Sachsen und Thüringen.

An Oberfranken schließt sich jenseits des Frankenwaldes das sächsische Voigtland an. Zu diesem gehört auch der Orlagau. Die Orla ist ein Nebenfluß der Saale am rechten Ufer; sie entspringt bei Triptis im Weimarer Kreis Neustadt, fließt nach Westen und mündet gegenüber Orlamünde in die Saale. Die Volkssagen dieses Bezirkes hat W. Börner, Pfarrer in Endschütz, der auch das Archiv des voigtl. altertumsforsch. Vereins in Hohenleuba gründete und fast ausschließlich füllte, gesammelt: Volkssg. aus dem Orlagau, Altenburg 1838. Sie sind von der Rahmenerzählung und den Gesprächen streng geschieden und machen den Eindruck ziemlich getreuer Wiedergabe, wie es auch Börner für sich beansprucht. Über Perht liegt ein ganzer Sagenkreis vor. (B. schreibt Perchtha) S. 113—188. Die erste Sage knüpft sich an die Namen der verschwundenen Dörfer: Cosdorf und Rödern zwischen Bucha und Wilhelmsdorf. Das waren einst zwei stattliche, reiche Dörfer; denn der Flursegen war ungeheuer. Das machte, daß die ganze Gegend von Heimchen bevölkert war. Diese waren ein friedliches und harmloses Zwergengeschlecht, das an der Bewohner Arbeit, Freude und Lust teilnahm, mit deren Kindern spielte und sich besonders bei der Ernte sehen ließ. Ihre Königin war Perchtha. Das schöne Verhältnis zwischen ihnen und den Menschen trübte sich aber. Es kam ein ernster Mann aus der Fremde und sagte, man dürfe Perchtha nicht trauen; die Kleinen, über die sie gebiete, seien Menschenkinder, welche vor der Taufe gestorben wären. Einmal im Jahre, in der Nacht vor dem heiligen Drkgfeste, sei ihr Macht verliehen, ihre Tücken an den Menschen auszuüben. Da komme sie, verwirre den Weibern, die nicht abgesponnen, ihre Rocken und was dergleichen mehr.   Diese Lehre faßte feste Wurzeln und die

Sitzungsber. d. pMl.-hist Kl.  174. Bd. 2. Abb.


Menschen zogen sich von den Heimchen zurück. Da wurde in einer dunklen Drkgnacht der Fährmann in Preswitz gerufen, und als er zum Strome kam, sah er eine verschleierte, stattliche Frau in schlossenweißem Kleide und viele Kinder um sie herum, die alle trübe und traurige Mienen hatten. Trotz seines Grauens mußte der Fährmann auf die Drohung Frau Perchthas hin — denn sie war es — die Kleinen übersetzen und er mußte dreimal fahren, so viele waren es. Derweil stand Perchtha drüben bei seinem Pfluge, zimmerte an ihm ausbessernd und, als die Überfahrt beendet war, bedeutete sie ihm, als Lohn die Späne zu nehmen. Unwillig steckte er einige ein und fuhr heim. Am Morgen fand er an ihrer Stelle Goldstücke. Seitdem waren die Heimehen und Perchtha verschwunden. Die Fluren verödeten, die Dörfer wurden im Kriege zerstört und das Gelände ist heute noch düster und unfruchtbar. Die Kunde von Perchtha und ihrer Überfahrt hat sich auch bei Kaulsdorf a. d. Saale und zu Köstritz a. d. Elster bei Gera erhalten (S. 125). Die nächste Sage S. 126 bringt das Motiv der Ausbesserung und des Spanlohnes. Es handelt sich um einen Wagnermeister aus Golba, der in der Drkgnacht nach Hause geht und am Orlafluß Perchtha trifft, deren zerbrochenen Ackerpflug die Heimchen klagend umringen. Er muß ihn ausbessern und bekommt dafür die Späne, die zuhause zu Gold werden. Ein Knecht, der das hört, geht nächste Perchtennacht (sic!) an denselben Platz. Perchtha aber fuhr ihn streng an, was er hier zu dieser Stunde suche. Wie jener nun vorbrachte, daß er ihren Pflug habe ausbessern wollen und nur die Späne als Lohn verlange, erwiderte Perchtha: ,Nicht nötig, ich habe mein Beil selbst zur Hand/ Damit hieb sie den Gesellen in die Schulter, daß er zeitlebens einen schiefen Hals behielt (auch bei Eisel n. 265).
Motiv vom Notnagel und vom eingehackten Beil.
Ähnliches auch bei Kaulzendorf, Preßwitz, beim Saalhause, auf dem Landberg zwischen Pößneck und dem Forsthause Eeichenbach (auch bei Gr. DS.  S. 11;  Zusatz bei Börner).
Unter der Gleitsch bei Fischdorf die Variante, daß hier Perchtha mit den Heimchen auf einem Wagen fährt und ihr die Achse zerbricht.
 


Aus Neidenberge in der Nähe der Saale bringt Börner eine Sage mit dem Motiv der Blendung auf ein Jahr. Eine Magd begegnet nachts am Heimweg Perchtha mit ihren Kindern, alle von gleicher Art und Größe; die einen zogen einen großen Pflug, die anderen trugen Wirtschaftsgeräte, alle aber klagten, daß sie keine Heimat mehr hätten, und drängten sich um Perchtha, eine mächtige, große Frau. Als die Magd, der das komisch vorkam, lachte, blendete sie Perchtha, machte sie aber wieder sehend, als sie die Magd unwissend in der nächsten Drkgnacht anbettelte. Dieselbe Sage in der sogenannten Sorge bei Neustadt a. d. Orla. Das Tränenkrügleinmotiv finden wir in Wilhelmsdorf (S. 142). Eine Mutter weint in der Drkgnacht am Grabe ihres Kindes. Da zieht Perchtha mit ihrem Gefolge vorbei. Die Frau sieht ganz hinten ein Kind mit ganz durchnäßtem Hemdchen, in der Hand einen Krug Wasser, das den anderen kaum nachkommt. Als der Zug über eine Umzäunung klettert, kann es nicht hinüber. Als es die Frau hinüberhebt, spricht das Kind: ,Ach Mutter, wie warm sind Mutterhände; aber weine nicht zu sehr, du weinst mir meinen Krug sonst gar zu schwer und voll, da sieh, ich habe mir schon mein ganzes Hemd damit beschüttet.' Da hörte die Frau zu weinen auf. Zu Bodelwitz dieselbe Sage (S. 152). Als Spinnstubenfrau ist sie im ganzen Gau bekannt. Sie untersucht in jeder Vornacht des heiligen Drkgtages die Rockenstuben, bringt den Spinnerinnen leere Spulen mit, mit der Weisung, diese in bestimmter kurzer Frist vollzuspinnen, und bestraft, wenn das Geforderte nicht geliefert werden kann, mit Verwirrung und Verunreinigting des Flachses. Bei dieser Gelegenheit schneidet sie allen denen, die an diesem Tage kein Zemmede gegessen haben, den Leib auf, nimmt die genossenen andersartigen Speisen heraus und füllt den leergewordenen Raum mit Wirrbüscheln und Backsteinen an. Zuletzt näht sie den Leib wieder zu, wobei sie sich statt der Nähnadel einer Pflugschar und statt des Zwirnes einer Röhmkette bedient. Zemmede ist eine aus Mehl und Milch oder Wasser in Pfannen gebackene Speise. (Der Name slaw.Ursprungs ?) In diesem Bericht Börners scheint verschiedenes vermengt worden zu sein, so vor allem das Motiv der betrögenen


Spstf. und das Bestrafen für den Bruch der Spinnruhe. Von letzterem ist hier gar nicht die Rede, von ersterem nur die erste Hälfte, es ist aber, wie wir gleich sehen werden, ganz bekannt. Ob diese Verwirrung auf das Konto Börners zu setzen ist oder schon im Volksglauben vor sich ging, ist nicht mehr erkennbar.

Das Motiv der betrogenen Spstf. finden wir in Oppurg, wo Perchtha offenbar deshalb empört ist, weil die Spinnstube voll Gäste ist, die sich jubelnd unterhalten (christliche Anschauung!). Ferner in Langendembach und Oepitz (Eisel, S. 103), wo eine alte Frau am Drkgabend spann und bei der Warnung vor Perht(a) diese noch spottete. Da stieß diese das Fenster auf und warf eine Hand voll leerer Spulen herein, die in einer Stunde fertiggesponnen sein sollten. Die Frau aber spann um jede nur einige Reifen und warf alles in den Bach.  Da hat ihr Perht(a) nichts anhaben können. Endlich bringt noch Börner zwei Sagen (173, 182) mit dem Motiv der Wagenausbesserung und des Spanlohnes. Ein armer Bergmann aus Bucha hilft ihr, sie schenkt ihm die Späne und verkündigt ihm die Geburt von Zwillingen. Das geschah auch wirklich, der Bergmann aber wurde reich. Die zweite Sage aus Jüdewein, wo zwei Betrunkene Perchtha mit ihrem Wagen treffen und ihn ausbessern. Auch hier Andeutung des Spanlohnes. Das sind die Sagen aus dem Orlagau.  Wir haben demnach belegt: 1. Perht als Eibenkönigin und Kinderseelen-führerin. Sie tritt hier mit dem Gefolge der Heimchen auf. (Über den Kamen vgl. Kluge Etym. Wb. 4 1910, s. v., Gr. DWb. IV 2, S. 608; EHM. GM. S. 64; Sph. II 186 ff.) Diese werden bald als elbische Wesen von Zwergenart mit den typischen Motiven beschrieben, bald — und zwar in der­selben Sage — als Seelen ungetauft verstorbener Kinder be­zeichnet. Diese Doppelheit der Anschauungen :— als solche muß sie erscheinen, wenn auch beide aus derselben Grund­vorstellung entspringen — fiel schon unter der mythentragenden Bevölkerung des Orlagaus auf und führte zur Konzeption der ers.ten Sage bei Börner. Die Aufklärung durch den Frem­den bot einen Grund zur Änderung der Gesinnung der Men­schen und diese wieder zum Abzug der Heimchen.  


In Wirklichkeit ist von diesem, letzteren Motiv des Abzuges und der Überfahrt der Elben auszugehen. Diese beiden Motive sind stereotyp innerhalb des Sagenkreises von den Elben; das Überfahrtsmotiv berührt sich allerdings mit der Überfahrt der Seelen (vgl. Mannh., GM. S. 361 ff.) ist aber nicht ident. Daß die Eiben aus dem Seelenglauben erwuchsen, ist wohl sicher; sie haben sich aber vielfach ihres Ursprunges emanzipiert und niemand wird in der ersten Hälfte der ersten Sage bei Börner bei der Schilderung der Heimchen an Seelengeister denken. Hat sich also die Eibenvorstellung ganz selbständig gemacht und ist sie erst sekundär mit Perht (wieder ?) verknüpft worden, die ihrerseits selbständig war und als Führerin der Kinderseelen galt? Sicherheit wird hier schwer zu gewinnen sein, aber es ist doch anzunehmen, daß zumindest im mythenbildenden Unterbewußtsein des Volkes die Fäden zwischen Eiben und Seelen sich nie ganz lösten und so die Neuverschmelzung der zwei Kreise befördert wurde. Ein weiteres Problem kommt hinzu: ist das Motiv des Abzuges wirklich so mächtig, daß es die meisten Sagen wie ein starker Grundton durchzieht, oder ist es erst sekundär entstanden aus dem Mißverstehen des alljährlichen Umziehens der Perht, das man ja übrigens auch kennt? Es scheint tatsächlich so der Fall zu sein und mitgewirkt dürfte haben, daß man aus den in ihrem Auftreten fast immer jämmerlichen Seelen über ihren Abzug klagende elbische Wesen machte. Ganz klar ist jedenfalls bezeugt: Perht umziehend in der Drkgnacht mit Kinderseelen in Wagen oder Pflug.

Motive: Ausbesserung, Spanlohn, eingehautes Beil, Blendung auf ein Jahr, ferner Perht als Königin der Elbe (= Kinder seelen), Abzug und Überfahrt, Spanlohn.

Die Namensform Perchtha bei Börner ist literarisch, vl. von Grimms Myth. 1835 beeinflußt (Perahta). Aus dem nahen Saalfeldischen ist die Namensform Perchte belegt, die man auch erwartet. (Gr. Gm.1  LXXXVIII; Abergl. n. 525 aus Journ. v. u. f. Dsch. 1790.) 2. Perht als Spinnstubenfrau. Dazu stelle man die Mitteilung Eiseis (S. 103): am heiligen Drkgabend darf nicht gesponnen werden; am Abend zuvor kommt Perchtha zu sehen, ob alles abgesponnen ist.  Dann lohnt sie die Fleißigen
 


und bestraft die Faulen und wer leere Spulen nicht in bestimmter kurzer Zeit vollendet, dem verwirrt sie den Flachs und verunreinigt ihn. Die Motive: gebotene Fastenspeise und Festmahlzeit, Gastrotomie, riesisches Nähzeug, betrogene Spstf. Garnverwirrung und Beschmutzung. Umzug und Spinnruhe: Drkgnacht. Sonst ist Perht im Voigtland noch im Saalfeldischen belegt. Gr. a. a. 0. aus Journ. v. u. f. Dsch. 1790, S. 26—29, Gr.4 III 452 und Sachs. Provinzbl. V 499—512: n. 512.

Dem Mädchen, das den letzten Tag des Jahres den Hocken nicht abspinnt, wird er von der Bergda verunreinigt. Die Bergda ist ein zottiges Ungeheuer, n. 525. Viele essen den letzten Tag im Jahre Knödel (Strötzel) und Hering, sonst, behaupten sie, schneide ihnen Perchte den Bauch auf, nähme das erst Genossene heraus und nähe dann mit der Pflugschar statt der Nadel, mit der Röhmkette statt des Zwirnes den gemachten Schnitt zu. Dieselben Motive wie im Orlagau. Bergda = Berchda, vgl. dg für dch. Die Gestalt scheint theriomorph zu sein. Neben Perht ist im Voigtland auch Holda bekannt. Was Köhler und Eisel von einem Bild einer heidn. Jagdgöttin Holla Popula erzählen, gehört nicht hieher. Schmidt, S. 152 berichtet 1827 aus Eeichenfels: Frau Holla hält am heiligen Abend des hohen Neujahrs ( = Drkgtag, Eisel, S. 417) genaue Revision, ob auch alle Rocken abgesponnen sind; wo dies nicht der Fall ist, verunreinigt sie den Flachs. Auch muß an diesem Abend Polse, ein aus Mehl und Wasser eigens zubereiteter dicker Brei, gegessen werden; wer dies unterläßt, dem reißt sie den Bauch auf (Köhler, S. 476). Wieder die Motive des Orlagaus bei Perht als Spstf. Auch Wagenausbesserung und Spanlohn wird von Holda erzählt, bei Hohenleuben und am Gangloffer Kirchberg, Eisel, Anm. 2 zu n. 265 nach Schmidt und mündl. Quellen. Als man die zurückgelassenen Späne holen ging, fand man nur ein Häufchen glühender Kohle, ein Motiv der Schatzsage. Der Name Holle ist sonst wenig bekannt und wird in Leumnitz, Mörsdorf etc. mehr mit Sauzehl, dem Wirbelwind, iden­tifiziert (ebd. aus mündl. Quelle). Holle ist demnach hier zu
 


einem Winddämon geworden. Was Eisel, S. 397, Anm. 1 berichtet, ist wertlos. Gleichbedeutend, das heißt wohl für dasselbe mythische Wesen gebräuchlich, ist der Name Werre. Beide Namen Holle und Werre werden in Gangloff gleichbedeutend gebraucht. Hier und bei Hohenleuben gilt auch Werre als Spstf. für den Drkgabend (Eisel, Anm. zu n. 201). Varianten aus Negis, Eöpsen, Langenberg usf. (ebd.). Hier heißt der Drkgabend auch Werrenabend. Auch die Motive (Festspeise etc.) werden auf Werre übertragen (Eisel n. 262 mündl.). Schließlich wird Werre auch wie Holle öfters, aber nur dunkel mit dem Wirbelwind in Verbindung gebracht, der auch Sauzehl heißt. (? Wen ein [sie!] Sauzehl mitnimmt, bekommt ein böses Maul,"Eisel, S. 251.) Zu dieser Vorstellung von Werre gehört wohl die Erzählung von dem Dachdecker Z. in Langenberg, einem bekannten Zauberer. Er bot einem gerade am Werrenabend an, im Nu mit ihm nach Dresden zu fahren. Dieser hatte aber keine Lust, denn es hieß, die Fahrt geschehe im Hinterteil der Werre. Sehr interessant ist, daß man in Gangloff und Umgebung die Maulwurfsgrille, die sonst Heimchen genannt wird, Werre nennt (vgl. Schmeller B.W. II 980). Werre ist uns schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. bezeugt. Thom. Reinesius lect. var. Altenb. 1640 S. 579 (in den krit. Anmerkungen zu Ehyakinus Lips. 1638) schreibt (nach Gr. 6m. 1 S. 170):
nostrates hodieque petulantioribus et refractariis mandueum aliquem cum ore hiantem, frendentem dentibus aut furibundam silvescente coma, facie lurida et cetero habitu terribilem cum comitatu maenadum Werram interminantur.

Reinesius war aus Gotha geb. 1587, † 1667, lebte aber zu Hof im Voigtland. Manducus ist eine scheußliche und zugleich komische Maske bei italienischen Volksspielen, die mit fast denselben Worten beschrieben wird wie hier; vgl. Festus, S. 128 bei Forcellini Tot. Lat. Lex. IV 38. Demnach dürfte es sich hier um mimische Darstellung der Werra vl. als Kinderscheuche handeln. Der Name Werra gehört wohl zu ahd. wörzan mhd. werren verwirren, schädigen und kann sie als
 


Sturmdämon oder wahrscheinlicher als Rockenverwirrerin bezeichnen. In Thüringen sind zunächst einige historische Zeugnisse zu nennen. Vor allem Luther ,Auslegung der Episteln' Basel 1522, fol. 69 a:
,hie tritt fraw Hulde herfür mit der potznasen, die natur, und darf irem gott widerspellen und in lügen strafen, hängt umb sich iren alten trewdelmarkt, den stroharns (Strohharnisch) — hebt an und scharret daher mit irer geigen.'
Luthers Streben nach Volkstümlichkeit in seinen Schriften bürgt für die Echtheit der Vorstellung von Holda. Sie erscheint deutlich als Vegdäm. im üblichen Kostüm (Stroh und Lumpen) mit der langen Nase und musizierend. Lauter bekannte Motive.
Ferner die beiden bekannten Quellen für den Aberglauben Mitteldeutschlands und besonders Thüringens: Joh. Agricola, eig. Schnitter oder Sneider aus Eisleben 1492 bis 1566, gest. als Hofprediger und Generalsuperintendent zu Berlin, Verfasser des Interims, ,300 gemeyner Sprichwörter etc. durch Dr. J. A. von Iszleben, Nürnberg 1529 u. oft. und Joh. Prätorius aus Zerlingen in der Altmark † 1680 ,Philosophia colus oder Phy lose Vieh der Weiber etc.' Leipzig 1662 ,Saturnalia, das ist eine Compagnie Weih­nachtsfratzen oder Centner Lügen' Leipzig o. J. Da diese Zeugnisse mit denen des heutigen Volksglaubens übereinstimmen, behandle ich sie mit diesen zusammen nach Motiven geordnet. Es handelt sich immer um Holda, Perht ist in Thüringen nicht bekannt. Das Motiv der Wagenumfahrt, Ausbesserung und des Spanlohnes finden wir bei Prät. Whnf. S. 56 und im heutigen Volksglauben. Vgl. Gr. DS. S. 8 u. 9; Witzschel, S. 114. Ein Bauer begegnet Frau Holle bei ihrem Umzug zur Weihnachtszeit, muß ihr den Wagen verkeilen oder verschlagen und erhält den üblichen Lohn. Diese Geschichte wird in Thüringen vielfach lokalisiert u. a. auch bei Tiefenort und Kainberge. Hier fuhr in alter Zeit spät in der Nacht ein Wagen durch den Wald, in dem eine fremde Dame saß usf. Hier fehlt also der Name Holle. Ein Sagenzentrum für Thüringen, ähnlich wie der Meißner für Oberhessen, ist der Hör selber g zwischen Gotha
 


und Eisenach. Er galt als eine Werkstatt des Fegefeuers und wird als solche in einem ungedr. Gedicht von 1592 der IJn. Bibl. Jena geschildert. Ebenso bei Agricola, Spr. S. 301; auch Luther weiß 1546 Unheimliches von ihm zu berichten, ebenso Pfefferkorns Thür. Chron. 1685, S. 25 f. (vgl. Witzschel, S. 129 n. 127). Moderne Sagen bringt Witzschel, S. 131 ff. Natürlich wurde auch Holda mit diesem Berge in Verbindung gebracht. So berichtet Prät. Whnf. (nach Gr. DS. S. 7) S. 54: In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen; da legen die Mägde ihre Spinnrocken aufs neue an und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie sich und sagt: so manches Haar, so manches gute Jahr. Diesen Umzug hält sie bis zum großen Neujahr = heiligen Drkgtag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie dann unterwegs Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht: so manches Haar, so manches böses Jahr. Daher reißen Feierabends vorher alle Mägde sorgfältig ab von ihrem Rocken, was sie nicht abgesponnen haben. Noch besser ist's aber, wenn es ihnen gelingt, alles angelegte Werg vorher herunterzuspinnen. Ebenso bei Witzschel, S. 135 nach Prät. und aus mündl. Quellen. Wir haben hier Holda als Spstf., Bergwohnung, Umziehen in den Zwölften; fleißiges Spinnen in den Zwölften. Der Hörselberg ist auch der Ausgangspunkt der wilden Jagd, die zu Weihnachten und Fasten umzieht. Die Vorstellung als Seelenzug ist ganz bewußt. Vor dem Heere zieht ein alter Mann, der getreue Eckart, der die Leute mahnt, aus dem Weg zu gehen. (Prät. Blocksbergverrichtung S. 15 ff. Agr. Sprüchw. 667. Witzschel, S. 136.) Auch Holda erscheint mit der wilden Jagd. S. Prät. Whnf. S. 55; daraus Waidenfels select. ant. Norimb. 1677, S. 376; aus diesem wieder Falkenstein Thür. Chr.; bei Gr. DS., S. 8 n. 7 und Witzschel, S. 188 n. 184 auch aus mündl. Quelle. In der Gegend von Arnstadt, Ilmenau, Königsee läßt sich in der Frau Hollennacht das wilde Heer sehen. Aus einer Flasche Bier, aus der die Jäger einst tranken, nahm das Bier nicht ab. Dazu die bekannte Variante aus Schwarza bei Suhl am Südabhang des Thüringer Waldes. Dort geschah es, daß Frau Holla auf Weihnachten vorüberzog mit dem wütenden Heer.  Vor ihren
 


Haufen ging der getreue Eckart und warnte die Leute. Diesem Zug sahen Knaben zu, die aus der Schenke Bier geholt hatten. Weil der Gespensterzug die ganze Gasse einnahm, wichen sie in eine Ecke; einige Weiber aber aus dem Haufen eilten ihnen nach, nahmen die Kannen und tranken sie aus. Die Knaben ließen es geschehen. Der getreue Eckart lobte sie dafür und sagte, das Bier werde nicht abnehmen, wenn sie die Geschichte nicht weitererzählten. Drei Tage ging es gut, dann verrieten sie es und das Bier versiegte.
Holda
als Führerin eines wilden Heeres von Weibern, Motiv des Zauberbieres.

Die Mitteilung Witzschel, II S. 173, daß man in Eisenach früher zu Weihnachten Pfefferscheiben gebacken habe, auf welchen Frau Holle mit den Spinnrad oder -rocken abgebildet war, erscheint mir verdächtig. Um Weimar herum ist Holda ebenfalls bekannt. So in Phulsborn bei Apolda, wo folgende Sage erzählt wird QSTDS. S- 215 n. 245): Ein Mann geht über einen Berg und sieht Frau Hulle, wie sie Flachsknotten abstreift. Ihr Anbieten, sich welche zu nehmen, lehnt er ab. Zuhause aber findet er in den Schuhen Goldkörner: Flachsknotten, die hineingefallen waren. Das bekannte Motiv von den trocknenden Samen. A. a. O. S. 417 heißt es von Frau Holle, die in Phuls­born und am linken Saaleufer bekannt ist, daß sie am Drkgabend den Flachs beschmutzt, den sie noch am Rocken findet. Dieser Abend heißt bei und in Phulsborn, Arnstadt, Ilmenau etc. Frau Hollenabend. In Buttstedt bei Weimar erzählte ein alter Mann Sommer (S. 162), es sei in seiner Jugend Sitte gewesen, in den zwölf Nächten in den Garten zu gehen, an alle Obstbäume zu rütteln und ihnen zuzurufen: ,Bäumchen schlaft nicht, Frau Holle kommt!' Der Brauch, in den Zwölften mit den Bäumen zauberhafte Handlungen vorzunehmen, ist in ganz Deutschland bekannt. Die Verknüpfung mit Holda zeigt deutlich den Zug, mythische Vorstellungen aller Art an bestimmte dämonische Wesen zu knüpfen. Hier vermittelte die Fruchtbarkeit spendende wilde Jagd. Vgl. unten die Sage von der Taube in den Zwölften. Auch im Meiningischen ist Holda bekannt (vgl. Henneberg).   In Eisfeld, nahe an der Quelle der Werra herrscht
 


folgender eigentümlicher Brauch: Man zog am Drkgtag alljährlich nach dem Nachmittagsgottesdienste mit Musik auf den Markt, sang ein geistliches Lied und rief sich dann einander zu: ,Frau Holle wird verbrannt' (Brückner Landeskunde v. M. 368). Nach Bechstein, S. 1—3 wird als Ursprung der Sitte angegeben: die Äbtissin eines Nonnenklosters zu Eisfeld hatte mit dem Teufel zwei Kinder und wurde deshalb verbrannt. Zum Gedächtnis dessen fand der Brauch statt. Das ist selbstredend nur sekundär, ätiologisch. Ursprünglich hat es sich wohl tatsächlich um eine Verbrennung, und zwar einer weiblichen Puppe Frau Holle gehandelt, der verbreitete Brauch des Verbrennens des Vegdäm. Nach Brückner II 789 gilt der Holloch bei Kranichsfeld a. Hm als Ausgangspunkt für die Umzüge der Frau Holle. Das ist sekundäre Anknüpfung an den Namen, der unmittelbar zu hol hohl gehört.

Im Nordosten Thüringens ist der Kyffhäuser bei Frankenhausen zwischen Helme und Unstrut ein Zentrum mythischer Vorstellungen. Die Sagen sind ja bekannt. Auch Holda wurde mit ihm in Verbindung gebracht. Sommer, S. 5 n. 2 berichtet aus mündlicher Quelle in Halle: Ein französischer Marschall ließ sich im letzten Feldzuge sein Feldbett auf dem Kyffhäuser aufschlagen. Als es Mitternacht war, sandte Kaiser Friedrich, der seit undenkbaren Zeiten im Berge wohnt, die Königin Holle hinauf und ließ ihm sagen, er möge Napoleon abraten, nach Rußland zu ziehen, und ihn auffordern, Deutschland zu räumen. Der General tat dies auch. Die Königin Holle ist Kaiser Friedrichs Haushälterin im Kyffhäuser. Sie war eine reiche Königstochter und wurde freventlich ermordet. Sie fand daher keine Ruhe im Grabe, schwärmte umher, bis sie im Kyffhäuser eine Freistatt fand. Diese Sagen zeigen deutlich das Schwinden des mythischen Gehaltes bei Holda in dieser Gegend. Anders bei Kuhn, Westf. S. I 304 n. 343, Witzschel, I S. 261: Während es in der Gegend um den Kyffhäuser fortwährend regnet, finden Hirten oben das schönste Wetter uind Frau Hülle kommt aus dem Berge und trocknet Flachsknotten. Zum Beweis des schönen Wetters erbittet sich einer solche, zu Hause aber sind sie lauter Gold.  Dasselbe Motiv in Frankenhausen von Frau
 


Hulle (NDS. 216) in Straußberg i. M. (ebd.), von einer Alten in Tillede (ebd. 219) und von der Ausgeberin des Kaisers im Kyffhäuser. Diese oder die weiße Mademoiselle schenkt auch Wein. Als Ausgeberin figuriert auch Frau Holle (sic!) in Frankenhausen (ebd. S. 222). Sie sitzt im Berge, wie ein Knabe in einem Buche gelesen haben will, und füttert die Pferde des Kaisers. Einmal sei eines mit ihr durchgegangen und habe sie bei Halle abgeworfen. Frau Holle zieht auch mit der wilden Jagd um; dabei habe sie einmal einen Eber angeschossen, der wütend auf sie losging. Da verwandelte sie sich in eine Eiche, in der der Eber mit seinem Hauer sitzen geblieben sei; dann habe sie ihn totgeschossen. Auch sonst ist sie in unserem Gebiete bekannt. Nach Sommer, S. 9 wird sie als kleines, buckliches, altes Mütterchen vorgestellt, das den Leuten, besonders wenn sie in den zwölf Nächten spinnen, manchen bösen Streich spielt. Sie macht, daß die Kühe keine Milch geben, das Garn ungleich wird, die Leinwand bald zerreißt. Man fürchtet sich und spricht nur Gutes von ihr; das Böse flüstert man sich nur zu. Diese Vorstellung ist nach Sommer in ganz Thüringen verbreitet und ist die alte, ursprüngliche gegenüber den Sagen, wo Holda als hohe, strahlende Frau erscheint. Sie ist demnach Spstf. in den Zwölften. In Schwarzburg-Sondershausen wird folgendes geglaubt (Witzschel II 174): In den zwölf Nächten geht Frau Holle um und sucht in jedes Haus zu kommen. Sind die Türen verschlossen, geht sie durchs Fenster. Findet sie den Rocken in der Christ- und Drkgnacht nicht abgesponnen und die Spinnräder noch in der Wohnstube stehen, so sind am Morgen die Rocken zerzaust und Unrat ist in den Flachs gemischt. Ein Spinnrad, über dem Frau Holle gewesen ist, geht und ,garnt' nicht mehr. (Andeutung des Nachtarbeitens?) Aus dem Mansfeldischen berichtet Agricola, Spr. S. 667, daß Frau Holla auf Fastnachtdonnerstag mit dem wütenden Heer durch das Land fuhr. Unter den Geistern sah man jüngst Verstorbene (Mannh., GM. S. 262). Also deutlich als Seelenzug charakterisiert. Neben und statt der Namensform Holle kennt man auch die Form Wolle, Frau Wolle.   Nach ND. S. S. 417 n. 183
 


ist in der Gegend zum Kyfhäuser hin Holle bei den Ge­bildeten, die sie kennen, die herrschende Form, bei den Landleuten Frau Wolle. Auch im Südharz. Nach Sommer 9 in Wollmirstedt, Eisleben usf., von da aufwärts nach der Saale zu in Hedersleben, Dederstedt usf. Der Name gilt für dieselbe Erscheinung wie Holle. Von Wolle geht folgende Sage in Oberröblingen am salzigen See (mündl. Sommer, S. 10): Zwischen Oseleben und dem salzigen See liegt ein Berg, bedeckt von einigen hundert Steinen. Hier hütete einst ein Schäfer und als er frühstücken wollte, kam Frau Holle den Berg herauf, um auf der anderen Seite zum See hinabzugehen und sich zu baden. Sie bat ihn um ein Stückchen Brot, er aber wies sie ab: wenn sie essen wolle, solle sie arbeiten. Da verwandelte sie ihn und die Herde durch Berührung mit der Rute in Steine.
Motiv des
Bades und der Versteinerung.

Eine Frau Wulle sitzt im Frau Wullenloch am Schlachtberg bei Frankenhausen und spinnt; wer sie äfft, der muß hinein und mitspinnen  (NT). S. S. 217 n. 246).

Auch die Namensform Frau Rolle kommt vor, so in dem nur eine halbe Meile von Gorsleben gelegenen Zaschwitz, Wettin und Beidersee (Sommer, S. 9 n. 6). Frau Roll als Spstf. für die Zwölften (Witzschel II 176 n. 37).

Frau Wulle dürfte aus vrou-w-Hulle zu erklären sein (Much). Frau Rolle eine durch Assimilationstendenz geförderte, volksetymologische Weiterbildung. ' Ein ganz neuer Name für die Spstf. tritt uns in Gutenberg bei Halle entgegen, wo sie Frau Harre heißt. Dort darf man in den zwölf Nächten nicht spinnen, sonst kommt sie und besudelt den Rocken. Damit nähern wir uns schon dem ndd. Gebiet, wo die abenteuerlichsten Namen für die Spstf. vorkommen. Dieses Spiel mit den Namen beginnt schon in Thüringen, wie wir eben sahen. So finden wir in Pfützental eine Frau Harren, anderthalb Meilen davon Frau Harf in Rothenburg, anderthalb Meilen von Gutenberg in Näglitz Frau Archen. Die Frau Motte, die in Löbejün bei Eisleben das Garn verdirbt, das man in den Zwölften oder der Fastnacht gesponnen hat (Sommer, S. 11),
 


dürfte sekundäre Abstraktion sein, kaum theriomorphe Erscheinungsform der Spstf. Die in Thüringen verbreitete Spinnruhe gilt für die Zwölften oder für die Fastnacht. Außer dem Erscheinen der Spstf. werden auch alle möglichen anderen Strafen angedroht, vgl.  Sommer,  S. 147. Die Vorstellung von der mythischen Bedeutung der Zwölften beleuchtet der Volksglaube in Diemitz bei Halle von einer in dieser Zeit in Gestalt einer Taube umfliegenden und Segen verleihenden Frau (Sommer 12 n. 9).

Wir können in Thüringen drei Gebiete unterscheiden:

1.  SO. Voigtland: Perhte, Holle, Werra.

2.  Mittelthüringen: Holle.

3.  Nthüringen: Holle  (Bolle, Wolle), Harre(n), Harf, Arche.

Als Appellativ für elbisches Wesen ist uns holde— in Thüringen in mhd. Zeit belegt. Albrecht von Halberstadt hat in seiner Bearbeitung der Ovidischen Metamorphosen (um 1200): wazzerholde (gen — en) für Nymphe. Der Beim schützte diesen Ausdruck in Wickrams Unidichtung, Frankfurt 1631, 4,171 d von einer wazzerholden: solden; auch 176 a (Gr. M.1 165).

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