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Hünengräber
im Norden
der Niederlande
von
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Im Norden der Niederlande, in
der Provinz Drente, liegen fast über die ganze Provinz verteilt merkwürdige
Steinhaufen. Große Steine, jeder mit einem Durchmesser von etwa einen Meter,
in einem flachen Kreis aneinandergestellt und mit anderen, noch größeren
flachen Steinen abgedeckt. Hünengräber nennt man sie. Sie sind beeindruckende
und fremde Bilder einer längst vergangenen Epoche.

Die niederländische
Provinz Drente:
Die kleinen schwarzen Quadrate
bezeichnen die Lage der Hünengräber.
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Teufel, Spukgestalten, Riesen,
Germanen, Kelten, Normannen und Trichterbecherbauern - in drei Jahrhunderten voller
Behauptungen, Theorien und Phantasien über der wirkliche Zweck der Hünengräber
wurden sie alle mit einbezogen. Immer wieder änderten sich die Meinungen, und
jedesmal sah man die megalithischen Monumente mit anderen Augen.
Haben unsere heutige Kenntnissen
und Untersuchungsmethoden uns letztendlich die wirkliche Bedeutung dieser Steinhaufen
preisgegeben, oder ist nur wieder ein neuer wissenschaftlicher Mythos geschaffen?
Bis heute wird die Phantasie der
Zuschauer angeregt, wenn sie vor diesen Monumenten stehen. Noch immer strahlen sie
eine geheimnisvolle Faszination aus.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts
assoziiert man Hünengräber mit einer primitiven, unzivilisierten Bevölkerung
aus der Urzeit. Zugegeben, die Erbauer der Hünengräber hatten keine Elektrizität,
keine Flugzeuge, kein Plastik, aber man versuche nur, sich vorzustellen, über
welche technischen Kenntnisse man verfügen muß, um diese riesigen Steine
mehrere Kilometer zu transportieren - und das ohne LKW -, sie genau an einer bestimmten
Stelle in einer bestimmten Position aufzustellen und sie sogar, wo das notwendig
war, in der Form anzupassen.
In allen unterschiedlichen Theorien
wurden die Hünengräber immer mit den Tod in Verbindung gebracht.

Hünengrab
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Die Säulen des Herkules
Die Wiederbelebung (Renaissance)
im 16. Jahrhundert in den Niederlanden hatte auch ihren Einfluß auf die Hünengrab-Theorien;
ein damaliger Historiker meinte in den Hünengräbern die von der Römer
Tacitus beschriebenen Säulen des Herkules wiederzuerkennen. Er schrieb: äDie
Säulen des Herkules kann man bei Rolde (Städtchen in der Provinz Drente)
sehen. Der Mangel an Straßen und Schiffen und die Anwesenheit einzelner großer
Steine in diesem sumpfigen Gebiet läßt vermuten, daß diese großen
Steine von Teufeln dorthin gebracht worden sind und unter dem Namen Herkules angebetet
wurden. Auf den Säulen liegen Altarsteine. Dort wurden von den Einwohnern der
Gegend Menschenopfer gebracht; bevorzugt wurden Fremde, die man zwang, durch eine
enge Öffnung bis unter die Altarsteine zu kriechen, während sie mit Mist
beworfen wurden, bevor man sie tötete."
Der christliche Bonifazius soll
diesen Brauch beendet haben.
Ein anderer Historiker aus demselben
Jahrhundert meinte, in Drente solle ein riesiger Römerheer gelagert haben,
das von dem Germanenstamm der Friesen geschlagen und vertrieben wurde. Diese Friesen
sollen die Steinhaufen dann als Siegesmonumente gebaut haben.
Barbarische Riesen
Im 17. Jahrhundert behauptete
ein geistlicher Historiker auf Grund eines Bibeltextes (Genesis, (6:4)), daß
die Steinhaufen von Riesen gebaut wurden.
"Es sind Gräber grausamer,
barbarischer und gefühlloser Riesen, Hünen, Giganten, Kinder der Enakim,
Enim, Nephilim, Rephaim, Menschen des entsetzlichen Satans, mit großen Kräften
und bestialischer Grausamkeit, ohne jeglichen Respekt vor Gott und den Menschen,
geboren zum Verderben des Menschengeschlechts."
Er glaubte, dieses gottloses Riesengeschlecht
sei von den Sintflut vertilgt worden. Ihre Assoziation mit dem Heidentum und dem
Teufel in dieser Zeit wird wohl Ursache dafür gewesen sein, daß damals
so viele Hünengräber vernichtet wurden.

Menschenfressende barbarische Riesen
bei einem Hünengrab. (1660)
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Die angeführten Beweise waren
hier etymologischer Art; Hüne wurde abgeleitet von 'Huyne' und bedeutete 'Riese'.
Als dann Resten menschlicher Knochen unter den Hünengräbern gefunden wurden,
meinte der Forscher Picardt, der bekannteste Anhänger der Riesentheorie, daß
die Menschen diese Stellen weiterhin benutzten, nachdem die Riesen verschwanden.
Andere Forscher meinten, 'Hüne'
käme von 'Hunne', den Mitgliedern des germanischen Stammes der Hunnen, von
deren Führer Attila die meisten unter uns schon gehört haben werden. Nach
dieser Theorie haben die Hunnen diese Steinhaufen gebaut.
Wieder andere Forscher meinten
entdeckt zu haben, daß 'Hüne' entlehnt wäre von 'Heene' (Leichnam)
und damit die Hünengräber Aufbewahrungsorte für die Toten seien.
Alle diese Theorien beruhten aber ausschließlich auf schriftlichen Quellen.
Im 18. Jahrhundert wuchs das Interesse
an historischen Schriften, und der Begriff 'Altertümer' (Antiken) bekam neuen
Inhalt: Jetzt meinte man damit wirklich entdeckte oder ausgegrabene Dinge aus früheren
Zeiten statt deren Beschreibungen und Abbildungen . Damit entstand faktisch die
Archäologie als Wissenschaft, wenn auch noch nicht als universitäres Studium.
Zu diesem Zeitpunkt begann man
mit gezielten Ausgrabungen in der Provinz Drente, um vielleicht Hinweise zu finden,
die mehr über die Hünengräber aussagen könnten.
Aus den Funden schloß man,
daß der Bau dieser Monumente Menschenwerk sei. Zuerst schrieb man sie den
'Bataven' zu, einem Germanenstamm, dann entwickelte ein anderer Historiker die Theorie,
sie seien von Normannen gebaut worden, die Drente kolonialisiert hätten.
Als man dann am Ende des 18. Jahrhundert
durch die vorhandenen gebirgsbildenden Gesteine entdeckte, daß die Erde viel
älter war, als man bislang angenommen hatte, kam man auf den Gedanken, daß
auch die Hünengräber viel älter sein könnten.
Daraufhin 'bewies' im 19. Jahrhundert
ein bekannter Gelehrter, daß die Kelten die Erbauer der Steinhaufen waren,
und dies wurde über Jahrzehnte in den Schulen unterrichtet.
Als aber im selben Jahrhundert
der Begriff Eiszeit aufkam und man davon sprach, daß die Ausläufer des
skandinavischen Landeises bis in die Niederlanden gereicht hatten, fand man eine
befriedigende Erklärung für die Anwesenheit solch großer Steine
in Drente. Es wurde nun auch deutlich, daß die Geschichte der Erde viele hunderttausend
Jahre weiter zurückging, als man angenommen hatte.
Nachdem der Schwede Thomsen im
Jahre 1836 seine Einteilung der Geschichte publizierte, - von ihn stammt der Begriff
Prähistorie, unterteilt in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit - in der er
zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen dem Material der Werkzeuge und den aufeinander
folgenden Zeitabschnitten herstellte, kamen ernsthafte Zweifel an der Keltentheorie
auf, da man den Kelten damals schon den Gebrauch von Metall unterstellte.
Es versteht sich, daß dieses
Umdenken sich nur sehr langsam durchsetzte; schließlich hatten bekannte Historiker
ihre Reputation teilweise ihren Hünengräber-Theorien zu verdanken.
Im 19. Jahrhundert entdeckten
dann auch die Touristen die Provinz Drente und damit die Hünengräber.
Viele aus der Oberschicht der Bevölkerung besuchten die Monumente. Dadurch
kamen mehrere Publikationen zustande, die nicht so sehr historischer Art, sondern
eher Reiseeindrücke waren, die ohne direkte historische Untermauerung ältere
Theorien wieder ans Tageslicht brachten. So meinte ein Autor, die Hünengräber
seien doch keine Gräber gewesen, sondern Altäre. Diese Schriften wurden
jetzt aber in wissenschaftlichen Kreisen als Phantasie abgetan.
Trichterbecherkultur

Ein Trichterbecher.
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In den ersten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts hatte die Archäologie deutliche Fortschritte gemacht und aus
vielen Ausgrabungen ebensoviel neues Wissen errungen. Mit der wachsende Anerkennung
der Hünengräber als wichtige kulturhistorische Monumente wuchs auch die
Sorge, sie zu erhalten, und erste Schutzmaßnahmen wurden in die Wege geleitet.
Der wichtige Archäologe van Giffen ordnete die Hünengräber den Kulturresten
des sogenannten Trichterbechervolkes zu, welches er auf die Zeit zwischen 2700 v.Chr.
und 2300 v. Chr. datierte. Er publizierte auch ein Buch, in dem alle bekannten Hünengräber
aufgezeichnet waren, mit Standort und Bild.
Diese Zeit der genaueren Untersuchungen
führte auch zu der Entdeckung, daß alle Gräber auf einer Ost-West-Linie
gebaut waren und ihre Öffnung Richtung Süden hatten. Über die Gründe
dafür ist viel spekuliert worden; ob diese nun praktischer oder religiöser
Natur waren, wird wohl niemand mehr endgültig erfahren.
Aufgrund neuerer Methoden der
Altersbestimmung archäologischer Funde nimmt man heute an, daß die Hünengräber
in der Zeit zwischen 3450 v.Chr. und 2900 v. Chr. erbaut wurden, einer Zeit, die
auf der Zeiteinteilungsskala zum frühen Neolithikum gerechnet wird. Als Erbauer
wird auch heutzutage das Trichterbechervolk angenommen. Aus archäologischen
Funden schließt man, daß diese Menschen ein Volk von halbseßhaften
Bauern waren, die Ackerbau und Viehzucht betrieben und nebenbei auch jagten. Sie
verwendeten geschliffene Äxte aus Stein und stellten hochwertige Tontöpfe
für den Haushalt her. Der typischen Trichterform vieler gefundene Tontopfreste
verdanken sie ihren Namen; diesen bekamen sie also von den Archäologen. Wie
sie sich selbst nannten, ist nicht bekannt.
Für die Archäologen
und Historiker steht fest, daß diese imposante Steinmonumente Gräber
waren. Weshalb aber gerade solche Megalithmonumente gebaut wurden, ist immer noch
Diskussionspunkt. Eine häufig gehörte Auffassung ist die des Engländer
Renfrew, der in seiner Theorie der Neolithischen Revolution erklärt, daß
bei der 'Einführung' des Ackerbaus große Änderungen im Leben der
damaligen Menschen auftraten: Die Bauern sollen in kleinen Dorfgemeinschaften gewohnt
und von dem gelebt haben, was die Ernte brachte. Als die Ernte für die wachsende
Zahl der Dorfbewohner nicht mehr ausreichte, änderte sich nicht die Sozialstruktur.
Statt dessen zog ein Teil des Stammes weg, auf der Suche nach einem neuen Ort, wo
man sich ansiedeln konnte. Solche nomadischen Gruppen stellten eine Bedrohung für
die bereits ansässige Bevölkerung dar, die daraufhin ein 'Imponier-Verhalten'
entwickelte. Dieses Phänomen haben Forscher bei andere 'primitiven' Völkern
und bei vielen Tierarten gefunden. Dieses Verhalten äußerte sich darin,
daß verschiedene kleine Dorfgemeinschaften sich zusammenschlossen und große
Steinmonumente erbauten, damit potentielle Einwanderer sofort wußten, daß
sie sich in schon bewohntem Gebiet befanden und die Rechte an diesem Land schon
'vergeben' waren.

So stellte man sich um 1950 die Hünengrabbauer(n) vor.
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Soweit haben über drei Jahrhunderte
des Theoretisierens aufgrund unterschiedlichster Quellen (Schriften, Ausgrabungen
usw.) uns jetzt gebracht. Trotz aller neuen Fakten und Ansichten ist der Schleier
der Mystik und das Mysterium, das die Hünengräber schon so lange Zeit
umgibt, kaum durchsichtiger geworden. Wie werden kommende Generationen diese beeindruckenden
Monumente aus längst vergangenen Zeiten wohl sehen?
Ein Besuch solcher Hünengräber
ist bestimmt eine besondere Erfahrung. Da eine Besichtigung aller 54 Hünengräber
vielleicht etwas zu viel des Guten ist, wäre es zu empfehlen, im Dorf 'Borger'
anzufangen. In dieses Dorf liegt ein schönes Hünengrab. Direkt daneben
liegt ein Informationszentrum über Hünengräber, wo man nicht nur
Informationen erhält, sondern auch Bücher, schöne Bilder, mit einem
Hünengrab bedruckte T-Shirts usw. kaufen kann. Zu finden ist dieses Informationszentrum
dort an der Bronnigerstr. 12.
Drente grenzt an Niedersachsen,
Borger liegt etwa eine kleine Autostunde nordwestlich von Nordhorn.
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