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Ischtar
die Grosse Göttin des Alten Vorderen Orients
von
ReKa
Mit Genehmigung des Verlags auf Boudicca's Bard aufgenommen.
Dieser Text erschien zuvor im früheren HexenZeitSchrift
No. 17 / No.18
I. Teil:
Der erotische Charakter der Göttin
"Gerühmt werde die Herrin
der Weiber
Sie,
die mit schwellender Kraft und Liebreiz angetan
Hat Fruchtbarkeit der Fülle,
verführerischen Reiz und Üppigkeit
Honigsüß ist sie an ihren Lippen,
Leben ist ihr Mund
Prächtig ist sie,
schön sind ihre Farben!"
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Die
Vorstellung von einer sinnenfreudigen, selbstbewußten, Liebesgöttin,
die sich leichtherzig einen Mann nach dem anderen nimmt, ist in vielen frühen
Hochkulturen heimisch. Wir finden sie bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien
in der sumerischen Inanna, später in der semitischen Ischtar sowie in deren
syrisch/palästinensischem Äquivalent, Astarte. Letztere wurde von den
frühen Griechen unter dem Namen Aphrodite übernommen, und diese später
mit der römischen Venus gleichgesetzt.
Über
die Römer wurde die Göttin auch in den von ihnen besetzten Gebieten, so
dem nördlichen Europa, bekannt. Dort identifizierte man die nordgermanische
Göttin Freyia mit der Venus. Dies zeigt der aus ihrem Namen abgeleitete Wochentag
Freitag, der eine sinngemäße Übersetzung des lateinischen dies Veneris
("Tag der Venus") ist. Es ist jedoch anzunehmen, daß die Gestalt
der Freyia nicht erst durch den Kontakt mit der römischen Venus entstand, sondern
auf eigene Traditionen zurückgeht.
Theoretisch
besteht die Möglichkeit, daß die altorientalischen Göttergestalten
aufgrund der indogermanischen Völkerwanderungen aus Asien nach Europa mit der
nordischen Götterwelt verwandt sein könnten. Bekanntermaßen ließen
sich im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. auf ihrem Weg in den Westen auch im Vorderen
Orient, so in Anatolien und Iran, indogermanische Stämme nieder und hatten
dort nachweislich Kontakt zu semitischen Stämmen und ihren religiösen
Vorstellungen. Mangels schriftlicher Hinterlassenschaften muß es allerdings
auch in diesem Fall reine Spekulation bleiben, wie weit diese Vorstellungen übernommen
und weitergetragen wurden.
Doch
auch, wenn man daher gesunde Vorsicht walten läßt, bleibt es faszinierend
zu beobachten, daß sich vergleichbare Vorstellungen von einer Großen
Göttin, die Sinnlichkeit und Erotik mit kriegerischen Zügen verbindet,
über geographische, zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg immer wieder finden
lassen.
Die
älteste Namensform der Göttin Ischtar ist möglicherweise vorsumerisch
und lautete Innin. Die im späten 4. Jt. v. Chr. in Südmesopotamien eingewanderten
Sumerer, denen die Erfindung der Keilschrift nachgesagt wird, übernahmen den
Namen der Großen Göttin in ihre eigene Sprache und deuteten ihn volksethymologisch
als (N)in-an-na, "Herrin des Himmels". Daraus entstand die bekannte Namensform
Inanna. Piktogramme auf archaischen Tontafeln weisen darauf hin, daß die Göttin
wahrscheinlich schon zu diesem frühen Zeitpunkt mit dem Abend- und Morgenstern,
der Venus, identifiziert wurde.
Die
ein Jahrtausend später einwandernden Akkader, ein semitisches Volk, hatten
die Vorstellung von einem männlichen Morgenstern Eschtar, dessen Name auf gemeinsemitisch
Atschtar zurückgeht, sowie einem weiblichen Abendstern, Atschtarat. Als sie
mit der sumerischen Inanna in Berührung kamen, identifizierten sie sie mit
ihrem männlichen(!) Morgenstern. Trotz des männlichen Namens blieb Ischtar
jedoch, wie bei den Sumerern, weiblichen Geschlechts. Die grammatisch weibliche
Form, Atschtarat, findet sich wieder in Astarte, der syrisch/palästinensischen
Ischtar.
Das
Wesen der sumerischen Inanna ist gekennzeichnet durch die beiden gegensätzlichen
Züge der Aggressivität und der Erotik. In einem sumerischen Gebet heißt
es, Inanna habe ihre zerstörerischen Impulse bereits "vom Leibe der Mutter
an" besessen. Es trifft also nicht zu, daß der ambivalente Charakter
der Göttin erst dadurch entstand, daß die Züge der kriegerischen
semitischen Ischtar mit den Eigenschaften der sumerischen Liebesgöttin Inanna
verschmolzen.
In
einem anderen sumerischen Hymnus heißt es über die gegensätzlichen
Eigenschaften Inannas:
"Den Mann lasse ich für
die Frau sich schmücken
Die Frau lasse ich für den Mann sich schmücken
Ich reize die Ehefrau gegen den Gatten auf
Ich verfeinde das Kind mit der Mutter
Schwarz mache ich zu Weiß
Weiß mache ich zu Schwarz
Zu der, die voller Lust ist, trete ich
Zu der, die ein Trauergewand trägt, trete ich."
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Möglicherweise
älter als die kriegerische Komponente - jedenfalls früher in den archäologischen
Hinterlassenschaften faßbar - ist der erotische Aspekt der Göttin. Allerdings
scheint auch hier bereits eine aggressive Komponente vorhanden gewesen zu sein,
die sich jedoch auf die Sexualität beschränkte.
Jede
steinzeitliche Kultur kennt den Archetypus der nackten, brüstestützenden
Frau, so auch der Alte Orient. Die ältesten Figuren stammen dort aus dem 8.
Jahrtausend, die jüngsten etwa aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. Häufig sind
die Frauen sehr füllig dargestellt, was wohl ihren fruchtbaren Aspekt betonen
soll. Daneben ist jedoch auch ein schlankerer Typus belegt, dem man unterstellt,
die erotische Komponente zu vertreten.
Einigen
dieser Tonfiguren werden Feliden zugesellt. So wird die berühmte Große
Göttin aus Catal Höyük (Anatolien) auf einem Pantherthron sitzend
dargestellt. Zwischen ihren Beinen ist ein Kopf zu erkennen, bei dem die Gelehrten
sich streiten, ob es sich um einen Totenschädel oder den Kopf eines gerade
geborenen Kindes handelt. Beide Vermutungen bieten interessante Deutungsmöglichkeiten.
Eine
andere Figur aus Catal Höyük trägt ein Pantherfell um die Schultern,
zwei weitere halten einen Panther im Arm. Auch aus Hacilar (Anatolien) kennen wir
eine nackte Frauengestalt mit einem Panther im Arm. Weibliche Sexualität wurde
also vermutlich schon früh mit dem gegensätzlichen Wesen der Raubkatze
- geschmeidig und erotisch in ihren Bewegungen, aber auch grausam und todbringend
- in Verbindung gebracht. Möglicherweise spielte hierbei auch die Beobachtung
des Sexualverhaltens der Katze eine Rolle: Charakteristisch ist, daß sie sich
zunächst auffordernd und verführerisch vor dem von ihr auserwählten
Partner hin- und herwindet, ihn jedoch unmittelbar nach Abschluß des Liebestreibens
mit ausgefahrenen Krallen angreift und versucht, ihn ernsthaft zu verletzen.
Interessant
ist, daß die nackte Frau manchmal eine kleinere Figur umschlingt, die als
ihr Liebhaber gedeutet wird. Da im Alten Orient das Prinzip der Bedeutungsperspektive
galt, d.h. Hauptpersonen größer dargestellt wurden als Nebenfiguren,
läßt sich aus diesen Zweiergruppen deutlich die Wichtigkeit der weiblichen
Sexualität ableiten.
Manche
Wissenschaftler wollen in solchen Darstellungen und dem mythologischen Motiv des
von der Göttin "geschädigten Liebhabers" die Erinnerung an tatsächlich
stattgefundene Ereignisse erkennen. Diese wären weit in die Vorzeit zurückzudatieren,
im Neolithikum bereits überwunden und nur noch im religiösen Bereich erhalten.
Unterstellt wird dabei das Urerlebnis von der Frau, die die jungen Männer aus
anderen Familiengruppen wegfing und anschließend umbrachte. "Durch ihren
Schock gruben sich diese Ereignisse so in die Vorstellungswelt ein, daß sie
zu numinösen Vorgängen erhöht wurden. Diese "heiligen"
Vorgänge erforderten handelnde Wesen, die im Laufe der Zeit zu Göttern
wurden." (W. Helck).
Das
Gilgamesch-Epos, eine der berühmtesten Schöpfungen der mesopotamischen
Literatur, widmet dem Motiv des von der Großen Göttin geschädigten
Liebhabers einen längeren Abschnitt. Auf der sechsten Tafel wird beschrieben,
wie Inanna Gilgamesch zu ihrem Geliebten machen möchte:
"Komm, Gilgamesch,
Du sollst mein Gatte sein!
Schenk mir Deine Fülle!
Du sollst mein Mann sein
Ich will Dein Weib sein!"
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Gilgamesch lehnt das Angebot ab, weiß er doch, daß Inannas Liebhaber
durch die Begegnung mit ihr meist zu Schaden kamen. Er nennt Inannas Gemahl Dumuzi,
dem seither im Totenreich "Jahr um Jahr Weinen beschert" sei, und den
von ihr verführten Gärtner Kullanu, der anschließend in eine Spinne
verwandelt wurde. Doch auch die Zurückweisung der zweifelhaften Gunst Inannas
kann Gilgamesch nicht vor der Göttin retten. Außer sich vor Zorn über
die Demütigung unternimmt sie alle Anstrengungen, ihn zu töten.
Das
Thema des "geschädigten Liebhabers" hat sich auch in den mythologischen
Vorstellungen anderer Kulturen erhalten, beispielsweise im ägäischen oder
indischen Raum. Ob es sich dabei tatsächlich um die Erinnerung an reale Ereignisse
aus grauer Vorzeit handelt, muß allerdings völlig offen bleiben.
Es
ist auch nicht erwiesen, daß es sich bei den neolithischen nackten Frauenfigürchen
aus Anatolien bereis um Inanna/Ischtar handelt. Zumindest decken sie jedoch einen
Bereich ab, der später Inanna und dem sie umgebenden Kreis niederer weiblicher
Gottheiten zugeschrieben wird. Zudem werden auch Inanna bzw. Ischtar Raubkatzen,
bevorzugt Löwen, als Attributivtiere zugesellt. Allerdings ist sie nicht die
einzige Gottheit, die gemeinsam mit Löwen dargestellt wird. Vorsichtig formuliert
wird man die nackten Tonfigurinen also dem Kreis um die "Große Göttin"
oder auch dem "Ischtar-Kreis" zuordnen, ohne sie dabei mit Ischtar selbst
identifizieren zu müssen.
In
den schriftlichen Überlieferungen ist Ischtar unter ihrem Namen Inanna seit
dem späten 3. Jt. v. Chr. belegt. Dort vertritt sie alle Bereiche der Sexualität.
Dabei scheint weniger der Aspekt der Fruchtbarkeit im Vordergrund zu stehen als
der des sexuellen Erlebnisses an sich.
So
kann Inanna auch die einfache Prostituierte mit rein sexuellen Fähigkeiten
vertreten - einen Bereich, der mit Fruchtbarkeit nichts zu tun hat. Es heißt:
"60 und 60 Männer befriedigten
sich in ihrem Schoß
120 Männer konnten sie nicht ermüden."
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Daß
Inanna sich bei ihren sexuellen Aktivitäten als den dominanten oder zumindest
aktiv mitbestimmenden Teil verstand, wird in allen Überlieferungen deutlich.
Umso grausamer ist ihre Rache, als sie von dem Gärtner Schukaletuda eines Nachts
im Schlaf vergewaltigt wird. Nachdem die Göttin am nächsten Morgen erwacht
und den schändlichen Mißbrauch realisiert, verfolgt sie nicht nur den
Gärtner, sondern verhängt furchtbare Strafen, darunter wilde Stürme
und eine Blutplage, über das gesamte Land.
Die
Betonung des sexuellen Aspektes anstelle der Fruchtbarkeit ist möglicherweise
eine vorpatriarchalische Vorstellung. W. Helck bemerkt hierzu:
"Daß
"Fruchtbarkeit" Hauptzweck der Frau ist, und daß ihr "Wert"
sich allein aus der Zahl der von ihr geborenen Kinder ergibt, ist die Einstellung
einer scharf patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft." In einer Gesellschaft,
in der die Frau dem Mann nicht unterlegen ist, "ist nicht Fruchtbarkeit der
Wunsch der Frau, sondern das Sexualleben."
Daß
in der Göttin Inanna dieses möglicherweise vorpatriarchalische Gedankengut
noch sehr lebendig ist, zeigt sich deutlich daran, daß in ihrer Abwesenheit
jegliche sexuelle Aktivität im Lande zu existieren aufhört:
"Es bespringt der Bulle nicht
mehr die Kuh
Und nicht der Esel die Eselin
Noch beschläft auf der Straße der Mann das Mädchen
Sondern der Mann legt sich nieder in seiner Kammer
Und die Frau liegt auf ihrer Seite."
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Von
Fruchtbarkeit ist auch hier nicht die Rede.
Es
ist naheliegend, daß auch der Tempelkult für Inanna stark sexuell geprägt
war. Berühmt-berüchtigt waren die als Prostituierte tätigen Priesterinnen,
die Babylon die biblische Bezeichnung "Sündenbabel" eintrugen. Der
einzige Unterschied zur gewöhnlichen Prostituierten bestand wohl darin, daß
der Profit nicht der Frau, sondern der Gottheit zugute kam, d.h. der Versorgung
des Tempelpersonals diente.
Herodot
berichtet ferner von einem "gegen den Anstand verstoßenden" Brauch,
nach dem sich jede Babylonierin einmal in ihrem Leben im Tempel gegen Bezahlung
einem Mann hingab, um ihre Pflicht gegenüber der Göttin zu erfüllen.
In
diesen stark erotisch gefärbten rituellen Handlungen zeigt sich, daß
das alte Wissen um die Macht und Wirksamkeit der sexuellen Kraft noch immer sehr
lebendig war. Gleichzeitig ist zu beachten, daß durchaus nicht jede weibliche
Tempelangehörige eine Kultprostituierte war. Wahrscheinlich traf dies nur auf
die Rangniedrigeren unter ihnen zu. Daneben gab es auch Priesterinnen, die ein normales
Eheleben führten und Kinder bekommen durften (was anderen Priesterinnen wiederum
trotz möglicher Ehe nicht gestattet war). Und man weiß von den besonders
hochstehenden entum-Priesterinnen, meist Prinzessinnen, die in einer Art Kloster
sexuell völlig enthaltsam lebten.
Aus
den Textquellen wissen wir, daß auch im Alten Mesopotamien das Gewerbe der
Prostitution als leicht anrüchig galt. Doch dank des Vorbildes der Göttin
Inanna wurden sowohl die Kultprostituierte als auch die gewöhnliche Hure viel
weniger verächtlich behandelt als in anderen Kulturen.
In
diesem Zusammenhang muß noch auf den Kult der "Heiligen Hochzeit"
hingwiesen werden, der deutlich von der Kultprostitution zu trennen ist. Das in
seinen Detailfragen noch nicht restlos geklärte Ritual war rein religiöser
Natur und diente nicht dem Profit des Tempels. Im Verlauf dieser Zeremonie gab sich
die Hohepriesterin der Inanna dem regierenden Stadtfürsten hin. Dadurch wurde
der Herrscher von göttlicher Seite für ein weiteres Jahr in seiner Regierung
bestätigt, indem ihm Inanna - vertreten durch ihre Priesterin - ihre sexuelle
Gunst erwies und nicht der Verdammnis preisgab.
Zurückzuführen
ist dieses Ritual auf die mythische Hochzeit zwischen Inanna und dem Hirtenkönig
Dumuzi - jenem Dumuzi, den sie später herzlos den Dämonen der Unterwelt
ausliefern würde, um sich selbst zu retten. Die epischen Dichtungen um die
Hochzeitsnacht des göttlichen Paares gehören zu den schönsten der
altorientalischen Literatur. Es ist gut möglich, daß ähnliche Verse
zitiert wurden, wenn im Tempel der Ritus der "Heiligen Hochzeit" kultisch
nachvollzogen wurde:
Inanna sprach:
"Mein Schoß, das Horn,
das Boot des Himmels,
Es ist voller Begierde wie der junge Mond
Mein unbearbeiteter Acker, er liegt brach
Wer wird meinen Schoß pflügen?
Wer wird meinen Acker pflügen?
Wer wird meine feuchte Erde pflügen?"
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Dumuzi
antwortete:
"Hohe Frau,
der König wird deinen Schoß pflügen!
Ich, der König, werde deinen Schoß pflügen."
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Inanna sang:
"Mach Deine Milch süß
und dick, mein Bräutigam!
Mein Schafhirte, ich werde deine frische Milch trinken.
Wilder Stier Dumuzi, mache Deine Milch süß und dick!
Laß die Schafsmilch in meinen Pferch fließen,
Fülle mein heiliges Butterfaß mit süßer Sahne!
Dumuzi, ich werde deine süße Milch trinken!"
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Dumuzi
sprach:
"Meine Schwester!
Ich gehe mit Dir in meinen Garten,
Ich gehe mit dir in meinen Obstgarten
Dort pflanze ich die honigsüße Saat."
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Inanna sang:
"Mein Hohepriester ist bereit
für die heiligen Lenden!
Die Pflanzen und Kräuter
in seinem Garten sind reif!
Dumuzi,
Deine Fülle ist meine Freude!"
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Sie rief nach dem Bett
Sie rief nach dem Bett, das das Herz erfreut
Sie rief nach dem Bett, das die Lenden erfreut
Inanna rief nach dem Bett.
Sie
rief dem König zu:
Sie
rief ihrem Bräutigam zu:
Inanna
sang:
"Er liebkoste meine Lenden
mit seinen schönen Händen
Der Schafhirte Dumuzi,
er füllte meinen Schoß
mit Sahne und Milch
Er liebkoste meine Scham,
er tränkte meinen Leib
Er legte seine Hand
in meinen heiligen Schoß
Er machte geschmeidig
mein schwarzes Boot mit süßer Sahne
Er belebte mein flaches Boot mit Milch
Er verwöhnte mich zärtlich auf dem Bett
Nun werde ich meinen Hohepriester
auf dem Bett verwöhnen
Werde liebkosen
den treu ergebenen Hirten Dumuzi
Werde liebkosen seine Lenden,
das Hirtentum des Landes
Ich werde ihm ein süßes Schicksal bereiten."
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II.
Teil:
Der kriegerische Charakter der Göttin
Neben ihren aggressiv-erotischen Aspekten weist die mesopotamische Göttin Ischtar
auch einen ausgeprägt kriegerischen Zug auf. Es scheint, daß diese Eigenschaft
im Verlauf der langen semitischen Herrschaft immer mehr Gewicht erhielt, wenn auch
der erotische Aspekt nie ganz verloren ging.
Auch
die syrischen Entsprechungen zur mesopotamischen Ischtar, Anat und Astarte, vereinten
in sich sowohl kriegerische als auch erotische Eigenschaften. Daß die beiden
Göttinnen mit Ischtar gleichzusetzen sind, ergibt sich unter anderem daraus,
daß sie mit demselben Sumerogramm (Wortzeichen) geschrieben werden konnten,
das auch für Ischtar steht. Daß sich die beiden gegensätzlichen
Aspekte Liebe und Krieg auch bei Anat und Astarte nicht widersprachen, wird deutlich
durch die Darstellung der nackten Göttin auf zahlreichen Plaketten aus Metall
oder Elfenbein. Diese Plaketten fanden als Wangenstücke oder Nasenrükenschutz
Verwendung beim Pferdezaumzeug, stehen also in einem eindeutig kriegerischen Zusammenhang.
Auch auf Streitäxten findet sich dieses Motiv. - Erst bei den Griechen erfolgte
eine Trennung der gegensätzlichen Charakterzüge in zwei Personen. So wurde
aus Astarte Aphrodite, die Göttin der Liebe, und aus Anat die kriegerische
Athene.
Als
Kriegsgöttin wird Ischtar als wilde, grausame und ungestüme "Löwin"
bezeichnet, ausgestattet mit einem "furchtbaren Gesicht" (gemeint ist
hier natürlich furchterregend, würde diese Beschreibung doch sonst gar
zu sehr mit ihren körperlichen Vorzügen als Liebesgöttin kollidieren).
"Wie einem Drachen" ist ihr Zerstörungskraft gegeben, mit "schrecklichem
Geschrei" stürzt sie sich auf ihre Feinde:
"Ich lasse regnen auf die Feinde
Einen Kampf wie einen Feuerstrahl
Ich durchschreite immer wieder den Himmel
Und stürze die Erde um
Dann vernichte ich den Rest der Ortschaften
Ich bin die kriegerischste aller Götter
Die die Ortschaften zerschlägt
Eines ehrfurchtgebietenden Glanzes bin ich voll."
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Über
die syrische Anat heißt es ebenfalls:
"Knietief watet sie im Blut
der Kämpfer
Bis zur Hüfte in den Eingeweiden der Helden
Ihre Leber schwillt vor Lachen
Ihr Herz ist voller Freude
Die Leber der Anat jubelt
Denn sie watet knietief im Blut der Kämpfer."
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Als
einzige weibliche Gottheit kann die kriegerische Ischtar mit einem geschlitzten
Gewand dargestellt werden, das ihr wie einem männlichen Krieger die notwendige
Beinfreiheit beim Kampf gewährt. In Yazilikaya (Zentralanatolien) wird sie
mit einer solchen Kriegstracht unter ihrem Namen Schauschga, "die Bewaffnete",
als einzige Göttin unter die männlichen Gottheiten eingereiht. Gleichzeitig
ist sie mit demselben Namen auch in der Reihe der weiblichen Gottheiten aufgeführt,
dieses Mal in Frauenkleidung.
Dazu
passt ein Gebet, das sie mit den Worten beschreibt: "Du ziehst das Kleid wie ein Mann
an, und du ziehst das Kleid wie eine Frau an."
Gleiches gilt auch für die syrische Anat.
Anat:
"Du
Frau, die wie ein Mann ist, gekleidet wie ein Mann und gegürtet wie eine Frau."
Über Anat heißt es weiterhin: "Ich habe schon immer von Dir gewußt, oh Tochter,
daß Du einem Manne gleichst. Denn keine unter den Göttinnen ist so anmaßend."
Aus
Mari (Syrien) kennt man Weihinschriften, die sich auf Statuen der Ischtar USCH,
d.h. die "mannhafte Ischtar" beziehen. In einer zweiten Textstelle wird
eine Statue der Ischtar gar als "Goldbild eines stehenden Mannes" beschrieben.
Es sei an dieser Stelle nochmals daran erinnert, daß auch der Name Ischtar
vom Genus her männlich ist, obwohl ihn eine weibliche Gottheit trägt.
Aus
den Schulterblättern der Göttin können Keulen, Sichelschwerter und
andere Waffen wachsen. Ihr Gesicht hat sie dem Betrachter häufig en face entgegengewandt.
Da im Alten Orient Götter sonst ausschließlich im Profil dargestellt
werden, darf die ungewöhnliche Direktheit ihres Blickes sicher als Einschüchterungsversuch
und Kampfansage verstanden werden.
Offenbar
konnte die Göttin soviel Kampfbereitschaft und Zerstörungswut entwickeln,
daß es selbst den übrigen Göttern etwas unheimlich wurde. In einer
Götterversammlung, von der die epische Dichtung "Aguschaga" berichtet,
wurde daher beschlossen, dem enfant terrible einen Widerpart in Gestalt eines schreckeinflößenden,
ebenfalls weiblichen Wesens gegenüberzustellen. Sein Name war schaltum, das
bedeutet "Zwietracht". Schaltum ist möglicherweise als Personifizierung
des kämpferischen Aspektes der Ischtar zu verstehen. Die Göttin sah sich
nun, wie in einem Spiegel, ihren eigenen furchterregenden Charaktereigenschaften
gegenüber und bat, mit einem Mal viel freundlicher, die Götter darum,
schaltum doch wieder "in ihr Loch zurückkehren zu lassen".
Zahlreiche
Erzählungen verweisen neben dem kriegerischen Aspekt auch auf den machthungrigen
Charakter der Göttin. In der Dichtung "Inanna und Enki" trinkt sie
den Gott der Weisheit unter den Tisch und stiehlt ihm, als er seinen Rausch ausschläft,
die me, Zeichen der Macht und der Zivilisation. Obwohl der betrogene Enki seinen
Wesir, 50 Riesen, 50 Ozeangötter und zahlreiche andere Kreaturen hinter Inanna
herhetzt, schafft er es nicht, die me zurückzugewinnen. Denn Inanna, mit den
gestohlenen Zeichen der Macht ausgestattet, vermag diese immer wieder erfolgreich
gegen ihre Verfolger einzusetzen.
Von
der unersättlichen Machtgier der Göttin zeugt auch der bekannte Mythos
von "Inannas Gang in die Unterwelt". Darin will sie ihren Machtbereich
widerrechtlich auf das Totenreich ausdehnen, übernimmt sich in diesem Fall
allerdings heftig. Vor dem ersten Tor zur Unterwelt bedroht sie den Pförtner
mit den üblichen Worten:
"Wenn du mir das Tor nicht öffnest,
ich nicht eintreten kann
Zerschlag' ich den Türflügel,
zerbrech' ich den Riegel
Zerschlag' ich die Türwange,
heb' ich den Türflügel aus
Und führe hinauf die Toten,
daß sie die Lebenden fressen werden
Mehr als die Lebenden
werden die Toten sein."
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Daraufhin
läßt man Inanna scheinbar bereitwillig eintreten, jedoch indem man "gemäß
der alten Regeln" mit ihr verfährt: An jedem der sieben Tore muß
sie eines ihrer Herrschaftssymbole ablegen: am ersten Tor ihre Krone, am zweiten
ihre Lapislazuli-Kette, am dritten eine weitere doppelreihige Perlenkette, am vierten
ihre Brustplatte, am fünften einen Armreif, am sechsten Stab und Ring und am
letzten Tor schließlich ihre königliche Robe. Mit erstaunlicher Gutgläubigkeit
folgt sie den Anordnungen und steht nach sieben Toren schließlich nackt und
ohne jedes Zeichen ihrer Macht vor Ereschkigal, der Göttin der Unterwelt.
Als
diese ihre Schwester erblickt, richtet sie den "Blick des Todes" gegen
sie. Inanna stirbt, und ihr Leichnam wird an einen Pflock gehängt.
Es
existieren verschiedene Versionen darüber, wie es der Göttin mit Hilfe
der Überredungskünste guter Götter- und Menschenfreunde gelingt,
aus der Unterwelt ins Leben zurückkehren zu dürfen, damit auf der Erde
die Sexualität wieder gewährleistet ist. Allen gemeinsam ist, daß
sie eine Ersatzperson stellen muß, die an ihrer Stelle im Totenreich bleibt.
Ihre Helfer in der Not mag sie nicht opfern, sich selbst auch nicht, und "so
lieferte Inanna in ihrer Angst ihnen Dumuzi aus [...] Sie schaute ihn an mit dem
Blick des Todes, sprach zu ihm das Wort des bösen Sinnes: 'Nehmt ihn als Ersatz
für mich!'"
Doch
auch nach dem Verschwinden des Dumuzi brachen die Menschen auf der Erde in Wehklagen
aus, da die Fruchtbarkeit der Herden und der Pflanzen seinen Aufenthalt unter den
Lebenden zumindest zeitweise verlangte. Seine Schwester Geschtinanna bot sich daraufhin
ihrerseits als Ersatz für Dumuzi an und hielt sich, nachdem Ereschkigal ihre
Zustimmung gegeben hatte, im halbjährigen Wechsel mit ihrem Bruder in der Unterwelt
auf. Auf diese Weise war der Fortbestand der Fruchtbarkeit auf der Erde wieder gesichert.
Das
nicht auszurottende Gerücht, Innana sei in die Unterwelt hinabgestiegen, um
- ganz liebende Frau - ihren verstorbenen Gatten Dumuzi zu befreien, entstand aus
dem Irrtum einiger Wissenschaftler, die zwei teilweise verwandte Erzählungen
fälschlicherweise zu einem einzigen Mythos rekonstruierten.
In
der Tat sind uns Fragmente einer Erzählung um "Dumuzis Tod" erhalten,
in der dieser durch den Angriff einer gewissen Bilulu und ihres Sohnes zu Tode kommt.
Dieser Dichtung werden einige Klagelieder zugewiesen, in denen die junge Inanna
den Tod ihres geliebten Gatten beweint und seine Rückkehr aus der Unterwelt
erfleht (allerdings nicht vor der Unterweltsgöttin Ereschkigal, sondern vor
ihrem göttlichen Großvater, dem Luftgott Enlil).
Inhaltlich
und formal deckt sich dieser Teil dieser Dichtung mit einem Passus des oben genannten
Mythos "Inannas Gang in die Unterwelt": In beiden Erzählungen wird
Dumuzis ungerechter Aufenthalt in der Unterwelt beklagt, bis auch er schließlich
auf die Erde zurückkehren darf.
Derartige
inhaltliche Übereinstimmungen sind ein Phänomen, das sich durch Mythen
und Märchen aller Zeiten bis in unsere Gegenwart beobachten läßt:
Geschichten werden immer wieder variiert, einzelne Passagen in andere Erzählungen
eingefügt, weil sie dort gerade gut hineinpassen etc.
Der
Abschnitt über den in der Unterwelt gefangengehaltenen Dumuzi ist nicht der
einzige, der in "Inannas Gang in die Unterwelt" aus einer älteren
Dichtung übernommen wurde. So findet die Beschreibung der Verhältnisse
in der Unterwelt eine fast wörtliche Parallele auf der siebten Tafel des berühmten
Gilgamesch-Epos. Wir sehen also: Die Babylonier und Assyrer bedienten sich freizügig
und sicher absichtlich aus den verschiedensten traditionellen Töpfen, um eine
neue Erzählung zu schaffen.
Ein
Problem, das sich dem Wissenschaftler bei Jahrtausende alten Überresten häufig
stellt, ist das ihres fragmentarischen Erhaltungszustandes. So fehlen uns von vielen
Erzählungen der Anfang oder das Ende. Zudem stammen einzelne Fragmente desselben
Mythos häufig von verschiedenen Orten oder gar aus verschiedenen Epochen und
weichen daher in Details leicht voneinander ab.
Als
die Keilschriftforscher nun auf diversen Tontafelfragmenten teils den Anfang, teils
das Ende einer Erzählung um Inanna und ihren Gatten in der Unterwelt erkannten,
die zudem in einer mittleren Passage übereinzustimmen schienen, setzten sie
diese Fragmente hoffnungsfroh und falsch zu einer einzigen Dichtung zusammen. Daß
es sich dabei um einen modern mix handelte, wurde spätestens deutlich, als
man auf eine zusammmenhängende Überlieferung stieß, die über
Inannas unedle Motive keinerlei Zweifel mehr ließ.
Dennoch
halten sich bis heute außerhalb der Altorientalistik hartnäckig die Gerüchte
um Inannas heroische Liebestat. Die Wegnahme der sieben Herrschaftszeichen, durch
die Inanna trickreich überwältigt und um ihr Leben gebracht wurde, romantisierte
man außerdem zum "Tanz mit den sieben Schleiern", mit dem die Göttin
angeblich die Götter der Unterwelt becircte, ihr die Tore zu öffnen und
ihren Gatten freizulassen. Das ist besonders haarsträubend, da von einem Tanz,
gar mit sieben Schleiern, nicht mal auf dem allerwinzigsten erhaltenen Keilschriftfragment
eine Spur erhalten ist.
Die
Ignoranten gehen außerdem so weit, in dem von ihnen erfundenen Schleiertanz
der Ischtar einen Vorläufer zur biblischen Salome zu erkennen. Diese forderte
bekanntermaßen für ihren Tanz den Kopf Johannes des Täufers - und
bekam ihn auch. Man konstruiert daraus gar wild einen Beweis für den inzwischen
erfolgten Wechsel vom Matriarchat zum Patriarchat, in dem aus der "liebenden"
Inanna die blutrünstige Salome geworden ist - eine wahre Kettenreaktion pseudowissenschaftlichen
Unsinns.
Vergessen
wird dabei, daß zur Zeit der Entstehung der Inanna/Ischtar-Mythen - die ältesten
schriftlichen Überlieferungen stammen aus dem späten 3. Jt. v. Chr. -
das Patriarchat im Alten Orient bereits seit langem Einzug gehalten hatte. Es handelt
sich hierbei also erwiesenermaßen um patriarchalische Dichtungen (diese mögen
auf ältere, eventuell vorpatriarchalische Mythen um die Große Göttin
zurückgehen, die aber nicht schriftlich fixiert sind).
Allein
in dem Umstand, daß Inanna schließlich tatsächlich nackt vor Ereschkigal,
der Göttin der Unterwelt, steht, treffen Fakten und Fiktion wieder zusammen.
Die Notwendigkeit, sich aller Kleidungsstücke und sonstiger Zeichen der Macht
zu entledigen, läßt sich mit dem weitverbreiteten Ritual der kultischen
Nacktheit vor einer Gottheit erklären (von dem Inanna offenbar noch nie etwas
gehört hatte). Diese kultische Nacktheit galt als Symbol für Schutzlosigkeit,
Demut und Unterwerfung vor der göttlichen Macht. Wie uns Inannas Schicksal
lehrt, sollte man sich diese Schutzlosigkeit allerdings leisten können, da
dunkle Motive und Machtmißbrauch äußerst unerfreuliche Folgen haben
können. Es sei denn, wir besitzen einen Gatten, den wir an unserer Stelle opfern
können (und wollen).
Literatur:
G.
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zwischen der Mitte des 3. und der Mitte des 2. Jahrtausends = Münchner Vorderasiatische
Studien, hrsg. von B. hrouda, Bd 8 (1991).
D.
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A.
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G.
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der me. Studia Pohl 10 (1973).
H.W.
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W.
Helck, Betrachtungen zur Großen Göttin und den ihr verbundenen Gottheiten
= Religion und Kultur der Alten Mittelmeerwelt in Parallelforschungen, Bd. 2, hrsg.
von Carsten Colpe u. Heinrich Dörrie (1971).
J.B.
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zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (1983).
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Wolkstein u. S. N. Kramer, Inanna. Queen of Heaven and Earth. Her Stories and Hymns
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