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Flugsalben
Oder, wie flogen die Hexen wirklich?
by Ophel Ophel@gmx.net
© Copyright Ophel, Februar 2000
Von Ophel zur Publikation angeboten an Boudicca's Bard
Seit
jeher existieren die Legenden und Erzählungen über Hexen und alte Weiber
die auf ihren Besen zum Brocken im Harz fliegen um dort mit Luzifer höchstpersönlich
wilde Orgien zu feiern. Doch wie so oft, beim Weitererzählen von alten Geschichten,
wird manches abgeändert, vieles dramatisiert und so weiter verbreitet, dass
selbst der desinteressierteste Zuhörer voll Spannung der Geschichte lauscht.
Selbst
in der Antike konnten Hexen schon fliegen. Tatsächlich ist die Geschichte von
den »Brockenhexen« kein Märchen, sondern basiert auf wirklich Geschehenes.
Der Canon episcopi (ein altes Werk über die Hexenverfolgung) enthält eine
Anweisung für Bischöfe, acht zu geben auf »verbrecherische Weibsleute,
die unter Einfluss des Höllenfürsten stehen und des nächtens auf
gewissen Tieren durch die Lüfte reiten.« Die Vorstellung, dass Hexen
in Gestalt von Eulen erscheinen und fliegen konnten war im Mittelalter weit verbreitet
und in der italienischen Sprache ist daran ein eigenartiges Andenken bewahrt geblieben.
Das heutige Wort für Hexe, »strega« ist über das mittelalterliche
lateinische Wort »striga« aus dem klassischen lateinischen Begriff »strix«
abgeleitet, was »Eule« bedeutet.
Es
existieren viele Erzählungen darüber, »wie die Hexen flogen«.
Zum Beispiel die Geschichte eines jungen Ehepaares: Als ein junger Mann eines Morgens
erwachte und seine frisch angetraute Frau nicht neben sich im Bett fand, machte
er sich große Sorgen. Er durchsuchte das gesamte Gut auf dem sie lebten und
fand sie schließlich nackt auf dem Boden des Schweinestalles liegend. Sie
war am ganzen Körper mit Schmutz und Dreck beschmiert, schlug wild um sich
und stöhnte wirre Worte und Laute. Der Mann erkannte natürlich sofort,
dass seine Frau eine Hexe war und wollte sie zunächst auf der Stelle töten,
überlegte sich das Ganze dann aber doch noch einmal. Als seine Frau bald darauf
wieder zu sich kam und sah wie hin- und hergerissen ihr Gatte war, fiel sie vor
ihm auf die Knie und gestand, dass sie in der letzten Nacht »auf einer Reise«
gewesen sei. Statt Dämonen und bösen Geistern, ist es allerdings wahrscheinlicher,
dass die Frau selbst für ihren Zustand verantwortlich war.
Diese
und ähnliche Geschichten lieferten den Hexenjägern die fadenscheinige
Grundlage, aus der sie sich allmählich das Bild vom »Hexensabbat«
zurechtbogen, das wir aus zahllosen Büchern und Illustrationen kennen: Die
Hexen fliegen zum Brocken wo sie vom Teufel empfangen werden. Darauf folgt ein wildes
Gelage und nächtelange Orgien.
Natürlich
sind niemals wirklich Frauen auf Reisigbesen zum Gipfel des Brocken geschwebt. Tatsächlich
war es so, dass kräuterkundige Menschen wussten, welche Pflanzen sie einzunehmen
hatten, um Halluzinationen zu erzeugen, die des wirklichen Fluges sehr ähnlich
waren.
Es
gibt heute noch diverse überlieferte Rezepte für diese sogenannten »Flugsalben«.
Diese Rezepte lesen sich heute wie ein abenteuerliches Handbuch über Toxikologie.
Die Hauptbestandteile sind stark giftige und bewusstseinsverändernde Pflanzen
wie Schierling, Alraune, Stechapfel, Tollkirsche und Eisenhut, um nur einige wenige
zu benennen. Aus diesen Pflanzen wurde eine Salbe zubereitet mit der bestimmte Körperteile
eingerieben wurden.
Man
kann heutzutage diese Pflanzen nicht mehr genau dosieren da selbst gleichartige
(nebeneinanderwachsende) Pflanzen eine unterschiedlich hohe Konzentration des Giftes
haben können.
Über
diese geheimnisvolle Flugsalbe sind schon viele Geschichten erzählt worden.
Der »Malleus malleficarum«, ein altes Buch das die gesammelten Werke
zweier rabiater Hexenverfolger enthält, erzählt die Geschichte einer Hexe,
die im Verhör gestand, dass diese Salben unter anderem auch Kinderfett enthielten.
Die
Kinder wurden , so gestand die Hexe, mit Beschwörungsformeln getötet,
sodass es nach einem natürlichem Tod aussah. Später wurden die Kinderleichen
wieder aus ihren Gräbern geholt. Ihr Fleisch wurde solange gekocht, bis sich
die Haut von den Knochen löste. Die festen Bestandteile wurden zu einer Salbe
verarbeitet.
Ob
diese Frau nun die Wahrheit sagte oder log um damit einen weniger schmerzhaften
Tod zu erreichen und der Folter zu entkommen ist heute leider nicht mehr nachvollziehbar.
Viele
der Gelehrten, die sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts für
die Flugsalben interessierten, fanden aber heraus, dass die wirklich wirksamen Bestandteile
der Salbe die Pflanzen waren. Fledermausblut, Schlangen und Kröten tauchen
ebenfalls in der Zusammensetzung der Salbe auf, von denen aber nur die Kröte
ein chemisch wirksames Gift, das Bufotenin, enthält.
Die
meisten »Hexensalben-Forscher« sind sich einig, dass man es bei der
exakten Mischung einer wirksamen Flugsalbe mit einer einzigartigen Technik zu tun
hat, eine toxische Ekstase zu erzeugen. Diese Kunst wurde von den Hexen meisterhaft
beherrscht. Sie wussten damals schon, dass jede einzelne chemische Komponente einer
Pflanze auf eine andere ganz speziell einwirkt.
Leider
nahmen die Hexen und weisen Frauen die Kunst der genauen Zusammenstellung der Salben
mit ins Grab oder wenn man so will vielmehr auf den Scheiterhaufen. Heutzutage ist
nämlich kein einziges Rezept mehr bekannt, von dem man behaupten kann, dass
es vollständig ist also befriedigende Erfolge erzielt hätte. Weder die
chemisch wirksamen Inhaltsstoffe sind geklärt, noch die exakten Mengenangaben
jedes einzelnen Bestandteils.
Die
heutigen Versuche von Wissenschaftlern mit Hexensalben sind deshalb wenig befriedigend
und nur von begrenztem Wert geblieben.
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