Die magischen Werkzeuge 1:

Kelch und Kessel

Vicky Gabriel
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Schön, wozu ein Kelch da ist, wissen die meisten von uns - aber mit dem Kessel ist das mal wieder so eine Sache. Die wenigsten von uns besitzen einen eigenen, und selbst wenn, steht er zwar meist recht dekorativ in der Landschaft herum, aber das war's auch schon wieder. Dabei ist er für mein Empfinden vielleicht das wichtigste aller uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge! Aber gehen wir das Ganze doch mit etwas System an.

Beides kann dem Westen zugeordnet werden - und nun fangt nicht gleich an, beleidigt aufzuheulen, auf die Geschichte mit dem Kessel komme ich diesbezüglich noch. Wo Westen, da Wasser, und wo Wasser, da ewige, tiefe, alles verschlingende, hinabziehende Weiblichkeit (ratet mal, wer das Buch geschrieben hat, aus dem ich das habe - ein Mann oder eine Frau?). Auch hier begegnen uns zwei Werkzeuge in unterschiedlichen Funktionen: Der Kelch stellt das sogenannte kleine und der Kessel das ebenso genannte große Werkzeug dar.

Legen wir doch mal mit dem Kelch los.

Über seine Verwendung bestehen kaum Zweifel. Jeder hat einen, jeder weiß, wofür er da ist und jeder benutzt ihn während des Rituals mindestens ein-, vorzugsweise aber mehrmals - je nach Qualität der Füllung, versteht sich. (Ich kenne da einen Coven in Österreich, dessen Ritualgebräue bereits in solchem Maße zur Legende geworden sind, daß selbst jene, die noch nie davon kosten durften, unbedingt das Rezept haben wollen. So begründet man eine Dynastie!) Fragt mal einen dieser komischen Typen, die in ihrem Schlaf- oder Wohnzimmer so ein seltsames Schränkchen mit ulkigen Dingen darauf stehen haben, was es mit dem silbernen Weinglas in der Mitte auf sich hat, und er wird sofort lossprudeln, um euch etwas von Intuition, uraltem Wissen aus den tiefsten Bereichen der menschlichen Seele und vielleicht sogar dem Gral persönlich zu erzählen. Wenn er endlich fertig ist, laßt ihr ihn ein paar Augenblicke auf eure nun fällige tiefste Bewunderung (sowie auf den Kommentar: »War der wirklich so teuer, wie er aussieht?«) warten und fragt dann ganz unschuldig: »Und warum ist das so?«

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn es so ist, weil es die Götter verordnet oder gar offenbart haben, weil er es von seinem weisen alten Überlehrer gelernt hat oder weil es am Ende so ist, weil es eben so ist, dann laßt euch von jemand anderem in die tiefsten Urgründe der Hexenkunst einweihen. Sollte er euch aber irgend eine andere, sinnvolle Antwort geben können - und dazu zählt durchaus auch: »Keine Ahnung, ehrlich - laß es uns gemeinsam herausfinden!« - habt ihr zumindest einen hellen Kopf und vielleicht einen Freund fürs Leben erwischt. Was man mit diesen Leuten macht, wißt ihr, ja? Festhalten - aber nie zu fest!

Japp, es ist etwas dran. Der Kelch soll im Ritual eine Verbindung zu unseren Gefühlen sowie zu unserer Intuition herstellen; aber wenn man ihm dabei nicht hilft, nützen auch ganze Ströme von im Geheimen gebrautem und seit Generationen überliefertem Ritualwein nichts. Das Geheimnis von magischen Symbolen ist, daß man sie bewußt und mit voller Absicht verwendet; daß man sozusagen ein entschiedenes Signal gibt, wenn man seinen Kelch einsetzt. Einfach nur hochhalten und mystische Texte murmeln langt nicht. Es stellt sich die Frage, an wen dieses Signal gerichtet ist.

Im Einzelnen hängt die Beantwortung dieser Frage von eurer persönlichen Sicht der Dinge ab. Für den einen geht der Draht direkt zu den Göttern, für den anderen vielleicht eher in Richtung Unterbewußtsein - mir ist es gleich, solange es funktioniert. Und nun kommen wir zum Kern der Sache: Götter, Unterbewußtsein, archaische Urebenen - sie alle stehen mit dem Anfang aller Dinge, mit der Schöpfung selbst in Verbindung. Diese läßt sich kaum besser als in Form des Schoßes, aus welchem sich die Schöpfung ergießt, symbolisieren. Nun schaut euch die Höhlung eures gefüllten Kelchs an. Fällt euch etwas auf?

Kelch und Kessel funktionieren als magische Werkzeuge immer dann, wenn wir uns ihnen in dem Wissen nähern, daß sie mit den Uranfängen des Daseins, mit dem Akt der Erschaffung selbst in symbolischer Verbindung stehen. Und diese Urkräfte sind für jeden von uns erreichbar, wenn wir es fertigbringen, den Kelch als das zu spüren, was er repräsentiert, wenn wir ihm mit jener grenzenlosen Achtung und Ehrfurcht zu begegnen imstande sind, die wir auch jenem entgegenbringen, wofür er steht - dann, und nur dann wird er seine Symbolfunktion aufnehmen und für uns eine Brücke zwischen unserer Realität und der Welt davor, danach und dahinter schaffen. Ihn einfach gen Vollmond zu halten, genügt eben nicht, weil nicht die Handlung eine Veränderung bewirkt, sondern unsere Einstellung dazu. Wer hat vor vier Wochen »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« gesehen? Selbst nachdem Indi alle Hürden auf dem Weg zum Gral überwunden und sich somit als würdig erwiesen hat, muß er unter vielen verschiedenen Mogelpackungen den richtigen Becher finden. Er erkennt ihn deswegen, weil er sich in die Person jener Menschen versetzt, die den Gral geschaffen haben; er schwingt sich also auf die Ebene des Grals ein. Hätte er nur einen einzigen Becher oder Pokal vorgefunden und diese Einschwingung nicht vollzogen, wäre der Gral für ihn wirkungslos gewesen; dies wird im Film durch die anderen, tödlichen Gefäße symbolisiert. Nicht schlecht für Hollywood, oder?

Genauso ist es mit unseren magischen Werkzeugen und Symbolen. Sie alle erfüllen ihre Funktion nur für denjenigen, der bereits im Voraus imstande ist, sich aus eigener Kraft in einen anderen Bewußtseinszustand zu begeben. Dies muß nicht immer mit magischer Trance, seltsamen Zuckungen oder dem Lallen fremder Sprachen einhergehen; am kostbarsten ist dieser Zustand für uns vielleicht sogar, wenn wir ihn als besondere, klare Wachheit, als eine ganz eigentümliche Intensität aus unserem Alltag heraus wahrnehmen können. Speziell beim Kelch geht es hier um die Macht unserer Gefühle und das innere Wissen, mit welchem uns zu verbinden eben jene tiefsten Gefühle in der Lage sind.

Der Kessel wiederum ist all das und noch mehr.

Die meisten Hexen, die einen haben, besitzen ihn, weil eine Hexe so etwas nun mal haben muß und plazieren ihn in der Mitte des Kreises, weil sie nicht wissen, wohin sie sonst damit sollen. Ich habe ihn auch schon im Süden oder im Westen des Kreises stehen sehen. Eigentlich ist das alles gar nicht so dumm - immerhin verfügen diese Menschen über ein gewisses Maß an Intuition, woher sie diese auch immer beziehen mögen (»Stell' den Kelch endlich hin, der Ritualwein ist für alle da!«). Außerdem erweist er sich regelmäßig als überaus praktisch, wenn es um den Transport des ganzen Ritualzeugs in den Wald oder wohin auch immer geht, bis auf den sperrigen Kram paßt alles hinein (»Du, Emma, dahinten sind ein paar Typen mit einem riesigen Topf, langen Schwertern und sowas wie Holzstäben - glaubst Du, es gibt noch Menschenfresser in Europa?«). Er ist also ein Allround-Werkzeug, sozusagen das Hexengerät schlechthin. Was einen auch nicht wundern sollte - immerhin zählt er zu den ältesten in magischer Verwendung befindlichen Gerätschaften überhaupt.

Wie schon der Kelch stellt auch der Kessel eine Verbindung zu unseren tiefsten und schöpferischsten Ebenen sowie jenen der Schöpfung selbst her, doch ist er diesen aufgrund seiner Natur sehr viel näher und darüber hinaus auch in der Lage, uns eine Einwirkung auf beziehungsweise mit diesen Ebenen zu ermöglichen. Der Kessel ist Schöpfung, Fruchtbarkeit, Erneuerung, Tod und Wiederkehr zugleich. In ihm brauen und kochen wir; mit der darin erschaffenen Nahrung erhalten wir Leben und sind somit Teil des ständigen Schöpfungsprozesses des Universums, denn nach Ansicht vieler Neuheidnischer Richtungen fand die Erschaffung des Universums keineswegs an jenem berühmten Sonntag ihr Ende, als Gott die Hände in den Schoß legte und beschloß, erst mal Pause zu machen; vielmehr gehen die meisten von uns davon aus, daß die Erhaltung der Welt bereits einen schöpferischen Akt darstellt. Versucht mal, bis Weihnachten vollständig aufs Essen zu verzichten - dann wißt ihr, was ich meine. Die keltische Mythologie faßt dies im Bild des Kessels der Cerridwen zusammen: Hier wandelt sich alles, wird aus Altem Neues und aus Tod das Leben. Auch die Alchimisten wußten um diese Kräfte. Wer von euch arbeitet mit dem Frieda-Harris- (na gut, dem Crowley-)Tarot? Werft mal einen Blick auf die Karte »die Kunst«. Na, was benutzt die gute Dame dort, um eine Verschmelzung der Gegensätze zu erreichen?

Womit wir zum nächsten interessanten Punkt kämen: Wo gehört das Ding nun eigentlich hin - in den Süden, den Westen oder in die Mitte des Kreises? Mir gefallen all diese Lösungen, da sie zeigen, von welch umfassender Bedeutung er ist. Im Westen hat er aufgrund der Fülle, die er spendet, sowie als Trainingsinstrument für die Intuition - viele Menschen verwenden zum Sehen den Kessel - seinen Platz. In der Mitte des Kreises symbolisiert er den endlosen Kreis des Lebens und dient dazu, Menschen um ihn herum zu einem ebensolchen zu versammeln; Wandlung und Transformation als Mittelpunkt unseres Lebens. Im Süden jedoch weist er auf eine ganz besondere seiner Eigenschaften hin. Hier wirkt er umfassend, schließt alles Leben in sich ein und reinigt es mit der Kraft des Feuers. Wann immer ein Kessel Verwendung findet, geschieht dies mit Hilfe von Feuer; sei es, daß ein solches unter ihm entzündet wir, um Nahrung zu kochen oder in ihm selbst als sicherem Ort für das Ritualfeuer. Ständig hat er eine fürsorgliche, hegende Funktion. indem er uns jene Dinge verschafft, die unser Körper - und manchmal auch unsere Seele - zum Überleben benötigen oder die vernichtende Kraft der Flammen für uns bändigt und uns auf diese Weise schützt. Der Kessel ist der tiefste, geheime Ort, an welchem wir in der Obhut der Göttin alle Schranken und Begrenzungen hinter uns lassen können, um uns zu neuer, andersartiger Größe zu erheben. Aus diesem Grund symbolisiert er in meiner Familie die Sippe selbst, deren Glieder zwar kommen und gehen, die aber als Ganzes doch immer eine steig wachsende, lernende und sich verändernde Einheit bildet. Auch ist seine Handhabung bei uns das Privileg der Alten, deren Richtung der Westen ist und das der Mutter als Widerspiegelung des Schöpfungsaspekts.

Wie kommt man nun am einfachsten an diese beiden Werkzeuge?

1. Eine gute Quelle für Kelche stellen türkische Läden dar, und manchmal haben sie sogar Kessel. Die Sache hat nur einen Haken: Diese Läden sind teuer, weil oftmals immer noch auf Handel eingestellt - und was dürfen wir beim Erwerb magischer Werkzeuge nicht tun? Bitte alle im Chor: HANDELN!

2. Freizeit und Trekking-Versandhandel haben sich hingegen als überraschend preiswerte, aber bezüglich von Kelchen recht unergiebige Quelle herausgestellt; aber deren Kessel sind einen Blick ins Portemonnaie wert.

3. Auch wenn das klassische Kelchmaterial Silber ist, habe ich jedoch auch mit vielen anderen Materialien gearbeitet und außer gewissen persönlichen Vorzügen keinen großen Unterschied bemerkt. Ton geht halt leichter in Scherben, ist dafür aber nicht so teuer; Glas überlebt meist den ersten Absturz vom Baumstumpf-Altar nicht, ist aber dafür in sehr vielen Verarbeitungsformen zu finden. Silber muß man dauernd putzen, und zwar nicht nur der Optik halber, sondern auch, weil ein gründlich oxidierter Becher irgendwann kaum mehr zu reinigen ist und sein Inhalt dann scheußlich - ich wiederhole: scheußlich - schmeckt. Holz hält etwas aus, ist relativ preiswert und darüber hinaus (bei guter Oberflächenversiegelung, unbedingt darauf achten!) auch recht pflegeleicht, wir aber von vielen Menschen als zum Element Wasser nicht unbedingt passendes Material betrachtet.

4. Ihr wißt ja, was nun kommt: Kaufen alleine reicht nicht! Bearbeitungshinweise finden sich in den beiden vorangegangenen Artikeln. Paßt auf die Edelsteine auf, vor allem auf metallenen Grundlagen entwickeln diese gerne ein äußert aktives Eigenleben ... am besten nichts Teures nehmen und erst mal austesten, ob es hält.

5. Kessel sind war traditionell aus Kupfer, sollten in diesem Fall aber unbedingt innen beschichtet sein. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, daß man durchaus auch zuviel Kupfer im Leib haben kann, und das soll unangenehme Spätfolgen haben ... nun ja, wenn ihr nach dem Duschen plötzlich außen herum grün werdet, wißt ihr Bescheid.

6. Ebenso wie für Dolche gilt für einen Kessel: Er muß benutzbar sein. Und zwar zum Kochen. Und zwar mehr als einmal. Also vergeßt diese kunstvollen Wunderwerke aus Glas oder das tolle Holzgerät, welches ihr gerade auf dem Kunsthandwerksmarkt eräugt habt. Ist sowieso zu teuer, verlaßt euch darauf.


Schön, und wofür dienen diese beiden hübschen Gefäße nun - nach erfolgter Reinigung und Weihe, versteht sich - im Ritual?

Nun, der Kessel hat seinen Auftritt oft bereits am Anfang, falls man ihn als Feuerstelle einsetzt. Auch außerhalb des Rituals kann er seinen Einsatz haben, wenn beispielsweise rituelle Speisen oder Getränke im Voraus zubereitet werden. In diesem Fall sollte man ein wachsames Auges auf ihn haben und stets in seiner Reichweite sein, weil manche Menschen eine wahrhaft seltsame Vorstellung von Humor haben und der Kombination des Abführmittels im Arzneischränkchen mit dem fröhlich blubbernden Kessel einfach nicht widerstehen können ... unangenehme Menschen, diese Leute. Also, hütet eure Kessel so, wie sie euch hüten!

Weiterhin wird der Kelch zur Anrufung der Göttin verwendet - ihr wißt ja nun, was ihr dafür abgesehen vom Füllen und Emporheben tun müßt. Auch hier bekommt der Kelch verbindende Funktion, wenn anschließend alle Beteiligten gemeinsam aus ihm trinken; diese Handlung hat nach einer tief empfundenen und kraftvoll durchgeführten Anrufung fast Eidcharakter. Bedenkt die Ähnlichkeit zum Abendmahl; auch die Christen wissen, wie man aus einem losen Haufen eine aufeinander eingeschworene Gemeinschaft macht. Nicht zu vergessen natürlich auch das Ritual der großen Ehe (ich weiß, ich sage es bereits zum vierten Mal, aber da nutzt reines Hochhalten des Kelches alleine nun wirklich nichts!).

Was ihr auch immer im einzelnen mit eurem Kelch oder eurem Kessel anstellt, sei eurer Kreativität überlassen, aber vergeßt bitte niemals, daß diese beiden Gegenstände von dem Augenblick an, in dem ihr sie dem Alltag enthebt und durch die Weihe zu rituellen Gegenständen macht, wahrhaftig heilig sind; vielleicht in noch höherem Maße als alle bisher in dieser Serie behandelten Werkzeuge. In gewisser Weise stellen sie das symbolische Zentrum neuheidnischer Religion und Kultur dar. Liebt sie - und auf diese Weise durch sie das, was sie repräsentieren.