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Das verzauberte
Land
Wie in Irland, hatten auch in Britannien die Landgeister die Pflicht, das Land vor
dem Unwesen dämonischer Mächte zu beschützen, die immer wieder darauf
ausgingen, es ins Chaos zurückzustürzen, und zwar nicht so sehr mit Gewalt
wie mit Hilfe von Zauberei. In der Reihe der großen Streiter gegen die Dämonen
und Zauberer, deren Namen die Überlieferung uns aufbewahrt hat, stehen Manawydan,
der Sohn Llyrs, und Pryderi, der Sohn Pwylls, an erster Stelle.
Manawydan und Pryderi wohnten
mit ihren Frauen Rhiannon und Kicva in der Burg Arberth im Süden von Wales,
in der heutigen Grafschaft Pembroke. Sie pflegten abends nach dem Essen die Burg
zu verlassen, sich auf einem benachbarten Hügel niederzusetzen und den herrlichen
Anblick zu genießen, den das reiche Land bot.
An einem solchen Abend geschah
es, daß sie von einem donnernden Getöse aufgeschreckt wurden. In demselben
Augenblick hüllte sie ein dichter Nebel ein, und sie konnten einander nicht
mehr sehen. Wie lange dies dauerte, wußten sie später nicht zu sagen.
Doch als es dann endlich wieder hell und still um sie geworden, da erschien alles
Land, wo zuvor Kühe geweidet und Häuser das Auge erfreut hatten, in eine
trostlose Wildnis verwandelt. Kein Haus, kein Tier, kein Rauch, kein Feuer, kein
Mensch — nichts war mehr zu erblicken.
Nur die Häuser im Burghof
standen noch. Jedoch in vollkommen verlassenem Zustand. Sie allein waren noch übriggeblieben,
Knechte und Mägde waren verschwunden. In der Burg fanden sich noch einige Vorräte,
von denen sie eine Zeitlang ihr Leben fristen konnten; dann lebten sie von Wild,
Fisch und Honig. Aber gegen ein solches Dasein, bar jeder Kultur, empörte sich
ihr Geist. Sie beschlossen, das Land zu verlassen und anderswo ein besseres Auskommen
zu suchen, wo bösartige Zauberkunst noch nicht alles vernichtet hatte, was
das Leben lebenswert machte.
So zogen sie zu viert in ein benachbartes
Land, wo sie Sättel anfertigten und damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollten.
Vor allem Manawydan war ein Meister in diesem Handwerk; er verstand sich darauf,
die Sattelbögen so glänzend weiß zu machen, wie man es noch nie
von eines Ändern Hand gesehen hatte. Schon in der ersten Stadt, in der sie
sich niederließen, hatten sie einen solchen Zulauf, daß kein anderer
Handwerker mehr Sättel oder Sattelbögen verkaufen konnte.
Da fingen die Sattelmacher an,
zu murren und eine drohende Haltung gegen sie einzunehmen. Bald blieb ihnen nichts
anderes übrig, als aus der Stadt zu fliehen. Doch in der nächsten Stadt,
in der sie sich als Schildmacher ausgaben, erging es ihnen nicht viel besser. Sowohl
die Form wie die saubere Arbeit ihrer Schilde übertraf alles, was auf diesem
Gebiete je hergestellt worden war. Alsbald schwebte ihr Leben in Gefahr; wieder
mußten sie das Weite suchen.
Und noch ein drittes Mal sollten
sie dasselbe erleben. Wieder zogen sie weiter in eine andere Stadt, dieses Mal in
der Absicht, Hosen und Schuhe zu machen und sich damit durchzuschlagen. Was sie
lieferten, hatte nicht seinesgleichen. Während Manawydan die Teile zuschnitt,
bestickte Pryderi das Leder, und die Leute wollten nur noch von ihm Schuhe kaufen,
die überdies noch einen besonderen Schmuck durch die goldenen Schnallen bekamen
— Manawydans Schmiedewerk.
Als nun aber die Fachleute sich
auch hier wieder gegen sie erhoben, sank ihnen der Mut, die Arbeit fortzusetzen.
Lieber wollten sie sich ins Unvermeidliche schicken, nach Wales zurückkehren
und lieber dort eine einfache Zuflucht suchen. So kamen sie wieder nach Arberth,
von den Schlägen des Schicksals entmutigt, machten wieder Feuer und zogen wie
ehedem auf die Jagd.
Nachdem die göttlichen Vier
wieder in der Burg eingezogen waren, mußten sie bald erfahren, daß der
Bösewicht, der sie schon einmal zur Beute seiner finsteren Listen und Schliche
auserkoren hatte, nicht gesonnen war, sie fürderhin in Ruhe zu lassen.
Eines Tages befanden sich Manawydan
und Pryderi auf der Jagd; da sahen sie ein weißschimmerndes Wildschwein aus
dem Walde hervorbrechen. Es war natürlich ein Zaubertier, und seine Verfolgung
erschien zwecklos. Plötzlich erblickten die beiden Jäger ein Schloß,
das sich an einer Stelle erhob, wo vorher nie ein Gebäude gestanden hatte.
Darin verschwand das wilde Tier. Die Hunde setzten ihm nach, und.. Pryderi schlug
den Rat seines Gefährten in den Wind und verschwand in dem Tor. Vergeblich
wartete Manawydan den ganzen Tag auf seinen Jagdgefährten; Pryderi kam nicht
wieder. Der Zauberer hielt ihn gefangen.
Einsam und traurig kehrte Manawydan
heim. Rhiannons erste Frage galt Pryderi; er war ihr Sohn, der einzige, den sie,
lange bevor sie Manawydans Frau geworden, König Pwyll geschenkt hatte. Sie
überhäufte Manawydan mit bitteren Vorwürfen, daß er seinem
Gefährten nicht in das verzauberte Schloß gefolgt sei. Sie hätte
anders gehandelt, sie hätte die Pflicht der Kameradschaft nicht vernachlässigt.
Sie zurückzuhalten, war unmöglich. In tiefer Besorgnis ließ Manawydan
sie ziehen. Und seine Sorge war nur zu berechtigt: auch Rhiannon kehrte nicht zurück.
Nachdem nun Manawydan mit Kicva,
Pryderis Frau, allein zurückgeblieben war, beschloß er, das Werk der
Kultivierung von neuem zu beginnen. Ihm war der Gedanke unerträglich, daß
sein teures Land unter der Verzauberung und dem Fluch der Dürre und der Unfruchtbarkeit
zugrunde gehen solle.
Aus dem angrenzenden, ihm aus
früheren Fahrten bekannten Gebiet holte er eine Last Saatgut. Dann machte er
sich daran, den Boden von Arberth zu bearbeiten, er pflügte und säte.
So bestellte er drei Äcker, und bald versprach der eine mehr als der andere.
Und als endlich die Zeit der Ernte gekommen war, nahm er sich eines Abends, als
er so vor einem seiner Äcker stand, vor, am folgenden Morgen mit dem Mähen
des hochaufgeschossenen Korns zu beginnen.
Vergebliche Hoffnung! Die Frucht
seiner Mühen sollte Manawydan nicht ernten. Als die Sonne über dem Lande
aufging, standen nur noch die nackten Halme auf dem Acker, einer um den ändern
abgeknickt an der Stelle, wo die Ähre mit ihrer reichen Verheißung aufgestiegen
war. Tiefe Enttäuschung befiel ihn, als er die Frucht seiner schweren Arbeit
vernichtet sah, doch tröstete er sich mit der Hoffnung, am nächsten Tage
auf dem zweiten Acker ernten zu können. Aber ach!, auch diese Hoffnung wurde
auf die gleiche Weise zerstört.
Darauf beschloß Manawydan,
den dritten Acker die Nacht über zu bewachen. Was er dabei entdecken mußte,
übertraf Jede Vorstellung: zur mitternächtlichen Stunde bohrte sich ein
Heer von Mäusen aus der Erde herauf, das zu groß war, um es zählen
oder auch nur schätzen zu können. Im Nu hatte sich Jede Maus einen Halm
ausgesucht, kletterte hinauf, nagte die Ähre ab und verschwand so schnell,
wie sie gekommen war. Es war nicht daran zu denken, den Mäusen nachzusetzen
oder gar sie zu fangen. Nur eine einzige erwischte Manawydan, eine, die so dick
und so groß war, daß sie sich kaum bewegen konnte.
Dieses unförmliche Tier nahm
er mit nach Hause. Er zeigte es Kicva und beschloß, die ihm angetane Schmach
zu rächen und die Maus auf dem Hügel von Arberth an den Galgen zu hängen.
Kaum hatte er die beiden Pfähle in die Erde eingeschlagen, da stand ein Mann
im Gewand eines fahrenden Sängers vor ihm. „Herr, erniedrige dich doch nicht,
ein so abscheuliches Tier auf zuhängen!" sprach er. Manawydan aber ließ
sich nicht beirren, und der Sänger verschwand.
Darauf erschien ein Mann im Gewand eines Priesters vor ihm und sprach dieselben
Worte. Aber wieder stellte Manawydan sich taub; er wartete auf eine dritte Erscheinung.
Diesmal war es eine Gestalt im Gewände eines Bischofs. „Es will mir nicht in
den Sinn, daß ein Mann deines Standes solch ein elendes Tier aufhängt.
Ich kaufe es dir für sieben Pfund Silber ab!" sprach er. Nein, Manawydan
dachte nicht daran. Vierundzwanzig Pfund! Auch dafür nicht. Sieben Pferde mit
sieben vollbeladenen Packsätteln! Mehr wollte Manawydan, immer mehr: die Befreiung
Pryderis und Rhiannons, die Aufhebung der Verzauberung der sieben Landschaften von
Süd-Wales, das Versprechen, daß dieses Land nie wieder von solcher Freveltat
heimgesucht werde! Und alles gewährte ihm der Dämon.
Er hätte es nicht getan,
wenn nicht von all den dunklen Geistern, die er in Mäuse verwandelt hatte,
gerade diese eine seine Frau gewesen wäre, die sein Kind unterm Herzen trug.
„Wohlan", sprach Manawydan, „ich gebe sie frei, sobald ich Pryderi und Rhiannon
wieder neben mir sehe!"
Freude erfüllte ihn, als
er seine beiden Gefährten vor sich sah. Aber noch mehr Freude bereitete ihm
der Blick, den er nun auf die lachenden Fluren seines herrlichen Landes werfen durfte:
sie prangten wieder in ihrer alten Pracht, mit allen Herden und Höfen. Wieder
einmal war die immer drohende böse Zaubermacht abgewendet worden.
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