Griechische Mythologie und Planetensymbole der klassischen Astrologie

Hannelore Goos
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Mit Genehmigung der Autorin zur Publikation auf Boudicca's Bard


1. Kapitel:
Vorbemerkungen

Warum griechische Mythologie?

Dieser Artikel bezieht sich nur auf die griechische Mythologie, die von den Römern fast unverändert übernommen worden ist. Der Grund für diese Einschränkung liegt darin, daß die griechische Mythologie wie keine andere mit unserer Kultur verbunden ist. Man kann keinen Goethe, man kann keinen Schiller lesen, man kann weder Kleist noch Lessing verstehen, wenn man die griechisch-römische Mythologie nicht kennt. Auch wenn man Europa als Ganzes betrachtet und an Shakespeare denkt oder Dante Aleghieri - alle klassischen Autoren haben griechische Mythologie integriert in ihre Dichtung und bis hin zu Opern und Operetten, bis hin zu einem Musical wie "My Fair Lady", ist die griechische Mythologie Bestandteil unserer Kultur, weit mehr als jede andere.

Abgrenzung zwischen Mythologie und Religion

Es ist notwendig, eine Grenze zwischen Mythologie und Religion zu definieren, denn noch immer werden Astrologen von unaufgeklärten Theologen beschuldigt, babylonische Götter anzubeten! Tatsächlich wird ja im mythologischen Rahmen von Göttinnen und Göttern gesprochen, und ein uneingeweihter Zuhörer kann durchaus auf den Gedanken kommen, es handele sich hierbei um Religion. Aber Mythologie ist keine Religion. Mythologie, so wie sie heute verstanden wird, ist eine Sammlung von lebendigen, mündlich weitergegebenen Geschichten, die in Bildern berichten, wie Menschen leben. Diese Bilder illustrieren die menschliche Seele.

Dazu ein Beispiel:

In den letzten Jahren erschienen in der psychologischen Literatur mehrere Bücher über die Mutter-Tochter-Beziehung: Wie sehr Mütter und Töchter aneinander hängen, welche Konflikte es gibt beim Auseinandergehen, wie sie lebenslang voneinander abhängig sein können. In diesen Bücher wird von klinischen Psychologen abstrakt und quasi 'von außen' über der Trennungskonflikt von Müttern und Töchtern beschrieben.

Zu diesem Thema ist vor ungefähr 4000 Jahren ein Mythos entstanden, der die Geschichte vom Verhalten Demeters erzählt, als sie merkte, daß Persephone verschwunden war:

Demeter, die gleichzeitig die Erdgöttin ist, irrt drei Tage ohne zu essen oder zu trinken blind durch die Wildnis. Dann wird sie von Poseidon entdeckt und obwohl sie das Sinnbild für Fruchtbarkeit ist, entzieht sie sich Poseidon und ist in diesem Moment überhaupt nicht in der Lage, ihre Bestimmung, ihre Fruchtbarkeit auszuleben.

Sie geht dann nach Eleusis an den Königshof und wird zur Amme (dazu bietet sie sich selbst an) des neugeborenen Thronfolgers und versucht, durch ein Feuerritual, diesen Thronfolger unsterblich zu machen. Dabei wird sie gestört und das Kind verbrennt. In ihrem Kummer wendet sie sich dann an die Mondgöttin und erfährt endlich, wo ihre Tochter ist.

Daraufhin ist sie so verzweifelt, daß sie die gesamt Erde mit Unfruchtbarkeit überzieht, keine Ernte, keine Saat mehr zuläßt, und Zeus, der Göttervater einschreiten muß. Er tut es nicht selbst, denn er hat ein schlechtes Gewissen, weil er es war, der seinem Bruder Hades Persephone versprochen hat (Hades hat sie nicht illegal geraubt, sondern sich die ihm vom Brautvater Zeus zugesagte Frau geholt). Zeus schickt also den Götterboten Hermes, der in unserer astrologischen Terminologie Merkur heißt, und mit Hilfe der Vernunft findet sich dann ein Kompromiß, der Mutter und Tochter leben läßt.

Dies ist eine typische mythische Geschichte, sie beschreibt, einen Mutter-Tochter- Konflikt in inneren Bildern und damit sehr viel genauer und sehr viel menschlicher, als es jedes Psychologiebuch von außen kann.

Es ist überhaupt die Frage, ob das, was die Psychologie aussagt, etwas ist, womit Menschen für sich umgehen können. Brauchen Menschen nicht eher Bilder für Ihre Seele, innere Bilder, wie sie in der Demetergeschichte auftauchen? Heutzutage liefert uns nicht mehr die Mythologie solche Bilder, aber sieht man sich die weit verbreiteten Comics an, den geizigen Dagobert Duck, den ewigen Verlierer Donald, oder gar den Hund Pluto, der mit freudigem Schwanzwedeln ein ganzes Haus zum Einsturz bringen kann, dann findet man auf einer sehr einfachen Ebene doch wieder dieselben inneren Bilder, die vielen Menschen und vor allem Kindern den "Stoff" für ihre Seele liefern.


Kriterien für die Erzählung der Mythologie

Die griechische Mythologie gibt es nicht. Jede Mythologie ist eine Sammlung erzählter Geschichten. Solange sie erzählt und immer wieder erzählt werden, bleiben sie lebendig. Sie wurden unter sehr verschiedenen Perspektiven wiedergegeben, je nachdem welche Schicht dieser vielschichtigen Mythen im Zentrum des Geschehens stehen sollte. Sogar als sie aufgeschrieben wurden, und diese Schriften sind ja die Quellen für unsere heutige Kenntnis, geschah das unter sehr unterschiedlichen Themenstellungen.

Hesiod hat versucht, Mythologie als eine Form der Geschichtsschreibung darzustellen. Bei Pausanius sind die mythologischen Geschichten ein Teil seiner Reisebeschreibungen, nachdem er alle wichtigen Kultstätten besucht hatte und danach eine Art Reiseführer schreiben wollte. Für Plinius war die Mythologie ein Teil der Naturgeschichte. Schließlich hat sie Gustav Schwab mit seinen weitverbreiteten "Sagen des klassischen Altertums" zu Moralepisteln für die Jugend gemacht.

Einen Mythos, ebenso wie ein Planetensymbol, kann man sich vorstellen wie eine in Facetten geschliffene Glaskugel: Man kann ihn aus ganz unterschiedlichen Winkeln betrachten. Es bleibt immer derselbe Mythos. Aber man sieht immer wieder eine andere Facette. Deshalb wird hier eine Mythologie erzählt, die geeignet ist, die Parallelen zwischen den astrologischen Planetensymbolen und den mythischen Geschichten zu ziehen.


Griechisch-römische Entsprechungen

Da wir in der Astrologie die römischen (lateinischen) Bezeichnungen für die mythologischen Göttergestalten verwenden, hier eine Tabelle mit den vergleichbaren griechischen Namen, damit der Zusammenhang deutlicher wird:


Griechisch

Römisch
heutige Planetennamen

Erebos - Tartaros - Hades
Pluto
Pontos - Okeanos - Poseidon
Neptun
Asterios - Uranos
Uranus
Kronos
Saturn
Zeus
Jupiter
Ares (Artemis)
Mars
Aphrodite
Venus
Hermes
Merkur
Helios
Sonne



2. Kapitel:
Am Anfang war . . .

Am Anfang war die Große Göttin, die die nie jemand zu Gesicht bekommen hat, und die deshalb auch Nyx, die schwarzgeflügelte Nacht genannt wurde, aber verehrt in der Antike als weiß verhüllte Gestalt. Und die große Göttin gähnte, denn "Chaos" bedeutet nichts anderes als - Gähnen.

In diesem Gähnen lag Mutter Erde, Mutter Erde als Urform, allerdings war sie nicht allein, denn gleichzeitig mit Mutter Erde war das entstanden,

- was von ihr zugedeckt wird: Der Tartaros, die Dunkelheit unter der Erde = Hades/Pluto.

- was sie umgibt: Der Pontos, der die bekannte Erde begrenzt und gleichzeitig die Verbindung in die Unendlichkeit darstellt = Neptun.


Die fruchtbare Erde gebar sich als erstes
Uranos, den Sternenhimmel über ihr, der sie nach oben gegen die Unendlichkeit abgrenzt. Außerdem gebar sie sieben Titaninen und sieben Titanen. Zu den Titaninen gehörte Thea, das Licht, Phöbe, der Mond, Thetis, das Meer, und als jüngste Rhea, sie selbst. Es ist ein Kennzeichen dieser sehr alten Teile der Mythologie, daß die Göttinnen sich immer wieder selbst gebären.


Uranos jedoch machte sich einen Spaß, so ist es bei Hesiod ausdrücklich beschrieben, Uranos hatte Freude daran, jede Nacht auf Mutter Erde herunterzukommen. Das war kein Zeugungsakt, denn zu dieser Zeit war Zeugung nicht bekannt. Man glaubte, daß Frauen Kinder bekommen, weil sie etwas Besonderes gegessen hatten oder vom Wind oder vom Wasser. Die Rolle der Männer war zu jener Zeit nicht bekannt. Mutter Erde war selbstfruchtbar und konnte gebären, wann sie wollte. Das jedoch, was Uranos tat, war Vergewaltigung: Er kam jede Nacht herunter auf Mutter Erde und zwang sie,
seine Geschöpfe hervorzubringen: Die Kyklopen und die hundertarmigen Riesen, jeder mit hundert Armen und fünfzig Köpfen. Aber er fand seine eigenen Geschöpfe so abscheulich, daß er sie sofort bei ihrem Erscheinen zurück in den Mutterschoß stieß und sie in Höhlen in der Erde verbarg.

Mutter Erde hatte davon große Schmerzen und sie ließ in ihrem Leib das Eisen wachsen, schuf daraus die Sichel und gab die ihrem jüngsten Sohn und damit Thronfolger nach matriarchalischem Recht, Kronos (Saturn). Kronos rächte die Mutter. Er stürzte sich auf Uranos, schnitt ihm die Geschlechtsteile ab und warf sie ins Meer. Dabei fielen drei Tropfen Blut auf die Erde und daraus entstanden die drei Rachgöttinnen, ursprünglich Göttinnen, die Rache für Unrecht an Müttern üben sollten. Erst in der späteren Antike wurden sie für alle Arten Unrecht zuständig.

Mit der Entmannung des Uranos endete die Zeit der Urzeugung und es begann die Herrschaftszeit des Kronos.


3. Kapitel:
Das goldene Zeitalter


Kronos, der Herrscher des goldenen Zeitalters mit der Sichel

Mit Kronos kam das "Goldenen Zeitalter", denn Kronos war der Friede. Es herrschte Friede auf der Erde. Kronos verteilte die Wochentage und die Planeten an die sechs Paare seiner Geschwister und sich. Diese Aufteilung ist in der folgenden Tabelle zu sehen:

Goldenes Zeitalter
-------------------------
-------------------------
Spätantike
--------------
Titanenpaar
Zuständig für
Wochentag
Gott/Göttin
Planet
Theia und Hyperion
LICHT
Sonntag
Helios
Sonne
Phoibe und Atlas
ZAUBER
Montag
Selene
Mond
Dione und Krios
WACHSTUM
Dienstag
Ares
Mars
Metis und Koios
WEISHEIT
Mittwoch
Hermes
Merkur
Themis und Eurymedon
GESETZ
Donnerstag
Zeus
Jupiter
Thethys und Okeanos
LIEBE
Freitag
Aphrodite
Venus
Rhea und Kronos
FRIEDE
Samstag
Kronos
Saturn


Es muß ein wunderbares Zeitalter gewesen sein, die Menschen lebten in Frieden, es herrschte Überfluß an Nahrungsmitteln, da war weder Streit noch Not, und deshalb wurde diese Zeit "das Goldene Zeitalter" genannt.

Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Auch Kronos, der Herr der Zeit, kann sich ihr nicht entziehen. Seine Frau Rhea gebar ihm sechs Kinder, zuerst drei Mädchen:

- Hestia, die Göttin des Herdes und der Heimstatt,

- Demeter, die Erdgöttin wieder selbst,

- Hera, die Himmelskönigin als Erbin, die jüngste.

Dann kamen die drei Götter Hades, Poseidon und Zeus. Kronos ahnte oder wußte oder wollte nicht wissen, daß dies auch seine Kinder sind.

Denn wenn er die Vaterschaft anerkannt hätte, hätte er auch den Lauf der Zeit wahrnehmen müssen, denn wenn man Kinder annimmt, unterwirft man sich dem Weitergehen der Zeit, erklärt man sich mit dem eigenen Altwerden einverstanden.

Kronos fraß seine Kinder, weil er die Zeit festhalten wollte. Er fraß seine Kinder bis auf Zeus, denn Rhea wollte dieses Kind retten und wandte sich deswegen an ihre Eltern Mutter Erde und Vater Sternenhimmel. Die gaben ihr den Rat, Zeus heimlich zu gebären. Dies tat sie und Zeus wurde bei verschiedenen Zieheltern aufgezogen, auch bei Thetis und Okeanos.

Als er erwachsen war, wurde er unerkannt Mundschenk des Kronos; da mischte er Senf und Salz in den Honigtrunk des Herrschers und zwang ihn auf diese Weise, die verschluckten Kinder wieder auszuspeien.
Gleichzeitig macht er seinen Vater Kronos so betrunken, daß dieser einschläft , und bringt ihn auf die Insel der Seligen, weit weg von Menschen und Göttern. Dort herrscht Kronos noch heute.

Aber damit war Zeus noch nicht der Herrscher des Himmels, denn die verbliebenen sechs Titanen wollten nicht auf ihre angestammten Rechte verzichten. Es kam zu einem furchtbaren Kampf, Zeus mit seinen Brüdern hatte den Olympos eingenommen und die Titanen versuchten, ihn von dort zu vertreiben. Lange Zeit war der Ausgang ungewiß und das Kampfgeschehen wogte hin und her. Erst als Zeus die Kyklopen und die hundertarmigen Riesen losließ, konnte er die Schlacht gewinnen. Er verbannte fünf Titanen in den Tartaros. Atlas aber, der ihr Anführer gewesen war, mußte zur Strafe auf ewig das Himmelsgewölbe mit seinen Schultern stützen.

Die Kyklopen beschenkten die Brüder für ihre Befreiung: Zeus erhielt den Blitz, Hades seine Tarnkappe und Poseidon den Dreizack.

Zeus war nun der oberste der olympischen Götter. Dies wurde er nach dem alten (matriarchalischen) Recht des Jüngsten und weder Hades noch Poseidon haben ihm seinen Platz jemals streitig gemacht. Danach teilten sie sich die Welt auf. Poseidon wurde der Herr des Wasser, er herrschte fortan über die Meere, aber auch alle Quellen und Flüsse. Hades ging in das Reich der ewigen Schatten, die Unterwelt, dorthin, wohin alles Lebendige geht, wenn seine Zeit auf der Erde vorbei ist. Zeus wurde Herrscher über die Oberwelt, das Land, das in diesem Mythos der Teil der Welt ist, dem die griechische Kultur zugeordnet wird.


4. Kapitel:
Vom Matriarchat zum Patriarchat

Zeus verband die alte Zeit mit der neuen, denn er hat als einziger in dieser Göttergeneration nach altem Recht standesgemäß geheiratet. Er wurde nämlich von seiner älteren Schwester Hera geheiratet. Die hatte ihn sich schon bei seiner Geburt 'ausgeguckt' und hatte ihn zu ihrem zukünftigen Ehegatten erklärt und dazu wurde er auch erzogen.

Hera war eine Verkörperung der Großen Mutter, die in dreifacher Gestalt verehrt wird:

.
Junge Frau
Reife Frau
Altes Weib
Beinamen
Heras

Eurynome
(weite Herrschaft)

Eurybia
(weite Stärke)

Eurydike
(weite Gerechtigkeit)

Teil der Welt
Himmel
Meer / Mond
Unterwelt / Erde
Von Zeus
"eroberte"
Anbetungsform

Maia --> Hermes
Demeter
-->
Persephone

Dione
Lethe
Lamia

Leto (Leda)
-->
Artemis + Apollon

Semele --> Dionysos
Nemesis --> Helena
Danaë

Themis
-->
die Jahreszeiten

Metis
-->
Pallas Athene

Europa
Io

* In gelb die gezeugten Kinder

Aber diese Ehe verlief doch ganz anders als beide sich das zuvor gedacht hatten. Denn die Zeit der freien Partnerschaft zwischen Mann und Frau war vorbei. Zeus ist zwar nach alter Sitte von Hera geheiratet worden, ist aber nach neuem Recht der Mann über Hera geworden. Daß sich beide mit ihrer Situation recht schwer taten, zeigen verschiedene Begebenheiten. Es gibt da einerseits die Geschichte, wie Hera sich den Gürtel der Aphrodite auslieh, um bei ihrem Gemahl mehr Interesse zu wecken. Andererseits wird auch erzählt, daß Zeus sich, um in die Arme seiner Gemahlin zu gelangen, in einen nassen, zerzausten Kuckuck verwandelte, den Hera fürsorglich in ihre Hände nahm, worauf er sich sofort zurückverwandelte. Sie hatten anscheinend recht modern anmutende "Ehe"-Probleme miteinander.

Hera mit dem Herrschafststab und der Weltenscheibe

Hinzu kommt, daß Hera eine Göttin der alten Art war. Sie konnte ohne Zeugung Kinder hervorbringen! Auf diese Weise hat sie Ares, den Kriegsgott und Hephaistos ohne Beteiligung des Zeus geboren. Andererseits hatte Zeus die Aufgabe, Hera tatsächlich zu seiner Frau zu machen. Aber die Große Mutter ist nicht überall als "Große Mutter" verehrt worden. Sie wurde

in Libyen als Lamia,
auf dem Peloponnes als
Nemesis,
in einigen Provinzen als
Leto (Leda),
auf Rhodos als
Danaë,
in Sidon als
Europa,
in Argos als
Io,
in anderen Gegenden als
Themis, als Metis, als Maia, als Dione, als Semele verehrt.

Spätere Autoren, für die das patriarchalische Eherecht selbstverständlich war, haben die Geschichte des Zeus mißdeutet als Geschichte fortgesetzten Ehebruchs. Dem ist nicht so. Zeus erfüllt das neue Gesetz, indem er seine Frau in jeder bekannten Verkörperung seinem Willen unterwirft, denn alle diese Frauen sind Verkörperungen der Großen Mutter. Sie wurde in den verschiedenen Gegenden der griechisch beeinflußten Welt unter diesen verschiedenen Namen verehrt. Die von Hera berichtete Wut, die mit Eifersucht erklärt wird, ist viel verständlicher, wenn man bedenkt, daß jede dieser Mythen ein Stück Machtverlust für die Mutterreligion bedeutet. Sie hat versucht, dem entgegenzusteuern, indem sie z.B. Io in eine Kuh verwandelte, aber die Zeit des Matriarchats war endgültig vorbei.

Zeus wollte das Neue soweit ins Extrem treiben, daß er zweimal versuchte, selbst ein Kind hervorzubringen. Beim ersten Mal verschluckte er Metis, als er erkannte, daß sie schwanger war; dann wurde aus seinem Kopf Pallas Athene geboren. Das zweite Mal war es, als Semele den Dionysos erwartete; sie wurde auf einem Scheiterhaufen verbrannt, aber Zeus rettete das Ungeborene, nähte ihn in seinen Schenkel ein und aus diesem Fleisch wurde Dionysos geboren. Es waren beides keine sehr überzeugenden Versuche eines Mannes, ohne Frau Kinder zu bekommen, aber immerhin - er hat es versucht.

Zeus ist der oberste der Olympischen Götter, weil er die Schwelle zur neuen Zeit überschritten hat, weil er das alte mit dem neuen Gesetz verbindet und weil er das neue Gesetz, das Gesetz des Patriarchats durchgeführt hat.