Interview mit
Doreen Valiente

©Copyright Hag & Hexe, 1997
Freigegeben für Boudicca's Bard

 

Doreen Valiente wurde in den frühen fünfziger Jahren von Gerald Gardner als Hexe initiiert und arbeitete mit ihm zusammen jene Rituale und Modelle aus, die einmal zur Grundlage der modernen Wicca- und Neuheidenbewegung werden sollten. Vierzig Jahre später lebt und gedeiht diese Bewegung immer noch. Dieses Interview zeigt Valientes Sichtweise dieser Entwicklung sowie deren Zukunft auf.

Es wurde von Michael Thorn in Valientes Haus in Brighton, Sussex durchgeführt. Michael ist ehemaliger nationaler Erster Offizier des Covenant of the Goddess, ein Ältester der gardnerianischen Wicca-Tradition und ein bekannter, viel reisender Heide.

MT: Ich muß sagen, daß Sie nicht so wirken, wie ich es anhand Ihres Fotos in "The Rebirth of Witchcraft" erwartet hätte. Sie sehen dort wesentlich älter und gebrechlicher aus, aber tatsächlich erscheinen Sie mir sehr viel jünger und lebhafter.

DV: Nun, ich bin wahrhaftig schon recht gebrechlich. Ich habe heute einen guten Tag, aber die Arthritis hat sich bereits völlig in mir ausgebreitet. Das Problem daran ist, daß man nicht sehr viel dagegen tun kann, wenn es einen mal erwischt hat. Die Ärzte wollen einen auf alle möglichen Medikamente setzen, die eine schlimmere Wirkung auf einen selbst als auf die Arthritis haben, und ich stehe der Einnahme dieses Zeugs sehr zweifelhaft gegenüber.

Das einzige, was mir wirklich gut tut, ist eine Kräutersalbe. Sie bringt großen Nutzen; das Problem ist nur, daß sie den ganzen Raum verpestet.

MT: Manchmal schmecken die besten Heilmittel sehr schlecht, wie zum Beispiel Lebertran.

DV: Als ich ein Kind war, hat man mich mit diesem Zeug abgefüllt. Ich glaube nicht, daß es jemals auch nur im geringsten wirkte — und ich bin sicher, daß es sehr schlecht für den Fisch war, der den Lebertran geliefert hatte. Arthritis schränkt sehr ein. Wenn man sie hat, gibt es verdammt noch mal gar nichts, was man dagegen tun kann. Man kann sich nur warmhalten; aber manchmal geht sie bis in die Fingergelenke, dann tut sogar das Schreiben weh. Wenn es richtig losgeht, gibt es keine Stelle im Körper mehr, die nicht schmerzt. Es ist wohl eine Kombination aus hohem Alter und Sturheit.

MT: Vielleicht ist es Karma oder die dreifache Wiederkehr; die Götter sagen sich: "Sie kann es auf die eine oder die andere Weise lernen".

DV: Wissen Sie, ich glaube nicht an das Zeug von der dreifachen Wiederkehr. Ich war schon immer ein sehr skeptischer Mensch, aber da bin ich es noch viel mehr. Je älter ich werde, desto skeptischer werde ich auch. An viele Dinge, von denen ich früher überzeugt war, glaube ich heute nicht mehr.

MT: Woher, glauben Sie, stammt die Idee der dreifachen Wiederkehr?

DV: Ich glaube, der alte Gerald hat sie einem seiner Rituale wieder aufgewärmt, und die Leute haben es einfach schrecklich wörtlich genommen. Ich persönlich war da immer sehr skeptisch, weil es für mich keinen Sinn macht. Ich sehe nicht ein, warum es ein spezielles Karma für Hexen und ein anderes für alle anderen geben soll. Das kaufe ich nicht. Aber es gibt da eine furchtbar große Zahl von Dingen, die ich nicht kaufe.

MT: Was kaufen sie?

DV: Ich bin sehr an Reinkarnation interessiert, denn ich denke, daß dies sehr viel erklärt. Wissen Sie, ich spüre eine große Affinität zu Ägypten und ich glaube, daß ich damals dort gelebt habe. Ich kann mich an ein Buch über Ägypten erinnern, das von der Zeit Echnatons handelte; das Buch hat mich so verärgert, daß ich es am liebsten durch den Raum geworfen und "So war es überhaupt nicht!" geschrien hätte. Dann fragte ich mich: "Worüber ärgerst Du Dich eigentlich gerade so sehr? Das sind Sachen, die vor Jahrhunderten geschahen." Ich glaube, daß das Lesen des Buches das Gefühl auslöste, damals dort gewesen zu sein; sonst hätte es mich nicht so sehr berührt. Seitdem habe ich versucht, weitere Mosaiksteine wiederzuerobern, aber natürlich gibt es für keines dieser Dinge Beweise.

Ebenso habe ich das starke Gefühl, daß Mrs. Thatcher ... haben Sie je bemerkt, wie sehr sie der ersten Königin Elizabeth gleicht? Außerdem gibt es da auffallende Ähnlichkeiten in der Art, wie beide Frauen ein Land regierten. Da war sehr viel vom Herrschaftsgeist der Elizabeth; für die armen Menschen war dies keine gute Herrschaft. Aber wir sollten besser nicht in politische Gefilde abschweifen.

MT: Alles ist politisch. Sogar die Hexenkunst.

DV: Ich wünschte, es wäre nicht so. Das ist einer der Gründe, aufgrund welcher ich mich frage, ob die alte Covenform ihre Zeit nicht überlebt hat. Sie erfüllte den Zweck, für den sie in den Zeiten, als wir noch im Untergrund zu arbeiten gezwungen waren, geschaffen worden war. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß es wirklich die Covenform war, die die alte Religion am Leben erhielt. Aber ich denke, daß sich all dies verändert; heute werden wir individualistischer. Einerseits waren viele der echten traditionellen Coven Familienangelegenheiten; die Menschen lebten im selben Dorf und bewegten sich von dort manchmal über Jahrhunderte nicht fort. Sie wußten sehr gut, wem sie dort trauen konnten und wem nicht. Sie wußten, daß Onkel Harold ein unaufrichtiger alter was-auch-immer war und daß Vetter Herbert in der Lage war, seine eigene Großmutter für fünfzig Pfennige zu verkaufen. Sie wußten, wem sie vertrauen konnten, weil sie diese Leute kannten. Ihnen hätte zum Beispiel niemand vormachen können, er sei ein hoher Adept des Herrn und der große Mucky Muck, weil sie gesagt hätten: "Nun komm' mal wieder runter — wir haben dich schon gekannt, als du noch ein Funkeln in den Augen deines Vaters warst." Das waren die Umstände, unter denen die alten Coven gegründet wurden. Sie waren stark, weil sie sich auf dem Blut der Hexen gründeten und weil sie wußten, wem sie vertrauen konnten. Sie waren fast ein Produkt der Erde selbst, auf der sie lebten.

MT: Wenn Sie der Ansicht sind, daß die Coven ihre Nützlichkeit überlebt haben, worin sehen Sie dann ein Vorbildmuster für die Zukunft des Lehrens und der Praxis?

DV: Ich denke, die Wiccas müssen sich grundlegend verändern, anstatt die Politik herein zubringen, welche sich im wesentlichen sowieso nur in der Frage äußert, wer die nächste höchste Hexe wird. Ich nehme an, daß sie sich auf einer weitaus individualistischeren Grundlage organisieren werden. Die Leute werden anstelle der einst üblichen großen Coven allein oder mit zwei oder drei geistig verwandten Menschen arbeiten; es wird viele kleinere Gruppen geben. Und sie werden ihr eigenes Ding machen. Ich denke nicht, daß dies innerhalb einer Art allgemeinen Rahmens schlecht ist. Ich bin nicht der Ansicht, daß es eine einzige Art des Glaubens gibt, an die sich jedermann anzupassen hat.

MT: Das Problem des Überlebens der Hexenkunst betrifft uns ja heute nicht mehr; dies ist ziemlich gesichert.

DV: Gerald war diesbezüglich etwas beunruhigt, weil er sah, daß die meisten der Menschen, die die Kunst ausübten, ein recht hohes Alterhatten. Er sagte mir, daß er und Dafo in etwa die Jüngsten im New-Forest-Coven waren, und er fragte sich sehr, wer das Ganze weitertragen solle, wenn die anderen einmal nicht mehr lebten. Damals hatten die Leute Angst davor, ihre Kinder einzuweihen und warteten damit, bis diese schon ziemlich erwachsen waren. Wohlgemerkt — ich denke nicht, daß das schlecht war. Ich bin nicht der Ansicht, daß man Kinder dazu drängen sollte, etwas Bestimmtes zu tun, nur weil es die Eltern auch machen. Aber er fürchtete wirklich, daß die ganze Sache im Sande verlaufen würde, wenn sie nicht einige jüngere Menschen hinzubekommen konnten, und das wollte er nicht erleben. Es ist eine gute Frage, ob es geschehen wäre, wenn es ihn nicht gegeben hätte, denn dies war der Zweck hinter all seiner Suche nach öffentlicher Aufmerksamkeit.

MT: Als Sie in den fünfziger Jahren begannen, mit Gerald Gardner zusammenzuarbeiten, hätten Sie da je erwartet, daß die Hexenkunst zu einer Bewegung solch großen Ausmaßes werden würde?

DV: Nein. Nicht für eine Sekunde hätte ich gedacht, daß es solch ein Ausmaß annehmen würde. Manchmal sitze ich da und kann es kaum glauben. Es ist erstaunlich. Ich glaube nicht, daß es der Verdienst von mir, Gerald
Gardner oder einem anderen einzelnen Menschen ist. Ich glaube, es ist einfach der Umstand, daß es sich um eine Idee handelte, deren Zeit gekommen war.

MT: Was, glauben Sie, hat Gerald als Ergebnis seiner Schriften erwartet? Daß da einige wenige Coven entstehen würden?

DV: Ich bin mir nicht mal sicher, ob er auch nur einige wenige Coven erwartet hat. Er wollte die Menschen nur wissen lassen, daß die Hexenkunst immer noch lebendig war. Es war nur so: Als die Leute begannen, ihm zu schreiben, und er bekam ganze Säcke voller Briefe ... natürlich, der Witz war, daß er um so mehr Briefe bekam, je mehr die Sonntagszeitungen ihn denunzierten. Und der arme alte Knabe wußte wirklich nicht, was er damit anfangen sollte. Er versuchte, sich mit einigen Leuten zu treffen, die ein wenig vernünftig wirkten, und von da an ging es immer weiter. Aber ich glaube, er hat sich nicht einen Augenblick lang vorgestellt, daß sich dies buchstäblich von den USA bis nach Australien verbreiten würde. Und nun bis in die Sowjetunion.

Eine befreundete Hexe kam am anderen Tag zum Plaudern zu mir und erzählte mir, sie habe einen Artikel in der Times über die Wiederbelebung von Hexencoven in Rußland und anderen, jenseits des eisernen Vorhangs gelegenen Ländern gesehen. Der Funke ist selbst dort am Leben geblieben, die Glut erhebt sich wieder zur Flamme. Außerdem strafte es natürlich all jene Menschen Lügen, die behaupteten, Gerald habe alles nur erfunden, was ja nicht der Wahrheit entsprach. Er brachte es in eine Form, die die Menschen anwenden konnten; aber ich glaube nicht, daß er die hinter all dem stehende grundlegende Idee erfunden hatte.

Ich stehe in regelmäßigem Briefverkehr mit meinem alten Freund Aidan Kelly. Er sagte früher — oder ich verstand ihn so — daß Gerald Gardner und ich Teil einer Verschwörung gewesen seien, die die Öffentlichkeit hätte täuschen sollen. Den Schuh habe ich mir nicht angezogen und war dementsprechend verärgert. Ich glaube, er hat mittlerweile akzeptiert, daß ich an keiner Verschwörung zur Täuschung anderer Menschen teilhatte. Hinsichtlich des alten Gerald, nun ... ich würde nicht eine Sekunde behaupten, daß er die Verkörperung der Wahrheitsliebe war; aber ich glaube nicht, daß er die ganze Sache erfunden hatte. Ich glaube, daß es da in New Forest einen alten Coven gab, und ich glaube auch, daß er Kontakt zu diesem Coven aufnahm. Die große Frage ist natürlich, wieviel vom Gedankengut der Hexenkunst, wie wir sie heute kennen, von Gerald eingebracht worden ist und wieviel wirklich aus den Traditionen des alten New-Forest-Covens stammt. Das ist die Frage, und ich habe keine Ahnung, ob wir die Antwort darauf jemals finden werden, denn unglücklicherweise ist so viel verlorengegangen und es eine Menge Streit darum. So vieles muß Ansichtssache bleiben, welche die Menschen mit ihrem eigenen Verstand ergänzen müssen. Wenn ich jünger wäre und viel Geld hätte, würde ich mein Lager unten im New Forest aufschlagen und versuchen, etwas Herkunftsforschung zu betreiben — versuchen, einige Überreste dessen aufzustöbern, was dort wirklich vorgegangen ist. Ob all das je ans Tageslicht kommen wird, weiß ich nicht.

Damals mußten die Menschen ihre Spuren weitaus besser verwischen als heute. Glauben Sie mir, die Hexe, die Gerald Gardner sagte, daß die Hexenkunst nicht für zerbrochene Fensterscheiben aufkäme, scherzte nicht. Damals war es wirklich sehr gefährlich, irgend etwas nicht nur mit dem Hexenhandwerk als solchem, sondern dem Okkulten überhaupt zu tun zu haben. Das alles war nicht so angesehen, wie es heute ist — in der Tat alles andere als das. Die Menschen hatten nicht die gleichen Rechte, die ihnen heute zustehen. Heute gibt es Gesetze, die einen davor bewahren, von der eigenen Vermieterin auf die Straße gesetzt zu werden, weil sie nicht mag, was man studiert, oder aus dem Arbeitsplatz geworfen zu werden, weil der Arbeitgeber evangelischer Christ oder etwas in dieser Art ist. Man kann Menschen heutzutage nicht mehr so herumstoßen wie früher, als die Leute noch weitaus verwundbarer waren als heute. Sie hat
ten schön ruhig zu sein. Und sie mußten ihre Spuren verwischen und sich schrecklich anständig verhalten. Dion Fortune versuchte zum Beispiel, in ihre Organisation eine Form des mystischen Christentums zu integrieren, um ein Gegengewicht zur heidnischen Seite zu schaffen. Unglücklicherweise hat es wohl nicht funktioniert. Aber diese Lehren konnten nur von Menschen verfolgt werden, die entweder wohlhabend genug waren, um sich nicht um die Meinung ihrer Mitmenschen kümmern zu müssen oder absolutes Stillschweigen darüber bewahren konnten. Wenn man damals in eine öffentliche Bücherei gegangen wäre, hätte man nicht die Bücher vorgefunden, auf die man dort heute trifft; sie wären verboten gewesen.

MT: So waren also die Menschen, mit denen Gerald arbeitete, zu dem Zeitpunkt, als sein Buch herauskam, nicht sehr erwünscht.

DV: Oh nein. Dorothy [die Leiterin des New-Forest-Covens, Anm. d. Übers.] war eine gebildete Frau. Als sie Gerald davon abriet, alles so schnell zu veröffentlichen, hatte sie den Kopf fest auf den Schultern sitzen. Ich fürchte, Diskretion war nicht Geralds starke Seite, und er wollte alles veröffentlichen und enthüllen. Sie überzeugte ihn davon, dies statt dessen in Form einer historischen Erzählung zu tun, als Roman. Aber ich denke, daß in der Belletristik viele Ideen zutage treten, die mehr okkulte Informationen vermitteln als die angebliche Sachliteratur. Meiner Meinung nach sind Dion Fortunes beste Bücher ihre Romane — ich muß zugeben, daß ich es nie geschafft habe, "The Cosmic Doctrine" fertig zu lesen. Wie das berühmte Buch in H.P. Lovecrafts Geschichten erlaubt es selbst niemandem, es zu lesen. Aber ihre Romane sind für mich voller Informationen und von großem Interesse.

MT: Wenn wir nun annehmen, daß die Gruppe, mit der Gerald arbeitete, ihre Rituale anders ausführte, als er sie später zusammenstellte, wäre es interessant zu wissen, ob er Aufzeichnungen dieser Rituale besaß.

DV: Ob diese Geschichte in irgend eir
ner Weise stimmt oder nicht, weiß ich nicht, aber sein Teilhaber, Mr. Cecil Williamson, der das erste Museum für Hexenkunst aufbaute, sagte, daß Gerald ein altes, nicht sehr dickes Buch besessen habe. Es war ein Manuskript, welches er sehr sorgfältig behandelte. Unglücklicherweise wurde das Buch eines Tages, als er in seinem Museum auf der Isle of Man Besucher herumführte, gestohlen, und es ist nie geklärt worden, wohin es ging. Ich weiß nicht, was das für ein Buch war und glaube nicht, es jemals gesehen zu haben. Wir wissen nicht, welchen Inhalt dieses gestohlene Buch hatte, warum es entwendet wurde oder ob es jemals wieder auftauchen wird.

MT: Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Unterschiede in der Weise, wie die Hexenkunst in Großbritannien und Amerika ausgeübt wird? Warum, glauben Sie, gibt es diese Unterschiede?

DV: Ich denke, wir sind hier viel weniger formalisiert; aber da ich noch nie in Amerika war, kann ich nicht aus persönlicher Erfahrung sprechen. Aber in Amerika scheint alles mehr organisiert zu sein, was mich übrigens besorgt macht, da ich denke, daß dies dem Ganzen einiges an Freude nimmt. Alles wird ein bißchen drückender. Ich weiß nicht, warum die Amerikaner dazu neigen, alles etwas mehr zu organisieren als die Menschen in Großbritannien. Natürlich sind wir hier chronisch unorganisiert, und wir haben die großartige Tradition britischer Exzentriker jeglicher Art, aber ich denke, wir sind hier sehr viel informeller. Wir veranstalten keine großen Merrymeets, wie man sie dort findet. Vielleicht liegt es einfach daran, daß wir nicht soviel Geld haben. Es muß schrecklich viel Geld kosten, so eine große Feier zu organisieren; es muß aber auch großen Spaß machen.

MT: Es ist eine einzigartige Erfahrung, weil man mit vielen Menschen zusammentrifft, die viele unterschiedliche Dinge tun, und ihre Rituale ... Man kann sehen, was andere Leute tun. Dadurch wird es sehr gemeinschaftlich und interessant, weil es eine große Mannigfaltigkeit innerhalb dessen gibt, was die Menschen unter dem Begriff Hexenkunst in den Staaten tun.

DV: Man versucht gerade, so etwas hier zu Halloween zu organisieren. Shan Jayran hat ein Festival organisiert, das üblicherweise irgendwo in Battersea stattfindet, und ich hörte, es sei sehr, sehr erfolgreich; aber ich war nie dort. Aber es findet nicht, wie in Amerika, im Freien statt. Im Grunde sind die USA ein viel größeres Land; man hat da etwas mehr Ellenbogenfreiheit, verstehen Sie? Doch wir versuchen, Treffen im Freien zu organisieren, und ein paar Leute gehen da auch hin, aber das kann man alles hier nicht so öffentlich tun. Man kann hier keinen Grund mieten, ohne daß die lokale Kirche einen fürchterlichen Krach schlägt und all solche Sachen.

MT: Obwohl das auch in den USA nie ohne Probleme abläuft. Manchmal ist es nötig, auf dem angemieteten Campingplatz sehr vorsichtige Erklärungen bezüglich dessen, was man zu tun beabsichtigt, zu geben.

DV: Eines der Dinge, über die wir hier endlich hinwegkommen müssen, ist dieser ganze Quatsch bezüglich dessen, was wir satanistischen Kindesmißbrauch nennen und was für die meisten natürlich dasselbe ist wie Hexenkunst. All das begann in den USA, und eine Menge davon ist in den USA hochgegangen und hat sich als Unsinn erwiesen. Mittlerweile ist es
hierher importiert worden — ein ganzer, neuer Markt. Es wird von einigen dieser extremen evangelischen Organisationen fleißig weiterverbreitet.

Das Entsetzliche daran sind so wirklich schreckliche Geschichten wie die in Rochdale vorgefallenen Dinge. Dort nahmen die örtlichen sozialen Dienste und Sozialarbeiter an einem Seminar teil, wo sie mit diesem ganzen Zeug vollgestopft wurden und man ihnen eine Liste mit Merkmalen gab, an welchen sie Satanismus und satanistischen Kindesmißbrauch erkennen könnten, welche sie anscheinend einfach so schluckten. Dann fielen sie in der Morgendämmerung über die Häuser dieser Menschen her und karrten deren Kinder fort. Das Schlimme daran ist, daß sie es mit legalen Mitteln fertiggebracht haben, die Dinge so hinzubiegen, daß diese Menschen nicht nur für die Art, in der sie ihrer elterlichen Gewahrsamspflicht nachkamen, moralisch verurteilt wurden, sondern man ihnen auch verbot, ihren Kindern irgend etwas darüber zu erzählen. Das klingt unglaublich für die britische Gesellschaft der neunziger Jahre unseres Jahrhunderts, aber es ist eine Tatsache. Erst kürzlich hat die nationale Presse herausgefunden, was dort vor sich geht und begonnen, Krach zu schlagen, so daß die ganze Geschichte ans Tageslicht kam. Einige der Kinder wurden ihren Eltern mittlerweile zurückgegeben; andere sind immer noch "in Sicherheit", wie sie es nennen. Zunächst wurde den Eltern rechtlicher Beistand verwehrt, aber mittlerweile erhalten sie ihn, um die Rückkehr ihrer Kinder zu erwirken. Es wird zwar demnächst eine große Verhandlung vor dem Obersten Gerichtshof sowie eine staatliche Untersuchung dazu geben, aber all das geschieht nur, weil die nationale Presse herausfand, was vor sich ging und sagte "Was zur Hölle passiert hier 1990 in Großbritannien?" Ich sage natürlich nicht, daß diese Kinder nicht mißbraucht worden wären. Wir wissen nicht, ob dies der Fall war oder nicht. Unglücklicherweise werden furchtbar viele Kinder mißbraucht, doch es ist ein großer Unterschied, wenn man behauptet, dies sei ausschließlich als Teil eines satanistischen Rituals oder eines der Hexenkunst geschehen. Und das ist es, was
diese Leute daraus zu machen versuchen.

Glücklicherweise sagt der Hauptwachtmeister von Nottingham, von wo all diese Satansbehauptungen ausgingen, daß er ein spezielles Memorandum an den Innensekretär zu senden gedenkt, in welchem er erklären wird, daß es keine Hinweise welcher Art auch immer darauf gibt, daß Satanismus in diese Fälle in irgend einer Weise verwickelt sei und daß er diesen Mythos bedauere, der, wie er sagt, "durch das Land fegt wie die asiatische Grippe".

Ebenso hat der Hauptwachtmeister von Manchester diese Geschichten von Hexenkunst und Satanismus in Verbindung mit Kindesmißbrauch zurückgewiesen, indem er mitteilte, daß seine Beamten dies gründlich untersucht hätten. Sie haben keine in Mikrowellenherden gekochten Babykörper, keine Knochen und keine geheimen Treffpunkte gefunden. Nichts. Nicht eine der Geschichten, die hier erzählt wurden, konnte durch irgend einen wie auch immer gearteten Beweis gesichert werden.

Da ist eine Sache, die mir bei all diesen Leuten, die behaupten, Zeugen eines Ritualmordes gewesen zu sein, Kopfzerbrechen macht. Sie erzählen davon. Sie reden im Fernsehen darüber, sie schreiben es in Büchern und erzählen es den Zeitungen. Aber es scheint einen Ort zu geben, zu dem sie niemals gehen werden, um zu sagen, was sie gesehen haben wollen. Warum zur Hölle sagen sie es nicht der Polizei? Wir haben hier in Großbritannien sehr oft Menschen, die solche Behauptungen aufstellen; doch wenn die Polizei sie vernommen hat, kommt sie üblicherweise und teilt mit, daß man keine Hinweise welcher Art auch immer darauf finden konnte. Doch diese Leute sagen: "Wir konnten nicht zur Polizei gehen, weil wir zuviel Angst hatten." Gut, wenn dem so ist, warum reden sie dann jetzt plötzlich darüber? Warum haben sie nun keine Angst mehr? Wenn sie zur Polizei gegangen wären, hätte diese ihnen Schutz gewährt, so, wie sie es sehr oft bei ernsthaften Verbrechen tut, und viel ernster als ein Ritualmord kann es wohl kaum werden. Wenn sie also wirklich davon betroffen waren, es bereuen und aus der Sache heraus sein wollen, warum gehen sie mit ihrer Geschichte nicht zur Polizei? Das ist meiner Ansicht nach das, was man eine Hunderttausend-Mark-Frage nennt — wir haben nie eine vernünftige Antwort darauf erhalten, und ich würde diese Frage gerne jedem einzelnen von ihnen stellen.

Diese Behauptungen bezüglich der Ritualmorde waren zunächst in allen unseren Zeitungen, doch ich bemerkte, daß sie später immer geringer wurden, als die Untersuchungen zum Abschluß kamen und die Hauptwachtmeister selbst erklärten, keine gesicherten Hinweise darauf gefunden zu haben. In der Tat sagten einige der Leute, die den Sozialarbeitern damals Hinweise auf satanistischen Kindesmißbrauch gegeben hatten, daß sie schlicht und ergreifend von jenen durch andauerndes Fragen einer Gehirnwäsche unterzogen worden seien. Ein Mädchen sagte: "Sie waren einfach nicht bereit, ein `Nein' als Antwort zu akzeptieren. Sie haben mich einfach nicht in Ruhe gelassen." Nun, das ähnelt eher den mittelalterlichen Hexenprozessen; auch ein Inquisitor hätte ein `Nein' nicht akzeptiert.

Wie ich schon sagte, wird es eine staatliche Untersuchung und eine Verhandlung vor dem Obersten Gerichtshof geben, um die Rückkehr dieser Kinder zu ihren Eltern zu erwirken. Im britischen Justizsystem ist es den Zeitungen nicht erlaubt, während eines schwebenden Gerichtsverfahrens viel darüber zu schreiben. Danach können sie bringen, was sie wollen, aber bevor der Fall nicht angehört wurde, ist es ihnen nicht erlaubt, Argumente dafür und dagegen zu bringen, denn man ist der Ansicht, dies sei eine Verletzung der richterlichen Vorrechte. So sollten wir jetzt mit großem Interesses auf die Ergebnisse dieser Verhandlung und der Untersuchung warten, was, glaube ich, spätestens in sechs Wochen geplant ist. Und es wird den armen, elenden Steuerzahler Millionen kosten.

MT: Da geht die Kopfsteuer hin ... [britische Zusatzsteuer, die pro Person eines Haushaltes erhoben wird, Anm. d. Übers.]

DV: Ja, da geht die Kopfsteuer von Rochdale hin. Es gibt da ein bestimmtes Element innerhalb der christlichen Kirchen, welches sie, soweit ich weiß, die evangelistische Überzeugung nennen, und das sehr, sehr fanatisch bezüglich dieses Themas ist — nicht nur, soweit es Hexenkunst und Satanismus betrifft, sondern auch bei allem anderen, das auf irgend eine Weise mit dem New Age in Verbindung steht, sogar bei Vegetarismus. Alles, was mit dem New Age zu tun hat, steht für diese Leute unter dem Einfluß Satans.

MT: Also jeder selbständige und unabhängige Gedankengang.

DV: Ja, das ist es, worum es wirklich geht — um jede Form unabhängigen Denkens. Ich habe vor einiger Zeit eine nette Geschichte über einen dieser Burschen gehört. Sie hatten ein öffentliches Treffen in einem Einkaufszentrum, wo sie Traktate verteilten und sich Leute schnappten. Einer von ihnen ging zu einer Frau, die eine Hexe war, und sagte zu ihr: "Die erste Sache, von der wir wollen, das du sie weißt, ist, daß Gott dich liebt." Woraufhin die Hexe sehr höflich antwortete: "Ja, ich weiß, daß sie das tut." Der Herr klagte sie, sichtlich aus der Fassung gebracht, der Blasphemie an.

MT: Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Hexenkunst bzw. der heidnischen Bewegung und anderen Bewegungen wie dem New Age und der weibliche Spiritualität? Es scheint, daß das Hexenhandwerk sich mit anderen Bewegungen wie den Grünen, dem Umweltinteresse oder dem nun seit zwanzig Jahren stattfindenden Earth Day [britisches und amerikanisches alljährlich stattfindendes Umweltfestival, Anm. d. Übers.] trifft.

DV: Oh ja. Ich denke, das sollte auch so sein. Meiner Ansicht nach bestehen da sehr wesentliche Verbindungen. Als sich das Hexenhandwerk in den frühen fünfziger Jahren ausbreitete, war dies weniger der Verdienst einzelner Menschen als des Umstandes, daß die Zeit für diese Idee gekommen war; so, wie auch diese anderen Dinge Ideen sind, deren Zeit gekommen ist. Sie werden ein Teil des Wassermannzeitalters sein. Das ist die momentane historische Bewegung, und ich finde es sehr interessant, dies zu beobachten. Ich bin mittlerweile zu alt, um mehr zu tun als zu beobachten, aber dies tue ich mit großem Interesse, das kann ich Ihnen sagen.

Wir fangen jetzt an zu erkennen, daß die Hexenverfolgung der historischen Aufzeichnungen in hohem Maße die Verfolgung von Frauen betraf, mit dem Ziel, sie dahin zu bringen, wieder den Platz einzunehmen, der ihnen nach Ansicht der Verfolger angemessen war. Höher gestellte Frauen wurden als Hexen angesehen und verdächtigt, und ebenso erniedrigte man Heilerinnen, indem man sie des Hexentums bezichtigte — einfach deshalb, weil sie Frauen waren. Nur Männern war es erlaubt, Medizin zu praktizieren. Heute beginnen wir zu erkennen, daß die Verbindung zwischen Hexenkunst und Feminismus nichts Neues ist, sondern etwas, das es bereits all die Zeit gegeben hat. In der Tat ist es eine wesentliche Grundlage des Ganzen.

MT: Das ist ein interessantes und plötzliches Wiederaufwallen dieses Gedankens.

DV: Das ist ein gutes Bild, ein plötzliches Wiederaufwallen. Warum geschieht das? Einfach weil da, wie ich glaube, eine Art historischer Bewegung existiert — das, was einer der früheren Premierminister so bezeichnete: "Die Winde der Veränderung wehen". Das ist ein sehr passender Ausdruck für das Wassermannzeitalter. Der Wassermann ist ein Luftzeichen, also sind es die Winde der Veränderung, die hier wehen. Niemand kann dies auf irgend eine Weise verhindern.

MT: Aber alles — sogar eine Religion um eine Göttin — kann nach einer Weile zu orthodox werden.

DV: Ich denke, eine Religion, die ausschließlich die Göttin verehrt, wäre im Ungleichgewicht, denn dies bedeutete, eine Hälfte der Menschheit zu ignorieren — was hieße, denselben Fehler auf eine andere Weise zu wiederholen, und ich wünsche mir nicht zu sehen, wie dies geschieht. Ich hätte lieber Menschen mit einer etwas ausbalancierteren Sichtweise, welche es ihnen erlaubt, den Gott und die Göttin zu erkennen. Denn man kann wahrhaftig das eine nicht ohne das andere haben; zumindest glaube ich, daß dies nicht möglich ist. Ich hatte Old Horny immer sehr gern und wünsche mir, daß er auch weiterhin eine herausragende Stellung in meinen Ritualen einnimmt.

MT: Ich glaube, man versucht etwa seit den fünfziger Jahren, ein solches Gleichgewicht herzustellen; aber gewann dieser Gedanke aufgrund der Unterdrückung der Frauen in dieser Zeit derart an Bedeutung, oder ging die Bewegung schon immer in diese Richtung?

DV: Ich glaube, daß es in der Bewegung den Versuch, ein Gleichgewicht zwischen den Geschlech
tern herzustellen schon immer gab. Als ich dem Hexenkult in den fünfziger Jahren beitrat, gab es dort bereits sowohl den Gott als auch die Göttin; das stand überhaupt nicht zur Debatte. Der gute alte Aidan Kelly meint ja heute noch, ich hätte die Verehrung der Göttin selbst eingeführt, obwohl ich ihm ein Dutzend Mal gesagt habe, daß dies nicht stimmt. Als ich zur Hexenkunst stieß gab es dort bereits beide Gottheiten, und es stellte sich nie die Frage, ob diese oder andere Ideen etwa neu eingeführt seien.

MT: Ich denke, eine der Ursachen für Aidans Vermutung — auch wenn ich natürlich nicht für ihn und seine Gedanken sprechen kann — besteht im Umstand, daß Sie jene Dinge geschrieben haben, die heute in der Tat die bedeutendsten Liturgien und die wichtigsten Teile der Dichtkunst um die Göttin sowie des Wicca-Kodex darstellen.

DV: Oh ja, das habe ich getan. Geralds Version des Kodex beinhaltete eine Menge Aspekte aus den Schriften Aleister Crowleys. Crowley war meiner Ansicht nach ein wunderbarer Dichter und wurde in der englischen Literatur immer unterbewertet, einfach weil er ernst nehmen können, wenn sie annehmen müssen, daß du ein Ableger des OTO bist.« Schließlich antwortete er: »Wenn du der Ansicht bist, es besser machen zu können, dann schreibe du es doch«, und das versuchte ich dann eben. Ich versuchte, das Bestmögliche aus dem vorhandenen Material zu machen; und niemand war überraschter als ich zu sehen, welchen Einfluß dieser Kodex schließlich erhielt.

MT: Es lag wohl daran, daß Gerald nicht erwartete, was diese wenigen Bücher auslösen würden — heute haben wir eine weltweite Wicca-Bewegung.

DV: Das neue Zeitalter, das Zeitalter des Wassermanns, kommt und zwar unabhängig davon, wie viele Leute dies zu verhindern suchen. Natürlich ist diese Entwicklung aufgrund der Vorurteile der Menschen weniger leicht und friedlich, aber es wird schlußendlich geschehen. Man kann die Gezeiten nicht stoppen.

MT: Glauben Sie, daß sich Hexenkunst und Heidentum zu einer der Hauptreligionen in unserer westlichen Kultur entwickeln werden?

DV: Ich weiß es nicht. Ich fühle mich von diesem Gedanken eher eingeschüchtert und wäre glücklicher, wenn wir einfach das wären, was Gerald »den Kult der Götter der Abenddämmerung« zu nennen pflegte; sozusagen am Rande der Zivilisation, abseits der Hauptströmungen. Diesen Gedanken entwickelt auch Colonel Seymour in seinem ausgezeichneten Artikel über die Alte Religion.

MT: In »The Forgotten Mage«?

DV: Genau. Dort schreibt er über die Idee einer Mysterienreligion, welche sich nicht im Hauptstrom befindet, sondern eine Art Seitenstraße darstellt, »die Straße, welche über den Farnhügel wandert«,
wie es in einer alten Ballade steht. Ich glaube, daß dies die Quelle der Magie der Alten Religion darstellt — eben, daß sie keine Haupt- oder orthodoxe Religion ist. Und wenn man die Ergebnisse orthodoxer Religionen betrachtet, bin ich sehr froh, daß die unsere es nicht ist. Unter all den Kriegen, die heute in der Welt geführt werden, ist es sehr schwer, auch nur einen herauszunehmen, der nicht irgendwo auf othodox-religiösen oder fundamentalistischen Gründen fußt. Der Himmel bewahre uns vor dieser Art religiöser Inbrunst, die Menschen in Stücke reißt.

Aber manche Menschen brauchen einfach eine organisierte Religion. Wir neigen dazu, auf »The Key« (The Key of Solomon von Crowley — Anm. d. Übers.) und andere Dinge dieser Art zurückzugreifen. Auch ich tue dies in gewissem Maß. Ich war immer der Ansicht, daß organisierte Religion einen durch nichts zu mildernden Fluch für die menschliche Rasse darstellt — man muß nur die aktuelle Tageszeitung aufschlagen, um dies zu beweisen; doch andererseits brauchen viele Menschen eine organisierte Religion, und diese Tatsache dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Sie wissen ja — in diesem Punkt irrte sich schon der arme alte Echnaton. Er nahm den Menschen ihren gemeinsamen, schlichten Glauben und all ihre Götter und Göttinnen; doch was er ihnen dafür gab, verstanden sie nicht — seinen Einen Gott in der Ferne. Sie wollten ihre alten Götter, die sozusagen bei ihnen zu Hause lebten. Konsequenterweise überdauerte Echnatons große Reform der Religion dessen eigenen Tod nicht sehr lange.

MT: Es ist interessant, wie die religiösen Überzeugungen der Menschen sich auf deren Sichtweise des Lebens und ebenso des Todes dafür sorgte, berüchtigt zu sein und geradezu darin schwelgte. Er liebte es, der böseste Mensch der Welt genannt zu werden und all solchen Unsinn. Der springende Punkt ist, daß er — wie schon sein Biograph, John Symonds, sagte — nicht beides zugleich haben konnte: Es war ihm nicht möglich, einerseits einen derart widerlichen Ruf zu haben — an welchem er jahrelang sehr hart arbeitete — und zur selben Zeit eine gute Reputation in der englischen Literatur zu erlangen; auch wenn einige seiner Gedichte heute im Oxford Book of English Mystical Verse zu finden sind. Ich bin der Ansicht, es ist ein Jammer, daß er nie die Anerkennung fand, die er verdiente; aber vielleicht wird die Zukunft dem abhelfen.

Geralds Version des Kodex wird, glaube ich, in Stewart Farrars Buch zitiert. Ich habe Gerald damals gesagt: »Schau mal: So lange, wie du all dieses Zeugs von Aleister Crowley in deine Liturgien packst, wird dich niemand auch nur in irgendeiner Weise mit weißer Magie in Verbindung bringen, denn Crowleys Ruf ist solcherart (und — unglücklicherweise — größtenteils auch noch verdientermaßen), daß die Menschen deine Arbeit nicht akzeptieren und auswirken. Es gab da mal einen Witz über das Sommerland. Jemand starb und sprach im Leben danach mit einem Freund nahe einer von hohen Mauern umgebenen Anlage. Er fragte: »Was ist da drin?« und sein Freund antwortete: »Oh, das sind die ganzen Gardnerianer in ihrem Sommerland. Sie glauben, sie seinen hier alleine, weil sie etwas Besonderes sind.«

DV: Wissen Sie, ich denke, daß hinter dieser Idee eine ganze Menge Wahrheit stecken könnte, denn man hört oft, daß verschiedenen Religionen auch unterschiedliche Vorstellungen vom Leben nach dem Tod zu eigen sind. Ich glaube, die Moslems haben ein recht gutes Leben nach dem Tod, denn auf sie warten eine Menge wunderschöner Houris (schöne und dienstbereite Mädchen, welche das muslimische Paradies bevölkern — amüsierte Anm. d. Übers.). Sie haben da wirklich Glück, denn das klingt sehr nett — ich würde sagen, es schlägt Harfe spielen bei weitem. Die Buddhisten sagen: »Ja, bei uns gibt es all dies wunderschönen Dinge, doch wir erkennen, daß sie Illusionen sind.« Und die roten Indianer haben ihre fröhlichen Jagdgründe. Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn die Menschen sich nach ihrem Tod zunächst in etwas wiederfinden würden, das sie zuvor in ihren Köpfen als ihre Vorstellung vom Himmel geschaffen haben. Ich wage zu behaupten, daß einige Leute da im christlichen Himmel sitzen, auf ihren Harfen klimpern und denken »Das ist es — ich habe es geschafft!«. Doch nach einer kurzen Zeit, könnte ich mir vorstellen, werden sie sich umsehen und denken: »Ich möchte wissen, ob das echt ist«. Und natürlich erkennen sie dann, daß es das nicht ist. Auch denke ich, daß einige Leute aus besonders strengen und devoten christlichen Kreisen ebenso ein recht gutes Modell der Hölle haben. Kennen Sie dieses wundervolle Buch von James Branch Cabell, in welchem der Held in die Hölle kommt und dort einen sehr aufgeregten, unzufriedenen kleinen Teufel trifft, der sich darüber beklagt, daß er sich hier zu Tode arbeite, weil sich die Leute dauernd beschweren, ihnen sei das Feuer nicht heiß genug? Er sagt: »Und ich renne hier herum und tue mein Bestes, um das Feuer heißer zu machen«. Meiner Ansicht nach ist es sehr wahrscheinlich, daß sich die Menschen nach dem Tod zuerst jene Art des Nachtodlebens erschaffen, die sie bereits in ihren Köpfen aufgebaut haben. Ich bin jederzeit mit einem heidnischen Nachleben zufrieden.

MT: Dolores Ashcroft-Nowicki schlägt in einem ihrer Bücher vor, einen Ort im Voraus zu erschaffen, an den man nach seinem Tod gehen könne und der einem also gleich vertraut sein würde. Und danach hätte man die Möglichkeit, von dort aus überall dorthin weiterzugehen, wohin es einen zieht. Auf diese Weise wäre es einem zum Beispiel auch dann, wenn man plötzlich getötet wird, möglich zu erkennen, daß man nicht mehr am Leben ist, da man sich automatisch zu diesem Ort begeben würde, anstatt lange herumzuwandern ohne den eigenen Tod zu realisieren.

DV: Ich nehme an, daß es höchstwahrscheinlich eine ganze Menge Leute gibt, die — wie man so sagt — herumwandern und nicht in der Lage sind, zu begreifen, was mit ihnen geschehen ist. Dies mag eine Vielzahl quälender Erscheinungen und das Phänomen der Poltergeister erklären. Ich denke, in den Lehren der Spiritisten steckt eine Menge Wahrheit; mit Sicherheit haben sie bezüglich des Erfassens des Lebens nach dem Tod sowie einem etwas intelligenteren gedanklichen Umgang damit größere Fortschritte erzielt als die orthodoxen Kirchen. Natürlich machen die Kirchen ein großes Geheimnis daraus — man darf nichts darüber wissen und soll auch nicht fragen — was Unsinn ist. Sie können es sich nicht leisten, daß die Menschen etwas darüber erfahren, denn dann werden diese ihre eigenen Priester und Priesterinnen sein wollen. Dann könnten die Jungs ihren Beruf nämlich an den Nagel hängen.

MT: Es ist notwendig, die Priesterklasse zu erhalten, um Geld einzunehmen. In den USA findet momentan eine Auseinandersetzung zum Thema Geld im Hexentum statt; man fragt sich, ob die Leute zum Beispiel für Unterricht, den sie einer Gruppe von Menschen geben, bezahlt werden sollten. Geld anzunehmen stellt in bestimmten Bereichen ein großes Tabu dar, da die Leute der Ansicht sind, man solle Geld nicht in die Religion einbeziehen.

DV: Das ist ja alles sehr schön, solange man es sich leisten kann. Aber man muß auch für seinen eigenen Lebensunterhalt zahlen, oder? Aber wenn jemand beispielsweise eine Gruppe unterrichtet und darüber hinaus in keiner weiteren bezahlten Arbeitsstelle angestellt ist, stellt er seine Zeit dieser Gruppe zur Verfügung. Es ist ja recht nett zu sagen, daß wir für Dinge dieser Art kein Geld nehmen dürfen, aber wovon sollen diese Menschen dann leben? Sie müssen ihre Miete oder ihre Hypothek zahlen, Steuern entrichten und Nahrung sowie Kleidung kaufen. Wovon sollen sie ohne Einkommen leben? Wenn man normalen Menschen mit normalen finanziellen Bedürfnissen die Teilnahme an unseren Kreisen verwehrt, macht man daraus einen exklusiven Spielplatz für reiche Leute, die sich eine solche Haltung leisten können. Ich meine, man sollte diesbezüglich etwas praktischer werden und sich den Realitäten stellen.

MT: Viele sind der Ansicht, man sollte im Hexenkult keine Karriere aufbauen, indem man dies als eine Art Vollzeit-Priester- oder Lehrerschaft betreibt und es als seinen Beruf ansieht.

DV: Doch in allen anderen Religionen sehen es die Menschen als einen Beruf an, für den man bezahlt wird, oder?

MT: Ich glaube, daß genau darin der Einwand besteht — man will nicht genau so sein.

DV: Es sind nicht die Hohepriesterinnen der Hexenkunst, die in Palästen leben, es sind die christlichen Bischöfe. So nennt man es doch heute — einen Bischofspalast. Kirchenleute — ob es nun die der anglikanischen oder jeder anderen Kirche sind — müssen ein Gehalt beziehen, da sie sonst nicht in der Lage wären, ihre gesamte Zeit dem Dienst dort zu widmen. Meiner Ansicht nach ist es notwendig, diesbezüglich einen vernünftigen und umsetzbaren Kompromiß zu erarbeiten. Dion Fortune sagte — und ich liebe es, sie zu zitieren — daß es nicht gut sei, seinen Geist so sehr auf den Himmel auszurichten, daß man auf Erden keinen Nutzen mehr bringt. Ich stimme damit überein, daß all dies nicht nur des Geldes wegen getan und Geld nicht zum Ziel des Ganzen gemacht werden sollte, doch auf der anderen Seite muß man die Dinge am Laufen halten können. Sonst wird der Okkultismus wieder genauso nur ein Hobby für die Reicheren werden wie er es bereits vor seinem jüngsten Wiederaufleben war.

MT: Ganz gewiß für Menschen wie Crowley. Er hatte sowohl das Geld als auch die freie Zeit, um sich dies zu gönnen.

DV: Er war in der Tat der Sohn eines wohlhabenden Brauereibesitzers und erhielt ein ansehnliches Erbe. Sein Vater schickte ihn auf das Trinity College in Cambridge, und natürlich ging es ihm gut, bis das Erbe verbraucht war. Danach war er — wie es Gerald Hamilton, einer seiner Freunde, sehr feinfühlig ausdrückte — dazu gezwungen, von unfreiwilligen Spenden seiner Freunde zu leben, was aus dem Ganzen eine eher schäbige Geschichte macht. — Die jüngste Version von Crowleys Biographie ist John Symonds Buch King of the Shadow Realm.

MT: Viele seit langer Zeit dem Hexenkult angehörende Menschen haben den Eindruck, daß der enorme Zuwachs an neuen Mitgliedern sich auf die Kunst in negativer Weise auswirkt, so daß diese mittlerweile mehr einer Modeerscheinung als einer Religion gleicht. Stimmen Sie dem zu?

DV: Nein, dem stimme ich nicht zu. Meiner Ansicht nach wird die Hexenkunst so lange kein Modetrend werden, wie wir sie nicht dazu machen. Ich glaube nicht, daß die Magie jemals völlig verschwinden wird, auch wenn sie durch Überlegungen in Richtung finanziellen Profites und so weiter geschädigt werden kann. Meiner Ansicht nach verflüchtigt sich Magie sehr bald, wenn man versucht, ein Geschäft daraus zu machen; es hängt allerdings davon ab, welcher Art das Geschäft ist. Wenn das einzige Ziel darin besteht, Geld zu machen, ist die Magie bereits weg; aber sie kann nie völlig verschwinden, denn die Hexenkunst hat ihre grundlegendsten Wurzeln in der Natur. Und die Natur ist da — die Elemente des Lebens, der Wind, das Feuer, all das umgibt uns. Dies ist die der Hexenkunst zugrunde liegende Magie: ein Teil des Lebens selbst. Es ist nicht so, daß die Magie verschwunden wäre, wir haben nur die Berührung damit verloren. Was die Zunahme der Mitglieder des Hexenkults angeht — nun, ich weiß nicht. Man kann den Leuten nicht sagen: »Wir wollen dich hier nicht haben«, denn das entspräche eher der alten Linie: »Wir sind die Gesalbten des Herrn, alle anderen werden verdammt werden. Es gibt hier keinen Platz für euch. Wir brauchen keinen überfüllten Himmel.« Welches Recht haben wir, den Leuten die Verehrung der alten Götter und das Gefühl der Verwandtschaft mit der Natur zu verweigern? Wir werden zwangsläufig immer einige Menschen von der falschen Sorte in unseren Kreisen haben; sie kommen aus selbstsüchtigen Beweggründen zu uns, stellen sich aber schon sehr bald selbst bloß. Am Ende sind sie es, die am meisten verloren haben, denn sie hatten ihre Chance und nutzten sie nicht.

MT: Es gibt einige Leute, die der Ansicht sind, daß jene Menschen, die Masseninitiationen in den Hexenkult durchführten, einen Fehler gemacht haben und besser hätten auswählen sollen.

DV: Dem stimme ich gewiß zu; meiner Ansicht nach entstanden eine Menge Probleme dadurch, daß man einfach die falschen Leute initiierte — ohne auch nur einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken. Man tut den Menschen keinerlei Gefallen, wenn man sie in etwas einweiht, dessen wahre Bedeutung sie nicht zu begreifen fähig sind, und man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man unpassende Menschen aufnimmt. Ich bin absolut der Meinung, daß einige Leute viele Menschen aus den falschen Beweggründen heraus initiiert haben, wie zum Beispiel um sicherzustellen, daß sie über einen vollen Coven mit dreizehn Mitgliedern verfügen. Und in der Tat kann man mit zwei oder drei Leuten, die wissen, was sie tun, viel bessere Arbeit leisten.

MT: In der American Craft Pagan Community sprechen wir gerade über die Bildung einer Stiftung, um Strukturen zu schaffen, welche es der Hexenkunst sowie dem Heidentum ermöglichen sollen, sich in Richtung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu entwickeln. Haben Sie als jemand, der wie kein anderer Anteil daran hatte, die Form zeitgenössischen Hexentums zu entwickeln, irgendwelche diesbezüglichen Einsichten?

DV: Eine Stiftung aufbauen und Strukturen unterstützen? Ich verstehe nicht wirklich, worum es hier geht.

MT: Die Idee geht dahin, Gemeinschaften zu schaffen — ähnlich den christlichen Seniorenheimen.

DV: Oh, wie wunderbar! Ein Seniorenheim für Hexen — ich sehe es geradezu vor mir!

MT: Dies betrifft auch die Kindererziehung und eine Unterstützung der einzelnen Gruppen.

DV: Also wirklich ... Was ich sagen will, ist folgendes: Als ich begann, mich mit dem Hexentum zu beschäftigen, konnte man noch nicht mal einfach in ein Geschäft gehen und einen magischen Stab kaufen, wie es heute möglich ist — ich weiß nicht, was passiert wäre. Man konnte kein derartiges Geschäft führen; die Polizei hätte es geschlossen, weil es gar nicht erlaubt gewesen wäre. Für uns alle, die wir in den fünfziger Jahren zur Hexenkunst kamen und heute noch leben, ist das, was wir heute erleben, äußerst verblüffend. Wir hätten das damals nicht geglaubt. Zu jener Zeit konnte man nicht einmal ein Päckchen Tarotkarten kaufen. Buchstäblich! Ich habe Ewigkeiten versucht, eines zu bekommen, und heute kann man so viele wie man will einfach kaufen.

MT: Nun denken wir wie andere Religionen auch an Formen der sozialen und gemeinschaftlichen Unterstützung — etwa in Form von Schulen und Neigungsgruppen — um in der Lage zu sein, uns um uns selbst zu kümmern und nicht von anderen abhängig sein zu müssen.

DV: Ich finde das sehr ... ein Seniorenheim! Darüber bin ich immer noch nicht weg. Ich finde das toll!

MT: Wir werden die Flügel nach verschiedenen Leuten benennen. Der »Doreen Valiente Memoriam Temple«.

DV: Ich bin von dem Zeugs, das bei all dem manchmal herauskommt, ziemlich entsetzt — »Oh, Sie haben die Hexenkunst damals auf so wunderbare Weise begründet« — und all solcher Kram. Ich habe furchtbare Visionen von Prozessionen zum Schrein der Heiligen Doreen im Jahr 2070. Das Problem ist nur, daß ich keine Ahnung habe, wie ich etwas davon haben soll, wenn ich tot bin. Das ist wirklich ein Jammer. Ich glaube, ich werde meinem Zahnarzt einen Gefallen tun, denn er ist wirklich ein prima Kerl. Ich kläre ihn bezüglich dessen, was hier läuft auf und sage ihm, er soll mir nach meinem Tod einen Backenzahn oder so ziehen. Dann können sie so etwas wie den Zahntempel in Kandy in Ceylon erfinden. Man geht davon aus, daß es sich dort um einen Zahn Buddhas handelt, der einmal im Jahr auf dem Rücken eines Elefanten in den Straßen der Stadt zur Schau gestellt wird; jedermann fällt in einen Zustand vollkommener religiöser Ekstase, und alle sind glücklich. Deswegen werde ich das meinem Zahnarzt stecken. Es würde mir nichts ausmachen, wenn er daraus seinen Nutzen zöge; und wenn er keinen Zahn von mir haben sollte, kann er ihn ja durch den irgendeines anderen Menschen ersetzen. Tatsächlich hat so ein Spielverderber den heiligen Zahn von Kandy vor einigen Jahren untersucht und erklärt, es handele sich um den Zahn eines Tieres, wahrscheinlich eines Hundes. Doch das scheint dem Vorgang nicht den geringsten Dämpfer verpaßt zu haben.

MT: Das gleiche geschieht mit Elvis Presley. Da gibt es einen Toast, von dem er ein Stück abgebissen und einen Löffel, den er einmal benutzt haben soll.

DV: Nicht wirklich!

MT: Die Leute hängen in der Tat an diesen Sachen.

DV: Möchten Sie einige alte Löffel von mir kaufen, als Investition?

MT: Sie müssen sehr vorsichtig damit sein, wem Sie sie hinterlassen. Man wird sie in einer großen Auktion für ein Vermögen versteigern. Doch damit werden Sie wiederum keinen Nutzen daraus ziehen.

DV: Das ist das Langweilige daran. Doch für mich ist das Ganze ein eher schrecklicher Gedanke. Es ist wie in dem Vers über den alten Crowley.

»There met one eve in the sylvan glade

a horrible man and a beautiful maid.

`Where are you going, so meek and holy?'

`I'm going to temple to worship Crowley.'

`So Crowley is God then? How did you know?'

`Well it's Captain Fuller that told us so.'

`And how do you know that Fuller was right?'

`I'm afraid you're a wicked man, good night.'

While this sort of thing is styled success

I shall not count failure bitterness.«

(Sinngemäße Übersetzung:)

Es trafen sich eines Abends auf einer sylvanischen Lichtung

ein schrecklicher Mann und ein wunderschönes Mädchen.

"Wohin gehst du, so demütig und heilig?"

"Ich gehe zum Tempel, um Crowley zu verehren."

"So ist Crowley ein Gott? Woher weißt du das?"

"Captain Fuller hat es uns gesagt."

"Und woher weißt du, daß Fuller recht hat?"

"Ich fürchte, du bist verrückt, schönen Abend noch."

Wenn sich Dinge dieser Art Erfolg nennen,werde ich des Fehlschlags Bitterkeit nicht mehr zu erfassen imstande sein.

Das war Crowleys kleines Gedicht zu diesem Thema. Sie müssen wissen, der Witz daran ist, daß tatsächlich einige Leute Crowley-Reliquien verkaufen; ich sah einige davon zu den schrecklichsten Preisen angeboten. Man kann eben nicht sehr viel gegen die Reliquien-Industrie tun. Das Problem ist, daß mir einfach kein Weg einfällt, daraus einen Nutzen zu ziehen, solange ich noch lebe — aber wir sprachen über Stiftungen und die Unterstützung der Gemeinschaftsstrukturen. Wie dies geschehen soll, ist mir nicht klar; wahrscheinlich wird es von selbst dazu kommen. Augenblicklich befinden wir uns in der sehr schwierigen Situation, unsere Kinder nicht auf angemessene Weise erziehen zu können, und es ärgert mich ziemlich, daß jede Religion der Welt außer uns ihre Kinder entsprechend ihrer Ideen aufwachsen lassen kann. Momentan — und das verdanken wir diesem ganzen schrecklichen Zeug über satanischen Kindesmißbrauch — wäre es für die Leute sehr schwierig, ihre Kinder mit dem Gedankengut der Hexenkunst großzuziehen, und ich sehe nicht ein, warum wir eine solche Diskriminierung erleiden sollen. Deshalb wird, wie ich glaube, irgendwann der Tag kommen, an dem wir über eine Art Hexen-Äquivalent zur Sonntagsschule verfügen werden. Ich weiß nicht, ob dies geschehen wird; aber warum sollten wir unseren Kindern nichts von dem erzählen, woran wir glauben? Die christlichen Fundamentalisten werden natürlich ein großes Tamtam darum veranstalten. Wir haben ja ganz nett darüber gesprochen, inwiefern die alte Covenstruktur ihren Zweck erfüllte, doch vielleicht irren wir uns in diesem Punkt. Wir müssen das im Kopf behalten, denn der Fanatismus einiger dieser Leute ist ziemlich erschreckend. Wenn andere Religionen ihre Kinder in ihrem Sinne aufzie
hen können, sollten wir, wie Sie schon sagten, Gruppen schaffen, die unsere Leute unterstützen — es gibt viele Arten von Menschen, die solche Gruppen benötigen würden. Die meisten dieser Vereinigungen werden heutzutage von christlich-religiösen Gemeinschaften betrieben, und einige leisten dabei sehr gute Arbeit; doch wir sollten natürlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, Dinge dieser Art selbst zu tun.

MT: Doch einige dieser Aktionen kosten Geld. So etwas aufzubauen ist für Menschen, die größtenteils nicht sehr viel Geld haben, schwierig.

DV: Ich glaube, die meisten der dem Hexenkult angehörigen Menschen sind nicht sehr reich, und die meisten dieser Initiativen hängen mehr oder weniger an einem Haar. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Ich denke, eines Tages sollten wir solche Dinge tun — Vereinigungen für ältere und jüngere Menschen zu unterstützen, und auch für solche mit Problemen. Ja, die Entwicklung selbst sowie die Richtung, die sie nimmt, sind wirklich erstaunlich; diese Strukturen werden geschaffen werden. Ich glaube, sie werden sich mehr oder weniger von selbst formen.

MT: Was schreiben Sie gerade? Ein neues Buch?

DV: Ja, ich versuche gerade, Ideen zu einem Buch zu sammeln, welches sich speziell an allein Praktizierende der Hexenkunst richtet und zwar unabhängig davon, ob dies aus eigener Wahl der Fall ist oder die Umstände dazu zwingen. Ein Buch für Menschen, die alleine oder nur mit einem Partner oder ein paar weiteren Leuten arbeiten. Ich bin der Ansicht, daß es sich hierbei um einen der Haupt-Entwicklungswege der Hexenkunst auf einer weitaus individuelleren Grundlage handelt. Ich bin dabei, ein Buch mit Zaubersprüchen, Ritualen und so weiter zu schreiben, das eben diesen Menschen weiterhelfen soll. Ich habe auch gerade mit einem alten Freund zusammen an einem Buch gearbeitet, mit Evan John Jones.

MT: Handelt es sich dabei um »Witchcraft, A Tradition Renewed«?

DV: Das ist richtig. Er schrieb ein Buch, das ich für sehr interessant halte, und deshalb half ich ihm ein wenig, indem ich es redigierte. Vieles darin empfing er als Inspiration und wußte oft nicht, was dabei herauskommen würde, ehe er es niedergeschrieben hatte. Es gründet sich auf die Ideen, die er und ich anläßlich einer Zusammenarbeit mit Robert Cochrane entwickelten. Einiges davon hat Jones ein wenig verändert, um es an heutige Bedingungen anzupassen und eher nach vorne als zurück zu sehen. Aber ich glaube, daß sich diese Art des Rituals etwas von dem unterscheidet, was die meisten Leute ausführen, auch wenn er einige Freunde in den USA hat, die diese Rituale mittlerweile praktizieren und mit denen er dauernden Kontakt hält. Anscheinend finden sie seine Arbeit erfolgversprechend. Wie dem auch sei, ich hoffe, daß sich auch andere Menschen für dieses Buch interessieren und nicht glauben werden, ich wolle andere Formen des Hexentums nun schlechtmachen, nur weil ich ihm half, dies zu veröffentlichen. Ich bin der Ansicht, daß wir verschiedene Betrachtungsweisen und unterschiedliche Traditionen brauchen.

MT: Wie stellen Sie sich die Zukunft des Hexentums vor?

DV: Ich halte es für einen Teil des nun heraufziehenden Wassermannzeitalters. So sehe ich es. Natürlich ist es nicht leicht für uns, dieser Entwicklung zuzusehen. Manchmal glaubt man, wir werden alle in einem Handkarren zur Hölle fahren, und es gibt nichts, was man gegen die ganzen Sachen, die man so im Fernsehen sieht, tun kann. Und dann hört man von einigen anderen Entwicklungen, die einen plötzlich wieder etwas hoffen lassen; als wenn die Dinge sich trotz der Kräfte der Dunkelheit herausarbeiten würden, hinein in ein besseres Zeitalter. Ich glaube, die Welt gestaltet sich selbst ganz allmählich aufs Neue. Es gibt da eine Kraft — nennen Sie sie Gaia oder die Kraft der Evolution, nennen Sie es die innere Ebene, wie immer Sie wollen — ich glaube, es ist eine solche Kraft am Werk, die etwas mit der menschlichen Evolution zu tun hat und uns beim nächsten Schritt hilft, wo wir uns entscheiden werden, ob wir mit dieser Kraft weitergehen wollen oder nicht. Wir können die Wahl treffen, uns gegen sie zu stellen, wenn wir unbedingt wollen; doch ich glaube nicht, daß es uns irgendwo hin bringen wird, dies zu tun. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Wer hätte schon gedacht, daß die Berliner Mauer von den Winden der Veränderung praktisch hinweggeweht werden würde? Doch so ist es geschehen! Und zwar nicht durch Waffengewalt. Es ist nicht durch die Pläne von Politikern geschehen, sondern aufgrund einer Art Bewegung des menschlichen Geistes, wenn Sie es so nennen wollen. So etwas passiert, die Welt verändert sich tatsächlich. Es ähnelt dem berühmten chinesischen Fluch »Mögest du in interessanten Zeiten leben«. Genau das tun wir.

MT: Die Hexenkunst scheint sich in dieser Situation in einer optimalen Lage zu befinden, welche es ihr ermöglicht, verschiedene Dinge zueinander in Beziehung zu setzten. Ich denke da zum Beispiel an die Grüne Bewegung mit ihrem Interesse für die Erde, die sich mit der Rolle der Frauen auseinandersetzende Feministische Bewegung und das New Age, welches sich mit der Spiritualität des Einzelnen beschäftigt. Scheinbar ist der Hexenkult fähig, all diese Dinge zu vereinen, was ihm innerhalb dieses Komplexes eine Führungsrolle geben könnte, da er die Synthese jener unterschiedlichen Bewegungen darstellt.

DV: Ich hoffe, daß die Hexenkunst einmal diese Rolle übernimmt. Das hoffe ich und sehe ich auch so kommen. Ich weiß zwar nicht, ob ich lange genug leben werde, um es zu erleben; aber ich würde für mein Leben gerne mal an einem dieser großen Open-Air-Treffen teilnehmen, wie es sie in den Staaten gibt. Ich denke, sie müssen wunderbar sein. Und ich wünsche mir, solche Treffen von einer Menge anderer Menschen begleitet zu sehen — nicht nur von jenen, die dem Hexenkult angehören, sondern auch von Menschen aus New-Age-Bewegungen, Feministinnen und solchen, die mit der Grünen Bewegung zu tun haben. Ich wünsche mir, daß all diese Menschen zusammenarbeiten; darin sehe ich die Zukunft der Hexenkunst. Wir können uns nicht mehr ausschließlich verhalten. Es gab eine Zeit, wo wir es tun mußten, da es sich dabei um eine Frage von Leben und Tod handelte; damals ähnelten wir eher der Widerstandsbewegung während des Krieges. Wenn wir uns außerhalb unserer Kreise bemerkbar gemacht hätten, hätte nicht nur eine recht gute Chance bestanden, uns selbst zu zerstören, sondern auch jene Menschen, die mit uns in Verbindung standen. Damals lernte man recht flott, wie wichtig Diskretion ist; aber diese Zeiten sind vorbei.

Unter den Fundamentalisten verschiedener Religionen sind allerdings Kräfte am Werk, die diese Zeiten gerne wiederkehren sehen würden; doch ich glaube nicht, daß sie erfolgreich sein werden, dafür ist die menschliche Evolution bereits zu weit fortgeschritten. Sie mögen zwar eventuell vorübergehende Erfolge aufweisen können und in der Lage sein, einige Schlachten zu gewinnen, doch den Krieg werden sie verlieren.

Ich hoffe, daß wir einer solchen Führungsrolle gerecht werden können. Ich spreche bewußt nur von einer solchen Rolle und nicht von einem Führer selbst, denn wir brauchen keinen einzelnen Führer, dem alle anderen folgen — von der Sorte hatten wir genug. Doch ich glaube, daß wir bei der Einführung des New Age eine leitende Funktion haben werden, und genau das möchte ich beobachten, auch wenn ich nicht weiß, ob ich so lange leben werde. Ich hoffe es.

Ich liebe diese Geschichte über Susan Anthony, welche Zsuzsanna Budapest in ihrem Buch erzählt. Irgend ein Journalist fragte Susan Anthony, weil sie nicht an eine orthodoxe Religion glaubte, etwa folgendes: »Was glauben Sie, wo Sie nach Ihrem Tod hingehen werden?« Sie antwortete: »Ich werde nirgendwo hingehen, sondern hierbleiben und die Frauenbewegung unterstützen.«

Ich werde also selbst dann, wenn ich nicht lange genug leben sollte, um all das mitzuerleben, hier sein und den Leuten auf die Nerven gehen.


 
Dieses Interview erschien zuerst in WICCAN REDE, P.O. Box 473, NL-3700 AL Zeist, Niederlande, und wurde uns von dieser freundlicherweise zur Übersetzung und zum Abdruck zur Verfügung gestellt.