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DIE GERMANISCHE
HELDENDICHTUNG DER EDDA
Andreas Heusler
Seit wann die Germanen eine Heldendichtung haben, wissen wir nicht; von den uns
bekannten Helden steht jedoch keiner weiter zurück als das 4. Jahrhundert,
das Jahrhundert der beginnenden Völkerwanderung. Erwachsen ist die Heldensage
meist aus geschichtlichen Ereignissen, nur zum kleineren Teil aus märchenhaften
Reimen, wie Drachen- und Riesenfabeln. Das Heldenlied ist jedoch keine Geschichte
in Versen; diese ist nur der Rohstoff, aus dem Dichter hohe Kunstwerke geschaffen
haben. Was diese Dichter fesselte und was sie gestalteten, waren nicht äußerlich
ablaufende Ereignisse, es war auch nicht das Tun und Leiden der vielen, sondern
das von innen her bestimmte Handeln der Helden. Geschaffen ist die Heldendichtung
nicht für die Spinnstube, sondern für die Fürstenhöfe; einmal
hören wir, wie ein König am Morgen vor der Schlacht seine Krieger durch
ein Heldenlied wecken läßt. Aber auch auf dem Bauernhofe erklangen diese
Lieder: der freie Großbauer stand einem Fürsten nicht allzu fern, und
ähnlich war auch die Gesinnung beider. Gar mancher isländische Bauernsohn
hatte ein paar Jahre auf Wikingsfahrt oder im Hofdienst norwegischer Könige
verbracht.
So wird das geschichtlich und
politisch Wichtige zum menschlich Bedeutungsvollen umgeformt: der Zusammenstoß
zwischen Goten und Hunnen im Hunnenschlachtlied wird zum Erbstreit zweier Brüder.
Zugleich hiermit wird der geschichtliche Stoff außerordentlich verdichtet;
er wird im Heldenliede auf wenige Auftritte mit einer kleinen Zahl handelnder Personen
zusammen gedrängt.
Ein Leitgedanke beherrscht die
Heldendichtung: der Untergang des mit einem übermächtigen Geschick zusammenstoßenden
Helden. Bei den Germanen aber führt der Schicksalsglaube nicht dazu, daß
man sich tatenlos fügt: der Held nimmt den Kampf auf, obwohl er weiß,
daß er unterliegen wird, weil ein Held so handeln muß: Gunnar folgt
trotz aller Warnungen der verräterischen Einladung an den Hunnenhof, weil einem
König ängstliche Sorge nicht ziemt.
Der größere Teil dessen,
was uns die Edda an Heldendichtung bewahrt hat, ist nur umgestaltete oder fortentwickelte
deutsche Dichtung. Das gilt von den ältesten Heldenliedern, wie dem alten Atlilied
und dem Hamdirlied; wir dürfen aber annehmen, daß auch die meisten jüngeren
Lieder des Nibelungenkreises unter deutschem Einfluß, zum Teil nach deutschem
Vorbild geschaffen sind. Das hochaltertümliche Hunnenschlachtlied stammt von
den Goten, wohl von den Weichselgoten, und ist entweder unmittelbar über die
Ostsee oder über Norddeutschland nach Skandinavien gekommen. Wir können
die Heldenlieder also nicht nur der Gattung nach, sondern auch in einer Reihe von
Einzeldenkmälern als gemeingermanisch ansehen.
Wer als Neuling an die altgermanische
Dichtung herantritt, der vermißt da ein wohlbekanntes Kunstmittel, den Endreim;
er findet dafür ein anderes, älteres und eindrucksvolleres, den Stabreim.
Dieser besteht darin, daß die Wörter gleich anlauten, wobei alle Selbstlaute
untereinander als gleich gelten und unbetonte Vorsilben nicht berücksichtigt
werden. Dieser gleiche Anlaut trifft aber nicht wahllos möglichst viele Wörter,
wie in manchen neueren Scherzversen; vielmehr staben grundsätzlich die am stärksten
betonten Wörter, und das sind wieder die, in denen das Schwergewicht des Sinnes
liegt. Während der Endreim ein äußerlich angebrachtes Zierwerk ist,
das die Silben auszeichnet, die zufällig am Versende stehen, packt der Stabreim
den Vers im Innersten, hebt er die Silben, die inhaltlich die wichtigsten sind,
noch stärker hervor. Dieses Zusammenfallen von Form und Inhalt gibt dem germanischen
Vers seine Ausdruckskraft.
In diesem Verse hat jede Kurzzeile
zwei Hebungen:
,,Urzeit war
es
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da Ymir hauste,
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nicht war Sand noch See
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noch Salzwogen."
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Hier verbindet der Stabreim die
beiden Kurzzeilen jeder Langzeile so, daß in der zweiten Kurzzeile, dem Abvers,
immer nur eine, und zwar regelmäßig die erste Hebung stabt (Ymir; Salz-),
in der ersten Kurzzeile, dem Anvers, dagegen eine oder beide (Ur-; Sand, See). Stabt
hier nur eine Hebung, so ist es möglichst die, die den stärkeren Ton von
beiden hat. Es gibt aber auch Kurzzeilen, die nicht zu einer Langzeile zusammengeschlossen
sind (Vollzeilen) und dann nur in sich staben:
,,Von seinen Waffen
gehe weg der Mann
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keinen Fuß auf dem Feld."
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Für den heutigen Leser, dessen
rhythmisches Gefühl meist verkümmert ist, ist es nicht ganz leicht, sich
in den mächtigen Taktfall der altgermanischen Dichtung hineinzufühlen.
Vor allen Dingen muß er alles hinten lassen, was ihm von Jamben, Trochäen,
Daktylen und dergleichen beigebracht ist. Es handelt sich einfach darum, in jeder
Kurzzeile die beiden Hebungen kräftig herauszureißen, einerlei, ob sie
durch viele schwächer betonte Silben getrennt sind oder hart nebeneinanderstehen.
Tut man das, so wird man bald spüren, wie wirkungsvoll der natürliche
Sprachfall und der Taktfall zusammengehen und welche Ausdruckskraft in dieser Dichtung
liegt. Man nehme die beiden Schlußgesänge des Hamdirliedes:
"Gut haben wir gekämpft:
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wir stehen auf Gotenleichen,
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aufrecht, ob schwertmüden,
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wie Aare im Gezweig;
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Heldenruhm gewannen wir,
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sterben wir heut oder morgen;
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niemand sieht den Abend,
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wenn die Norne sprach.
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Da sank Sörli
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am Saalende,
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und Hamdir fiel
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am Hausgiebel."
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In breiten, schwergefüllten
Takten schleudert Hamdir seine Trutzworte den Feinden entgegen; nur in der letzten
Kurzzeile wird die Silbenzahl karger, den harten Spruch der Norne zu kennzeichnen.
Dann ist es aus mit Kampf und Rede; und wie die Brüder sterbend niedersinken,
bricht in dem zweiten Gesätz auch der Rhythmus zusammen.
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