DER GOTT TIUZ ODER TYR


In den ältesten Zeiten, über die sich die Geschichtsquellen nur spärlich auslassen, war Tiuz noch Erster der Götter. Er ist der Himmelsvater oder Allvater der Germanen. Seine Geliebte oder Gemahlin ist Frija.
Mit Frieden und Fruchtbarkeit segnet der Himmel (Tiuz) die Erde. Sein Name stammt vom älteren "djevs" ab, was soviel wie Himmel oder Licht bedeutet. Tiuz ist also der Licht- oder Himmelsgott.
Daneben entwickelte sich aber eine völlig neue Seite seiner Tätigkeit, welche bei den meisten Stämmen fast einzig überwog. Nachdem Kampf und Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten Lebensaufgabe der Germanen geworden war, wandelte sich die leuchtende, in erhabener Ruhe über den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende Gestalt des indogermanischen Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Tiuz wurde zum Kriegsgott.

So lernten ihn dann auch später die Römer kennen, die ihn mit ihrem Mars verglichen. Der Himmelsvater griff zum Schwert. Erstens um zu kämpfen, zweitens um zu richten und Recht zu sprechen, die wichtigsten Eigenschaften dieses Gottes.
Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der Schwerttanz bis ins späte Mittelalter erhalten. Die Tänzer führten kunstreiche Schläge aus, ahmten den Schwertkampf nach und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfaltige Figuren. Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit und wurde zu Ehren des Tiuz gehalten.

Am feierlichsten dienten Tiuz die Semnonen, ein Stamm der Sueben. Sie weihten ihm einen Hain, den man nur in Fesseln gebunden betreten durfte. Diese Fesselungen tauchen auch in anderen Mythologien auf und im Strick, den heutige Mönche noch um die Kutte geschlungen haben, zeigt sich ein kläglicher Bestandteil dieses Brauches. man ist gebunden, hat sich selbst gebunden, an einen Gott, um ihm zu dienen und vor allem, um seine Ehrfurcht zu bezeugen. Wehrlos lieferte man sich dem Willen der Gottheit aus. Heute würden wir dies mit Unvoreingenommenheit gegenüber anderen Anschauungen beschreiben, denn ohne diese dringt keine andersgeartete Vorstellung in unser Bewußtsein, die sich von der unsrigen unterscheidet. Wer im Hain zu Boden fiel, durfte nicht aufstehen, sondern mußte sich herauswälzen - eine besondere Übung in Achtsamkeit.

Tiuz wurden besondere Opfer dargebracht. Sie bestanden zum Großteil aus Beutestücken, eroberten Waffen und dem ersten Gefangenen des Gegners. Dieser und wahrscheinlich einige mehr wurden ihm als Dank für den Sieg geopfert. Schließlich war Tiuz Lenker der Schlachten und von seinem guten Willen war es abhängig, ob ein Stamm seine Schlacht gewann oder nicht.

Tiuz begnen wir in der Irminsul. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der Irminsul. Irmino ist Tiu. In Westfalen, auf dem Eresberg, war ein Heiligtum, ein Hain und ebenfalls eine solche Irminsul, welche Karl der Groáe 772 zerstörte. ER ist TIU unter anderem Namen.
Somit bezieht sich die Irminsul auf den alten Himmelsgott Tyr. Eresberg ist heute Marsberg ("Oh diese Römer!") Dienstag ist Tyrstag, im englischen noch leicht an Tuesday zu erkennen = Ziustag.

Im 6. Jahrhundert galt Tyr nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern, damals waren weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt. Tyrsdienst war im 9. Jahrhundert das Heeren der Wikinger in Irland, wo sie christliche Kirchen und Klöster niederbrannten und die Diener des Christengottes töteten.
Später trat dieser Dienst vor Thor und Freyr zurück. Aus Schottland ist uns folgender northumbrischer Kampfruf bekannt:
Teer yebus, ye teer, ye Odin. ("Tyr habe uns, Tyr und Odin!")

In der altsächsischen Abschwörungsformel aus dem Jahr 772, also zur Zeit der Christianisierung, stehen die Götternamen Thunder ende Woden ende Saxnote, denen der Täufling entsagen soll. Saxnot ist Tiu, da er den zwei anderen gleichgestellt ist; das Volk nannte Tiu als Schwertgenossen Saxnot.
Wie wir aus dem vorangegangenen geschichtlichen Abriá ersehen können, steht Tiuz, später Tyr, mit dem Kampf in Verbindung. Er ist anzurufen, wenn es eine Schlacht zu schlagen gilt, die gerecht verlaufen soll.

Ihm opfert man, wenn die Schlacht gewonnen ist. Er ist der Richter und somit Vorsitzender eines jeden Thing, der Versammlung zur Rechtsprechung und Beratschlagung. Bei dieser Versammlung beriet man sich über den weiteren Verlauf verschiedenster Angelegenheiten und es war somit angebracht, einen gerechten Gott an seiner Seite zu haben.

Die alljährliche Thingzeit ist um den 23. August herum. Somit steht Tyr auch heute noch mit Gerichtsverhandlungen und Kämpfen in Verbindung. Er verkörpert das Gesetz und ein gewaltiges Kraftpotential, wie wir es auch aus der ihm zugehörigen Tiwaz-Rune ersehen können, wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen.
Im angelsächsischen Runengedicht finden wir noch folgenden Hinweis:
Tyr ist ein Himmelszeichen, das den Prinzen Treue hält. Über dem Dunkel der Nacht stets auf seiner Bahn führt er uns niemals in die Irre. Hier finden wir den Polarstern wieder, der uns den Weg weist.
Er mißt alle Dinge auf ihre rechte Weise aus und verkörpert somit das Gesetz. Unser rationales Denken steht mit Tyr in Verbindung.