abstellgleis mystischer Menschheitsentwicklung als auf der magischen
Überholspur vor.

Und gerade angesichts der oft als Wahrheit nahezu mythischer Dimension verkauften Therapie-Angebote des esoterischen Wochenmarktes - inklusive Selbstdiagnose mit garantierter Erfolgsaussicht - , ist es sehr wahrscheinlich, daß die erste erlangte mystische Erkenntnis jene der Absoluten Zeitverschwendung sein wird.
Es ist mir eine Freude, diese Erkenntnis aus eigener Erfahrung bestätigen zu können - ihr seid auf dem richtigen Weg.
Es gibt jedoch keinen Grund, sehenden Auges den Schritt in den Abgrund der Haluzinationen zu tun, und dieser Erkenntnis einen wie auch immer gearteten Grad an Realität oder Wahrheit zuzuschreiben. Ebensowenig sollte man diese Erkenntnis um der Motivation Willen verdrängen oder vergessen, denn dadurch würde man ihr nur über den Weg des Unterbewußtseins direkten Zugriff auf magische Wirk-Ebenen verschaffen und gleichzeitig sich selbst auf sehr geschmeidige Art das, was man gemeinhin als magische Treibmine bezeichnet.

Um sich also nicht in dieser Erkenntnis oder der damit verbundenen Pathologie zu verstricken, bleibt einem eigentlich nur, (dieses ist der bekannte Zwangs-Aspekt magischen Fortschrittes...,) jegliche Zeitverschwendung, derer man habhaft werden kann, voll auszukosten, indem man sie der magischen Nutzung - seinem jeweiligen Grad entsprechend - bewußt zuführt.

Dieses - und nicht etwa Eile, Druck, Lernen durch Wiederholung oder was auch immer Euch Euer Guru in der Hitze des Gefechtes auftischen mag - ist der wahre Grund, warum einem von etwas kompetenteren Autoren oft empfohlen wird, in jedem "freien" Moment (z.B.: in der U-Bahn, in der Warteschlange, auf Cocktail-Parties, bei der Lektüre von Wochenmagazinen) Meditations-Übungen zu praktizieren oder magische Trance-Techniken zu vervollkommnen. Und dieses wiederum, ich deutete es einleitend an, ist genau das, womit sich der Adressat dieses Artikels befassen wollen sollte.



0. Das Fahrzeug

In dieser subtilen Kultivierung jeglicher Zeitverschwendung liegt also der Schlüssel magischen Erfolges, weil sie auf adäquater Ebene jegliches bewußte oder unbewußte Streben nach Ergebnissen und Erfolg als Motivation magischer Tatkraft sublimiert. Oder wie Pete Caroll es so treffend ausdrückte:

"
Man versucht, die empfindlichen Punkte der eigenen Wirklichkeit leichthändiger zu berühren um sie dem verderblichen Zugriff der klammernden Gier und der Langeweile zu entziehen. Dadurch kann man ausreichend Freiheit erlangen um magisch handeln zu können."

Wir erlangen also eine ideale Ausgangsbasis, um nicht nur die Übungen über den Abyss zu führen, sondern die erlangten Fähigkeiten oder den erreichten Zustand sogar ohne implizite Hindernisse ("Treibminen") weiterbringend zu nutzen.
Als Beispiel, was damit gemeint sein könnte, sei einfach nur der Prozess genannt, der letzthin dennoch und doch noch zur Fertigung dieses Artikels führte.

Selten bin ich soviel Zeitverschwendung und Faulheit begegnet, wie bei den gewieftesten und erfahrensten und fantasiereichsten Magiern, die ich kenne!
Ihr (Vor-)Bild vor Augen, habe ich in den vergangenen Jahren tausende von Kilometern auf bundesdeutschen Autobahnen verbracht, um mich mit Ihnen zu treffen (gelegentlich wurden andere Techniken verwendet, doch das wären dann Themen eigener Artikel, zum Beispiel "Track 23 - modern ICE Magick" oder "How to watch your buddy rolling up a hill").

Moderne Kraftfahrzeuge mit bequemen Sitzen und einer gut gedämmten Fahrgastzelle bieten eine förderliche Umgebung für Entspannungsübungen. Jedoch auch alte, höllisch tösende, kaum gefederte Fahrzeuge sind nicht ungeeignet, da nach einiger Zeit auch der Lärm eine trance-induzierende Dämpfung bewirkt, und selbst die bequemsten Sitze binnen kurzem zur Vorhölle werden.
Moderne Autobahnen bieten bei halbwegs günstiger Verkehrssituation förderliche Bedingungen für dauerhafte trance-artige Zustände bei Langstreckenfahrten.



1. Bewegungslosigkeit & Atmung

Die bekannte Übung der Bewegungslosikeit besteht darin, eine Dir bequeme Haltung einzunehmen, und in ihr so lang wie möglich zu verharren und sich nicht zu bewegen, weder Wimper noch Zunge oder sonst etwas, und den Körper dabei passiv zu beobachten.
Ausserdem ist eine bewußt beobachtete, tiefe, langsame Atmung ohne unnötigen physiologischen Aufwand anzustreben.

Der Körper des Autofahrers ist zu nahezu vollständiger Bewegungslosigkeit verdammt. Die Vordersitze moderner Fahrzeuge tragen dieser Tatsache mehr oder weniger elaboriert Rechnung, sie bieten oft eine Vielzahl von Einstell-Möglichkeiten und Sitzpositionen bis hin zu quasi-liegenden Positionen.
Ich empfehle dennoch eine sitzende Haltung, da im weiteren Verlauf noch das Sichtfeld nach Aussen von Bedeutung sein kann - insbesondere gilt dies natürlich, wenn man zufälligerweise der Lenker des Fahrzeuges ist.
In erster Linie jedoch sollte die Sitzposition bequem sein, und den Körper nicht unnötig knicken.

Sollte man der Lenker des Fahrzeugs sein, gilt zusätzlich folgendes: Die Ergonomie moderner Bedienelemente ist auf die einfachst mögliche eindeutige Identifikation und Betätigung der Funktionen des Fahrzeuges hin optimiert. D.h., die körperlichen Funktionen im Zusammenhang mit der Sensorik und der Steuerung sind optimal minimiert.
Dieser Rest an körperlicher Funktion ist allerdings unter allen Umständen aufrecht zu erhalten!

Bevor man also diese Übungen weiter betreibt, empfehle ich dringend eine "normale" nähere Beschäftigung mit der yogischen Todesstellung, in welcher es um totale Entspannung und passive Beobachtung des Körpers in seinen Einzelteilen und in seiner Gesamtheit geht. Mittels dieser "passiven" Technik ist es möglich, eine Rest-Kontrolle über die Finger, Arme und Füße (die Extremitäten) sowie die Augen zu behalten, sodaß ein normaler Fahrbetrieb aufrechterhalten werden kann - auch im Hinblick auf die Vermeidung der Gefahr einzuschlafen.

Es muß jedoch betont werden, dass jedes außergewöhnliche Ereignis, und sei es nur eine Begegnung mehrerer Fahrzeuge auf mehreren Fahrspuren unter den Umständen eines erfolgreichen Fortgangs dieser Übung eine besondere potentielle Gefahr darstellt, da eine jede sensorische oder motorische Tätigkeit, welche über die oben geschilderten Tätigkeiten hinausgeht, nur unter ähnlichen Bedingungen wie denen des Schocks (siehe Thema Reflexe) seine volle Funktionalität entfalten wird - und somit eventuell zu schweren Fahrfehlern führen kann!
Wer dieses Risiko ausschließen will oder auch die möglichen einschränkenden Effekte des Selbst-Fahrens (Rest-Spannung) auf den Erfolg der Übungen ausschließen will, der führe selbige nur als Beifahrer durch.



2. Nicht-Denken

Die Übung besteht darin, das Bewußtsein von allen Gedanken zurückzuziehen. Das Ziel völliger Stille, totalen gedanklichen Schweigens ist meist trotz größten Einsatzes nur kurz zu erreichen. Auch hier sind die im letzten Abschnitt genannten Gefahren für Fahrzeug-Lenker auf's schärfste zu beachten, denn eine jede, der Verkehrs-Situation angemessene Entscheidung jenseits des Reflexes basiert auf minimalsten gedanklichen Analysen.

Und hier haben wir den Punkt erreicht, welcher das Autofahren für Meditations-Übungen so attraktiv macht:
Die trance-induzierenden Effekte des Autofahrens.

a. Optische Effekte (bewegliche Koordinaten, Neu-Fokussierung, Abkopplung von allen Objekten auch nur leicht differierender Geschwindigkeit)

b. Akkustische Effekte (permanentes Rauschen, akkustische Abkopplung von der Umgebung)

Beim Lenker des Fahrzeuges kommt noch der Faktor der permanenten Konzentration hinzu. Während für den Beifahrer die Bewegungsrichtung der einzige Fokus und Ursprung aller Existenz darstellt, mit welcher automatisch interagiert wird, ist der Lenker bereit, bewußt und aktiv mitten im Geschehen beteiligt zu sein - d.h. der Konzentrationsgrad des Fahrers liegt konstant auf einem höheren Level als beim Beifahrer - allerdings mit einer höheren Ablenkungs-Wahrscheinlichkeit.
Diese Konzentration ist der wichtigste Grund, der es überhaupt erwägenswert erscheinen läßt, solche Übungen auch (oder gerade) als Lenker durchzuführen.

Das einzige Objekt dauerhafter Konzentration bietet also die Gesamtsituation, einzelne Gegenstände, einzelne Klänge, einzelne Bilder sind zu meiden - Konzentration hat nur auf die gesamte Situation zu erfolgen! Ein einzelner bewußt fokussierter Gegenstand bedeutet Mitgerissenwerden vom Schwungrad der Gedanken, welche im Vorbeifahren ein Geräusch verursachen, und dann hinter uns verschwinden.
Versuche nur, die Gesamtsituation zu erfassen - erweitere Deinen Blick (Unschärfe-Technik) auf ein Blickfeld von mehr als 180 Grad (bis zu 360 Grad, schummeln durch die Fahrzeugspiegel ist erlaubt, bloß nicht fokussieren) und laß dies einhergehen mit der passiven Beobachtung Deiner Selbst.

Forciere die Abkopplung von Deiner dreidimensionalen Umgebung durch Geisteskraft, nicht durch das Gaspedal!



3. Gnosis

In den letzten Absätzen habe ich die grundlegenden Elemente der Erlangung magischer Trance genannt. Des weiteren lassen sich noch folgende Dämpfungs- bzw. Erregungstechniken einbauen und teilweise auch kombinieren (Vorsicht bei der Kombination von Dämpfungs- mit Erregungselementen):
Schlafentzug, Hunger, Schmerz (z.B.: Rückenschmerzen), Drogen, sexuelle Erregung, Gefühlsbewegungen (Wut, Erschrecken), Musik und Hyperventilation.

Eine typische Autobahn-Trance liesse sich z.B. so beschreiben:
Stundenlange einfache Todeshaltung und gleichzeitiges Starren bei leichter Sinnes-Überflutung abgelöst von dumpfen Wutphasen (Stau) mit zunehmender Erschöpfung und Schmerzen. Das ist Alltag in diesem Land, liebe Leute, nicht etwa eine verrückte oder vermessene Magie oder Idee meinerseits. Ein kollektiver Kanal, der nur angezapft zu werden braucht.
Laßt uns also diese Zeitverschwendung kultivieren, indem wir ihr ein paar würzende Elemente hinzufügen - Hyperventilation, trance-induzierende Musik (das Spektrum reicht von ethnischen Gesängen bis zu Tekkno), vielleicht etwas gutes Gras, oder ein bisschen Fellatio.
Alle diese Techniken werden auch von Meistern der Leeren Hand gelegentlich gerne praktiziert zur Erlangung magischer Trance und in der Folge der Gnosis.

Die "Übung" der Gnosis besteht darin, mittels fortgesetzter Trance Dein Bewußtsein zu verändern, dadurch den eigenen psychischen Zensor zu überlisten und so Deine eigenen magischen Kräfte freizusetzen. Man bedenke, daß es auf diesem Gebiet möglicherweise keine "Übungen" gibt.

Jedes Geschehnis, also auch jede magische Handlung in diesem Zustand wird ihre Effekte wirken - es ist an Dir, zu bewirken, daß es die "richtigen" seien.

Um dem einführenden "Übungs"-Charakter dieses Artikels gerecht zu werden, seien dennoch ein paar Tätigkeiten genannt, welche gewinnbringend auch vom Anfänger betrieben werden können:

- Wetter-Beeinflussung während der Fahrt (non-lokales Ereignis) mit dem Ziel, diese Beeinflussung in einen zuvor bestimmten möglichst "stabilen" End-Zustand (lokal) ausklingen zu lassen (z.B. eine bestimmte Wetter-Situation unterwegs "einsammeln")

- Verkehrs-Beeinflussung bis hin zur Stau-Auflösung (viel Spaß dabei - kein weiteres Kommentar)

- Analog zum profanen Versuch, die Fahrzeit zu nutzen, auch mental das Fahrtziel zu erreichen (diese Spanne hat sich im Jet-Zeitalter schon dramatisch verkürzt), nütze Du die Zeit, um magisch anzukommen - und verkürze die Fahrzeit dramatisch!

- Erfassen bzw. Anzapfen einer vorgegebenen Sigile (Theorie der Sigillisierungs-Technik vorausgesetzt). Dazu kann man z.B. die Sigile mit einem Marker auf ein kleines Blättchen Alufolie malen, dieses an einem Zwirn am inneren Rückspiegel befestigen und für etwas Zugluft an dieser Stelle sorgen, so daß es leicht baumelt und blinkt, und es, ohne daß man es direkt anschaut, doch eine aktive Rolle im Unterbewußtsein spielt.
Dann widme man sich meditativ einem bestimmten Thema oder Aspekt (welches möglicherweise mit dem Ersteller der Sigile o.ä. in Verbindung steht) und beachte abschließend, welche Wendungen diese Meditation nahm.

Etwas Erfahrung oder Experimentier-Willen sowie einen günstig montierten Schreibblock oder gutes bildhaftes Gedächtnis vorausgesetzt, kann man auch während der Fahrt Sigilen selbst erstellen.

Abschließend möchte ich noch ein kurzes Beispiel anführen, wohin einen diese einfachen Übungen möglicherweise führen können:

Auf der letzten derartigen Fahrt meinerseits vor dem Verfassen dieses Artikels - ohne vorgegebenes Thema oder einen magischen Plan - erschloß sich mir, getragen durch Musik (Coil: "How to destroy Angels" und "Blood from the air") der Bereich magischer Metamorphosen dergestalt, daß daraus die Idee eines Schwures und des dazugehörigen Rituals entstand, welches zukünftig noch ausgearbeitet und durchgeführt werden will.

So kann man auf einer jeden Autobahn versuchen, die betonierte Straße zu verlassen, und sich auf Fahrt auf den "Lost Highway" begeben, eine Fahrt, die möglicherweise niemals endet.


Dank an:
W. K. für seine Anregungen als Beifahrer, Coil, Fra.'. Apfelmann, Pete Caroll und David Lynch


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