Hochdeutsches Sprachgebiet. 1. Bayrisches Mundartengebiet. Gottschee. Ich beginne mit dem südlichsten in Betracht kommenden deutschen Sprachgebiet, mit Gottschee. Die Verhältnisse liegen hier trotz der relativ lang währenden Abgeschlossenheit des Landes sehr ungünstig für die Entstehung und Erhaltung mythischer Vorstellungen, da der Ackerbau, der günstigste Nährboden der Mythologie, zu geringfügig ist, um dem geistigen Leben als Grundlage zu dienen, durch den Hausierhandel aber die Einwohner viel zu sehr mit fremden Kulturkreisen, besonders der Städte, in Berührung gebracht werden. Es ist daher nicht auffallend, wenn Perht und ihr Mythenkreis hier unbekannt ist. Das Geschäft der Spinnstubenfrau (Spstf.), und zwar für den Donnerstag besorgt hier ein kleiner Hausgeist, das ,pfinstokmandle, a huegtats bintschigss mandle (Sitzungsber. d. phil.-list. Kl. 174. Bd. 2. Abb.); spinnt jemand an dem als heilig gehaltenen Donnerstag, so kommt es und ,zeridet da bikolein' (verwirrt den Wickel) (Hauffen S. 93). In den Zwölften ist nichts Hiehergehöriges bekannt. (Vgl. Schroer, Wb. d. G.)Steiermark. In Betracht kommt hier nur das deutsche Gebiet des Landes. Während Mittelsteiermark, offenbar wegen seiner Zugänglichkeit, kein. Material liefert, bietet uns Obersteiermark mit seinen abgelegenen Tälern einen reichen Schatz von Mythen und Gebräuchen von zum Teil sehr altem Gepräge. Wir treffen Bercht (—a, -—e), nach Schlossar S. 116, als ,altes, häßliches Weib, das die Kinder schreckt, den Flachs und die Fäden am Spinnrocken zerreißt, ja seinen Gegnern den Bauch aufschneidet. Auch ihr opfert man, und zwar die sogenannte Berchtelmilch. Besondere Sagen gibt Schlossar nicht, wohl aber Krainz. So zwei aus Kallwang bei Leoben. In beiden erscheint Perchtlgoba als uraltes Mütterchen in sehr geflicktem Kittel mit einer Kinderschar, die ausdrücklich als die Seelenschar ungetauft verstorbener Kinder bezeichnet wird, in der Perhtennacht (5—6, I) umziehend. Die eine Sage (Kr. n. 304) berichtet nur, wie eine Bäuerin ihnen alljährlich eine Schüssel mit süßer Milch und einigen Löffeln aufgetischt und über die Nacht stehen gelassen. Pg. und ihre Kinder genossen stets einige Tropfen und zogen weiter, wofür Segen über dem Haus ruhte. Einen vorwitzigen Knecht, der sich trotz des Verbotes im Ofen versteckte und sie beobachtete, ließ sie erblinden, indem sie zu einem Kinde sagte: ,Deck d' Luck'n zua!' Auf den Rat des Pfarrers versteckte sich der Knecht nach einem Jahre zur selben Zeit im Ofen und Pg. machte ihn wieder sehend (Blendungsmotiv). Ein anderes Motiv bietet die zweite Sage aus Kallwang (n. 307). Ein Bauer am Zeiritzkampel sucht in der Perhtennacht nach einem Gevatter für sein eben geborenes Kind. Er trifft auf Pg. mit ihrem Zug. Da das letzte Kind gar so armselig aussieht, ruft der Mann mitleidig: ,0 du arm's Zodawascherl!' (Zoda, Zotten, zerrissene Kleidung, vgl. nö. Zodn, d nach gelängter Stammsilbe; Wascherl kleines Kind, das noch nicht gehen kann. Vgl. Zoderwaschl Lump Goß, G. P. 1783, U. Eh.? S. 654. Vgl. oberpfälz. Hoanawaschl, Sph. II, 186.) Dadurch erlöst er das Kind und Pg. verheißt ihm dafür Glück, das auch eintrifft.Motiv der Namengebung. Das nah verwandte Tränenkrügleinmotiv treffen wird ebenfalls, und zwar in Eisenerz (n. 309), verbunden mit, der Namengebung. Hier ist die Christnacht und der Friedhof Zeit und Ort des Geschehnisses. Ein charakteristisches Merkmal für Perht und ihren Zug ist hier ebenfalls gegeben: das unheimliche Fortschreiten des Zuges. Kaum ist die Begegnung mit den Sterblichen vorüber, da sieht man schon den Zug über ferne Gebirge dahinziehen. Motiv der schnellen Fahrt.Aus der Ramsau am Fuße des Dachsteins haben wir eine Sage über die Güte der Perht, die trotz der Überarbeitung Roseggers sehr altertümlich aussieht (ITeimgarten I, S. 48, Kr. n. 305). Ein Bursch wird in der Nacht von seiner Dirn ausgesendet, ihr ein Weib zu Hilfe zu schicken, da sie die Geburt eines Kindes herannahen fühlt. Er trifft — es war gerade Dreikönigsnacht — eine schöne, freundliche Frau, auf deren auffallend langer Nase ein Heimchen saß und zirpte. (Heimchen für Grille literarisch, die Vorstellung unmöglich erfunden. ( Nach Krainz, ZföVk. II. 303: ein kleines Bienlein). Sie läßt sich von ihm einen Nagel für ihren Wagen schnitzen und schenkt ihm als Lohn die Späne, die später zu Gold werden. Als er mit einer W'ehfrau zurückkommt, hatte sein Liebchen schon glücklich entbunden. Das Motiv der Ausbesserung und des Spanlohnes ist vielfach mit Perht und Parallelgestalten verknüpft. Wichtig ist ferner das Heimchen und die lange Nase. Eine ähnliche Sage von der gütigen Perht stammt aus dem Ennstal (n. 306). Frau Perchtl läßt sich von einem armen Burschen, als sie ihm in der Perhtennacht als hohe Frauengestalt mit etwas zu langer Nase begegnet, die schönsten Steine vom Wege ausklauben; die übrigen gibt sie ihm als Belohnung zurück, sie werden natürlich zu Goldstücken. Bei diesen beiden Sagen wird bemerkt, daß Perht böse Menschen, die sie in der Drkg-nacht begegnet, zerreißt oder zu Asche zerreibt.Schlossar erzählt in seiner allgemeinen Charakteristik der steirischen Percht ihre Beziehung zum Spinnen, ohne näher darauf einzugehen. Da uns in anderen Gegenden Perht in diesem Punkt charakteristisch betont erscheint, ist es nötig, dieser mythischen Erscheinungsform, die ich kurz die Spinnstubenfrau (Spstf.) nenne, spezielle Beachtung zu schenken, auch dann, wenn sie einen anderen Namen trägt (siehe Gottschee). Eng verwandt ist das Auftreten als Kinderscheuche, das auch von Schlossar angedeutet wird. Weinhold Wsp., S.ll, berichtet eine Variante der Vorstellung von der Spstf. aus Steiermark: ist das obersteirische Haus am Christabend nicht rein gefegt, so schneidet die Perchtel den faulen Dirnen den Bauch auf und füllt Kehricht hinein; darum hat sie Besen, Nadel und Schere bei sich. Dieser Zug vom Aufschneiden des Bauches und Anfüllen mit Kehricht u. dgl. findet sich oft mit der Spstf. verknüpft. Motiv der Gastrotomie.
Dieselbe Namensform liegt auch vor im Berscht (Schreibung
nach der Lautung; vgl. Wurscht und Wurst). Er ist nach Schlossar
S. 116 „der Geist eines heidnischen Gottes, so erzählt man sich noch heute im
Volksmund Obersteiermarks, welcher in der Gestalt eines schwarzen,
zottigen Hundes zu erscheinen pflegt, sehr gefräßig und sehr bösartig ist. In
gewissen Nächten wurden früher diesem Spukgeist wohlgefüllte
Schüsseln auf dem Tisch im Zimmer gestellt und niemand durfte dort
bleiben. Die Speise war tatsächlich nach einiger Zeit verschwunden. Ein
Bauer in den Fischbacher Alpen, der ihm jährlich ein reichliches
Speiseopfer brachte, fand jedesmal 10—20 Silbertaler im leeren Geschirr. In
einer Walpurgisnacht, als dies wieder geschah, schlich sich ein Knecht hinein
und begann die Speisen zu verzehren. Da erschien der Berschtl
als kleines, schwarzes Hündchen, sprang auf den Tisch und begann plötzlich zu
einem riesigen Ungeheuer zu werden mit feurigem Rachen. Schwer gelang es dem Knecht zu
entkommen, als Andenken behielt er aber ein Paar gewaltige
Bockshörner. Die Erzählung zeigt deutlich Motive aus den Teufels- und
Schatzsagen: die Bockshörner, das riesenhafte Wachsen. Sonst handelt es
sich hier um eine alte, theriomorphe Erscheinungsform der Perht. Der Hund muß nicht aus
dem Teufelsglauben stammen (so in hess. Hexenprozeßakten 1562—1653, ZfDM. II, 36
und im Faust), sondern ist hier ursprünglich ein Seelentier gewesen; vgl.
unten
Tirol. Erst als diese Vorstellung aus dem Bewußtsein schwand, mischten sich
fremde Züge ein.Noch eine Art mythischer Wesen in Steiermark muß
hier erwähnt werden, die Strigholden, bezeugt im Paabtal. Es sind Buhlgeister,
die in der Gestalt schöner Jungfrauen Männer in ihre Netze locken. Schlossar bietet S. 119 eine
Erzählung von ihnen mit christlichen Motiven aus dem Teufelssagenkreis.
Die Zusammenstellung mit der md. Holda lag nahe und Schlossar tut es auch mit
dem Hinweis auf Holda = Venus. Selbstverständlich ist an den Eigennamen Holda nicht zu
denken, wohl aber haben wir es mit dem alten Appellativ holde für elbisches
Wesen zu tun, das allerdings sonst im heutigen dtsch. Volksglauben nur für ein
kleines ndd. Gebiet bezeugt ist. Der 1. Teil des Kompositums ist eine weit
verbreitete interessante Benennung dämonischer Wesen.
lat. strix, ursp. Nachteule, später Bezeichnung vogelartiger Druckgeister mit Vampyrcharakter (zu stridere). Ovid Fasten VI, 139 erzählt, wie die Göttin Cardea den albanischen Königssohn Procas vor den Steigen rettet. Sie nimmt die Eingeweide eines Ferkels und legt sie ins Freie, damit die Strigen sich über diese statt über das Kind hermachen, legt einen Weißdorn in die Fensteröffnung, um das Eindringen unmöglich zu machen, und das Kind genest alsbald. Im Neugr. kennt man sie noch als Striglen, die die Pferde erdrosseln etc. (Vgl. Gruppe, Gr. M. Handb. d. klass. Altwss. S. 771; Pauly, Eealenz. IV 1391 f.; Eoscher, Myth. Lex. I, 854.) Daneben lat. striga = strix (Furlanette, Lex. s. v.), ital. strega, stria Hexe. Das Wort ist aus dem rumän. strigoj durch walachische Wanderhirten (Walde, Lat. Wb. 601) ins Nordslawische gedrungen: poln. Strzyga, Art Nachtgespenst, slvk. stryga, Hexe, strigon, strygoje; poln. strzygonia (Miklosich, E. Wb. S. 326), (1 Stryga heißen im poln. Oberschlesien Menschen, die mit Zähnen geboren werden. Sie haben zwei Seelen und nach ihrem Tod wird die eine zu einem vampyrähnlichen Dämon. (Drechsler I. 319.)) slov. strija, aus dial. ital. stria (Walde a.a.O.). Das Wort hat also weite Verbreitung. Unser Strig— kann Entlehnung aus dem Slov. sein, doch legt die Wortform unmittelbare Anknüpfung an das Romanische nahe. Anmerkung:
2.
Das Perhtenjagen ist in Steiermark nur in Schladming aus dem Jahre 1850 bezeugt. Der Ort gehört zum großen Erhaltungsgebiet dieses Brauches im salzb. Pongau. S. d. Das sonst Angeführte (Schlossar,Weinhold) gehört nicht hierher. |