Sollten / müssen Magier ihr Mensch-Sein aufgeben,
oder ihre Menschlichkeit?

Sebastian Neitsch

Frage: Müssen Magier ihr Mensch-Sein aufgeben?

Antwort: Nein, sie müssen natürlich nicht.
Es gibt noch heute reichlich Spuren von erfolgreichen Magiern quer durch die Zeiten, und der größte Teil von annähernd nachvollziehbaren schamanistischen und Zauberpriester-Traditionen (und nachvollziehbar meint hier nicht konstruktivistisch beschreibend) stellt diese in eine niemals gelöste Verbindung mit ihrer menschlichen Herkunft und ihrem menschlichen Umfeld.
 

Frage: Sollten Magier ihr Mensch-Sein aufgeben? 

Antwort: Nein, sollten sie nicht.

Eines scheint gewiss - die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen erscheinen begrenzt, auch wenn man von den individuellen Schwächen, Abhängigkeiten, Vorlieben, Leitlinien etc. der einzelnen Adepten völlig absieht. Daß viele dieser überkollektiven Grenzen dynamisch und schwer fassbar sind, macht sie interessant, zumal sie zum Teil offenbar eine Art Regelcharakter zeigen - z.B. ist eine begrenzte Gedächtnisleistung teil eines Regelungsprozesses namens Wahrnehmung - erweitere Deine Gedächtnisleistung, und es wird zu Lasten eines anderen Teiles Deiner Wahrnehmung gehen, z.B. zulasten der geistig/seelischen Verinnerlichung.
Es scheint nahezuliegen, daß, wenn man etwas erlangen möchte, man dafür etwas anderes zurücklassen muß. Die komplexe Verknüpfung der Fähigkeiten und der Einschränkungen des Menschseins machen jedoch den größten Teil des Arbeitsfeldes eines Magiers aus (Ausflüge in andere Wirk-lichkeiten sind nützlich, solange es Ausflüge sind). Jene Wege, welches dieses Feld programmatisch verlassen, sind Wege des Todes, jegliche Wegbeschreibungen dazu sind Totenbücher und sind den Kategorien menschlichen eindimensionelen Ursache/Wirkungs-Denkens entsprungen. Aus diesem menschlichen eindimensionalen Ursache/Wirkungs-Denken sind Religionen entsprungen, von denen viele die Einheit und Wiedergeburt der Seele propagieren, um letztlich die Menschen in ihrem eindimensionelen Denken (um das Prinzip Hoffnung - oder "Glauben" bereichert) zu belassen. Der einzige beschriebene Weg, welcher dieses eindimensionale Denken überwindet, ist jener der leeren Hand, es ist ein mystischer Weg und führt in das sogenannte Nirwana. Jegliche Adepten dieses Weges, deren Zeugnis uns erhalten sind, haben kehrt gemacht (das berühmte Boddhidharma- oder Helfer-Syndrom) und sind zu den Menschen zurückgekehrt in der religiösen Hoffnung, in einer späteren Inkarnation den Weg zum Nirvana mit einer neuen Auswahlmöglichkeit zwischen dem Nichts und dem Sein geboten zu bekommen.
Auch wenn uns diese Heiler in ihren Fähigkeiten wie Magier erscheinen mögen, sie gehen den Weg der Mystiker und das Ziel ist NICHT Magie.
 

Frage: Was ist mit der Menschlichkeit?

Antwort:  Über die vielen Gesichter und Facetten des Menschen, des menschlichen Kollektivs und der Menschheit als Spezies läßt sich unendlich viel schönes und ermutigendes, und ebensoviel abstossendes und frustrierendes erzählen, ja eines der schönsten Dinge ist, daß überhaupt erzählt wird. Diese Erzählung ist immer ein schillernder Regenbogen und eine Kakophonie des Grauens in Einem. In dem Vertrauen, daß dieses Kaleidoskop, diese Litanei überhaupt einen Sinn hat (und sei es, die Spezies zu erhalten) liegt die Ursache einer jeden Religion aber auch eines jeden Sinnes für Ästhetik, Schönheit und Kunst oder einfach der Liebe (oder um es weniger dramatisch zu sagen - des Hangs) zum Leben verborgen. In diesem Sinne ist Menschlichkeit eine über-religiöse "Werte-Gemeinschaft". Wer sich außerhalb - oder noch schlauer - über diese "Gemeinschaft" stellt, beraubt seine Seele ihres Lebenshauches, nämlich der Teilhabe, sie verdörrt und rächt sich an ihrem Träger subtil mittels seines Geistes, was sich nicht zuletzt in Zynismus, Perversion und Ohnmachtsgefühlen äußert.
Der Zwang, unter die Menschen zurückzukehren, wird von solchen bemitleidenswerten Kreaturen meist wie der oben erwähnte Weg des Boddhidharma empfunden, doch ihre magischen Kräfte kompensieren fortan das Erlebte: Anderen Menschen sollen Ausdrücke ihrer Seelenkräfte ausgetrieben werden (Exorzismen), das Kollektiv soll autokratisch mittels magischer "Macht" zu seinem Besten gelenkt werden, die Spezies soll von ihren "Zwängen" befreit werden. Nicht zufällig ist die Fülle eines derartigen Zugriffes auf die Geschicke der Menschlichkeit auch hier der Religion und dem Priestertum zu attributieren.
 

Wie, in dieser Welt, sollte sich demnach ein Magier verhalten?

Wenn er sich löst, sollte er dies um der Verbindung willen tun.

Wenn er sich bindet, sollte er dies um der Lösung willen tun.

Wenn er wirkt, sollte er dies um des Unbehelligten willen tun.

Wenn er schaut, sollte er dies um der essenziellen Schönheit willen tun.

Und wenn er all dies will, so wird es ihm nach aller und eingedenk seiner Erfahrung auch gelingen, so zu leben, daß sich die ganze Mühsal des Menschseins und - noch viel mehr - des Magier-Seins wie von selbst lohnt.

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