|

ODIN - DER WÜTENDE
WEISE
Versucht man diesen Gott in seiner Bedeutung
festzulegen, fährt man sich unweigerlich fest: Odin/Wotan läßt sich
nicht katalogisieren und mit standardisierter Logik kommt man ihm nicht näher.
Er entzieht sich und zeigt uns einen ganz anderen, neuen Aspekt seiner vielfältigen
Persönlichkeit. Seine über einhundertsechzig Nebennamen vermitteln einen
Eindruck, seiner vielschichtigen Persönlichkeit, denn jeder dieser Namen steht
für einen eigenständigen Aspekt Odins.
Es ist anzunehmen, daß es sich bei dem Namen Odin/Wotan nicht nur um den Namen
eines Gottes gehandelt hat, sondern auch um einen Godentitel. Diesem Phänomen
begegnen wir auch beim britannischen Merlin. Aus dieser Sichtweise heraus erklären
sich die in der Edda beschriebenen Initiationsriten, welche mit Odin in Verbindung
stehen.
DEORUM
MAXIME MERCURIUM COLUNT, CUI CERTIS DIEBUS HUMANIS QUOQUE HOSTIIS LITARE FAS HABENT.
(HERCULEM ET) MARTEM COCESSIS ANIMALIBUS PLACANT.
(Von den Göttern
verehren sie ((die Germanen)) am meisten Mercurius. Sie halten es für recht,
ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen. Den (Hercules und) Mars
suchen sie durch Opferung gnädig zu stimmen.)
Dies schreibt Tacitus in seiner Betrachtung Germaniens. Mercurius steht für
Odin; Hercules für Thor; Mars für Tyr.
Würde sich Odin so leicht be-greifen lassen wie der römische Merkur, hätten
wir es leicht, doch er entwindet sich noch viel geschickter einer eindeutigen Erscheinung.
Kein Wunder bei einem so luftigen Gott.
Auf dem Greinberg, bei Miltenberg, fand man zwei Weihinschriften für MERCURIUS
CIMBRIANUS, ebenso auf dem Heiligenberg, bei Heidelberg, eine Inschrift für
MERCURIO CIMBRIO. Desweiteren begegnen wir im südgermanischen Raum noch den
Variationen: MERCURIUS GEBRINIUS und MERCURIUS ARVERNUS. Hier standen sich keltischer,
germanischer und römischer Glaube sehr nah: Es ist die Gegend der "Heiligen
Hochzeit" der alten Religionen, zwischen Nord und Süd. Die Verbreitung
des Odinkultes erstreckte sich vom hohen Norden bis tief in den Süden, wenn
sich auch nicht so viele augenscheinliche Zeugnisse finden lassen.
Im Wochentag Mittwoch (Mercurii dies, Wuotanestac, Wodnesdaez, Wednesday, Wodenesdag,
auch Godensdag, Gaunsdag, Woensdag und Odinsdagr) begegnen wir Odin wieder. Im südgermanischen
Raum heißt dieser Gott Wotan, Wuotan, Wodan, Godan; im nordgermanischen Raum
Odin.
Wuotan erinnert uns an die Wut, das Wüten, den ekstatischen Kampf, das Heulen
des Herbststurmes, die Ekstase als Mittel zur Erkenntnis anderer Welten schlechthin.
Die Christen erklärten den Mittwoch zu einem Unglückstag, was vielleicht
darauf hinweist, daá dieser Tag eng mit dem Kult Odins zusammenhing.
Ortsnamen wie Wodansberg oder Godesberg begründen sich in Deutschland auf Odin;
im Norden finden wir: Odenslanda, Odense, Onsala, Odinsland, Odinshargh und so weiter.
Im altenglischen Neunkräutersegen heißt es:
Wyrm com snican/toslat he man,/da zenam Woden/VIIII wuldortanas,/sloh
da naeddran/thaet heo on VIIII tofelah.
Übersetzung: Ein Wurm kam geschlichen und zerriß einen Mann, da nahm
Wodan neun Machtstäbe, schlug damit die Natter, so daß sie in neun Stücke
auseinanderflog.
Hier begegnen wir Odin als kraftvollem Zauberer im Kampf mit einem Drachen, respektive
den negativen Kräften der Erdstrahlung.
Ebenso treffen wir im II. Merseburger Zauberspruch auf Wotan:
Phol ende Uuodan
vuorun zu holza;
dû uuart demo balderes volon
sîn vuoz birenkit.
Thû biguolen Sinhtgunt,
Sunna era suister;
thû biguolen Friia,
Volla era suister;
thû biguolen Uuodan,
sô hê uuola conda:
sôse bluotrenkî
sôse lidirenkî;
bên zu bêna,
bluot zu bluoda,
lid zi geliden,
sôse gelîmida sîn!
Übersetzung: Phol und Wodan ritten zum Wald; da verstauchte des Herren (oder
Balders) Füllen den Fuß. Da besprach Sinhtgunt, und ihre Schwester Sunna;
da besprach Friia und Volla ihre Schwester; da besprach Wodan, wie er das gut verstand,
sowohl Knochenverrenkung, wie Aderverrenkung, wie Gliederverrenkung; Knochen zu
Knochen, Ader zu Ader, Glied zu Gliedern, als seien sie geleimt.
Hier versteht es Wotan vorzüglich mit einem Pferd umzugehen, was nicht verwundert,
da er gerade zu diesen Tieren eine innige Beziehung hat. Sleipnir, sein achtfüßiges Roß steht für
alle anderen Vertreter dieser Gattung mit nur vier Läufen. Sleipnir steht mit
dem Element des Windes (8 Windrichtungen) in engem Zusammenhang, ebenso wie sein
Herr, der als Anführer
der Wilden Jagd
mit dem Sturm übers Land zieht. Bei der wilden Jagd begegnen wir auch dem damals
gepflegt im Wolfskult. Man kleidete sich in Tierhäute (meistens Wolfsfelle)
und zog rituell unter der Anführung des Gottes Odin im Spätherbst durch
Wälder und Felder.
In den Sagen über die Wilde Jagd wird meistens von angsteinflößenden
Lauten berichtet, was wohl auf die ekstatischen Schreie und Lieder der Wolfsleute
zurückzuführen ist.
Betrachtet man diesen Gott oberflächlich, erkennt man nur seine Bedeutung als
Kriegsgott. Er herrscht über Walhall, der Wohnstatt der Gefallenen die im Heer
der Einherjer tagsüber kämpfen und am Abend berauschende, von Met triefende
Stunden verbringen. Für ihre Unterhaltung und ihr Auskommen hat der Heervater
trefflich gesorgt, denn schließlich werden es die Einherjer sein, die an seiner
Seite in den Kampf zum Ragnarok ziehen. Die Einherjer sollten die Schutzmacht gegen
die Ausbreitung des Christentums sein, doch damals ist es ihnen nicht gelungen siegreich
aus dem Kampf hervorzugehen. Vielleicht bringen neue Zeiten einen ruhmreicheren
Ausgang mit sich...
Die Krieger unserer Ahnen weihten sich durch eine symbolische Speermerkung Odin
und blieben ihm auch nach dem Tode treu. Dieses Kriegerparadies ist für die
Zeit der Vikings besonders wichtig und es galt als ehrlos, nicht im Kampf gefallen
zu sein, denn nur die im Kampf gefallenen Krieger hatten eine Chance in Walhall
aufgenommen zu werden; viele brachten sich auch noch kurz vor dem Tod Kampfverletzungen
bei, um in diesen wundersamen Himmel zu gelangen.
Neben der Bedeutung als Kriegsgott, treffen wir bei gründlicher Suche, auf
weitere Aspekte dieses Gottes. Zunächst ist er der höchste Gott der Germanen
(wenn man ihn heute auch zusammen mit Tyr und Thor an die Spitze stellt) und somit
Speergott. Er besitzt den Speer Gungnir, auf dessen Spitze Runen
eingeritzt sind und den er zuweilen einem auserkorenen Helden ausleiht. Der Speer
wurde als Rechtssymbol in der Mitte des Thingplatzes aufgerichtet und blieb bis
in spätere Zeit Sinnbild königlicher Macht.
Weiters ist Odin Gott der Dichter. Er soll sich sogar selbst nur in poetischer Form
ausdrücken. Er hat den Skaldenmet (Dichtermet) erworben und ihn den Menschen
gespendet. Vom Met ist es nicht weit bis zur Ekstase und so heißt es bei Adam
von Bremen: "Wodan, id est furor." Er meint damit
die Kriegswut, den Blutrausch der Berserker und mancher Wolfshäuter. Doch als
ekstatischer Gott herrscht er nicht nur über die Ekstase des Kampfes, sondern
auch über die Ekstase zur Erlangung mystischer Geheimnisse. Hierbei wird die
erwünschte Erregung des Nervensystems oft durch den Genuß gewisser Gifte
(z.B. Fliegenpilz) gefördert. Es geht selbstverständlich auch um die Ekstase
beim Liebesspiel und im Tanz, welche uns in höhere Ebenen des Bewußtseins
katapultieren kann, vorausgesetzt wir lassen uns darauf ein.
Unter den Göttern ist Odin der große Zauberer. Er hat die Runen gefunden,
Werkzeuge der Magie und der Schrift und in der Edda werden uns mehrere Einweihungsrituale
überliefert.
Odin ist der wissende, listige Gott, er beherrscht Liebeszauber, die Totenbeschwörung
und die Fähigkeit, seine Gestalt und Erscheinung zu verwandeln. Er ist der
Schamane unter den Göttern. Er hat den Menschen die "hugruna" gebracht,
sie mit einem klugen Verstand ausgestattet.
Sein umfassendes Wissen bezieht er von Mimirs Haupt oder durch das Trinken aus Mimirs
Quelle. Um dieses Wissen zu erlangen, (aus der Quelle trinken zu dürfen) mußte
er sein linkes Auge opfern.
Er richtet somit seinen Blick für das ganzheitliche Denken nach innen und erlangte
Weisheit. Den größten Teil seines Wissens hat er jedoch von den Göttinnen
Frigg und Freyja beigebracht bekommen, sowie ihm auch die Völvas öfters
aus der Patsche halfen.
Neben seinen vielen Namen erstaunt einen auch die Vielzahl seiner Tiere. Diese Totemtiere
sind astrale Signets eines Gottes, welche wir Menschen uns als Krafttiere aneignen
können, um unter anderem mit bestimmten Aspekten des Gottes in Kontakt zu kommen.
An vorderster Stelle stehen bei Odin Wolf und Rabe, beides "Leichentiere"
die die Gefallenen "nach Hause bringen". Der Wolf steht auch für
das Rudel, den familiären Zusammenhalt und den Grauen Weg unserer Tradition,
dem Weg fern jeglicher Polarität. Der Rabe ist ein Vogel der Weisheit und Bote
der Anderswelt. Weitere Tiere mit denen Odin in engem Zusammenhang steht, sind:
Pferd, Adler, Habicht, Schlange, Bär, Ochse, Eber und Bock. Auf die spezielle
Bedeutung dieser Totemtiere gehe ich an anderer Stelle ein.
In der alten Astrologie hieß der Große Wagen "Woenswagen",
also Wodanswagen. Seine hervorstechende Eigenschaft als Pferdegott brachte eine
Verbindung zum Wagengott mit sich.
Schauen wir uns nun seine Familienverhältnisse an: Sein Vater war Burr, seine
Mutter Bestla. Geschwister hat er auch und zwar Vili und Ve. Seine Frau ist Frigg.
Doch nicht all seine Kinder erhielt er von ihr: Balder zeugte er mit Frigg; Thor
mit Njörd; Vali mit Rindr. Snorri nennt auch Heimdall, Tyr, Bragi, Vidar und
Hödr Kinder Odins, doch dürfte dies eine moderne mythologische Anpassung
sein.
Seine Wohnstatt in Asgard ist Hlidskjalf, von wo aus er die
ganze Welt überblicken kann.
Seine Erscheinung kann folgendermaßen beschrieben werden:
Leichtgewichtig, listiges Gesicht, langer, grauer Bart. Er trägt einen großen
breitkrempigen schwarzen Hut, welchen er über sein linkes, geopfertes Auge
zu ziehen pflegt, einen langen blauen Mantel und wenn er unterwegs ist trägt
er seinen Stab bei sich, manchmal auch seinen Speer. Auf Wanderschaft ist er mit
seinen Wölfen und den beiden Raben Hugin und Munin, welche ihm jeden Morgen von den Geschehnissen auf
der Erde berichten. (Diese beiden Raben können dem Kundigen hervorragende Hilfe
bei Geistreisen bieten!)
Wenn Odin nicht gerade auf Wanderschaft ist, dann reitet er auf Sleipnir. Neben
dem Speer gehört auch der Ring Draupnir
zu seinen
Attributen, welchen er vom Zwerg Brock bekommen hat und von dem, in jeder neunten
Nacht, acht neue Ringe abtropfen. Eine Erinnerung an den alten Kalender nach Mondzyklen.
Odin ist der listige Landstreicher, der sich durch das Leben schlägt und so
manche Weisheit hinter der Hutkrempe versteckt hält. Er ist der Zeitungsverkäufer,
ebenso wie der Redakteur. Er ist der Alchemist und Hexer, der Philosoph und Straáenfeger.
Er ist der Schamane und Meister im Umgang mit Tieren und noch vieles mehr - er begegnet
uns Menschen immer in einer Erscheinung, hinter der wir ihn nicht vermuten.
Bei der magischen Arbeit vermag er in den Spezialgebieten Runenkunde, Mythologie,
Dichtkunst, Kommunikation, Gestaltwandel, schamanistischen Reisen, Kampf, Strategie
und Verteidigung, sowie bei Heilung und Verführung helfen.
Man könnte ihn als Allroundgod betiteln: Dichtergott, Totengott, Kriegsgott,
Gott der Magie, der Runen, der Ekstase, der Diebe, Händler, Ärzte und
vielen Anderen mehr.
Die Rune Ansuz steht für seinen Aspekt als Lehrer uns sein Lieblingselement
den Wind. Die Rune Ehwaz steht für sein Pferd Sleipnir und Othala steht für
ihn als Signet der, unter seiner geistigen Führung stehenden, Stammesgemeinschaft
und deren magische Bindung an ihn (Zauberknoten).
Odins Bedeutung für die heutige Zeit sehe ich in seinem großartigen Mysterium
des Gestaltwandels. Wer sich und seinen Lebensweg diesem Gott weiht, dem wird es
mit Sicherheit aus keiner Ebene des Seins langweilig.
Es gäbe noch unendlich viel über diesen großartigen Gott zu berichten.
Um sein Mysterium wirklich zu verstehen, muß sich jedoch jeder selbst auf
den odinischen Weg begeben und als Einstieg empfehle ich folgende Lieder der Edda:
Völuspa, Grimnismal, Hrafnagaldr Odins, Harbardsljod, Vafthrudnismal, Gylfaginning
und Skaldskarparmal.
|