Cormac und der Wahrheitsbecher


Cormac, Arts Sohn, war der Liebling der Sidhe von allen, die Je auf Irlands Thron gesessen haben, und die Sidhe haben alles getan, um seine Regierung und die seiner Nachkommen zum Segen für Land und Volk werden zu lassen. Am meisten hat zu seinem Ruhm die Gerechtigkeit beigetragen, die er gegenüber allen Ständen der Gesellschaft übte und die sprichwörtlich geworden ist.

Einst stand Cormac früh am Morgen allein vor der Burgmauer von Tara, da sah er einen jungen Mann von wunderbarer Schönheit auf sich zukommen. Sein Gewand fesselte das Auge durch eine seltene Mischung der Farben. Noch stärker aber zog des Königs Aufmerksamkeit ein Gegenstand auf sich, den jener auf dem Rücken trug: es war ein silberner Zweig, an dem drei goldene Äpfel hingen. Bewegte sich der Zweig mit den Äpfeln beim Schreiten des Jünglings hin und her, so ertönte eine Musik, die Verwundete, Kranke und gebärende Frauen in Schlaf versetzte.

Der König begrüßte den Unbekannten und fragte ihn, woher er komme. „Ich komme aus einem Land", lautete die Antwort, „wo allein die Wahrheit herrscht, wo weder Alter noch Siechtum noch Schmerz noch Erschöpfung noch Neid noch Mißgunst, Haß oder Stolz bekannt sind."

Wie anders als hier bei uns, — fuhr es dem König durch den Sinn. Er bat den Fremden um seine Freundschaft, und als dieser freudig zustimmte, wünschte er sich zum Zeichen dafür den Zweig. Er erhielt ihn, mußte aber als Gegengabe seinem neuen Freunde drei Wünsche erfüllen. Nie hatten am Hofe von Tara solch seliger Friede und ein so süßer Schlaf geherrscht als von dem Augenblick an, da Cormac in den Besitz des silbernen Zweiges gekommen war.

Nach Ablauf eines Jahres besuchte der Junge Fremde den König wieder und bat ihn, ihm den ersten Wunsch zu erfüllen: daß er nämlich Ailbe, die Tochter des Königs, mit in sein Land nehmen dürfe. Drei Wehrufe stießen die Frauen des Hofes aus, als sie die Königstochter davonziehen sahen.

Der König linderte Jedoch ihre Trauer, indem er den Wunderzweig schüttelte. Und das wiederholte sich, als der Jüngling der Sidhe nach einem Monat Cairpre, Cormacs Sohn, mit sich nahm und nach abermals einem Monat Eithne, die Königin. Einsam blieb König Cormac zurück. Unerträglich war ihm auf die Dauer, daß er die drei vermissen mußte, die ihm auf Erden das liebste waren, und auch die Musik des silbernen Zweiges konnte ihn über den Verlust seiner Frau und seiner beiden Kinder nicht trösten.

So beschloß er, sie zu suchen, und zog aus in die Richtung, in der er sie hatte verschwinden sehen. Als die Männer seines Hofes ihm folgen wollten, hüllte sie alle ein dichter Nebel ein; sie verloren seine Spur.
Allein gelangte der König in eine blühende Ebene. Mancherlei Wunder erblickte er hier, indem er weiterging, Wunder, die ihm später nur wie Bilder dessen erschienen, was sich im Leben der Menschen alle Tage ereignet, Bilder Jedoch, in denen das Wesen vom Schein befreit war. Gleich einer Schule für seine Königsherrschaft war ihm diese Wanderung, bei der ihm die Schuppen von den Augen fielen.

Nach langer Zeit erreichte er einen Königshof. Durch die offene Tür gewahrte er ein ehrwürdiges Ehepaar, das ihn einlud, näherzutreten. Herzlich war der Empfang, den sie ihm boten, erquickend das Bad. Als die Stunde des Mahles kam, erschien ein Vorschneider mit einem Schwein auf dem Rücken. Er zerlegte das Tier und warf die Stücke zum Kochen in den Kessel, unter dem ein Feuer hoch aufflammte.

„Ihr seht dies Feuer", sprach der Gastgeber zu Cormac, „und dennoch wird das Fleisch nimmermehr gar werden, wenn nicht für Jedes Viertel eine wahre Geschichte erzählt wird. Beginne du", wandte er sich an den Vorschneider, „wir folgen!"

Und der Vorschneider erzählte die Geschichte, wie er zu seinem Schwein gekommen, wie es, am Abend geschlachtet, Jeden Morgen voll neuen Lebens war. Offenbar sprach er nichts Unwahres, denn als er seine Geschichte beendet hatte, zeigte es sich, daß ein Viertel des Schweines gargekocht war.
Nun erzählten der Herr und die Frau des Hauses ihre wahren Geschichten. Darauf war die Reihe an Cormac; und wovon hätte er lieber erzählen sollen als von dem, was sein Herz erfüllte, von dem Verlust der Seinen und dem Ziel seiner Wanderung? Als er geendet hatte und die Mahlzeit beginnen sollte, versetzte der Gastgeber den König mit einer sanften Musik in den Schlaf.

Dieser mochte später nicht mehr zu sagen, wie lange sein Schlaf gedauert hatte; aber als er erwachte, erblickte er neben sich seine Frau und seine beiden Kinder und außer diesen noch fünfzig junge Helden, die ihn zusammen mit dem Ehepaar zu Tische luden. Dann stellte sich der Gastgeber vor: er sei Manannan, einer der mächtigsten Könige der Sidhe. Seine Absicht sei gewesen, König Cormac in das gesegnete Land zu holen und seine Augen für das Verborgene zu öffnen.

Beim Abschied durfte Cormac Eilbe, Cairpre und Eithne heimführen. Den silbernen Zweig durfte er behalten. Und obendrein schenkte ihm Manannan den Wahrheitsbecher, der in Stücke zerbricht, wenn eine Lüge vor ihm erzählt wird, der sich Jedoch, wenn die Wahrheit dann offenbar wird, selbst wieder zusammenfügt. Voller Freude nahm der König diesen kostbaren Gegenstand mit nach Tara. Und nichts hat so zu Cormacs Ruhm beigetragen als die Gabe, die er ihm verdankte, nämlich jederzeit Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden zu können.


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