Die Geschichte der Friesen
Durch Redbad
Übersetzt von Susanne Dieck

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- Zweiter Teil - (785 A.D. - 1498 A.D.)


Die fränkische Periode (785 A.D.- 925)

[ûleboerd / oeleboerd (Verzierung für Scheunengiebel)]
oeleboerd

Karl der Große regierte sein fränkisches Reich in einer starken zentralisierten Weise, und die Friesen mussten in seinen Armeen dienen. Sie zogen unter den Franken 789 gegen die Wilten (auch Wilsten genannt) in den Krieg, und 791 gegen die Awaren. Als 800 die ersten Angriffe der skandinavischen Wikinger auf das sich noch unter der Herrschaft der Karolinger befindende Friesland stattfanden, wurden die Friesen vom Militärdienst auf fremden Territorien freigestellt, um statt dessen ihre Verteidigung gegen die heidnischen Wikinger zu organisieren.

Nach dem Sieg Karls des Großen 785 über die Sachsen stiess die Nordgrenze des fränkischen Reiches bereits an das dänische Reich. Die Dänen waren sich der schrecklichen Greueltaten, welche Karl der Große im Namen der Kirche ihren heidnischen Verwandten – den Friesen und den Sachsen – zugefügt hatte, durchaus bewusst. Die Überfälle der Dänen/Wikinger auf das Reich Karls des Großen und auf die darauf befindlichen wohlhabenden Kirchen und Klöster können daher als heidnische Vergeltungsschläge betrachtet werden.

Doch es gab ganz in der Nähe der fränkisch-christlichen Eindringlinge einen weiteren Feind der Friesen. Weihnachten 838 wurde beinahe ganz Friesland von einer gewaltigen Sturmflut überschwemmt, welche viele Menschen und eine große Anzahl Vieh ertränkte..


Friesland als Grafschaft des fränkischen Reiches (749 - 840 A.D.)


Nach dem Sieg Karls des Großen 785 wurde das gesamte friesische Reich zu einer Grafschaft des fränkischen Reiches. Abba, der Enkel des legendären Redbad, wurde der erste friesische Graf Frieslands westlich der Lauwers unter fränkischer Herrschaft (749 - 775). Die zwei Hauptaufgaben eines Grafen bestanden darin, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen, sowie den ständigen Nachschub an Einberufenen für die fränkischen Armeen zu organisieren. Von 734 bis 1100 repräsentierten die Grafen die fränkischen Kaiser (und nach ihnen die deutschen Könige). Diese Grafen waren Lehnsherren, und es ist nur sehr wenig über sie bekannt. Vermutlich hatten Ost -, West- und Mittelfriesland jeweils einen eigenen Grafen.

Namentlich bekannte Grafen von Friesland:

* 754 leitete Graf Abba (Boppa) den Bau der Bonifatiuskirche in Dokkum.

* 791 führte Graf Diderik (Durk) die Friesen im Kampf der Franken gegen die Awaren an.

* 839 verbündete sich Graf Gerlof mit dem rebellischen Sohn des Frankennamens  Ludwig der Fromme.

* 873 schlug Graf Albdag die Wikinger (Rudolf) in Westergo.

* 885 waren Graf Gerlof und Graf Gerdolf beim Mord an Godfried dem Norweger anwesend.

Graf Gerlof war der Vater von Diderik I, dem Grafen von Holland, sowie des Grafen Waltger in Teisterbant.

Die Namen der Söhne des Grafen Waltger, "Redbad" und "Poppo", verdeutlichen, dass die Grafen in Friesland "Redbadings", also Verwandte von Redbad, waren.

Die Grafen von Mittelfriesland:

* 966 herrschte Graf Egbert aus der Dynastie der Brunoanen, welche durch Heirat und Erbschaft an Mittelfriesland gekommen waren.

* 1038 starb Graf Liudolf aus der Brunswik-Dynastie.

* 1038-1057 war Bruno Graf von Mittelfriesland.

*1057-1068 war Egbert I Graf von Mittelfriesland.

* 1068-1088 war Egbert II Graf von Mittelfriesland.

 

* Die Grafen von Westfriesland:

* 885: Graf Gerlof

* 922: Graf Diderik I (Durk I) (zum ersten Mal wird diese Dynastie "Haus von Holland" genannt), Graf Diderik II genannt (Durk II)

* 993 fiel Graf Arnulf in der Schlacht mit den Westfriesen, und Graf Durk III schlug die Armee des Kaisers Hendrik II.

* 1049 starb Graf Durk IV eines gewaltsamen Todes.

* 1049-1061 herrschte Graf Floris I, der ebenfalls umgebracht wurde.

* 1076: Graf Durk V. Die Grafschaft Holland wurde (auch auf Grund flämischer Einflüsse) gegründet, und Graf Durk V und seine Grafschaft Holland wurden zu Gegnern West- und Mittelfrieslands.

Über die Existenz von Grafen in Ostfriesland ist so gut wie nichts bekannt

 


Die Konvertierung zum Christentum durch die Franken (688 - 734/785 A.D.)

Die Konvertierung der Heiden zum Christentum konnte nur in den unter fränkischer Herrschaft stehenden Gebieten verwirklicht werden. Die westliche Lauwers in Friesland wurde im Jahre in 734 zur einer fränkischen Grafschaft, und das gesamte friesische Reich geriet 785 unter fränkische Herrschaft. Die Christianisierung von Friesland hatte bereits 688 begonnen, als Wigbert in Friesland predigte, und galt 800 als abgeschlossen, als Friesland sich fest im Griff des fränkischen Herrschers Karls des Großen befand. Es schien, als seien alle Friesen im Jahre 800 zum Christentum bekehrt worden zu sein, aber in Wirklichkeit war nur die herrschende Oberschicht (die Grafen mitsamt ihrer Vasallen) katholisch geworden. Ein Großteil der Bevölkerung war immer noch heidnisch, und sollte dies auch noch für eine lange Zeit bleiben. Doch die heidnischen Priester Frieslands wurden zum Schweigen gebracht, genau wie die Skalden Frieslands, welche epische Gedichte wie Beowulf vortrugen. Auf diese Weise wurde die Kette der mündlichen Überlieferung durchbrochen, welche die Friesen mit ihrer heidnischen Vergangenheit verband, so dass das und Christentum schliesslich den Sieg davontrug.

Einige (tragische) Daten:

* 688 predigte Wigbert in Friesland.

* 690 – 754 predigten Willibrord und Bonifatius.

* 770-789 predigte Willehad.

* 775 predigte Liudger (ein Friese).

* 800 verfügte Friesland zwar über christliche Sozialstrukturen (Diözese in Utrecht), jedoch bestand der Großteil der Bevölkerung aus Heiden

Höhepunkte aus heidnischer Sicht:

* 714-719 floh Willibrord aus Utrecht, nachdem Redbad die Stadt erobert hatte.

* 754 wurde Bonifatius in Dokkum getötet.

* 782 floh Liudger vor dem von Widukind angeführten sächsisch-friesischen Aufstand.

* 793 traf Liudger Bernlef, den einzigen namentlich bekannten friesischen Skalden. Bernlef sang epische Lieder (wie Beowulf) über das heroische friesische Zeitalter.

 

Wikingerüberfälle und dänische Herrschaft (800 - 1014)

807 begann ein Krieg zwischen Karl dem Großen und dem dänischen König Godfried. Godfried überfiel Friesland mit einer Flotte von 200 Schiffen. Dem hatte die fränkische Verteidigung nicht allzuviel entgegen zu setzen. Kurz darauf starb Godfried (810). Nach seinem Tod konzentrierten sich die dänischen Überfälle überwiegend auf die britischen Inseln und weniger auf Friesland. Nach dem Tod des fränkischen Kaisers Ludwig der Fromme im Jahre 840 brach die Verteidigung der Karolinger von Friesland vollends zusammen. Da es keinen friesischen König gab, der eine wirksame Verteidigung hätte organisieren können, nahmen die Überfälle der Dänen auf diesen Aussenposten der Karolinger zu. Für den Rest des 9. Jahrhunderts lebten die Friesen meist unter dänischer Herrschaft und mussten Steuern an die dänischen Lehnsherren zahlen. Die Dänen zwangen die geschwächten karolingischen Könige, ihnen Friesland zum Lehen zu geben.

Lehnsherren in Friesland waren:

* Harald (840 - 844)

* Rorik und Godfried (844 - 857)

* Rorik (ein Christ) (862 -872)

* Godfried (881 - 885)

Im Jahr 885 wurde Godfried der Norweger, letzter skandinavischer Herrscher über Friesland, ermordet, und die dänischen Herrscher wurden von den Friesen aus Friesland vertrieben. Die Welle der großen heidnischer Wikingerraubzüge, welche manchmal mit der Besetzung der überfallenen friesischen Gebiete einherging, ebbte ab. Zwar gab es hin und wieder kleinere Zwischenfälle, aber auch dies hörte auf, als der christliche König Knut der Große Herrscher über Dänemark, Norwegen und England wurde.

 

Die deutsche Periode (925 - 1498)

843 wurde Lotharius II Herrscher von Friesland. 925 erkannten die meisten lothringischen Herrscher Heinrich I von Deutschland als König an. Friesland wurde Teil des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation". Die Exekutive wurde bis 1217 von den Lehnsherren (Grafen) ausgeübt.

Nach 1217 hatte Mittelfriesland weder einen Grafen, noch einen Lehnsherren, nahezu keine Ritter, und überhaupt keine Sklaven mehr. Ausserdem existierten nur einige wenige Städte. Die Friesen waren zu einem Volk der Landwirte, Fischer und Kahnführer geworden.

In Ermangelung einer übergeordneten Autorität entwickelten sich überall einheimische administrative Organe. Es war eine Periode raschen Wachstums - Landwirtschaft und Handel blühten und vermehrten den Wohlstand des Landes. Friesische Städte traten der "Hanse" - einem westeuropäischen Handelbündnis - bei. Doch es zogen bereits dunkle Wolken am Horizont auf, die das Ende der Freiheit der Friesen (1498) ankündigten.


Deichbau (Beginn etwa um 1000)

Nach dem Warftbau, der eigentlich eine eher defensive Maßnahme gegen den steigenden Meeresspiegel darstellte, gingen die Friesen zur Offensive über, indem sie begannen, dem Meer durch Deichbau Land abzutrotzen. Um 1000 waren auf beiden Seiten der Lauwers größere Teile des Landes von Deichen umgeben.

Zwischen 1000 und 1100 waren große Teile von Friesland durch Deiche geschützt, und es gab umfangreichen Regelungen hinsichtlich sind der Wartung der Dämme und der Schleusen.

Diese ersten Deiche hatten eine Höhe von 1.50 Metern. Hinter den Deichen verliefen etwa 4 Meter breite Straßen, so dass notfalls zwei Fuhrleute mit ihren Wagen aneinander vorbei fahren konnten. In Anbetracht der insgesamt zum Deichbau bewegten Erdmenge kann man hier getrost von einem Weltwunder sprechen.

Organisiert wurden diese großen Deichbauprojekte zuerst durch sogenannte "Skeltas". Im 13. Jahrhundert waren die "Grietmannen" und "Asegas" für die Deiche verantwortlich.

Trotz des Deichbaus gab es häufig Sturmfluten, welche die Dämme durchbrachen und Friesland überschwemmten - und zwar mit allen tragischen Konsequenzen.


Opstalboom (± 1000 - 1327)


Südwestlich von Aurich in Ostfriesland, auf einem Grabhügel aus der Bronzezeit, befindet sich ein Ort namens "Opstalboom" (Opstalsboom; Upstallboom; altfriesisch: Upstalesbame). Im 11., 12. und 13 Jahrhundert existierte ein Bündnis namens "Opstalboom", welches aus Repräsentanten der sieben friesischen "Zeelanden" (Länder, die direkt am Meer lagen) bestand. Diese Repräsentanten versammelten sich dort einmal im Jahr am Dienstag nach Pfingsten um unter anderem neue Gesetze zu erlassen. Wurde eines der sieben Mitgliedsländer angegriffen, so standen ihm die anderen bei.


Der Kampf gegen die niederländischen/holländischen Grafen (993 - 26 September 1345 - Die Schlacht bei Warns)

Das Ende der westfriesischen Freiheit.

Nach der Periode der skandinavischen bzw. Wikinger-Herrschaft wurden die Grafen des "Hauses von Holland" zur herrschenden Oberschicht in den Ländern entlang der Nordsee südlich von Westfriesland. Diese Grafen des Hauses von Holland waren zwar friesischer Abstammung, jedoch nach der Geburt der Provinz Holland 1075 beherrschten fränkische Einflüsse die Friesen. Zu dieser Zeit entstand eine tiefe Kluft zwischen den Friesen in Westfriesland und den Grafen von Holland. Auch unternahmen die Grafen etliche Versuche, die Westfriesen zu unterwerfen.

Graf Arnulf unternahm eine militärische Expedition; er wurde 993 getötet.

Graf Willem II griff Westfriesland im Winter 1256 an. Hoch zu Ross stürzte er durch eine zu dünne Eisdecke und wurde von den Friesen totgeschlagen.

Floris V, der Sohn von Willem II, führte daraufhin einen Rachefeldzug und besiegte Westfriesland. Etwa 1200 Friesen fielen in dieser Schlacht. Dies war der Beginn der "Ent-Friesianisierung" Westfrieslands.

Nach dem Tod von Floris V versuchten die Westfriesen einen Aufstand gegen seinen Nachfolger, Jan I. Dessen Nachfolger, Jan II, konnte den Aufstand der Westfriesen schliesslich niederschlagen. 3000 Friesen mussten hierbei ihr Leben lassen. Mittelfriesland sandte Truppen zur Unterstützung der Westfriesen, aber diese kamen zu spät. Die Westfriesen verloren ihre Freiheit, und in den kommenden Jahrhunderten auch die friesische Sprache (ihre Muttersprache).


Die Schlacht bei Warns

Nach der Niederlage von Westfriesland, richteten die Grafen von Holland ihr Augenmerk auf Mittelfriesland.

1345 startete Graf Willem IV einen Feldzug, welcher den Zweck hatte Mittelfriesland zu erobern. Mit einer großen Flotte und mit Hilfe der französischen und flämischen Ritter segelte er über die Zuiderzee. Das Nahen des Angreifers vereinigte die ansonsten zerstrittenen Friesen (der Upstallboom spielte bei dieser Vereinigung eine Rolle).
Am 26. September 1345 schlug Frieslands größte Stunde.

Willem IV und die Elite der holländischen, flämischen und französischen Ritter, die sich an der Spitze ihrer Armee befanden, wurden bei Warns von friesischer Landbevölkerung umzingelt und totgeschlagen. Daraufhin löste sich der Rest der Armee auf und ergriff panisch die Flucht. Die Leiche von Willem IV liess man zurück. Seitdem ist der 26. September ein Feiertag in Mittelfriesland.


Schieringers und Vetkopers (1217 - 1489 A.D.)

1392 war zum ersten Mal von den berüchtigten Schieringers und den Vetkopers die Rede, deren Namen gleichbedeutend mit den Ende der friesischen Freiheit waren. Diese Entwicklung hatte ihren Ursprung im Herzen Frieslands. Die Schieringers und die Vetkopers waren zwei miteinander rivalisierende Gruppen friesischer Abstammung, und sie führten Friesland in einen Bürgerkrieg. Dorf kämpfte gegen Dorf, Festung gegen Festung, und Söhne gegen ihre Väter.

Dies war die dunkelste Stunde Frieslands, und sie begann 1217. Zu dieser Zeit endete die Herrschaft der karolingischen Grafen in Mittelfriesland, so dass eine übergeordnete Autorität fehlte. Das Ergebnis war eine Schwächung von Recht und Ordnung. Die Macht wurde nicht länger von übergeordneten staatlichen Stellen, sondern direkt von der Gemeinschaft ausgeübt. Dies hatte zur Folge, dass es keine übergeordnete Autorität gab, die den Grietmann (Richter) in seinem Bemühen um die Einhaltung der Gesetze hätte unterstützen können. So entstand im 14. Jahrhundert die Vetternwirtschaft der Schieringers und Vetkopers.

Der Grund für diesen anhaltenden Stillstand war ein Charakterzug der Friesen - ihr ausgeprägter Hand zur Individualität. Tatsächlich war den Friesen ihre persönliche Freiheit wichtiger als die Freiheit des ganzen Volkes. 1489 wurde schliesslich die Hilfe einer fremden Herrschers, Albrecht von Sachsen, angenommen, welcher diese verhängnisvolle Vetternmitschaft beenden sollte. Dies war gleichzeitig das Ende der Freiheit der Friesen


Das Ende der Freiheit der Friesen (1498)

Albrecht von Sachsen setzte im Auftrag der Schieringers eine zentrale Regierung mit sächsischen Beamten ein. So kehrten zwar wieder Gesetz und Ordnung ein, doch Mittelfriesland verarmte kulturell zusehends. Ausserdem war die Amtssprache jetzt Deutsch, so dass immer mehr Friesen die Städte verliessen. Dies wurde noch durch den Umstand beschleunigt, dass nach der Reformation im 16. Jahrhundert die Bibel sowie die Predigten in den Kirchen nur noch Niederdeutsch waren.


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