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Der Urfehdebann
GardenStone
Einleitung
Alle rechtsförmlichen Handlungen bei den alten Germanen waren begleitet von
umständlicher und vorgezeichneter Rede. Das meiste davon, wie auch die Gesetze
selbst, war Prosa. Aber oft hob es sich zu vershafter Prägung: teils zu verstandesklaren
Formeln, die innerlich verwandt sind mit dem Sprichwort, oder dem Epigram, teils
zu gefühlsmäßigen Ergüssen, die in die Linie der Zaubersprüche
und Verwünschungen gehören.
Die reichsten Beispiele für beides bieten die "Urfehdesprüche", die in Island und Norwegen den
gegnerischen Parteien zum Abschluß des schiedlichen Vergleichs vorgesagt und
dann von ihnen durch Eid und Handschlag bekräftigt wurden.
Sie beginnen mit nüchterner Feststellung der Sachlage: der Streit ist durch
Buße beglichen. Dann folgt die Mahnung:
haltet fortan
guten Frieden, wo ihr euch auch trefft!
Die Sprache dieser Teile erinnert
an die der Sittensprüche; ein paar abstraktere Zwischenglieder sind in Prosa.
Dann kommt das Hauptstück, der Bannfluch:
Wer diesen
Vergleich bricht, soll friedlos sein überall!
Und dieses 'überall' wird zerlegt
in eine lange Reihe geschauter Einzelbilder, die uns wie im Flug über die Erde
führen. Dies ist nicht mehr Spruchdichtung, sondern hat einen lyrisch-seherhaften
Zug und erreicht in den Versen vom Falken ein Naturbild von hinreißender Anregungskraft.
Das nächste Stück, das die Besiegelung des Vertrags feststellt, hat wieder
die sachlichere Art des Eingangs. Den Schluß machen Verse, die sich noch einmal
zu Segen und Verwünschung erheben.
Wo von "Dichtung im Recht" die Rede ist, da wird man dem nordischen Urfehdebann
einen Ehrenplatz zugestehen,
Andreas Heusler
Streit war
zwischen Thorodd und Thorbjörn; aber jetzt ist er beigelegt, und mit Geld gebußt......
Wie die
Wäger es wogen
und die Zähler es zählten
und der Schiedsspruch entschied
und die Nehmer es nahmen
und fort es führten
als volle Gabe
und empfangenes Geld,
dem in die Hand gezahlt,
die es haben sollte.
Ihr sollt sein
versöhnt und gesellt
bei Met und Mahl,
Bei Gericht und Ratsversammlung,
beim Kirchenbesuch
und im Köningshause;
und überall
wo Männer sich versammeln,
da solltet ihr so ausgesöhnt sein,
als hätte sich niemals diese Streit
zwischen euch erhoben.
Teilen sollt ihr
Messer und Mahl
und alle Dinge
unter euch beiden
als Freunde und nicht als Feinde.
Wenn künftig Streit zwischen euch
entsteht, anders al recht ist, das
soll man
mit Geld büßen,
doch nicht den Ger röten.
Doch wer von euch
angreift den Urfehdeschwur
oder zertrümmert das Treugelöbnis,
der sei
so weit wölfisch,
friedlos und flüchtig,
soweit Menschen
Wölfe jagen,
christenmänner
Kirchen besuchen,
Heiden opfern
im Heiligtum,
feuer flammt,
Flur grünt,
Kind Mutter ruft,
Mutter das Kind nährt,
Herdbrand man hegt,
Schiff schwimmt,
Schilde blinken,
Sonne scheint,
Schnee fällt,
Finne gleitet (skiläuft),
Föhre wächst,
Falke fliegt,
frühlingslangen Tag,
steht ihm frischer Fahrtwind
in den Flügeln beiden,
Himmel sich hebt,
Heimat bebaut ist,
Wind braust,
Wasser zur see strömen,
Knechte Korn sähen.
Meiden soll er
Kirchen und Christenmänner,
Gottes Häuser
und Höfe der Menschen,
jedes Heim,
Nur die Hölle nicht.
Nun fasset beide das heilige Buch,
auch liegt nun
auf dem Buche das Geld,
das Thorbjörn büßt für sich
und seine Erben,
geboren und ungeboren,
gezeugt und unbezeugt,
genannt und ungenannt.
Thorbjörn nimmt entgegen
den Treuschwur,
aber Thorodd leistet
ewigen treuschwur,
den man immer soll halten,
solange Marken stehn
und Menschen leben.
Nun sind Thorodd und Thorbjörn
geeint und ausgesöhnt,
wo zusammen sie sind,
auf Haff oder Heide,
Schiff oder Schneeschuh,
auf See oder im Sattel,
sollen Riemen teilen
und Ruderbank,
Schöpfkelle
und Schiffsdiele,
wo es dessen bedarf,
so ausgesöhnt miteinander
wie Vater und Sohn
oder Sohn und Vater
in allem Umgang.
Nen legen sie
ihre Hände ineinander,
Thorodd und Thorbjörn:
haltet wohl den Treueid
nach dem willen Christi
und aller Männer,
die da hörten den Urfehdebann!
Gottes Huld habe,
wer hällt den Treuschwur,
seinen zorn, wer zerreißt
gerechten Treuschwur,
doch Huld wer ihn hällt!
Seid zu Heil versöhnt!
Wir alle sind Zeugen,
die um euch stehen.
Übertragung von
Feliy Genzmer
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