Die Romanen Südtirols. Wie unter die Slowenen ist Perht auch unter die romanische Bevölkerung Südtirols gedrungen. Gerade hier ist es nicht auffällig, weil in Tirol ein lebhafter Austausch mythischer Gestalten und Namen zwischen Deutschen und Romanen stattgefunden hat. In Folgareit (bei Oalliano, Bh. Rovreit-Rovereto) ist sie bekannt als „Frau Berta", „la brava Borta, la donna Berta'. Sie wohnte in einer Höhle und ließ sich von ihren Mägden kämmen. Oft kam sie ins Dorf und half den Weibern. Besonders gern ließ sie sich Garn und Faden geben, um Knäuel zu winden, wobei sie aber nie fertig wurde, da ihr der Faden nie ausging. Alle Weiber waren ihr gut und gaben ihr zu essen. Als aber einmal ein Weib, das Borta um zwei Eimer gebeten, ihr zwei Siebe gab und sie vergebens diese zu füllen, versuchte, wobei sie ganz naß wurde, stürzte sie das Weib, das gerade bügelte, in einen Kessel mit siedendem Wasser. Dafür erschlug sie deren Mann mit samt ihren Mägden (Schneller, S. 199 A I). Nach einer anderen Mitteilung (Schneller 200 n. 2), war Frau Berta ein wildes Weib und wohnte mit ihrem Gemahl ,1' om salvadegh, bilder mon' in einer Höhle, in der sie mit besonderer Vorliebe ihre Kinder kämmte. Ihr Mann kam in die Häuser und lehrte die Leute Käse und Halbbutter bereiten. Als man ihn aber einmal berauschte, lehrte er sie nichts mehr. Auch die Frau Berta verursachte bei Beleidigung, daß die Kühe nur saure oder gar keine Milch gaben. Hielt man aber Frieden mit ihr, war sie eine gütige Schutzfrau. Folgareit ist altes deutsches Gebiet. Interessant ist, wie hier aus der Seelenführerin Perht ein Vegdäm. ganz in der Art der wilden Leute wurde. Dazu stimmt die diesen Wesen oft nachgesagte Freude am Kämmen, der hilfreiche Besuch bei den Menschen, das ewige Knäuel etc. Über die Danaidenaufgabe und das Verbrühen unten. In Trambileno bei Bovreit kennt man die Eroberte oder bilden Beiber und den Bedelmon; also eine Mehrzahl von Vegdäm. namens Berta. Von ihnen geht die Sage, daß sie einem Manne, der dann den Namen Tela (Leinwand) bekam, nachts den Weg im Walde versperrten, indem sie plötzlich lange Stücke Leinwand durch den Wald spannen. Als sein Gefährte herankam, schwand der Spuk. Eine deutliche Nebelsage (Mannh., StfK. I 112). Der letzte Faschingstag heißt hier: il giorno delle Eroberte. Ebenfalls eine Mehrheit von Frauberten kennt man in lionchi bei Ala. Dort geht folgende Sage (Schm., S.201f.c.): Eines Abends saßen dort zwölf Weiber in einem Filo und spannen. Das galt als gefährlich, wenn kein Mann dabei war. Tatsächlich klopfte es um 11 Uhr und herein trat eine Frauberta. Die Weiber begrüßten sie mit dem ihr gebührenden Gruß: ,Seid gegrüßt, Frau Berta mit der langen Nase' (Padrona Frauberta dal nos longh) und eine räumte ihr ihren Platz. Die Frauberta erwiderte: ,Wird eine andere nach mir kommen, die eine noch längere Nase hat.' Das geschah auch und wiederholte sich elfmal, so daß die zwölf Frauberten auf allen Sesseln (Natürlich nicht ,Sesseln', sondern Plätzen.) saßen und die Weiber zitternd dastanden. Da fragte die erste Frauberta: ,Was wollen wir tun?'; die zweite sprach: ,Wir wollen Wäsche waschen.' Da sagte die erste zu den Weibern: ,Bringt uns die Wassereimer, wir müssen Wasser haben.' Die Weiber wußten, daß die Frauberte sie sieden und brühen wollten; daher brachte jede nur zwei Körbe. Nun holten die Frauberte Wasser in der Etsch, aber sie mühten sich vergebens. Voll Wut kehrten sie zurück, da war es aber dunkel, die Türen versperrt und jedes Weib lag bei seinem Mann im Bett. Eine der Frauberten schrie aber durchs Fenster: ,Dank es der Hose, bei der du liegst, sonst wehe dir!' Am nächsten Tag versteckte sich ein Mann im Filo und erschlug alle Frauberten, als sie wieder kamen. Die Frauberten gelten demnach als Spinnstubenfrauen für die Nacht. Auch hier ist die lange Nase charakteristisch. Über das Motiv der Danaidenarbeit und des Verbrühens vgl. Sph. I 288 und II 321. Durch die Danaidenarbeit wird man den lit. Kaukas, einen Druckgeist, los, ebenso den Teufel. Eine ähnliche Geschichte wie unsere wird auch von der Bregostana und einem wilden Mann mit seiner Frau erzählt. Vgl. auch die obige Stampasage. Ich glaube aber nicht, daß dieses Motiv parallel zu setzen ist der Aufgabe, mit der man in den Alpsagen den Druckgeist hinzuhalten sucht (. . . ,alle bärge und dälr ower strien, alle grasspire inknicken, alle lofbläre afflicken, alle stern am himmel teilen jindess werd wol dag sin'. ZfDM. I 198. Vgl. Sph. I, des Flachses Qual), sondern halte es nur für ein Erzählungsmotiv. Es scheint bei seiner Volkstümlichkeit kaum auf gelehrter Überlieferung zu beruhen. Das Verbrühen wird auch von Unterirdischen in Brahlsdorf (Bartsch I 48), von der Frau Mittwoch in Rußland (Ralston Russian Folklore, S. 201) und von der Quatem-berca in Friesnitz bei St. Jakob in Kärnten (ZfVK. III, S. 201—207) unter ähnlichen Umständen erzählt. Auch dieses Motiv ist kaum mythisch deutbar. Die Spinnruhe ist bekannt. In Folgareit und anderen Orten pflegen die Weiber am heiligen Abend und am letzten Faschingsabend nicht zu spinnen, sonst würden die Mäuse den Faden fressen (Schoeller 240 n. 38). Nach ZfVK. I 419 muß in Südtirol bis Ostern abgesponnen sein, sonst spinnt die Stria (Zauberin) selbst den Flachs und die Gedärme der Hausherrin dazu. Die Strie werden teils als Hexen, teils als wilde oder selige Weiblein aufgefaßt (Schneller 215). Das aus Perht in Südtirol ein echter Vegdäm. mit seinen anziehenden und unheimlichen Zügen geworden ist, ist wohl aus der Verschiedenheit des geo- und ethnographischen Charakters zu erklären; derselbe Zug auch bei anderen mythischen Gestalten, so auch bei der Stampe.
Westungarn. Bei den bayrischen Ansiedlern Westungarns ist Perht weder der Erscheinungsform noch dem Namen nach bekannt. Sie wäre sonst dem eifrig sammelnden Schroer in Preßburg nicht entgangen. Dagegen erscheint St. Lucia (Schroer, Pr. S. 30) mit dem Spinnrocken oder dem Flederwisch in der Hand in den Häusern, also wohl als Spinnstubenfrau. Wann sagt Schroer nicht, wahrscheinlich am Lucientag (13. 12.). Die zugesetzten mythischen Bemerkungen sind falsch.
Niederöstereich. Zunächst einen historischen Beleg. Aus Stephanus Lanzkranna
(aus Landskron), Propst zu St. Dorotheen in Wien ,Die Hymelstrass' (drei
Drucke Augsburg 1484,1501,1510), Sp. 112, Bl. 42 b, berichtet J. Geffcken
/Bilderkatechismus
des 15. Jahrhunderts' I, S. 106 f. folgende Stelle (aus dem
Abschnitt über das erste Gebot): . . .. Tatsächlich stimmen die Mythen über Perht in beiden Länderteilen ganz
zueinander. Landsteiner, S. 34, berichtet aus Waidhofen a. Ybbs, daß
man dort in der Drkg.-Rauchnacht etwas Milch in den Schüsseln und die Löffel
drin stecken lasse für die Perscht. Zwischen 11 und 12 Uhr erscheint
sie mit ihren Kindern und man kann das ,Schlürfen' beim Essen hören. Als
Zeichen der Anwesenheit sind am Morgen die Löffel mit Rahm
überzogen. Nun essen die Hausleute von der Perschtmilch, geben
auch den Hühnern, damit sie viele Eier legen, und den Kühen, daß sie reichlich
Milch geben. Perht ist also als Kinderseelenführerin bekannt. Die Zeichen an den Löffeln
erinnern an das Neujahrsorakel in Tirol und Steiermark. Daß die
Leute die Perschtmilch verzehren und auch den Tieren vorsetzen unter
Erwartung günstiger Folgen, zeigt ganz primitiven Fruchtbarkeitszauber
an.
Aus derselben Gegend stammen die Mitteilungen
von Frau Antonie Hudler, Meierin auf dem Zehenthof bei Neubrück, die mir
durch gütige Vermittlung des Herrn Leo Bamberger zugekommen
sind: Der heilige Drkgstag gilt als einer der bedeutungsvollsten Tage; die Leute hielten sehr viel auf ihn und glaubten, je mehr die Berscht Ordnung fand und sie zufriedengestellt Sltzangsbor. d. pliil.-hist. Kl. 174. Bd , 2. Abh. war, desto mehr Glück und Segen erteile sie einem solchen Hausstände. Die Mägde sollen an diesem Tage beim Melken der Kühe vorsätzlich ab und zu auf die Streu gemolken haben, was den Berschtkindern vermeint war. Vom Berschtmahle ist noch zu sagen, daß aus der übrig gebliebenen Semmelmilch von schwerem Brotteig Knödel geformt wurden. Dazu kam ein ganzes, unverletztes Nußkreuz, wie es sich im Innern des Kernes befindet, und drei Palmkatzerln aus geweihten Palmen. Davon wurde jedem Stück Vieh auf nüchternem Magen je ein Knödel gegeben, was viel zur Bekräftigung des Berschtsegens beitrug; so reichten z. B. Eßwaren viel längere Zeit aus, trotzdem sich alle sattaßen.Als das Spinnen noch mehr eingeführt war, durfte am Sonntag, Donnerstag und Samstagabend nicht gesponnen werden. Das Spinnen am Donnerstag galt als eine Beleidigung der Berscht. Einst ließ eine Bäuerin am Donnerstag ihr kleines, noch nicht sechs Jahre altes Mädl ein Will Garn verspinnen; ein solches von einem sechs Jahre alten Kinde gesponnenes Garn heißt Jungfern- oder Engerlgarn und hat eine besondere Kraft in sich. Das Kind stellte sich aber schlecht dazu an und brachte nichts zustande. Da nahm die Mutter den Flachs, wickelte ihn um die Hand des Kindes und zündete es an; aber da hörte man vom Fenster her ein Getöse, man eilte hin und da stand die Berscht, hielt ihre Hand mit allen fünf brennenden Fingern zum Fenster herein und rief zornig: „Mit
engan vadomtn Pfmgstaspinna Zu diesem in seiner Originalform belassenen
Bericht vergleiche man folgende Mitteilungen Herrn Leo Bambergers:
,Bei uns heißt die Perscht auch noch Sampermuada.
Sampert
= unförmig, — dick, was sich vielleicht auf die Fruchtbarkeit bezieht.
Wenn man nach den Kindern der Perscht fragt, so erfährt man: die Perscht
hat 12 Junge; denn das 13., heißt es, ist das Zodawascherl. Dieses
nimmt eine Sonderstellung ein. Es ist das eine rührende Kindergestalt, von
der man den Kindern nicht erzählen darf, ohne
größte Rührung hervorzurufen. Ganz ungleich seinen viehischen,
wilden, dämonischen Geschwistern hat das Zodawascherl mit diesen
nichts gemein und fühlt sich gewiß vielmehr zu den Menschenkindern hingezogen;
aber es ist ja auch eine unerlöste Seele, ein frauentauftes Kind, und
als solches gehört es der Perscht und muß mitziehen mit dem „hoamlin Gloat",
der wilden Jagd. Aber es kommt überall zu spät, denn es schleppt einen großen
Krug nach, in dem es seine Tränen sammelt. Wenn die anderen, gejagt vom großen Drachen, dem
Teufel, endlich auf den Baumstrünken, die von den Holzknechten
mit drei Kreuzen versehen sind, rasten dürfen, findet das Zodawascherl keinen
Platz mehr. Und wenn in der heiligen Drkgnacht — der foasten Rauchnacht
— der
Bauer auf dem mit einem weißen Tischtuch gedeckten Tisch die Perschtlmilch
aufstellt, die für die Perscht und ihre Jungen die ganze Nacht stehen bleiben muß,
so gibt er nur zwölf Löffel hinein. Bis das arme Zodawascherl mit seinem
Tränenkrug
nachgehumpelt kommt, hat die Perscht mit ihren Jungen bereits alles
ausgesoffen. Auch am Tanz dürfte es sich wohl nicht beteiligen, der in der
gleichen Nacht von der Perscht am Tenn abgehalten wird und zu dem der Bauer schon
Nachmittag die nötigen Vorbereitungen trifft, indem er den Tenn sauber
auskehrt. Auffallend ist für Niederösterreich die Namensform Perscht. Weinhold BG. § 155 hat die Erscheinung des 's' Einschubes zwischen r und t außer für den Chiemgau, Salzburg, Tirol, Unterkärnten nur für die steirischen Täler der oberen Mur, Mürz, Raab, Feistritz und Kainach konstatiert, aber nicht für Süd-Niederösterreich. Entweder ist nun unsere Namensform aus Steiermark importiert oder sie ist einheimisch. Im letzteren Falle könnte sie, falls die oben erwähnte Erscheinung hier sonst nicht auftritt, eventuell eine ältere besondere Lautungsform beibehalten haben. Spinnruhe am Luzientag ist in Mank (S.-N.-ö.) bezeugt. Vern. Alpens., S. 109. Spinnt hier jemand in der Luziennacht, so sind ihm tags darauf sämmtliche Spindeln verdreht, die Fäden zerrissen und das Garn in großer Unordnung. Am Abend wird geräuchert, zu Mitternacht zeigt sich der Luzienschein, ein zitterndes Licht in verschiedenen Gestalten. Ob die Vorstellung von Luzia als dämonischem Wesen hier lebendig ist, führt Vern. nicht an. Sonst ist von Spinnruhe in diesem Gebiete nichts bekannt. Ein zweites Gebiet, das für die Erhaltung alter Vorstellungen in Frage kommt, ist das Waldviertel. Landsteiner berichtet von hier über Perht (S. 35): Im Waldviertel wird sie hie und da noch ganz theriomorfistisch als Ziege und als Verkünderin der wilden Jagd aufgefaßt. Ihr Geschrei ist ein grelles. Wenn man es vernimmt, ist die wilde Jagd im Anzüge usf. Hier liegt offenbar die Habergeiß zugrunde; die Beilegung des Namens Perht ist ein Irrtum Landsteiners oder seines Gewährsmannes. Dasselbe von der angeblichen Kinderscheuche Perhta. Perht ist im Waldviertel unbekannt. Als Spinnstubenfrau ist in der Gegend
von Zwettl das Spinnwoibl bekannt (Landst., S.35). An den Abenden von Whn. bis Drkg.
darf nicht gesponnen werden, sonst kommt sie und zerrauft den Flachs. Anderswo
heißt sie die Hexe. Eine andere Spstf. in unserem Gebiete ist: s'Pfinzda-Weibl
(Pfinzda
= Donnerstag). Vern. M. u. Br., S. 285. In den letzten Tagen des
Faschings ruht alle Arbeit, auch das Spinnen. ,S' Pfinzda-Weibl lößt alles
wieder auf, denn ihre Macht ist groß. Sie übt ihr Amt vom Foasten-Pfinzda
(so schreibt Vern., richtiger foasten, vgl. die foasti Rauchnacht Landsteiner, S.
36; die faiste Rauchnacht in O.-Ö. bei Pritz, S. 62), dem letzten Donnerstag
im Fasching, bis zum Aschermittwoch und an allen Feierabenden des Jahres. Was sie
gebietet, das geschieht. |