Llud und die drei Plagen


Kein keltischer König hat Größeres geleistet, Britannien vor böser Zauberei zu bewahren, als Llud, Belis Sohn, der Gründer der Stadt London, die nach ihm ihren keltischen Namen Caerlud trägt. Er war gefürchtet als Kriegsmann, jedoch ein milder Fürst. Nie hat er einem seiner Untertanen, der ihn darum bat, seine Hilfe verweigert.

Keinen von seinen Brüdern liebte er inniger als den jüngsten, Lievelys. Mit Hilfe des Königs Llud war es diesem gelungen, die Hand der Erbprinzessin des Königreiches am jenseitigen Ufer des Meeres zu gewinnen, und dort mit seiner Frau gekrönt zu werden. Dadurch wurden die Bande der Freundschaft zwischen den beiden Königreichen enger geknüpft als je zuvor. Und keiner hat größeren Nutzen daraus gezogen als Llud von Britannien selbst.

In den Jahren seiner Regierung suchten drei Plagen die Insel Britannien heim, die nur dämonischer Zauberei entsprungen sein konnten. Die erste Plage war ein Heer von Bösewichtern, die das Land verwüsteten und gegen die einen Feldzugsplan auszuarbeiten unmöglich war, mochte er noch so geheim gehalten werden, weil jedes Wort, sogar das leise geflüsterte, ihre Ohren erreichte, wenn der Wind es mitführte.

Ein Schrei war die zweite Plage, der jeden ersten Mai über dem Herd eines jeden Hauses ertönte; ein Schrei, der solche Angst einjagte, daß erwachsene Männer ihre Kraft und die Farbe vom Antlitz verloren, daß Frauen die Kinder, die unter ihrem Herzen ruhten, nicht länger tragen konnten, und alle jungen Menschen von Sinnen gerieten.

Am schlimmsten war wohl die dritte Plage: alle Vorräte an Nahrung, die in den Höfen des Königs aufgespeichert lagen — und waren sie auch so reichlich, daß man ein ganzes Jahr lang Feste davon hätte feiern können — waren nach der Mahlzeit des ersten Tages spurlos verschwunden. Von der zweiten und dritten Plage kannte man nicht einmal die Ursache. Machtlos stand Llud diesen drei Schrecken gegenüber. Er berief den Rat der Großen seines Reiches, aber auch sie sahen keinen Ausweg. Darum beschloß Llud, den Rat seines Bruders Lievelys einzuholen; war doch dessen Weisheit und Einsicht selbst für einen König ungewöhnlich. Insgeheim ließ er seine Flotte rüsten und fuhr zum Lande seines Bruders hinüber. Sobald dieser hörte, daß die Schiffe nahe seien, stach auch er in See und segelte König Llud entgegen.

Sobald die Flotten einander gegenüber lagen, stiegen die beiden Könige in die Boote; als sie beisammen waren, begrüßten sie sich in inniger brüderlicher Liebe und umarmten sich. Llud brachte es nicht über sich, die schwere Not, die auf seinem Reiche lastete, länger zu verschweigen; mit feurigen Worten flehte er seinen Bruder um Hilfe an. Gleich hier schon zeigte sich Lievelys weise Umsicht. Aus Besorgnis, es könne der Wind die Worte, die er seinem Bruder zu sagen hatte, erhäschen, ließ er ein kupfernes Hörn anfertigen, durch das sie sich verständigen konnten.

Allein die bösen Mächte, die der Insel Britannien den Untergang geschworen hatten, lagen scharf auf der Lauer. Sie hatten die List der Brüder bemerkt, und jedes Wort, das in das Hörn gesprochen wurde, verwandelte sich für den, der es hörte, in ein bösartiges, gehässiges Schimpfwort. Da ließ Lievelys Wein bringen, an dem sein Land so reich war, und das Hörn sorgfältig damit ausspülen. Und siehe!, durch die Kraft des Weines wurde das Hörn entzaubert, und fluchtartig mußten die bösen Geister es verlassen.

Nachdem er so ein ruhiges Gespräch gesichert hatte, ergriff Lievelys das Wort. „Bruder", sprach er, „ich will dir die Plagen, die dein Reich heimsuchen, genau erklären und dir die Mittel nennen, die dich von ihnen befreien können. Höre auf mich und folge meinem Rat, ohne in der geringsten Kleinigkeit davon abzuweichen. Dann wird sich alles zum Guten wenden! Gegen das dämonische Geschlecht, das dein Königreich brandschatzt — es sind die Coranyeit —, werde ich dir giftige Tiere geben in der Gestalt von Würmern. Einige davon mußt du aufheben, damit sie sich vermehren für den Fall, daß eine neue ähnliche Plage die Insel Britannien heimsucht. Die übrigen aber mußt du in Wasser zerstoßen. Ferner mußt du alsbald nach deiner Rückkehr dein ganzes Volk und auch das Geschlecht der Coranyeit zu einer Besprechung zusammenrufen. Du mußt dies tun unter dem Vorwand, Frieden zwischen ihnen zu stiften. Dabei mußt du sie alle gleichmäßig mit dem verzauberten Wasser bespritzen. Und dann wirst du das Wunder erleben, daß das Gift der Würmer keinen aus deinem eigenen Volk tötet oder auch nur ihm schadet, daß aber die Feinde alle ohne Ausnahme daran zugrunde gehen.

Die zweite Plage nun, der Schrei, den ihr alljährlich hört, wird von einem Drachen ausgestoßen. Es ist der Drache deines Landes. Der Drache eines anderen Volkes hat ihn zum Kampf gefordert und will ihn überwältigen: das ist der Grund, warum er einen Schrei ausstößt. Folgendes mußt du tun, um die Ruhe wiederherzustellen: Du mußt dein Land sorgfältig ausmessen, den genauen Mittelpunkt suchen und dort die Erde aufgraben lassen. In die Grube lassest du ein Faß voll des besten Metes stellen, der in Britannien bereitet wird. Spanne ein Tuch aus kostbarem Stoff darüber, verstecke dich selbst in der Nähe und beobachte, was geschieht. Der Augenblick wird kommen, wo die beiden Drachen erscheinen und in einen furchtbaren Kampf miteinander geraten. Dabei bleiben sie nicht auf der Erde, sondern sie steigen hoch in die Lüfte hinauf. Ihre Wut wird immer grimmiger werden. Endlich wirst du sie erschöpft und kraftlos auf das ausgespannte Tuch niederstürzen sehen, sie werden es auf den Boden des Fasses hinunterziehen, den Met trinken und in Schlaf fallen. Dann schlage das Tuch über sie zusammen, lege sie in einen steinernen Behälter und vergrabe den an einem Ort, der so stark befestigt ist, wie du nur einen finden kannst. Solange die Drachen dort begraben liegen, wird diese Plage sich nie und nimmer wieder zeigen.

Endlich die dritte Plage. Ein mächtiger Zauberer raubt dir deine Vorräte. Darum mußt du sie fortan selbst bewachen. Doch hüte dich, in Schlaf zu fallen: stelle ein Faß mit kaltem Wasser neben dich und bade darin, sooft dich der Schlaf übermannen will. Erscheint dann der Zauberer, so mußt du ihn anrufen und ihn zum Zweikampf fordern. Du wirst Sieger bleiben. Er aber wird dich zuguterletzt um Gnade anflehen. Gewähre sie ihm. Er wird dir für die Zukunft seine Dienste anbieten, und ich versichere dir, du wirst nie einen besseren Diener in deinem Reiche haben!" Mit diesem Rat seines Bruders kehrte Llud heim. Das erste, was er tat, war, die Zusammenkunft mit den Coranyeit anzusetzen, und sie verlief genau so, wie Lievelys vorausgesagt hatte. Das giftige Zauberwasser tat seine Wirkung, und das Dämonengesehlecht wurde vollkommen ausgerottet.

Durch diesen Erfolg nicht wenig in seiner Zuversicht gestärkt, nahm der König den zweiten Teil seiner Aufgabe in Angriff. Er befahl, die ganze Insel Britannien genau anszumessen; in der Stadt Rhyd Ychen, dem späteren Oxford, fand man den Mittelpunkt. Mit einem Tuch von feinstem Stoff überdeckt, wurde dort das Faß Met in die Erde gesenkt.
Gräßlich war der Kampf der Drachen, der nun folgte. Trotz der sengenden Hitze, die die beiden Ungeheuer verbreiteten, verließ Llud sein Versteck nicht eher, als bis sie, vom Met betäubt, in tiefem Schlaf auf dem Boden des Fasses lagen. Ein steinerner Behälter von gewaltigen Mafien war bereitgestellt worden; die Drachen wurden hineingesperrt, der Behälter auf Lluds Geheifi nach Wales gebracht und in Eryri, dem Snowdongebirge, vergraben. Nie hat man je wieder den beängstigenden Schrei über der Insel Britannien vernommen.

Auch die dritte Plage verschwand, wie Lievelys vorausgesagt. Höchst wunderbar war der Speisekorb des Zauberers, in den der König die Vorräte eines Jahres verschwinden sah. Als aber Llud den Räuber angerufen und dieser den Korb hingesetzt hatte, wurde der Bösewicht nach einem Kampf, bei dem das Feuer aus den Waffen aufflammte, ein machtloses Geschöpf in des Königs unüberwindlicher Hand. Gnädig nahm Llud den besiegten Gegner in seine Dienste und herrschte fortan noch manches Jahr in Frieden und Glück über sein Reich. Keine Plage hat ;e das Land heimgesucht, dank der in Wahrheit königlichen Kraft Lluds, des Sohnes von Beli.


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