Sachsen und Thüringen. An Oberfranken schließt sich jenseits des Frankenwaldes das sächsische Voigtland an. Zu diesem gehört auch der Orlagau. Die Orla ist ein Nebenfluß der Saale am rechten Ufer; sie entspringt bei Triptis im Weimarer Kreis Neustadt, fließt nach Westen und mündet gegenüber Orlamünde in die Saale. Die Volkssagen dieses Bezirkes hat W. Börner, Pfarrer in Endschütz, der auch das Archiv des voigtl. altertumsforsch. Vereins in Hohenleuba gründete und fast ausschließlich füllte, gesammelt: Volkssg. aus dem Orlagau, Altenburg 1838. Sie sind von der Rahmenerzählung und den Gesprächen streng geschieden und machen den Eindruck ziemlich getreuer Wiedergabe, wie es auch Börner für sich beansprucht. Über Perht liegt ein ganzer Sagenkreis vor. (B. schreibt Perchtha) S. 113—188. Die erste Sage knüpft sich an die Namen der verschwundenen Dörfer: Cosdorf und Rödern zwischen Bucha und Wilhelmsdorf. Das waren einst zwei stattliche, reiche Dörfer; denn der Flursegen war ungeheuer. Das machte, daß die ganze Gegend von Heimchen bevölkert war. Diese waren ein friedliches und harmloses Zwergengeschlecht, das an der Bewohner Arbeit, Freude und Lust teilnahm, mit deren Kindern spielte und sich besonders bei der Ernte sehen ließ. Ihre Königin war Perchtha. Das schöne Verhältnis zwischen ihnen und den Menschen trübte sich aber. Es kam ein ernster Mann aus der Fremde und sagte, man dürfe Perchtha nicht trauen; die Kleinen, über die sie gebiete, seien Menschenkinder, welche vor der Taufe gestorben wären. Einmal im Jahre, in der Nacht vor dem heiligen Drkgfeste, sei ihr Macht verliehen, ihre Tücken an den Menschen auszuüben. Da komme sie, verwirre den Weibern, die nicht abgesponnen, ihre Rocken und was dergleichen mehr. Diese Lehre faßte feste Wurzeln und die Sitzungsber. d. pMl.-hist Kl. 174. Bd. 2. Abb. Menschen zogen sich von den Heimchen zurück. Da wurde in einer
dunklen Drkgnacht der Fährmann in Preswitz gerufen, und als er zum
Strome kam, sah er eine verschleierte, stattliche Frau in schlossenweißem
Kleide und viele Kinder um sie herum, die alle trübe und traurige
Mienen hatten. Trotz seines Grauens mußte der Fährmann auf die Drohung Frau Perchthas
hin — denn sie war es — die Kleinen übersetzen und er mußte
dreimal fahren, so viele waren es. Derweil stand Perchtha drüben bei seinem
Pfluge, zimmerte an ihm ausbessernd und, als die Überfahrt beendet war, bedeutete sie
ihm, als Lohn die Späne zu nehmen. Unwillig steckte er einige ein und fuhr
heim. Am Morgen fand er an ihrer Stelle Goldstücke. Seitdem waren die
Heimehen und Perchtha verschwunden. Die Fluren verödeten, die Dörfer wurden
im Kriege zerstört und das Gelände ist heute noch düster und
unfruchtbar. Die Kunde von Perchtha und ihrer Überfahrt hat sich auch bei
Kaulsdorf a. d. Saale und zu Köstritz a. d. Elster bei Gera erhalten (S.
125).
Die nächste Sage S. 126 bringt das Motiv der
Ausbesserung und des Spanlohnes. Es handelt sich um einen Wagnermeister
aus Golba, der in der Drkgnacht nach Hause geht und am Orlafluß Perchtha
trifft, deren zerbrochenen Ackerpflug die Heimchen klagend umringen.
Er muß ihn ausbessern und bekommt dafür die Späne, die zuhause zu Gold
werden. Ein Knecht, der das hört, geht nächste Perchtennacht (sic!)
an denselben Platz. Perchtha aber fuhr ihn streng an, was er hier zu dieser
Stunde suche. Wie jener nun vorbrachte, daß er ihren Pflug habe
ausbessern wollen und nur die Späne als Lohn verlange, erwiderte Perchtha: ,Nicht nötig,
ich habe mein Beil selbst zur Hand/ Damit hieb sie den Gesellen
in die Schulter, daß er zeitlebens einen schiefen Hals behielt (auch bei Eisel
n. 265).
Aus Neidenberge in der Nähe der Saale bringt Börner eine Sage mit dem Motiv der Blendung auf ein Jahr. Eine Magd begegnet nachts am Heimweg Perchtha mit ihren Kindern, alle von gleicher Art und Größe; die einen zogen einen großen Pflug, die anderen trugen Wirtschaftsgeräte, alle aber klagten, daß sie keine Heimat mehr hätten, und drängten sich um Perchtha, eine mächtige, große Frau. Als die Magd, der das komisch vorkam, lachte, blendete sie Perchtha, machte sie aber wieder sehend, als sie die Magd unwissend in der nächsten Drkgnacht anbettelte. Dieselbe Sage in der sogenannten Sorge bei Neustadt a. d. Orla. Das Tränenkrügleinmotiv finden wir in Wilhelmsdorf (S. 142). Eine Mutter weint in der Drkgnacht am Grabe ihres Kindes. Da zieht Perchtha mit ihrem Gefolge vorbei. Die Frau sieht ganz hinten ein Kind mit ganz durchnäßtem Hemdchen, in der Hand einen Krug Wasser, das den anderen kaum nachkommt. Als der Zug über eine Umzäunung klettert, kann es nicht hinüber. Als es die Frau hinüberhebt, spricht das Kind: ,Ach Mutter, wie warm sind Mutterhände; aber weine nicht zu sehr, du weinst mir meinen Krug sonst gar zu schwer und voll, da sieh, ich habe mir schon mein ganzes Hemd damit beschüttet.' Da hörte die Frau zu weinen auf. Zu Bodelwitz dieselbe Sage (S. 152). Als Spinnstubenfrau ist sie im ganzen Gau bekannt. Sie untersucht in jeder Vornacht des heiligen Drkgtages die Rockenstuben, bringt den Spinnerinnen leere Spulen mit, mit der Weisung, diese in bestimmter kurzer Frist vollzuspinnen, und bestraft, wenn das Geforderte nicht geliefert werden kann, mit Verwirrung und Verunreinigting des Flachses. Bei dieser Gelegenheit schneidet sie allen denen, die an diesem Tage kein Zemmede gegessen haben, den Leib auf, nimmt die genossenen andersartigen Speisen heraus und füllt den leergewordenen Raum mit Wirrbüscheln und Backsteinen an. Zuletzt näht sie den Leib wieder zu, wobei sie sich statt der Nähnadel einer Pflugschar und statt des Zwirnes einer Röhmkette bedient. Zemmede ist eine aus Mehl und Milch oder Wasser in Pfannen gebackene Speise. (Der Name slaw.Ursprungs ?) In diesem Bericht Börners scheint verschiedenes vermengt worden zu sein, so vor allem das Motiv der betrögenen
Spstf. und das Bestrafen für den Bruch der Spinnruhe. Von letzterem ist hier gar nicht die Rede, von ersterem nur die erste Hälfte, es ist aber, wie wir gleich sehen werden, ganz bekannt. Ob diese Verwirrung auf das Konto Börners zu setzen ist oder schon im Volksglauben vor sich ging, ist nicht mehr erkennbar. Das Motiv der betrogenen Spstf. finden wir in Oppurg, wo Perchtha offenbar deshalb empört ist, weil die Spinnstube voll Gäste ist, die sich jubelnd unterhalten (christliche Anschauung!). Ferner in Langendembach und Oepitz (Eisel, S. 103), wo eine alte Frau am Drkgabend spann und bei der Warnung vor Perht(a) diese noch spottete. Da stieß diese das Fenster auf und warf eine Hand voll leerer Spulen herein, die in einer Stunde fertiggesponnen sein sollten. Die Frau aber spann um jede nur einige Reifen und warf alles in den Bach. Da hat ihr Perht(a) nichts anhaben können. Endlich bringt noch Börner zwei Sagen (173, 182) mit dem Motiv der Wagenausbesserung und des Spanlohnes. Ein armer Bergmann aus Bucha hilft ihr, sie schenkt ihm die Späne und verkündigt ihm die Geburt von Zwillingen. Das geschah auch wirklich, der Bergmann aber wurde reich. Die zweite Sage aus Jüdewein, wo zwei Betrunkene Perchtha mit ihrem Wagen treffen und ihn ausbessern. Auch hier Andeutung des Spanlohnes. Das sind die Sagen aus dem Orlagau. Wir haben demnach belegt: 1. Perht als Eibenkönigin und Kinderseelen-führerin. Sie tritt hier mit dem Gefolge der Heimchen auf. (Über den Kamen vgl. Kluge Etym. Wb. 4 1910, s. v., Gr. DWb. IV 2, S. 608; EHM. GM. S. 64; Sph. II 186 ff.) Diese werden bald als elbische Wesen von Zwergenart mit den typischen Motiven beschrieben, bald — und zwar in derselben Sage — als Seelen ungetauft verstorbener Kinder bezeichnet. Diese Doppelheit der Anschauungen :— als solche muß sie erscheinen, wenn auch beide aus derselben Grundvorstellung entspringen — fiel schon unter der mythentragenden Bevölkerung des Orlagaus auf und führte zur Konzeption der ers.ten Sage bei Börner. Die Aufklärung durch den Fremden bot einen Grund zur Änderung der Gesinnung der Menschen und diese wieder zum Abzug der Heimchen. In Wirklichkeit ist von diesem, letzteren Motiv des Abzuges und der Überfahrt der Elben auszugehen. Diese beiden Motive sind stereotyp innerhalb des Sagenkreises von den Elben; das Überfahrtsmotiv berührt sich allerdings mit der Überfahrt der Seelen (vgl. Mannh., GM. S. 361 ff.) ist aber nicht ident. Daß die Eiben aus dem Seelenglauben erwuchsen, ist wohl sicher; sie haben sich aber vielfach ihres Ursprunges emanzipiert und niemand wird in der ersten Hälfte der ersten Sage bei Börner bei der Schilderung der Heimchen an Seelengeister denken. Hat sich also die Eibenvorstellung ganz selbständig gemacht und ist sie erst sekundär mit Perht (wieder ?) verknüpft worden, die ihrerseits selbständig war und als Führerin der Kinderseelen galt? Sicherheit wird hier schwer zu gewinnen sein, aber es ist doch anzunehmen, daß zumindest im mythenbildenden Unterbewußtsein des Volkes die Fäden zwischen Eiben und Seelen sich nie ganz lösten und so die Neuverschmelzung der zwei Kreise befördert wurde. Ein weiteres Problem kommt hinzu: ist das Motiv des Abzuges wirklich so mächtig, daß es die meisten Sagen wie ein starker Grundton durchzieht, oder ist es erst sekundär entstanden aus dem Mißverstehen des alljährlichen Umziehens der Perht, das man ja übrigens auch kennt? Es scheint tatsächlich so der Fall zu sein und mitgewirkt dürfte haben, daß man aus den in ihrem Auftreten fast immer jämmerlichen Seelen über ihren Abzug klagende elbische Wesen machte. Ganz klar ist jedenfalls bezeugt: Perht umziehend in der Drkgnacht mit Kinderseelen in Wagen oder Pflug. Motive: Ausbesserung, Spanlohn, eingehautes Beil, Blendung auf ein Jahr, ferner Perht als Königin der Elbe (= Kinder seelen), Abzug und Überfahrt, Spanlohn. Die Namensform Perchtha bei Börner ist
literarisch, vl. von Grimms Myth. 1835 beeinflußt (Perahta).
Aus dem nahen Saalfeldischen ist die Namensform Perchte belegt, die man auch
erwartet. (Gr. Gm.1 LXXXVIII; Abergl. n. 525 aus Journ. v. u. f.
Dsch. 1790.)
2. Perht als Spinnstubenfrau. Dazu stelle man
die Mitteilung Eiseis (S. 103): am heiligen Drkgabend darf nicht gesponnen
werden; am Abend zuvor kommt Perchtha zu sehen, ob alles abgesponnen ist. Dann
lohnt sie die Fleißigen
und bestraft die Faulen und wer leere Spulen nicht in bestimmter kurzer Zeit vollendet, dem verwirrt sie den Flachs und verunreinigt ihn. Die Motive: gebotene Fastenspeise und Festmahlzeit, Gastrotomie, riesisches Nähzeug, betrogene Spstf. Garnverwirrung und Beschmutzung. Umzug und Spinnruhe: Drkgnacht. Sonst ist Perht im Voigtland noch im Saalfeldischen belegt. Gr. a. a. 0. aus Journ. v. u. f. Dsch. 1790, S. 26—29, Gr.4 III 452 und Sachs. Provinzbl. V 499—512: n. 512. Dem Mädchen, das
den letzten Tag des Jahres den Hocken nicht abspinnt, wird er von
der Bergda verunreinigt. Die Bergda ist ein zottiges Ungeheuer, n. 525. Viele
essen den letzten Tag im Jahre Knödel (Strötzel) und Hering, sonst,
behaupten sie, schneide ihnen Perchte den Bauch auf, nähme das erst Genossene
heraus und nähe dann mit der Pflugschar statt der Nadel, mit der
Röhmkette statt des Zwirnes den gemachten Schnitt zu. Dieselben
Motive wie im Orlagau. Bergda = Berchda, vgl. dg für dch. Die Gestalt scheint
theriomorph zu sein.
Neben Perht ist im Voigtland auch Holda bekannt.
Was
Köhler und Eisel von einem Bild einer heidn. Jagdgöttin Holla Popula
erzählen, gehört nicht hieher. Schmidt, S. 152 berichtet 1827 aus Eeichenfels:
Frau Holla hält am heiligen Abend des hohen Neujahrs ( = Drkgtag, Eisel, S.
417) genaue Revision, ob auch alle Rocken abgesponnen sind; wo dies nicht der
Fall ist, verunreinigt sie den Flachs. Auch muß an diesem Abend
Polse, ein aus Mehl und Wasser eigens zubereiteter dicker Brei, gegessen
werden; wer dies unterläßt, dem reißt sie den Bauch auf (Köhler, S. 476).
Wieder die Motive des Orlagaus bei Perht als Spstf.
Auch Wagenausbesserung und Spanlohn
wird von Holda erzählt, bei Hohenleuben und am Gangloffer Kirchberg, Eisel, Anm. 2 zu n.
265 nach Schmidt und mündl. Quellen. Als man die zurückgelassenen Späne holen
ging, fand man nur ein Häufchen glühender Kohle, ein Motiv der Schatzsage. Der Name Holle
ist sonst wenig bekannt und wird in Leumnitz, Mörsdorf etc. mehr mit Sauzehl,
dem Wirbelwind, identifiziert (ebd. aus mündl. Quelle). Holle ist demnach
hier zu
einem Winddämon geworden. Was Eisel, S. 397, Anm. 1 berichtet, ist
wertlos.
Gleichbedeutend, das heißt wohl für dasselbe
mythische Wesen gebräuchlich, ist der Name Werre. Beide Namen Holle und
Werre werden in Gangloff gleichbedeutend gebraucht. Hier und bei
Hohenleuben gilt auch Werre als Spstf. für den Drkgabend (Eisel, Anm. zu n.
201). Varianten aus Negis, Eöpsen, Langenberg usf. (ebd.). Hier heißt der Drkgabend
auch Werrenabend. Auch die Motive (Festspeise etc.) werden auf Werre übertragen
(Eisel n. 262 mündl.). Schließlich wird Werre auch wie Holle öfters, aber nur dunkel mit dem
Wirbelwind in Verbindung gebracht, der auch Sauzehl heißt. (? Wen ein [sie!]
Sauzehl mitnimmt, bekommt ein böses Maul,"Eisel, S. 251.) Zu dieser
Vorstellung von Werre gehört wohl die Erzählung von dem Dachdecker Z.
in
Langenberg, einem bekannten Zauberer. Er bot einem gerade am Werrenabend
an, im Nu mit ihm nach Dresden zu fahren. Dieser hatte aber keine Lust, denn
es hieß, die Fahrt geschehe im Hinterteil der Werre.
Sehr interessant ist, daß man in Gangloff und
Umgebung die Maulwurfsgrille, die sonst Heimchen genannt wird, Werre nennt (vgl.
Schmeller B.W. II 980).
Werre ist uns schon in der ersten Hälfte des
17. Jahrh. bezeugt. Thom. Reinesius lect. var. Altenb. 1640 S. 579 (in den krit.
Anmerkungen zu Ehyakinus Lips. 1638) schreibt (nach Gr. 6m. 1
S. 170): Reinesius war aus Gotha
geb. 1587, † 1667, lebte aber zu Hof im Voigtland.
Manducus ist eine scheußliche und zugleich
komische Maske bei italienischen Volksspielen, die mit fast denselben Worten
beschrieben wird wie hier; vgl. Festus, S. 128 bei Forcellini Tot. Lat.
Lex. IV 38. Demnach dürfte es sich hier um mimische Darstellung der Werra vl.
als Kinderscheuche handeln. Der Name Werra gehört wohl zu ahd. wörzan mhd.
werren verwirren, schädigen und kann sie als
Sturmdämon oder wahrscheinlicher als Rockenverwirrerin bezeichnen.
In Thüringen sind zunächst einige
historische Zeugnisse zu nennen. Vor allem Luther ,Auslegung der Episteln'
Basel
1522, fol. 69 a: und
Eisenach. Er galt als eine Werkstatt des Fegefeuers und wird als solche
in einem ungedr. Gedicht von 1592 der IJn. Bibl. Jena geschildert. Ebenso bei
Agricola, Spr. S. 301; auch Luther weiß 1546 Unheimliches von ihm zu berichten,
ebenso
Pfefferkorns Thür. Chron. 1685, S. 25 f. (vgl. Witzschel, S. 129 n. 127).
Moderne Sagen bringt Witzschel, S. 131 ff. Natürlich wurde auch Holda mit
diesem Berge in Verbindung gebracht. So berichtet Prät. Whnf. (nach Gr. DS. S. 7) S.
54: In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen; da legen die Mägde ihre
Spinnrocken aufs neue an und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla,
so freut sie sich und sagt: so manches Haar, so manches gute Jahr. Diesen Umzug
hält sie bis zum großen Neujahr = heiligen Drkgtag, wo sie wieder
umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie dann unterwegs Flachs
auf dem Rocken, zürnt sie und spricht: so manches Haar, so manches böses
Jahr. Daher reißen Feierabends vorher alle Mägde sorgfältig ab
von ihrem Rocken, was sie nicht abgesponnen haben. Noch besser ist's aber,
wenn es ihnen gelingt, alles angelegte Werg vorher herunterzuspinnen. Ebenso bei Witzschel, S.
135 nach Prät. und aus mündl. Quellen. Wir haben hier Holda als
Spstf., Bergwohnung, Umziehen in den Zwölften; fleißiges Spinnen in den
Zwölften. Der Hörselberg ist auch der Ausgangspunkt der wilden Jagd, die zu
Weihnachten und Fasten umzieht. Die Vorstellung als Seelenzug ist ganz
bewußt. Vor dem Heere zieht ein alter Mann, der getreue Eckart, der die
Leute mahnt, aus dem Weg zu gehen. (Prät. Blocksbergverrichtung S. 15
ff. Agr. Sprüchw. 667. Witzschel, S. 136.) Auch Holda erscheint mit der
wilden Jagd. S. Prät. Whnf. S. 55; daraus Waidenfels select. ant.
Norimb. 1677, S. 376; aus diesem wieder Falkenstein Thür. Chr.; bei Gr. DS., S.
8 n. 7 und Witzschel, S. 188 n. 184 auch aus mündl. Quelle. In der Gegend von Arnstadt,
Ilmenau, Königsee läßt sich in der Frau Hollennacht das wilde Heer
sehen. Aus einer Flasche Bier, aus der die Jäger einst tranken, nahm das Bier
nicht ab. Dazu die bekannte Variante aus Schwarza bei Suhl am Südabhang des Thüringer
Waldes. Dort geschah es, daß Frau Holla auf Weihnachten
vorüberzog mit dem wütenden Heer. Vor ihren
Haufen ging der getreue Eckart und warnte die Leute. Diesem Zug
sahen Knaben zu, die aus der Schenke Bier geholt hatten. Weil der
Gespensterzug die ganze Gasse einnahm, wichen sie in eine Ecke; einige Weiber
aber aus dem Haufen eilten ihnen nach, nahmen die Kannen und tranken sie aus. Die Knaben
ließen es geschehen. Der getreue Eckart lobte sie dafür und sagte, das Bier
werde nicht abnehmen, wenn sie die Geschichte nicht weitererzählten.
Drei Tage ging es gut, dann verrieten sie es und das Bier versiegte. Die Mitteilung Witzschel, II S. 173, daß man
in Eisenach früher zu Weihnachten Pfefferscheiben gebacken habe, auf welchen
Frau Holle mit den Spinnrad oder -rocken abgebildet war,
erscheint mir verdächtig.
Um Weimar herum ist Holda ebenfalls
bekannt. So in Phulsborn bei Apolda, wo folgende Sage erzählt wird
QSTDS. S- 215 n. 245): Ein Mann geht über einen Berg und sieht Frau Hulle, wie
sie Flachsknotten abstreift. Ihr Anbieten, sich welche zu
nehmen, lehnt er ab. Zuhause aber findet er in den Schuhen Goldkörner:
Flachsknotten, die hineingefallen waren. Das bekannte Motiv von den
trocknenden Samen. A. a. O. S. 417 heißt es von Frau Holle, die in
Phulsborn und am linken Saaleufer bekannt ist, daß sie am Drkgabend den
Flachs beschmutzt, den sie noch am Rocken findet. Dieser Abend heißt
bei und in Phulsborn, Arnstadt, Ilmenau etc. Frau Hollenabend. In
Buttstedt bei Weimar erzählte ein alter Mann Sommer (S. 162), es sei in seiner
Jugend Sitte gewesen, in den zwölf Nächten in den Garten zu gehen, an alle Obstbäume
zu rütteln und ihnen zuzurufen: ,Bäumchen schlaft nicht, Frau Holle kommt!' Der
Brauch, in den Zwölften mit den Bäumen zauberhafte Handlungen vorzunehmen, ist in ganz
Deutschland bekannt. Die Verknüpfung mit Holda zeigt deutlich den Zug,
mythische Vorstellungen aller Art an bestimmte dämonische Wesen zu knüpfen.
Hier vermittelte die Fruchtbarkeit spendende wilde Jagd. Vgl. unten die Sage von
der Taube in den Zwölften.
Auch im Meiningischen ist Holda bekannt (vgl.
Henneberg). In Eisfeld, nahe an der Quelle der Werra herrscht folgender eigentümlicher Brauch: Man zog am Drkgtag alljährlich nach dem Nachmittagsgottesdienste mit Musik auf den Markt, sang ein geistliches Lied und rief sich dann einander zu: ,Frau Holle wird verbrannt' (Brückner Landeskunde v. M. 368). Nach Bechstein, S. 1—3 wird als Ursprung der Sitte angegeben: die Äbtissin eines Nonnenklosters zu Eisfeld hatte mit dem Teufel zwei Kinder und wurde deshalb verbrannt. Zum Gedächtnis dessen fand der Brauch statt. Das ist selbstredend nur sekundär, ätiologisch. Ursprünglich hat es sich wohl tatsächlich um eine Verbrennung, und zwar einer weiblichen Puppe Frau Holle gehandelt, der verbreitete Brauch des Verbrennens des Vegdäm. Nach Brückner II 789 gilt der Holloch bei Kranichsfeld a. Hm als Ausgangspunkt für die Umzüge der Frau Holle. Das ist sekundäre Anknüpfung an den Namen, der unmittelbar zu hol hohl gehört. Im Nordosten Thüringens ist der Kyffhäuser
bei Frankenhausen zwischen Helme und Unstrut ein Zentrum mythischer
Vorstellungen. Die Sagen sind ja bekannt. Auch Holda wurde mit ihm in
Verbindung gebracht. Sommer, S. 5 n. 2 berichtet aus mündlicher Quelle in
Halle: Ein französischer Marschall ließ sich im letzten Feldzuge sein
Feldbett auf dem Kyffhäuser aufschlagen. Als es Mitternacht war, sandte
Kaiser
Friedrich, der seit undenkbaren Zeiten im Berge wohnt, die Königin
Holle hinauf und ließ ihm sagen, er möge Napoleon abraten, nach Rußland zu ziehen,
und ihn auffordern, Deutschland zu räumen. Der General tat dies auch.
Die Königin Holle ist Kaiser Friedrichs
Haushälterin im Kyffhäuser. Sie war eine reiche Königstochter und wurde
freventlich
ermordet. Sie fand daher keine Ruhe im Grabe, schwärmte umher, bis
sie im Kyffhäuser eine Freistatt fand.
Diese Sagen zeigen deutlich das Schwinden des
mythischen Gehaltes bei Holda in dieser Gegend. Anders bei Kuhn, Westf. S. I 304
n. 343, Witzschel, I S. 261: Während es in der Gegend um den
Kyffhäuser fortwährend regnet, finden Hirten oben das schönste Wetter uind
Frau Hülle kommt aus dem Berge und trocknet Flachsknotten. Zum Beweis des schönen
Wetters erbittet sich einer solche, zu Hause aber sind sie lauter Gold.
Dasselbe Motiv in Frankenhausen von Frau
Hulle (NDS. 216) in Straußberg i. M. (ebd.), von einer Alten in Tillede
(ebd. 219) und von der Ausgeberin des Kaisers im Kyffhäuser. Diese oder die
weiße Mademoiselle schenkt auch Wein. Als Ausgeberin figuriert auch Frau Holle
(sic!) in Frankenhausen (ebd. S. 222). Sie sitzt im Berge, wie ein Knabe
in einem Buche gelesen haben will, und füttert die Pferde des Kaisers.
Einmal sei eines mit ihr durchgegangen und habe sie bei Halle
abgeworfen. Frau Holle zieht auch mit der wilden Jagd um; dabei
habe sie einmal einen Eber angeschossen, der wütend auf sie losging. Da
verwandelte sie sich in eine Eiche, in der der Eber mit seinem Hauer
sitzen geblieben sei; dann habe sie ihn totgeschossen.
Auch sonst ist sie in unserem Gebiete bekannt.
Nach Sommer, S. 9 wird sie als kleines, buckliches, altes Mütterchen
vorgestellt, das den Leuten, besonders wenn sie in den zwölf Nächten
spinnen, manchen bösen Streich spielt. Sie macht, daß die Kühe keine
Milch geben, das Garn ungleich wird, die Leinwand bald zerreißt. Man fürchtet
sich und spricht nur Gutes von ihr; das Böse flüstert man sich nur zu.
Diese Vorstellung ist nach Sommer in ganz Thüringen verbreitet und ist die
alte, ursprüngliche gegenüber den Sagen, wo Holda als hohe,
strahlende Frau erscheint. Sie ist demnach Spstf. in den Zwölften.
In Schwarzburg-Sondershausen wird
folgendes geglaubt (Witzschel II 174): In den zwölf Nächten geht Frau Holle um und
sucht in jedes Haus zu kommen. Sind die Türen verschlossen, geht sie durchs
Fenster. Findet sie den Rocken in der Christ- und Drkgnacht nicht abgesponnen
und die Spinnräder noch in der Wohnstube stehen, so sind am Morgen die
Rocken zerzaust und Unrat ist in den Flachs gemischt. Ein Spinnrad, über dem
Frau Holle gewesen ist, geht und ,garnt' nicht mehr. (Andeutung des
Nachtarbeitens?)
Aus dem Mansfeldischen berichtet
Agricola, Spr. S. 667, daß Frau Holla auf Fastnachtdonnerstag mit dem wütenden Heer
durch das Land fuhr. Unter den Geistern sah man jüngst Verstorbene (Mannh., GM.
S. 262). Also deutlich als Seelenzug charakterisiert.
Neben und statt der Namensform Holle kennt
man auch die Form Wolle, Frau Wolle. Nach ND. S. S. 417 n. 183 ist in der Gegend zum Kyfhäuser hin Holle bei den Gebildeten, die
sie kennen, die herrschende Form, bei den Landleuten Frau Wolle. Auch im
Südharz. Nach Sommer 9 in Wollmirstedt, Eisleben usf., von da aufwärts
nach der Saale zu in Hedersleben, Dederstedt usf. Der Name gilt für dieselbe
Erscheinung wie Holle.
Von Wolle geht folgende Sage in Oberröblingen
am salzigen See (mündl. Sommer, S. 10): Zwischen Oseleben und dem salzigen
See liegt ein Berg, bedeckt von einigen hundert Steinen. Hier hütete
einst ein Schäfer und als er frühstücken wollte, kam Frau Holle den Berg
herauf, um auf der anderen Seite zum See hinabzugehen und sich zu baden.
Sie bat ihn um ein Stückchen Brot, er aber wies sie ab: wenn sie essen
wolle,
solle sie arbeiten. Da verwandelte sie ihn und die Herde durch Berührung
mit der Rute in Steine. Eine Frau Wulle sitzt im Frau Wullenloch am Schlachtberg bei Frankenhausen und spinnt; wer sie äfft, der muß hinein und mitspinnen (NT). S. S. 217 n. 246). Auch die Namensform Frau Rolle kommt vor, so in dem nur eine halbe Meile von Gorsleben gelegenen Zaschwitz, Wettin und Beidersee (Sommer, S. 9 n. 6). Frau Roll als Spstf. für die Zwölften (Witzschel II 176 n. 37). Frau Wulle dürfte aus vrou-w-Hulle zu erklären
sein (Much). Frau Rolle eine durch Assimilationstendenz geförderte,
volksetymologische Weiterbildung.
' Ein ganz neuer Name für die Spstf.
tritt uns in Gutenberg bei Halle entgegen, wo sie Frau Harre heißt. Dort darf man in
den zwölf Nächten nicht spinnen, sonst kommt sie und besudelt den
Rocken. Damit nähern wir uns schon dem ndd. Gebiet, wo die abenteuerlichsten
Namen für die Spstf. vorkommen. Dieses Spiel mit den Namen beginnt schon in
Thüringen, wie wir eben sahen. So finden wir in Pfützental eine Frau
Harren, anderthalb Meilen davon Frau Harf in Rothenburg, anderthalb Meilen von
Gutenberg in Näglitz Frau Archen. Die Frau Motte, die in Löbejün bei
Eisleben das Garn verdirbt, das man in den Zwölften oder der
Fastnacht gesponnen hat (Sommer, S. 11),
dürfte sekundäre Abstraktion sein, kaum theriomorphe Erscheinungsform der Spstf. Die in Thüringen verbreitete Spinnruhe gilt für die Zwölften oder für die Fastnacht. Außer dem Erscheinen der Spstf. werden auch alle möglichen anderen Strafen angedroht, vgl. Sommer, S. 147. Die Vorstellung von der mythischen Bedeutung der Zwölften beleuchtet der Volksglaube in Diemitz bei Halle von einer in dieser Zeit in Gestalt einer Taube umfliegenden und Segen verleihenden Frau (Sommer 12 n. 9). Wir können in Thüringen drei Gebiete unterscheiden: 1. SO. Voigtland: Perhte, Holle, Werra. 2. Mittelthüringen: Holle. 3. Nthüringen: Holle (Bolle, Wolle), Harre(n), Harf, Arche. Als Appellativ für elbisches Wesen ist uns holde— in Thüringen in mhd. Zeit belegt. Albrecht von Halberstadt hat in seiner Bearbeitung der Ovidischen Metamorphosen (um 1200): wazzerholde (gen — en) für Nymphe. Der Beim schützte diesen Ausdruck in Wickrams Unidichtung, Frankfurt 1631, 4,171 d von einer wazzerholden: solden; auch 176 a (Gr. M.1 165). |