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Warg
- Werwolf
Aus:
E.H. Meyer "Mythologie der Germanen", Straßburg, 1903.
Ausschnitt
Der tiefeingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen
Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden
Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber
in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern
eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen
schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben
Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos
rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen
für wahr halten.
Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach?
Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut
im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs
aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen
Franken ein WARG, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der
im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod,
trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum",
Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen
wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem
Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos.
Die Werwölfe trieben in der dunkelsten
Zeit des Jahres, in den Zwölfnächten, ihr Unwesen oder waren in dieser
Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre
sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist
mitgeteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten
Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt
der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem
Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich
die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern
heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches
Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung,
das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger
geht nun geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister
von Ansbach.
Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten
lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene
Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren,
sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel
durchbrechen.
Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf
umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf
zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre
Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder
und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage,
daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben
nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten.
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