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Vom Geheimnis
der magischen Spiegel
WILLY SCHRODTER
1969
Mit entsprechender Genehmigung aufgenommen auf Boudicca'S Bard
Absichtlich überschreibe
ich diese Studie »Vom Geheimnis«, weil es anmaßend wäre,
»das Geheimnis« der Spiegel anzeigen zu wollen, denn deren Geheimnisse
sind Legion, so daß nur etliche herausgestellt werden können.
Ja, der Spiegel - ein Spiegel
besonders - steht schlechthin als Symbolen für das Mysterium, die Transzendenz
überhaupt: sagte doch die japanische Sonnengöttin Amaterasu-Omikami, die
Stamm-Mutter des Kaisertums, zu ihrem Enkel Ninigi: »Betrachte diesen Spiegel
hier gerade so, als wäre er meine erlauchte Seele, und verehre ihn gleichwie
wenn du mich selber verehrtest!«
Dieser Spiegel wird als »
S c h i n t a i« (== »Leib der Gottheit«) im Sonnentempel zu Yamada
(Prov. Ise) verwahrt und verehrt.
Bei der Erörterung der Spiegel-Phänomene
müssen wir zwei Arten unterscheiden: die physikalischen und die psychischen.
Beginnen wir mit den physikalischen,
und da wir just von Japan gesprochen haben, wollen wir auch mit Nippon fortfahren:
»Im vorigen Jahrhundert
konnte man ein wunderbares Erzeugnis japanischer Technik sehen, das bisher seinesgleichen
nicht wieder gehabt hat. Es waren kreisrunde, mit einem Griff versehene Metallspiegel,
deren Vorderseite poliert war und deren rauhe Hinterseite Bäume, Berge, Tiere
und Schriftzüge in erhabener Darstellung zeigte. Wurde nun das auf die vordere
Fläche fallende Sonnenlicht auf eine dunkle Fläche zurückgeworfen,
so erschien auf dieser Wand außer dem kreisförmigen Bild der Spiegelfläche
auch noch das Bild der Rückseite, obwohl diese gar kein Licht erhielt und der
Spiegel auch vollständig undurchsichtig war.«
Meinem in Vergessenheit geratenen
Gewährsmann ist dieses Spiegelspiel und die Hervorrufung desselben vollkommen
rätselhaft. Dabei ist - wie so oft - die Lösung recht einfach: die Ruckseite
dieser metallenen »Zauberspiegel« trägt ein starkes Relief, und
bei dessen Schleifen werden die dickeren Stellen wegen ihrer geringeren Nachgiebigkeit
hohl. Infolgedessen projiziert der anscheinend ebene Spiegel - ins Sonnenlicht gestellt
- ein Bild des Reliefs an der Wand.
Betrachtet sich ein Kind die ersten
Male in einem Spiegel, so wird es verdutzt dreinschauen: sein »Spiegelbild«
zeigt sein linkes Ärmchen rechtsseitig, und umgekehrt erschaut es sein rechtes
links am Körper, für den diese Umkehrung zur Gänze zutrifft. Diese
»Spiegelverkehrtheit« läßt sich physikalisch erklären
und doch - stets wird ein Rest des Geheimnisvollen zurückbleiben. Wir Erwachsenen
haben uns an diese Erscheinung (im Doppelsinne des Wortes!) gewöhnt, nehmen
sie nicht mehr zur Kenntnis.
Sie wird uns erst wieder - zunächst
erschreckend - bewußt, wenn wir (gewollt oder ungewollt) eine Wanderung in
die Astralwelt unternehmen, die darum auch »Spiegelwelt« geheißen
wird. So erging es in Gustav Meyrinks (1868-1932) »Der weiße Dominikaner«
(Wien, 1921; 53, 62, 63) dem Christopher Taubenschlag. Im Arbeitszimmer seines Ziehvaters,
des Freiherrn Bartholomäus von Jöcher, stand eine grüne Gipsbüste
des Dante Alie-ghieri (1265-1321) links auf dem Bücherbord, der Baron hatte
ebenfalls links am Hals einen gewaltigen Kröpf. Als der junge Mensch nächtlings
»ausgetreten« war, nämlich aus seiner Leiblichkeit, sah er das
strenge, scharfe Mönchsgesicht rechts auf dem Regal stehen, und rechts auch
hatte sein Mentor die Entstellung. Vor namenlosem Entsetzen erwachte er, ging schleunigst
in den Arbeitsraum des Nährvaters: »ein schneller Blick nach seinem Halse,
und der letzte Rest von Furcht wich aus meinem Blut: der Kröpf saß ihm
wieder links wie immer, und auch die Dantebüste stand auf derselben Stelle
wie sonst.«
Die Spiegelverkehrtheit streift
also die »Vierte Dimension«, und daher das gewisse Grauen des Kindes
vor seinem Spiegelbilde!
Es wird auch den Erwachsenen wieder
überfallen, wenn er sich in einer sog. »Spiegel-Galerie« erstmals
befindet, in der gegenüberstehende Spiegelreihen das Zimmer, seine Gegenstände
und auch den gegenständlichen Menschen bis in die Unendlichkeit fortspiegeln.
Einen solchen »Blick in
die Unendlichkeit« vermögen wir uns zu Hause vorm Tisch leicht zu verschaffen,
indem wir einen Taschenspiegel so zwischen unsere Augen halten, daß wir beiderseits
in einen größeren Spiegel hineinblicken können. Stehen beide Spiegel
parallel zueinander, so schauen wir in eine unendliche Reihe von Spiegelungen, die
sich wie ein gläserner Kanal in die Weite ziehen. (Hans Jürgen Press,
»Spiel, das Wissen schafft« in »Ravensburger Taschenbücher«;
Nr.26; p,82; Ravensburg, 1964.)
Das Kind ist aufs höchste
betroffen, wenn es sich die ersten Male im Spiegel sieht, weil es sich sich ganz
anders vorgestellt hat! Wir alle haben nämlich eine ganz falsche Vorstellung
von unserem Äußern (erst recht von unserem Innern). Andere sehen uns
ganz anders, und der große Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) hat sich lebenslang
nichts sehnsüchtiger gewünscht als sich einmal so zu sehen wie die Außen-Stehenden
ihn. Eine (damals noch nicht mögliche) unbeobachtete Filmaufnahme hätte
ihm das Gewünschte nähergebracht; aber nur näher!
Richtig - zu unserem grenzenlosen
Erstaunen - vermögen wir uns hin und wieder frühmorgens beim Rasieren
zu erschauen, wenn wir nämlich gleich aus dem Bett vor den Rasierspiegel treten,
wenn wir »noch gar nicht so richtig da und noch so weit fort sind« -
dann schaut uns ein ganz fremdes Gesicht entgegen, eines, das wir zuerst gar nicht
als das unsrige anerkennen wollen und das - eben drum - bald verschwimmt und dem
weicht, was eben unser Vorstellungsbild von uns, unsere Maske, ist.
Das rührt auch daher, daß
wir alle uns im Spiegel so lange nicht richtig betrachten, bis wir darauf aufmerksam
gemacht werden, nämlich auf die sog. Asymmetrie, die Unebenmäßigkeit,
die fast jedem Gesicht - sogar dem der Göttin Venus von Milo! - anhaftet! Genauer,
deutlicher gesagt: die rechte Gesichtshälfte ist von der linken völlig
verschieden,
Beobachten wir uns jetzt einmal
scharf daraufhin im Spiegel! Ich habe darüber ausreichend abgehandelt im Teilabschnitt
»Januskopf« meiner »Grenzwissenschaftlichen Versuche« (Freiburg
i. B.; 1960, 1968; 100 f.), ebenso habe ich dieses wichtige Thema nochmals angeschnitten
im Kapitel »Bewußt erlebter Tod« meines »Neuer Ausflug ins
Wundersame« (Freiburg i. B.; 1967; 62-63), in welch letzterem ich auch über
das Warum dieser Unregelmäßigkeit (und ihres Gegenteils) Aufschluß
gegeben habe. Es ist schon so, wie der taoistische Dichter und Magier, Liä-Dsi
(Licius; 480-400) sagt: »Wer Außerordentliches sehen will, muß
auf das blicken, was die ändern nicht beachten.«
Auch im Wasser vermag man sich
zu be-spiegeln; daher die Bezeichnung »Wasser-Spiegel«; Wasser steht
geradezu synonym für Spiegel!
Eine uralte griechische Mythe
vom Wasser kündet tiefe Weisheit um das Spiegeln: der Jüngling Hylas,
Sohn des Theiodamas, war der Liebling des Herakles (Hercules) und begleitete diesen
auf dem Argonautenzuge. Als er in Propon-tis ans Land gestiegen war, zogen ihn die
Najaden (Nymphen) in ihre Fluten hinab. Wehklagend suchte der Held den Gefährten
überall vergebens. Die Deutung bzw. Bedeutung: »In der Zweiseitigkeit
des menschlichen Körpers prägt sich der Widerspruch aus, der das Wesen
des Menschen erfüllt, der Widerspruch des Sein- und Wirkenwollens gegen den
Drang nach Hingabe und Entwerden. Als Hylas im Wasser-Spiegel seine rechte und seine
linke Seite sich zur Frontalansicht verbinden sah, fühlte er, wie Widerstrebendes
sich in ihm vereinigte, und gab sich willig der höheren Macht, die das Wunder
bewirkte«, meint Rudolf Biach (»Das Geheimnis des Heiligen Berges«;
Wien, 1949; 90 ff.).
Hierzu wäre zweierlei zu
sagen; erstens: als Hector (Marie Francois) Dur-ville (4.4.1849 bis 1.9.1923), Direktor
der und Professor an der »Ecole Pra-tique de Magnetisme« zu Paris, die
1895 übrigens mit den übrigen Hochschulen gleichgestellt worden war, seine
Medien exteriorisierte (den Fluidal entband), bildete der sich aus zwei Hälften,
die rechts und links aus dem Körper der VP-emanierten. Er war also nicht auf
einmal, nicht sogleich als Ganzes da! (»Der Fluidalkörper des lebenden
Menschen«; Leipzig, 1910 u. ö.).
Zweitens: es ist bekannt, daß
manche Psychoastheniker (Neurotiker) bei Betrachtung eines großen Wasserfalles
oder auch bei Schau auf einen Fluß von einer hohen Brücke aus von dem
Gedanken gepeinigt werden, sie müßten sich in das Gewässer stürzen:
»das Locken der Wassernixen«!
In einem mir wieder einmal zur
Hand gekommenen rarissime Kuriosum steht dieserhalb zu lesen: »Herzleiden
lassen sich oft und am besten durch den fließenden Wasserspiegel hinwegspiegeln.
Doch der Herzleidende muß sich vorsehen, daß ihn der Zug des Wassers
nicht überwindet, so daß er sich selbst hineinstürzt. Diese Anziehungskraft
des Wassers ist eben sehr groß« (p. 76).
»Der Hylasmythos und der
Erste Korintherbrief (Kap. 13; Vers 12) besagen fast dasselbe«, notiert Biach;
»denn was den Hylas ins Wasser zieht, ist die Gottheit, die ihn in die Ewigkeit
ruft. Und der Apostel (Paulus; +58 n. Ztw.) sagt, daß wir jetzt nur im Spiegel
sehen können. Das heißt für mich, daß wir im Irdischen unsere
Verbundenheit mit Gott nicht begreifen und sie bloß fühlen, wenn wir
in den Spiegel sehen;
denn vor diesem erleben wir bei natürlichem Bewußtsein und ohne Einfluß
göttlicher Gnade, wie eine überirdische Macht uns in ein höheres
Sein verflicht.« -
Das muß auch dem »weißen
Yogi«, dem Londoner Ex-Journalisten D. Paul B runton (*1898), dem Schüler
des Maharshi Bhagavan Sri Ramana (eigentl.:
Venkata Raman; 30.12.1879 bis 14.4. 1950) vorgeschwebt haben, wenn er in seinem
»Der Weg nach Innen« (München-Planegg, 1937; 95) festgehalten hat:
»Wenn du verstehen kannst, was hinter den Augen verborgen liegt, die dich
jeden Morgen im Spiegel ansehen, dann wirst du das Geheimnis des Lebens verstehen.«
Ich sprach eingangs von den japanischen
»nicht-okkulten« Zauberspiegeln und will hier nachtragen, daß
es die -natürlich - auch und wahrscheinlich bereits früher schon in China
gegeben hat. Denn: es ist nun einmal so, daß das »Land der Mitte«
fast alles das schon gehabt oder gewußt hat, was das Abendland sich erst viel
später errungen hat. Ich erinnere hier nur nebenbei an ein Raketenflugzeug
zur Zeit der Rosenkreu-zer und des Dreißigjährigen Krieges, der den Westlern
wichtiger war und der diejenigen, die solche Geheimnisse hätten allenfalls
bieten können, zum Exodus ver-anlaßte. (Weitere Beispiele habe ich in
einem für den Hermann Bauer-Verlag zusammengetragenen Manuskript »Gelbe
Magie« gegeben.)
Die Rückseite eines
chinesischen Zauberspiegels

Die gelben Esoteriker wußten - wiederum selbstverständlich - auch um
echte Zauberspiegel. »Wan-Fa-Kuei-Tsung« (»Sammlung der 10000
Kunststücke«) ist ein um 700 entstandenes taoistisches Zauberbuch, das
zwar von der Regierung (noch um die Jahrhundertwende!) verboten worden, doch allgemein
bekannt ist (v. d. Goltz). Eine Anweisung zum Hellsehen lautet ebenso bündig
wie für den Fernstehenden (Exoteriker) unverständlich: »Will man
den Verkehr mit den Göttern erlangen, so muß man durch Metall und Wasser
das eigene Wesen teilen.« Wir geben eine gleichfalls kurze, doch erschöpfende
Erklärung in Formelweise: Götter = Geister (kuei), Metall = Metallspiegel,
Wasser = Wasserschau, teilen = Abkoppelung des Nachtbewußtseins (Tiefen-Ich)
vom tagpolaren Denken (Oberflächen-Ich).
Parallelen: Erzvater Joseph -
der »Rathenau Alt-Ägyptens« - weissagte aus einem mit Wasser gefüllten
Becher (Gen. XLIV; 5). Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias (2.Jahrh. n.
Ztw.) überliefert in seiner »Achailea«, vor einem Tempel der Ceres
in Achaja habe sich eine Quelle befunden, zu deren Oberfläche Kranke unter
Gebeten und Räucherungen einen Spiegel hinabließen, worauf sie den Verlauf
ihrer Krankheit in Bildern erblickten, die in demselben erschienen.
Der Neuplatoniker Damaskios (ca.
462-535) kannte »eine heilige Frau; die schüttete reines Wasser in ein
gläsernes Trinkgefäß und erblickte darin die Erscheinungen kommender
Dinge«.
Jakob B ö h m e (1574-1624)
kam durch den »lieblich-jovialischen Schein« eines Zinnbechers zur Clairvoyance,
zur »kosmischen oder taozentrischen Schau«, zum »Allsehen«
-, »so daß er nun zu dem innersten Grunde oder Zenter (Zentrum) der
geheimen Natur eingeführt wurde und allen Geschöpfen gleichsam in das
Herz und die innerste Natur hat hineinsehen können«.
Wenn die körperlose Hochgeistigkeit
Cagliostro (»Südwind«) sich des Körpers des sizilianischen
Abenteurers Giuseppe Balsam o (8. 6. 1743 bis 26.8.1795) als Instrument, Organ oder
Tentakel bediente, so transfigurierte sie nicht nur dessen gewöhnliches Gesicht
in ein edles, lieh ihm nicht nur ungewöhnliche Fremdsprachenkenntnis, sondern
stattete ihn auch mit »okkulten« Fähigkeiten aus. Oft und oft ließ
»Graf Alexander Cagliostro« irgendein von der Straße aufgelesenes
Kind nach (durch Anhauchen oder Handauflegung) erfolgter Ein-Odung in seine Hand
oder in eine Schüssel voll Wasser blicken, um (vorübergehendes) Hellsehen
zu bewirken. Seine Erfolge mit diesen »Täubchen« -wie er die unschuldigen
Kindlein zu benennen pflegte - waren notorisch, und er blieb bei der Echtheit des
Phänomens auch im strengen Verhör der Inquisition.
Das arabische Verfahren - G. Balsamo
wollte von dorther stammen - besteht darin, daß man die Innenseite der linken
Hand mit Tinte in der Größe eines Groschens schwärzt, zwei, drei
Tropfen öl auf den Fleck träufelt, die Hand magneti-siert und im »Türkensitz«
wartet auf die Dinge, die da in der Handfläche erscheinen.
Baronin Adelma von Vay (1840-1924),
geborene Gräfin von Wurmbrand, die man in unseren Tagen wieder hervorholt,
hat in Budapest 1877 ein Buch »Visionen in einem Wasserglas« erscheinen
lassen. Das Verdienst der Nachprüfung endlich des sog. »Kristallschauens«
gebührt Miß Freer-Goodrich, die viele interessante Ergebnisse erzielte
(Th. Bestermann, »Crystal-Gazing«; London, 1924).
Im Jahre 1921 kam in dritter Auflage
von einem Anonymus Para Maya ein auf den ersten Blick verwunderliches Büchlein
wieder einmal heraus, das er »Die Macht der Spiegel« hieß, mit
dem Untertitel »Spiegelmagie«, die sich zum Glück meist auf »Spiegelwirkung
gegen Krankheiten« beschränkt, ein Feld, das sicherlich nicht so ausgedehnt
werden kann, wie sein Verfasser es sich denkt; aber das möglicherweise auch
nicht so klein ist, als daß sich hieraus nicht für die eine oder andere
Beschwernis eine therapeutische Maßnahme entwickeln ließe. Sehr wohl
vermag ich mir vorzustellen, daß bei gar mancherlei »nervösen Molesten
(Unruhe, Angst in allen ihren Formen) ein Blick in einen Spiegel (oder das Betrachten
eines Wehrs) allein schon durch die Derivation (Ablenkung) helfen kann, wie überhaupt
die B l i c k - F i x a t i o n die Konzentration erfahrungsgemäß unterstützt.
Ob jedoch das Bestreichen mit einem Handspiegel oder das Auflegen eines solchen
auf schmerzende Körperstellen auch helfen kann, wäre erst durch Reihenversuche
nachzuprüfen.
Man hat voreilig den Ferro-Magnetismus
zum unnützen Eisen geworfen und kommt neuestens wieder auf ihn zurück,
wenn auch (noch) nicht in dem früheren Ausmaße. Das mahnt zur Vorsicht
im Urteil, zur Bedachtsamkeit hinsichtlich einer Verurteilung a priori, zumal es
letztendlich zu bedenken gilt, daß die zur Herstellung von Metall-Spiegeln
verwandten Metalle alles andere als neutral sind, und außerdem scheint sich
noch eine Metallotherapie (durch Auflegen von Metallplatten) in der Nähe der
Akupunktur mit ihren Metallnadeln breitmachen zu wollen. Und auch die Beläge
der Glasspiegel sind in gewissem Sinne bzw. bis zu einem gewissen Grade wohl nicht
bar jeglicher Wirkung (jedenfalls wäre eine quasi-homöopathische denkbar),
weil sie aus Metallabkömmlingen hergestellt werden oder gar direkt aus reinem
Metall wie Quecksilber!
Die allgemeine »Spiegelheilweise«
denkt sich der unbekannte Verfasser (p.72-73) folgendermaßen: »Man sitzt
in einem Zimmer mit vier Spiegeln, die so an den Wänden verteilt sind, daß
sie sich kreuzweise spiegeln und dergestalt unendliche Gänge schaffen. Der
Kranke setzt sich in den Kreuzpunkt dieser Spiegel und ist dann unzähligemale
in den Spiegelgängen abgebildet. Kranke und böse Menschen sind aber nichts
anderes als ein Haus voll böser Geister, die das Haus bewohnen, wie die Immen
den Bienenstock.«
Hier möchte ich einflechten,
daß der Raja-Yogi Rajput Gulab-Lal-Sing zu Helena Petrowna Blavatzky (HPB;
geb. Hahn; 1831 bis 8.5.1891) äußerte: »Ein Medium nennen wir »Bhüta-Dak«,
d. i. »Dämonen-Gasthaus« (»In den Höhlen und Dschungeln
von Hindostan«) und daß Geisteskranke oft ungeregelte Medien oder Besessene
sind. Para Maya fährt fort: »Dadurch, daß das »Haus«
in die Spiegelgänge gestellt wird, werden die Geister der Krankheit und Bosheit
irregeführt, wissen ihr richtiges Haus nicht mehr zu ermitteln (denn die Spiegelwelt
ist für sie real) und fliehen in die Gänge der Spiegel, heften sich an
die Spiegelbilder, und nur wenige oder gar keine dieser Kräfte bleiben beim
Kranken selbst.«
Dem zu erwartenden Einwand: »aber
die Geisterflucht in die Spiegel ist ein Unsinn!« (p. 24) setzt unser Autor
weitläufig entgegen: solche niederen Geister (und um die handelt es sich hier
nun) sind weder klüger noch ungebundener (»freier«) als die Menschen,
sie sind im Gegenteil sehr leicht zu täuschen, besitzen weit weniger Willen
als die unteren Glieder des menschlichen Geschlechtes, vegetieren unter oft sehr
sonderbaren Umständen, und für sie ist auch die Spiegelwelt eine Wirklichkeit.
Der Ansicht (oder Erfahrung?),
daß niedere Geistwesen sehr leicht getäuscht werden können, sind
übrigens auch die Chinesen. Darum stecken sie die kleinen Jungen die ersten
Jahre in Mädchenkleider, denn welcher Geist wird sich schon in ein »minderes«
weibliches Geschöpf einnisten wollen?
Dann weiß man dort bzw.
glaubt zu wissen, daß Geister gerade Linien verabscheuen, und krumme bevorzugen.
Darum errichtet man als Schutz gegen ultraviolette Wegelagerer hinter dem Hauseingang
eine sog. »Geistermauer«, ein Stück glatter Fläche, um die
man von links und rechts herumgeht.
Und was die »Freiheit der
ja körperlosen Geister« angeht, so sind die zunächst einmal nicht
körperlos, sondern an einen Geistkörper gebunden, woraus sich von selbst
ergibt, daß sie auch gewissen Bedingungen und Beschränkungen unterliegen.
Bekannt ist aus dem Märchen
»Aladin und die Wunderlampe« (»Tausendund-eine Nacht«),
daß dort ein Dienstgeist (arab.: »djinn«) an eine Lampe gebunden
ist. Daß dieser Erzählung ein wahrer Kern innewohnt, bekundete der Istanbuler
Scheich des Nakschi-Bendi-Der-wischordens, Mehmet Aly Effendi (t 3. 2. 1931): einer
seiner Freunde erbte vom sterbenden Vater einen Spiritus fa-miliaris. »Der
Vater beschrieb, wie dieser Geist durch Reiben eines Kerzenständers und Hersagen
einer Formel gerufen werden könne.« Der Sohn wollte diesem »Cutdam«
(einem Dienstgeister-»Gruppenführer«) die Freiheit schenken, und
fragte ihn, wie das zu bewerkstelligen sei. »Du mußt den Kerzenständer,
dessen magische Kräfte mich fesseln, zerschlagen!« Gesagt, getan, der
Ständer wurde zerschmettert und - der Geist war frei (Schrödter: »Die
Rosen-kreuzer«; Warpke-Billerbeck; 1968, 80-81).
Nun liegt auf der Hand, daß
die Lampe an sich niemals magische Eigenschaften haben kann. Der Djinn redete sich
seine Bindung an sie nur ein, nachdem ihn der Magier einschlägig hypnotisiert
(suggeriert) hat! Genauso wie der Magneto-Magus Jean de Senevoy, Baron du Potet
(12. 4.1796 bis 1. 7.1881) seine Versuchspersonen an einen Kreidestrich festbannte!
Nach dem deutschen Volksaberglauben
der Gegenwart hält der Spiegel mit dem Bild des Hineinschauenden auch dessen
Seele fest, weshalb der Spiegel verhängt wird, um das Verbleiben des Verstorbenen
zu verhindern.
Der Aufenthalt in einem Spiegel-Kabinett
zu Heilzwecken könnte nur kurzfristig sein, dürfte sich keineswegs über
Stunden erstrecken, da sonst das Gegenteil bewirkt würde.
Ein »Spiegel-Drama«:
Aus New York wurde unterm 19. Dezember 1941 gemeldet: »Der junge Millionär
James Linn im Staat Michigan verliebte sich in die hübsche 23jährige Künstlerin
Rosy Harway. Der Eheschließung der beiden jungen Leute wurden von der Familie
des Millionärs die größten Schwierigkeiten entgegengesetzt. Die
Braut verteidigte sich ganz energisch gegen alle Anschuldigungen der Familie, die
zumeist auf Untreue hinausliefen, und schlug ihrem Bräutigam eines Tages vor,
er solle sie einer Prüfung unterziehen, um sich davon zu überzeugen, daß
ihre Gefühle rein und aufrichtig wären. Daraufhin zwang James seine Braut,
sich für zehn Tage in einem Zimmer einschließen zu lassen, das zwar aufs
luxuriöseste eingerichtet war, aber kein Fenster besaß, dafür rundum
mit Spiegeln besetzt war und Tag und Nacht hell beleuchtet wurde. In diesem Zimmer
konnte die junge Braut natürlich nicht schlafen; sie war gezwungen, ihr eigenes
Bild in unendlich viel Wiederholungen immer wieder zu erblicken mit allen Bewegungen,
die sie machte, und nach einer Woche stellten sich dann, wie es nicht anders zu
erwarten war, Zwangsvorstellungen ein. Sie zertrümmerte schließlich einen
der Spiegel und beging einen Selbstmordversuch, dessen Folgen eine schwere Verletzung
war. Nach einigen weiteren Tagen war sie vollkommen wahnsinnig. James kommt jetzt
vor Gericht« (»öffentl. Anzeiger f. d. Kreis Kreuznach« N
r. 298 vom 19.12.1941, S. 3).
Rittmeister a. D. Franz Vincenz
S c h ö f f e l (3.10.1884 bis 9.10.1959), an dessen grenzwissenschaftlicher
Monatsschrift »Das neue Licht« (Purkersdorf b. Wien) ich Jahrzehnte
mitarbeitete, erlebte im Budapester Spiritistenklub »A Szent Kert« (»Heiliger
Garten«) das wenig bekannte sog. spiritistische »Spiegelphänomen«:
»Das Medium wird im Trancezustand vor einen Drehspiegel geführt, der
im Dunkeln bleibt, während eine Lichtquelle das Gesicht der Mittlerin hell
erleuchtet. Wiederholt blickt nun als Spiegelbild dasselbe Gesicht in fremder Haartracht
und in merkwürdiger Kleidung, oft alt - oft aber mit Kinderaugen.«
Einmal führte ein junger
Arzt aus Belgrad seine 20jährige Geliebte Gilka G. in diesen Zirkel ein; sie
war von fast klassischer Schönheit, hatte aber einen grausamen Zug um den sinnlichen
Mund und war (wie später ruchbar wurde) nymphoman und sadistisch veranlagt.
Sie erwies sich als eine sehr brauchbare Mediatorin, das Spiegelexperiment gelang
jedoch bei ihr nicht. »Endlich, eines Abends, war dieses Menschenkind sichtlich
berauscht und erregt in unseren Kreis gekommen. Wir hatten nun Gelegenheit, den
Versuch mit dem Spiegel zu wiederholen. Was sich uns zeigte, war so überraschend
und grausig schön, daß jeder, der das Spiegelbild der berauschten Dirne
gesehen hat, es nie mehr vergessen wird. Ihre Züge erschienen wie in Grausamkeit
und Wollust versteinert als S a l o m e und fast gleichzeitig als Sphinx. Einige
Sekunden lang konnten wir das Spiegelphänomen bewundern, bis es sich in Nebel
auflöste und uns das schlafende Gesicht des Mädchens entgegenblickte.«
(»Irrwege des Sexualtriebs und 6ter Sinn«; Pfullingen i.Wttbg., 1922,
7 ff.).
Schöffel resümiert:
die Tugenden und die Laster - an sich rein geistige, abstrakte Potenzen - vermögen
sich in einem Menschen zu konkretisieren, zu verkörpern. Nicht umsonst spricht
man von verkörperter Schlechtigkeit, verkörpertem Geiz usw. Was man als
Phrase ausspricht, ist ungeahnte Wirklichkeit. Sa-lome war kein Weib schlechthin,
sondern in ihr als Gefäß hat der Impuls »grausame Wollust«
ein Leben lang Wohnung genommen gehabt! Wobei ich hinzufügen will, daß
das gleiche gilt hinsichtlich der Königin Isebel (griech.: Jesabel, span.:
Isabella, Schön-! Ise; ca. 900-846 v. Ztw.), der Tochter des Königs Ethbaal
von Ty-rus und Gemahlin des Königs Ahab von Israel (vgl. I.Kön. XVI ff.;
Offbg. Johs. II; 20), über die ich vor Jahren eine Monographie veröffentlicht
habe. Der Kampf zwischen Ahab-lsebel und dem Künder Elias ist letztendlich
ein solcher der Götter: Baal-Astarte und Jahwe um ein irdisches Manifestationsfeld!
Und auf dieses wollen wir wieder herabsteigen!
Elektro-ingenieur Erich Konrad
Müller (25.3.1853 bis 8.12.1948), Direktor der »Salus« in Zürich,
Entdecker des »Anthropoflux«, beobachtete 1882, wie die aus den Händen
eines spanischen Magnetiseurs ausgehenden Strahlen auf einem Spiegel deutlich sichtbare,
wenn auch sehr feine Linien von ca. 60 cm Länge hervorriefen (A. Hartmann,
»Die Ausstrahlung d. lebend, menschl. Körpers und deren sichtbare Wirkung«
in »Der Lebenskraftheiler«, Wiesbaden, 1932, VI/ 41).
Heinrich Jürgens (23.11.1880
bis 15.2.1966), »der Vedantist aus dem Hotzenwald«, bestätigt:
wenn sich ein Sensitiver im dunklen Zimmer vor einen hohen Wandspiegel stellt und
auf seine odiscne Ausstrahlung konzentriert, so wird er bald allerfeinste Spiralen
von einem halben Millimeter Durchmesser aus dem Spiegel heraustreten sehen (»Spiegel-Praxis
und Spiegel-Magie«, Pfullingen, oJ; »Bücher der Weißen Fahne«;
Nr. 27). Hierin vertritt Jürgens die Auffassung, daß die Wirkung des
Selbstmagnetisierens vor dem Spiegel eine doppelt starke sei.
Sensitive können gar nicht
längere Zeit in Spiegel sehen, weil die große odposi-tive Quecksilberfläche
peinlich lauwidrige Empfindungen in ihnen hervorruft, vermerkt Freiherr Dr. Carl
Ludwig von Reichenbach (12.2.1778 bis 19.1.1869), der »Zauberer vom KobenzI«
(bei Wien) in seinem »Wer ist sensitiv, wer nicht?« (Neuausgabe: Leipzig,
1920; p. 8; § 18).
Darum kann es durchaus der Wahrheit
entsprechen, wenn ein Magnetist der alten Schule erzählt: in einem Ballsaal
hing ein hoher Spiegel. Fast jede Dame betrachtete sich längere Zeit darin
und machte sich davor zurecht. Beim Tanzen ist man bekanntlich odisch aufgepolt.
Als sich nun ein älterer Herr vor diesem Spiegel das Haar glättete, fiel
er sofort tot um. Sicher: er mag schon zur Apoplexie reif gewesen sein, aber wäre
dieselbe auch so früh eingetreten, wenn er sich nicht in diesem odischen »Akku«
reflektiert hätte?
Jürgens weiß auch:
»Hunde, Katzen, Vögel geraten vor dem Spiegel außer sich, weil
die Wirkung der odischen Ausstrahlung vom Spiegelbild auf den eigenen Körper
eine ganz unheimlich starke ist.« (p. 4) Jedenfalls: setzt man Mäuse
vor einen Spiegel und überläßt sie dort sich selbst, so beginnen
sie sich alsbald hin- und herzuwiegen, um schließlich regelrecht zu tanzen.
Zum Schlüsse kommend: ein
ganz banales Spiegel-Erlebnis, so alltäglich-simpel, daß man sich seiner
hintergründigen Bedeutung gar nicht (mehr) bewußt wird. Ich will es mit
den Worten von (Johan) August S t rindberg (22.1.1849 bis 14.5.1912) wiedergegeben,
der sich viel mit Dingen befaßte, denen »man« keine Bedeutung
zumißt, also auch mit den Spiegeln. Er schreibt nämlich im Abschnitt
»Energiegewinn« seines »Ein neues Blaubuch« (München,
1920; 689):
»Wenn die Sonne in einem Spiegel reflektiert wird, gibt das Sonnenbild mehr
Wärme als die Sonne selbst. Wenn ich aber den Spiegel in zwanzig Stücke
schneide, erhalte ich zwanzigmal mehr Wärme, mit der ich ein Haus in Brand
stecken kann. Hier ist die Energiequelle unerklärlich; und der Gewinn kann
nicht durch die unbedeutende Arbeit entstehen, daß man den Spiegel in Stücke
schneidet.
George Louis Ledere Graft von
BUS-SO n (1707-1788) nahm eine große Anzahl von Planspiegeln und stellte sie
in einem konkaven Rahmen so auf, daß sich alle Brennpunkte trafen. Damit schmolz
er Gold im Sonnenschein, während bei Sonne kaum Butter schmilzt. Das ist ein
unerhörter Energiegewinn, ohne daß die Arbeit vermehrt ist, damit ist
die Möglichkeit eines Perpetuum mobile bewiesen!« Wozu nur zu sagen wäre:
Schmelzpunkt des Goldes: 1063 Grad C, der Butter: 32 Grad C!
Einen Abriß der Entwicklung
der Sonnenspiegelhochöfen von der Antike bis in unsere Tage habe ich in der
Studie »Geheimnisse der Optik« gegeben, die erschienen ist in den »Internen
Mitteilungen« der GWS. e.V. (Hannover, 1953/32/359 f.).
»In den Hohlspiegeln« liegen noch ganz unbegreifliche Dinge verborgen,
von denen sich unsere Physiker nichts träumen lassen, »meint der Rosenkreuzer
sur-eminent disciple« (Sedir), der churbayerische Hofrat und Geh. Archivar
Carl von Eckartshausen (28.6.1752 bis 12. 5. 1803) in seinen »Mystische Nächte«
(München, 1788; IVte Nacht). Einiges habe ich darüber gebracht im Teilabschnitt
»Rosenkreuzerische Optik« meiner »Die Geheimkünste der Rosen-kreuzer«
(Warpke-BilIerbeck, 1954; 41-50).
Die merkwürdigen physikalischen
Gesetze der Brennspiegel habe ich gestreift im Kapitel »Rätsel der Optik«
meines »Vom Hundertsten ins Tausendste« (Freiburg i. B., 1940-^tl; 211
ff).
Viel befaßt mit den optischen
Mysterien hat sich auch der Kaiserliche Ritter, Hauptmann und Rat, Dr. med. et jur.
utr. Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (14.9.1486 bis 18.2. 1535), wie hervorgeht
aus dem Teilabschnitt »Wunder der Optik« meines »Streifzuges ins
Ungewohnte« (Freiburg i. B., 1949, 90 f.), vor allem aber aus meiner Nettesheim-Anthologie
»De occulta philosophia«, Remagen, 1967).
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