Die Romanen Südtirols.  

Wie unter die Slowenen ist Perht auch unter die romanische Bevölkerung Südtirols gedrungen. Gerade hier ist es nicht auffällig, weil in Tirol ein lebhafter Austausch mythischer Gestalten und Namen zwischen Deutschen und Romanen stattgefunden hat. In Folgareit (bei Oalliano, Bh. Rovreit-Rovereto) ist sie bekannt als „Frau Berta", „la brava Borta, la donna Berta'. Sie wohnte in einer Höhle und ließ sich von ihren Mägden kämmen. Oft kam sie ins Dorf und half den Weibern. Besonders gern ließ sie sich Garn und Faden geben, um Knäuel zu winden, wobei sie aber nie fertig wurde, da ihr der Faden nie ausging. Alle Weiber waren ihr gut und gaben ihr zu essen. Als aber einmal ein Weib, das Borta um zwei Eimer gebeten, ihr zwei Siebe gab und sie vergebens diese zu füllen, versuchte, wobei sie ganz naß wurde, stürzte sie das Weib, das gerade bügelte, in einen Kessel mit siedendem Wasser. Dafür erschlug sie deren Mann mit samt ihren Mägden (Schneller, S. 199 A I). Nach einer anderen Mitteilung (Schneller 200 n. 2), war Frau Berta ein wildes Weib und wohnte mit ihrem Gemahl ,1' om salvadegh, bilder mon' in einer Höhle, in der sie mit besonderer Vorliebe ihre Kinder kämmte. Ihr Mann kam in die Häuser und lehrte die Leute Käse und Halbbutter bereiten. Als man ihn aber einmal berauschte, lehrte er sie nichts mehr. Auch die Frau Berta verursachte bei Beleidigung, daß die Kühe nur saure oder gar keine Milch gaben. Hielt man aber Frieden mit ihr, war sie eine gütige Schutzfrau.

Folgareit ist altes deutsches Gebiet. Interessant ist, wie hier aus der Seelenführerin Perht ein Vegdäm. ganz in der Art der wilden Leute wurde. Dazu stimmt die diesen Wesen oft nachgesagte Freude am Kämmen, der hilfreiche Besuch bei den Menschen, das ewige Knäuel etc. Über die Danaidenaufgabe und das Verbrühen unten. In Trambileno bei Bovreit kennt man die Eroberte oder bilden Beiber und den Bedelmon; also eine Mehrzahl von Vegdäm. namens Berta. Von ihnen geht die Sage, daß sie einem Manne, der dann den Namen Tela (Leinwand) bekam, nachts den Weg im Walde versperrten, indem sie plötzlich lange Stücke Leinwand durch den Wald spannen. Als sein Gefährte herankam, schwand der Spuk. Eine deutliche Nebelsage (Mannh., StfK. I 112). Der letzte Faschingstag heißt hier: il giorno delle Eroberte. Ebenfalls eine Mehrheit von Frauberten kennt man in lionchi bei Ala. Dort geht folgende Sage (Schm., S.201f.c.): Eines Abends saßen dort zwölf Weiber in einem Filo und spannen. Das galt als gefährlich, wenn kein Mann dabei war. Tatsächlich klopfte es um 11 Uhr und herein trat eine Frauberta. Die Weiber begrüßten sie mit dem ihr gebührenden Gruß: ,Seid gegrüßt, Frau Berta mit der langen Nase' (Padrona Frauberta dal nos longh) und eine räumte ihr ihren Platz. Die Frauberta erwiderte: ,Wird eine andere nach mir kommen, die eine noch längere Nase hat.' Das geschah auch und wiederholte sich elfmal, so daß die zwölf Frauberten auf allen Sesseln (Natürlich  nicht ,Sesseln', sondern Plätzen.) saßen und die Weiber zitternd dastanden. Da fragte die erste Frauberta: ,Was wollen wir tun?'; die zweite sprach: ,Wir wollen Wäsche waschen.' Da sagte die erste zu den Weibern: ,Bringt uns die Wassereimer, wir müssen Wasser haben.' Die Weiber wußten, daß die Frauberte sie sieden und brühen wollten; daher brachte jede nur zwei Körbe. Nun holten die Frauberte Wasser in der Etsch, aber sie mühten sich vergebens. Voll Wut kehrten sie zurück, da war es aber dunkel, die Türen versperrt und jedes Weib lag bei seinem Mann im Bett.   Eine der Frauberten schrie aber durchs Fenster: ,Dank es der Hose, bei der du liegst, sonst wehe dir!' Am nächsten Tag versteckte sich ein Mann im Filo und erschlug alle Frauberten, als sie wieder kamen. Die Frauberten gelten demnach als Spinnstubenfrauen für die Nacht. Auch hier ist die lange Nase charakteristisch. Über das Motiv der Danaidenarbeit und des Verbrühens vgl. Sph. I 288 und II 321. Durch die Danaidenarbeit wird man den lit. Kaukas, einen Druckgeist, los, ebenso den Teufel. Eine ähnliche Geschichte wie unsere wird auch von der Bregostana und einem wilden Mann mit seiner Frau erzählt. Vgl. auch die obige Stampasage. Ich glaube aber nicht, daß dieses Motiv parallel zu setzen ist der Aufgabe, mit der man in den Alpsagen den Druckgeist hinzuhalten sucht (. . . ,alle bärge und dälr ower strien, alle grasspire inknicken, alle lofbläre afflicken, alle stern am himmel teilen jindess werd wol dag sin'. ZfDM. I 198. Vgl. Sph. I, des Flachses Qual), sondern halte es nur für ein Erzählungsmotiv. Es scheint bei seiner Volkstümlichkeit kaum auf gelehrter Überlieferung zu beruhen. Das Verbrühen wird auch von Unterirdischen in Brahlsdorf (Bartsch I 48), von der Frau Mittwoch in Rußland (Ralston Russian Folklore, S. 201) und von der Quatem-berca in Friesnitz bei St. Jakob in Kärnten (ZfVK. III, S. 201—207) unter ähnlichen Umständen erzählt. Auch dieses Motiv ist kaum mythisch deutbar. Die Spinnruhe ist bekannt. In Folgareit und anderen Orten pflegen die Weiber am heiligen Abend und am letzten Faschingsabend nicht zu spinnen, sonst würden die Mäuse den Faden fressen (Schoeller 240 n. 38). Nach ZfVK. I 419 muß in Südtirol bis Ostern abgesponnen sein, sonst spinnt die Stria (Zauberin) selbst den Flachs und die Gedärme der Hausherrin dazu. Die Strie werden teils als Hexen, teils als wilde oder selige Weiblein aufgefaßt (Schneller 215). Das aus Perht in Südtirol ein echter Vegdäm. mit seinen anziehenden und unheimlichen Zügen geworden ist, ist wohl aus der Verschiedenheit des geo- und ethnographischen Charakters zu erklären; derselbe Zug auch bei anderen mythischen Gestalten, so auch bei der Stampe.

 

Westungarn.  

Bei den bayrischen Ansiedlern Westungarns ist Perht weder der Erscheinungsform noch dem Namen nach bekannt. Sie wäre sonst dem eifrig sammelnden Schroer in Preßburg nicht entgangen. Dagegen erscheint St. Lucia (Schroer, Pr. S. 30) mit dem Spinnrocken oder dem Flederwisch in der Hand in den Häusern, also wohl als Spinnstubenfrau. Wann sagt Schroer nicht, wahrscheinlich am Lucientag (13. 12.). Die zugesetzten mythischen Bemerkungen sind falsch.    

 

Niederöstereich.  

Zunächst einen historischen Beleg. Aus Stephanus Lanzkranna (aus Landskron), Propst zu St. Dorotheen in Wien ,Die Hymelstrass' (drei Drucke Augsburg 1484,1501,1510), Sp. 112, Bl. 42 b, berichtet J. Geffcken /Bilderkatechismus des 15. Jahrhunderts' I, S. 106 f. folgende Stelle (aus dem Abschnitt über das erste Gebot): . . ..
oder der tyer begegnung, an gefunden ding an die frawen bercht oder an die frawen holt, an herodiasis, an dyana, die heidenisch goettin oder tewfelin, an die nachtnarenden, an die bilweysz
....
Dieser Beleg ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil wir hier zum ersten Male Perht und Holda parallelisiert finden. Lanzkranna schöpft aus der reichen Quelle der mittelalterlichen Beichtspiegel, Erlässe und katechetischen Traktate. Nun sind wohl für Perht durch Schmeller eine ganze Reihe von Stellen bekannt, nicht aber für Holda, außer der Stelle bei Burckhardt von Worms. Gegen direkte Übernahme aus diesem spricht die Namensform: fraw Holt. Damit haben wir eine bisher unbekannte Vorlage für Lanzkranna anzusetzen, die mittelbar oder unmittelbar aus dem Volksmunde schöpft und von Burckhardt unabhängig ist, also einen neuen historischen Beleg, und zwar nach Burckhardt den ältesten gefunden. Bei einer Spezial-Untersuchung würde sich die Quelle Lanzkrannas sicher auffinden lassen. Bei diesem selbst ist an ein unmittelbares Aufnehmen aus dem Volksmund nicht zu denken. Dieser neu gefundene Beleg stützt auch die Richtigkeit der Lesart bei Burckhardt: Holdam und macht Kauffmanns Konjektur PBB. XVIII, S.146f. höchs unwahrscheinlich (vgl. unten Hessen).
Für den heutigen Volksglauben kommt vor allem das südliche Niederösterreich in Betracht, das an Obersteiermark anschließt und dieselben günstigen Bedingungen für Erhaltung alter Vorstellungen und Sitten aufweist wie jenes.

Tatsächlich stimmen die Mythen über Perht in beiden Länderteilen ganz zueinander. Landsteiner, S. 34, berichtet aus Waidhofen a. Ybbs, daß man dort in der Drkg.-Rauchnacht etwas Milch in den Schüsseln und die Löffel drin stecken lasse für die Perscht. Zwischen 11 und 12 Uhr erscheint sie mit ihren Kindern und man kann das ,Schlürfen' beim Essen hören. Als Zeichen der Anwesenheit sind am Morgen die Löffel mit Rahm überzogen. Nun essen die Hausleute von der Perschtmilch, geben auch den Hühnern, damit sie viele Eier legen, und den Kühen, daß sie reichlich Milch geben. Perht ist also als Kinderseelenführerin bekannt. Die Zeichen an den Löffeln erinnern an das Neujahrsorakel in Tirol und Steiermark. Daß die Leute die Perschtmilch verzehren und auch den Tieren vorsetzen unter Erwartung günstiger Folgen, zeigt ganz primitiven Fruchtbarkeitszauber  an.
Aus der Gegend von Gaming teilt Landsteiner, S. 35 mit, daß man dort von den Kindern der Perscht erzähle, welche auffallende Namen hätten. Er führt an: Gagarauntzl, Thomaszoll, Märzenkalbl, Zadarwaschl. Dem letztgenannten sind wir schon in Steiermark begegnet. A wohl nur Schreibung für den.offenen o-Laut. Vgl. Schm., BW. II 1159 Zatten neben 1166 Zotten, beides: Legföhre, zu demselben Namen. Der Name deutet auf Erscheinungsform in zerlumptem Gewand, wie derartige Dämone meist gedacht werden.
Märzenkalbl in einem Vok. v. 1618 bei Schm., BW. I 1657, glossiert als vitulus recens. Denselben Namen Märzenkalb führt ein Vegdäm. in Niederösterreich (Landsteiner, S, 66), ein riesiges Kalb mit zwei Köpfen, welches Kinder frißt und mitnimmt, eine Parallelflgur zur Habergeiß und ähnlichen. Hier kann man an eine Namensübertragung denken, aber in unserem Fall von Mk. als Schimpfwort ausgehen, was zu Zadarwaschl passen würde. Vgl. übrigens das Märzenfräulein bei Kaufbeuren (Schöppner, III S. 205 n. 1186), die Kinderscheuche in Paznaun: Märzhackl (Zgl. S.  7). Gagarauntzl. Der erste Kompositionsteil zu gage(r)n schreien von Kindern, Schm. I 877 oder gage(r)n wacklen ebd., der zweite zu raunzen, Schm. II 108, die raunz weiner­liche Person, davon Diminutiv.

Aus derselben Gegend stammen die Mitteilungen von Frau Antonie Hudler, Meierin auf dem Zehenthof bei Neubrück, die mir durch gütige Vermittlung des Herrn Leo Bamberger zugekommen sind:
,Von der Berscht wissen die Leute hier viel zu erzählen. Sie soll „dem Berschtl sein Weib" gewesen sein. Über ihn weiß man nichts Näheres. Das Gefolge der Berscht, die hier auch Sampermuada (Sompa-) genannt wird, besteht aus Kinderseelen, die noch nicht zur ewigen Seligkeit eingehen können, da sie entweder keine oder nur eine Nottaufe (Frauentaufe) erhalten haben. Diese Kinderseelen gelangen in der fetten Rauchnacht, der Vornacht des heiligen Drkgtages, zu ihrer Erlösung; denn da feiert die Berscht mit ihnen den Abschied von der Erde und besucht alle christlichen Familien, wo sie überall gedeckten Tisch findet. Es gibt da Semmelmilch als richtige Kinderspeise, auch Fleisch, Krapfen, gebackene Mehlspeisen und was halt sonst die Mittel erlauben. Auch wurde eine gründliche Reinigung vorgenommen, besonders die Tenne gekehrt, denn dort hält die B. mit ihrem Gefolge einen Tanz ab. Dem Zuletztdazugekommenen der Kinderseelen war es bestimmt, den Tränenkrug zu tragen, in welchem alle Tränen, die von den Hinterbliebenen geweint wur­den, gesammelt waren. Diesen großen, schweren Krug mußte es also schleppen; so bleibt es zurück, und wenn alle schon bei Tische um die Berschtmilch sitzen, kommt es erst nachgehumpelt und weint, weil der Krug schon fast überfließt und fast nicht mehr zu erschleppen ist. Alle diese vielen Kinderseelen von ganz unbestimmter Anzahl, so viele halt im ganzen Jahr dem Schicksal verfallen waren, haben keine Namen. Es erzählt aber die Sage, es solle einmal eine wandernde Seele auf ihrem Rastplätzchen gesessen sein, wie eben der Berschtzug vorbeiging; als sie das letzte den Krug nachschleppen sah, sprach die Seele mitleidig zu dem Berschtkinde: „Geh nur, geh nur, du Zodawaschal du!" Mit diesen Worten war diese Kinderseele erlöst, denn nun hatte es (!) einen Namen.

Der heilige Drkgstag gilt als einer der bedeutungsvollsten Tage; die Leute hielten sehr viel auf ihn und glaubten, je mehr die Berscht Ordnung fand und sie zufriedengestellt Sltzangsbor. d. pliil.-hist. Kl. 174. Bd , 2. Abh. war, desto mehr Glück und Segen erteile sie einem solchen Hausstände. Die Mägde sollen an diesem Tage beim Melken der Kühe vorsätzlich ab und zu auf die Streu gemolken haben, was den Berschtkindern vermeint war. Vom Berschtmahle ist noch zu sagen, daß aus der übrig gebliebenen Semmelmilch von schwerem Brotteig Knödel geformt wurden. Dazu kam ein ganzes, unverletztes Nußkreuz, wie es sich im Innern des Kernes befindet, und drei Palmkatzerln aus geweihten Palmen. Davon wurde jedem Stück Vieh auf nüchternem Magen je ein Knödel gegeben, was viel zur Bekräftigung des Berschtsegens beitrug; so reichten z. B. Eßwaren viel längere Zeit aus, trotzdem sich alle sattaßen.Als das Spinnen noch mehr eingeführt war, durfte am Sonntag, Donnerstag und Samstagabend nicht gesponnen werden. Das Spinnen am Donnerstag galt als eine Beleidigung der Berscht. Einst ließ eine Bäuerin am Donnerstag ihr kleines, noch nicht sechs Jahre altes Mädl ein Will Garn verspinnen; ein solches von einem sechs Jahre alten Kinde gesponnenes Garn heißt Jungfern- oder Engerlgarn und hat eine besondere Kraft in sich. Das Kind stellte sich aber schlecht dazu an und brachte nichts zustande. Da nahm die Mutter den Flachs, wickelte ihn um die Hand des Kindes und zündete es an; aber da hörte man vom Fenster her ein Getöse, man eilte hin und da stand die Berscht, hielt ihre Hand mit allen fünf brennenden Fingern zum Fenster herein und rief zornig:

    „Mit engan vadomtn Pfmgstaspinna
   Müeßen olli meine fünf Fingna brinna!"

Zu diesem in seiner Originalform belassenen Bericht vergleiche man folgende Mitteilungen Herrn Leo Bambergers: ,Bei uns heißt die Perscht auch noch Sampermuada. Sampert = unförmig, — dick, was sich vielleicht auf die Fruchtbarkeit bezieht. Wenn man nach den Kindern der Perscht fragt, so erfährt man: die Perscht hat 12 Junge; denn das 13., heißt es, ist das Zodawascherl. Dieses nimmt eine Sonderstellung ein. Es ist das eine rührende Kindergestalt, von der man den Kindern nicht erzählen darf, ohne größte Rührung hervorzurufen. Ganz ungleich seinen viehischen, wilden, dämonischen Geschwistern hat das Zodawascherl mit diesen nichts gemein und fühlt sich gewiß vielmehr zu den Menschenkindern hingezogen; aber es ist ja auch eine unerlöste Seele, ein frauentauftes Kind, und als solches gehört es der Perscht und muß mitziehen mit dem „hoamlin Gloat", der wilden Jagd. Aber es kommt überall zu spät, denn es schleppt einen großen Krug nach, in dem es seine Tränen sammelt. Wenn die anderen, gejagt vom großen Drachen, dem Teufel, endlich auf den Baumstrünken, die von den Holzknechten mit drei Kreuzen versehen sind, rasten dürfen, findet das Zodawascherl keinen Platz mehr. Und wenn in der heiligen Drkgnacht — der foasten Rauchnacht — der Bauer auf dem mit einem weißen Tischtuch gedeckten Tisch die Perschtlmilch aufstellt, die für die Perscht und ihre Jungen die ganze Nacht stehen bleiben muß, so gibt er nur zwölf Löffel hinein. Bis das arme Zodawascherl mit seinem Tränenkrug nachgehumpelt kommt, hat die Perscht mit ihren Jungen bereits alles ausgesoffen. Auch am Tanz dürfte es sich wohl nicht beteiligen, der in der gleichen Nacht von der Perscht am Tenn abgehalten wird und zu dem der Bauer schon Nachmittag die nötigen Vorbereitungen trifft, indem er den Tenn sauber auskehrt.
Die Gebräuche mit der Perschtmilch sind übrigens verschieden; so ist es vielfach und auch bei meinen Leuten Sitte, daß jeder Tischgenosse seinen Löffel in die Milch hineinlegt, und je nachdem sich am nächsten Morgen mehr oder weniger Rahm angesetzt zeigt, hat der Betreffende auf mehr oder weniger Glück in dem Jahr zu rechnen.
Nicht möglich war es mir, Näheres über die Eigenschaften der Perscht zu erfahren, ob sie mehr als böser oder guter Geist gedacht ist.' Aus diesen beiden Berichten, die doch von demselben Hof stammen, sieht man — ganz abgesehen von dem Individuellen — wie verschiedene Formen wesentlich gleiche mythische Vorstellungen in engster Nachbarschaft annehmen. Im ersten Bericht zeigt sich noch ein Nachklang an die — in Steiermark theriomorphisch bezeugte — männliche Variante der Perht und auch der zweite Bericht zeigt deutliche Spuren einer ursprünglicheren, dem Theriomorphismus näherstehenden Auffassung; dazu gehört wohl auch die Verknüpfung mit der wilden Jagd, denn dasselbe, wie hier von den Perschtkindern, wird ebenfalls in derselben Gegend von Raben erzählt, welche Seelen unvorbereitet Verstorbener sind. Sonst geht dieses Motiv bekanntlich von den Moosfräulein und ähnlichen. Die Auffassung der Perschtjungen als Seelen uri getaufter, beziehungsweise frauengetaufter Kinder — letzteres ein neuer Zug — ist dementsprechend im zweiten Bericht auf das Zodawascherl (s. o.) eingeschränkt, während sie im ersten Bericht, der überhaupt eine blühende Symbiose christlicher und heidnischer Vorstellungen zeigt, auf alle ausgedehnt ist. Dieselbe christliche Tendenz zeigt sich in der AbSchwächung des ursprünglich nicht begründeten Umzuges der Perht zu einem Abschied von der Erde. Das Tränenkrügleinmotiv ist im zweiten Bericht etwas variiert, das Motiv von dem hinter dem Heer zurück­bleibenden Geist deutlich herausgearbeitet und mit jenem verquickt. Ebenso ist das Motiv der Namengebung bekannt, allerdings mit einer sonderbaren Verschiebung. Neu und sonst nicht bekannt ist das Motiv vom Tanze. Mit dem Perhtenlauf dürfte es kaum etwas zu tun haben, vielmehr zur erweiterten Spinnruhe gehören. Perht gilt nach dem ersten Bericht auch als Spstf. Das Motiv von der hereingestreckten brennenden Hand wird auch sonst erzählt (vgl. unten). Der Brauch des Speiseopfers und damit verbundenen Fruchtbarkeitszaubers und Orakels ist nach beiden Berichten noch ganz lebendig. Vgl. dazu die oben angeführten Belege Landsteiners und aus der Steiermark.

Auffallend ist für Niederösterreich die Namensform Perscht. Weinhold BG. § 155 hat die Erscheinung des 's'  Einschubes zwischen r und t außer für den Chiemgau, Salzburg, Tirol, Unterkärnten nur für die steirischen Täler der oberen Mur, Mürz, Raab, Feistritz und Kainach konstatiert, aber nicht für Süd-Niederösterreich. Entweder ist nun unsere Namensform aus Steiermark importiert oder sie ist einheimisch. Im letzteren Falle könnte sie, falls die oben erwähnte Erscheinung hier sonst nicht auftritt, eventuell eine ältere besondere  Lautungsform  beibehalten   haben.

Spinnruhe am Luzientag ist in Mank (S.-N.-ö.) bezeugt. Vern. Alpens., S. 109. Spinnt hier jemand in der Luziennacht, so sind ihm tags darauf sämmtliche Spindeln verdreht, die Fäden zerrissen und das Garn in großer Unordnung. Am Abend wird geräuchert, zu Mitternacht zeigt sich der Luzienschein, ein zitterndes Licht in verschiedenen Gestalten. Ob die Vorstellung von Luzia als dämonischem Wesen hier lebendig ist, führt Vern. nicht an. Sonst ist von Spinnruhe in diesem Gebiete nichts bekannt.

Ein zweites Gebiet, das für die Erhaltung alter Vorstellungen in Frage kommt, ist das Waldviertel. Landsteiner berichtet von hier über Perht (S. 35): Im Waldviertel wird sie hie und da noch ganz theriomorfistisch als Ziege und als Verkünderin der wilden Jagd aufgefaßt. Ihr Geschrei ist ein grelles. Wenn man es vernimmt, ist die wilde Jagd im Anzüge usf. Hier liegt offenbar die Habergeiß zugrunde; die Beilegung des Namens Perht ist ein Irrtum Landsteiners oder seines Gewährsmannes. Dasselbe von der angeblichen Kinderscheuche Perhta.  Perht ist im Waldviertel unbekannt.

Als Spinnstubenfrau ist in der Gegend von Zwettl das Spinnwoibl bekannt (Landst., S.35). An den Abenden von Whn. bis Drkg. darf nicht gesponnen werden, sonst kommt sie und zerrauft den Flachs. Anderswo heißt sie die Hexe. Eine andere Spstf. in unserem Gebiete ist: s'Pfinzda-Weibl (Pfinzda = Donnerstag). Vern. M. u. Br., S. 285. In den letzten Tagen des Faschings ruht alle Arbeit, auch das Spinnen. ,S' Pfinzda-Weibl lößt alles wieder auf, denn ihre Macht ist groß. Sie übt ihr Amt vom Foasten-Pfinzda (so schreibt Vern., richtiger foasten, vgl. die foasti Rauchnacht Landsteiner, S. 36; die faiste Rauchnacht in O.-Ö. bei Pritz, S. 62), dem letzten Donnerstag im Fasching, bis zum Aschermittwoch und an allen Feierabenden des Jahres. Was sie gebietet, das geschieht.
Von ihr bringt C. M. Blaas-Stockerau folgende Geschichte aus Litschau bei Gmünd. Zu einer Frau, die trotz Verbotes am Samstagabend spann, kam jedesmal ein fremdes altes Weib, das sich selbst an das Rad setzte und allen Flachs aufspann. Eine Nachbarin warnte die Frau vor diesem Weibe, das das Pfingster-Weibl (so Blaas) sei, und riet ihr, sie durch den Ruf ,Der Venusberg brennt' aus dem Hause zu locken,
alles Hausgerät hinauszuwerfen und die Tür zu verschließen. So tat sie es auch. Vergebens befahl das ausgesperrte Pfingster-Weibl dem Besen, Schürhaken usf. aufzumachen. Alles lag draußen. Nur der Leuchter war drinn vergessen worden, doch vermochte sich das Weib seiner so lange zu erwehren, bis es 12 Uhr schlug und das Pfingster-Weibl verschwand.   Über dieses bekannte Motiv vgl. Laistner Sph.Was man sonst in Niederösterreich Hiehergehöriges gefunden haben will, ist zum Teil erfundenes, zum Teil bedeutungsloses; so Vern. Frau Holke, die angeblich mit Wotn in den Lüften jagt, oder die Bezugnahme des Ortsnamens Oberhollabrunn auf die md. Holda. Vgl. Ztsch. f. d. Phil. V 155;  Germania XVI,  S. 42 f.
Wir haben also in Süd-Niederösterreich Perht als Perscht in der Funktion der Kinderseelenführerin mit Speiseopfern, anschließend an das steirische Gebiet, und
als Spstf. besonders für den Donnerstag. Von der männlich theriomorphen Variante ein Nachklang. Im Norden haben wir zwei Spinnstubenfrauen: Spinnweibl, Pfinzda-Weibl für Weihnacht und Fasching, letzteres wohl besonders für den Donnerstag.
Sonst  noch   Spinnruhe am Luzientag.

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