Karma und Magie

von Frater Apfelmann
©Frater Apfelmann

Dieses Artikel wurde zuvor in die inzwischen aufgehobene Zeitschrift Hag & Hexe veröffentlicht.
Mit Genehmigung des Autors und der Zeitschriftredaktion veröffentlicht auf Boudicca's Bard


Die Frage nach dem Karma beschäftigt die westliche Esoterik schon, seit dieser östliche Begriff durch die Theosophie eingeführt und von zahllosen ihrer Nachfolger, Anhänger und auch Gegner aufgegriffen und weitergesponnen wurde. Selten ist über ein Thema soviel hanebüchener Unsinn geschrieben worden, selten wurde ein gänzlich unwestliches Denkprinzip so gründlich mißverstanden und “christianisiert”. Auch wenn inzwischen viele Esoteriker das Lippenbekenntnis ablegen, Karma sei gar keine “Sünde” im christlichen Sinne, sondern vielmehr “nur” das Gesetz von Ursache und Wirkung, so sieht ihr Umgang damit in der Praxis doch meist immer noch völlig anders aus: Da wird das Karma eben doch zu einer entchristianisierten Sünde hochstilisiert, es gilt als oberstes Ziel, nur “gutes” Karma anzuhäufen, um gar keinen Preis aber “schlechtes”, es werden die banalsten Alltagsprobleme, aber auch schwere Schicksalsschläge, Geburtsfehler und Erkrankungen mit einer solch kritiklosen Naivität irgendwelchen Schandtaten in “früheren Leben” angedichtet, daß einem sehr schnell Thomas Manns wenig schmeichelhaftes Diktum von der “Gesindestubenmetaphysik” einfällt. Daran war Gautama, der historische Buddha, nicht unschuldig, denn auch er pflegte gelegentlich in diese Kerbe zu schlagen, um seine Anhänger zu disziplinieren. Was den heutigen Magier am meisten irritiert, ist die nicht auszurottende Behauptung von mit der praktischen Magie meist gänzlich unvertrauten, selbsternannten “Weisheitsbesitzern”, daß jegliche Magie die allerschlimmsten karmischen Folgen zeitige - eine Dämonisierung sondergleichen, deren Spiegelseite die immer wieder aufflackernde bigotte, weil in Wirklichkeit doch nur scheinbare “aufklärerische” Medienhetze wider “Satanssekten” und “Teufelskulte” ist, die schon manch eine Magierexistenz mit völlig haltlosen, unbewiesenen Vorwürfen gnadenlos vernichtet hat.

Einer der scharfsinnigsten Kritiker dieser Fehlentwicklung ist und bleibt mit Sicherheit Aleister Crowley, weshalb wir ihn hier zu diesem Thema auch in einiger Länge zitieren wollen.

“Diese Vorstellung vom Karma wurde von vielen, die es eigentlich hätten besser wissen müssen, der Buddha eingeschlossen, im Sinne von ausgleichende Gerechtigkeit und Vergeltung mißverstanden. Wir kennen eine Geschichte von einem der Arahats Buddhas, der blind war und daher beim Auf- und Abschreiten, ohne es zu wissen, eine gewisse Anzahl Insekten tötete. (Für den Buddhisten ist die Vernichtung von Leben das schlimmste aller Verbrechen.) Seine Mit-Arahats fragten, wie es sich damit verhalte, worauf Buddha ihnen eine lange Geschichte darüber erzählte, wie der Betreffende in einer früheren Inkarnation eine Frau auf bösartige Weise des Augenlichts beraubt habe. Das ist nichts als ein Märchen, eine Schauerlegende, um die Kinder zu erschrecken, und zudem wahrscheinlich auch die schlimmste Methode, die Jugend zu beeinflussen, die sich menschliche Dummheit jemals ausgedacht hat. Karma funktioniert nicht im geringsten nach diesem Prinzip. So oder so sollten moralische Fabeln sehr sorgfältig konstruiert werden, sonst können sie gefährlich für jene werden, die sie benutzen. Sie erinnern sich bestimmt an Bunyans Leidenschaft und Geduld: Der ungezogene Junge Leidenschaft spielte mit all seinen Spielzeugen und zerbrach sie, während der brave kleine Geduld sie sorgfältig beiseite legte. Bunyan vergißt freilich zu erwähnen, daß, bis Leidenschaft seine ganzen Spielzeuge zerbrochen hatte, er ohnehin über sie hinausgewachsen war. Karma funktioniert nicht auf diese erbsenzählende Weise. “Auge um Auge” ist eine Art brutaler, wilder Gerechtigkeit, und die Vorstellung von Gerechtigkeit in unserem menschlichen Sinne ist dem Wesen des Universums völlig fremd.

Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Seine Wirkung ist in keiner Hinsicht verhältnismäßig. Wenn ein Zufall erst einmal geschehen ist, läßt sich unmöglich voraussagen, was als nächstes passieren wird; und das Universum ist selbst ein einziger, riesiger Zufall. Zehntausend Mal gehen wir hinaus zum Tee, ohne daß uns etwas Schlimmes widerfährt, und beim zehntausendundersten Mal begegnen wir jemandem, der unser ganzes Leben gründlich umkrempelt. Es gibt insofern eine Art Sinn, als daß jede Wahrnehmung, die sich unserem Geist einprägt, das Ergebnis sämtlicher Kräfte der Vergangenheit ist; kein Ereignis ist so unbedeutend, um nicht auf irgend eine Weise unser Sosein beeinflußt zu haben. Doch das hat nichts von kruder Vergeltung an sich. Man kann binnen einer knappen Stunde hunderttausend Leben am Fuße des Baltoro-Gletschers töten, wie es Frater P. einst tat. Es wäre dumm zu glauben, wie der Theosoph es gerne tut, daß eine solche Tat einem nun das Schicksal auferlegen würde, hunderttausend Male von einer Laus umgebracht zu werden. Dieses Kontobuch des Karma wird getrennt von der Kleingeldkasse geführt; und was das schiere Volumen angeht, so ist dieses Kleingeldkonto sehr viel umfangreicher als das Kontobuch. Wenn wir zuviel Lachs essen, bekommen wir Verdauungsstörungen und vielleicht auch Alpträume. Es ist albern anzunehmen, daß einmal eine Zeit kommen wird, da ein Lachs uns frißt und wir uns mit ihm nicht einverstanden erklären können. Andererseits werden wir auf schlimmste Weise für Vergehen bestraft, die überhaupt nicht unsere Schuld sind. Sogar unsere Tugenden stacheln die beleidigte Natur zur Rachsucht an. Karma wächst nur an dem, wovon es sich nährt; und wenn Karma richtig aufgezogen werden soll, bedarf es einer sehr sorgfältigen Diät. Die Taten der Mehrzahl aller Menschen machen einander selbst zunichte; kaum wird tatsächlich mal eine Anstrengung unternommen, schon wird sie mit Faulheit aufgewogen. Eros weicht Anteros. Nicht ein Mensch von tausend entflieht auch nur dem Augenschein nach der Alltagsroutine des tierischen Lebens.” (Magick, S. 100f.)

Es wird langsam Zeit, daß wir als Magier den Karma-Begriff wieder entdämonisieren und von kindischem Ballast befreien. Wenn Sie einem anderen Menschen einen Nasenstüber verpassen, so besteht das “Karma” dieser Tat darin, daß dem anderen nun die Nase schmerzt, und aus nichts weiterem! Daß er Ihnen nun vielleicht seinerseits eine Ohrfeige gibt, ist bereits eine Sekundärfolge des Nasenschmerzes Ihres Opfers bzw. seiner Wut über die eigene Unachtsamkeit, Ihre Aggressivität falsch eingeschätzt und nicht vorher den Kopf weggezogen zu haben usw. Sinnvoller als die naive, unreflektierte Befrachtung mit dem alten “Schuld & Sühne"-Komplex ist da schon der psychologische Ansatz, der die Karma-Vermeidung propagiert, weil es sonst zu einem innerseelischen Gewissenskonflikt kommen kann, der sogar bis zu psychosomatischen Erkrankungen führen könnte. In diesem Sinne ist es schon psychologisch sinnvoll, nur das zu tun, wohinter man mit ganzem Herzen steht - eine völlig rationale Formulierung der crowleyschen Maxime “Du hast kein Recht außer deinen Willen zu tun”. Wer sich daran hält, braucht nicht unbedingt eine Reinkarnationslehre - womit wir freilich nicht behaupten wollen und dürfen, daß diese grundlegend falsch und irrig sei, auch wenn wir selbst kein Vertreter dieser Doktrin sind.


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