Vorarlberg.

  Weder bei Vonbun noch bei Elsensohn finden wir eine Gestalt angeführt, die irgendwie an die Perht im benachbarten Tirol erinnern würde, ja auch die dieser zugrunde liegenden Vorstellungen scheinen hier ganz unbekannt zu sein. Vonbun erkennt dies an, sucht aber in der gequältesten Weise in verschiedenen mythischen Erscheinungen Perht oder natürlich auch Holda wiederzufinden. So hält er eine männliche Gestalt der wilden Jagd, weil sie einen Kochlöffel trägt, für Perht oder Holda usf. Wie schon erwähnt, scheint der ganze hiehergehörige Vorstellungskreis mit den Gebräuchen zu fehlen. Von einer Spstf., Spinnruhe oder Speiseopfern berichten die beiden Vorarlberger Sagensammlungen nichts, trotz der erwähnten Tendenz. Als Kinderscheuche führt Vonbun, S. 72 das Stühawible an (mhd. stüche Schleier). Es haust im Kirchturm und fährt abends — mit einem weißen Schleier angetan — unter schrillem Pfeifen schlimmen Kindern nach. Neugeborene, ungesegnete Kinder müssen diesem Pfeifen Folge leisten. Sie deshalb mit Perht zu identifizieren ist falsch.

 

Die Schweiz.  

Auch der Schweiz ist Perht oder Berchta als Name eines mythischen Wesens unbekannt (Staub-Tobler IV 1538/1539). Die Bezeichnung: Perchtag 1334, Orechentag 1374, Berchtentag ist bekannt und man hat sie an die burgundische Königin Bert(h)a angeknüpft, die nach kirchlicher Tradition im Westen der Schweiz zahlreiche Kirchen gründete und als Heilige verehrt wird. So heißt es daher schon 1382 af en St. Berchten tag für den 2. Jänner, ja, in einer alten Notiz im Jahreszeitbuch von L. Schwarzenbach wird der 2. Jänner geradezu als der Tag Berchte regine Burgundie bezeichnet. Alt und verbreitet ist in der Schweiz und im Elsaß der Brauch des berchtelen, bechtelen. Belege ab 1572 siehe bei Staub-Tobler IV 1538 f. So heißt die Sitte, zu Neujahr Bekannte bei sich zu sehen und ihnen Speise und Trank vorzusetzen ; später wurde bechtelen überhaupt ein Ausdruck für festliche Bewirtung, Schmauserei und Zecherei. Daß dies aber nicht die ursprüngliche Bedeutung war, zeigt uns der elsäßische Brauch des bechtens, wo noch deutlich von Maskenumzügen und Beschenkung die Rede ist. Das wird auch in der Nord-Schweiz der Fall gewesen sein. Der Name hat sich dann auf den für die Teilnehmer wichtigsten Teil beschränkt. ,Berchtelen ist von (St.) Berchtentag gebildet wie chläus(e)le von Klaustag. Aus Zusammenziehung mit dem Genetiv dieses Wortes entstand der Name Berchtelistag. Indem dann der erste Teil als Diminutivum zu Bercht, Berchtold aufgefaßt wurde, ergab sich die Form Berchtelitag und weiterhin die landesübliche Schriftform Berchtoldstag.' Staub-Tobler a.a.O. Dagegen kennen Schwiz und Uri eine Gestalt, die der Perht als Kinderseelenführarin entspricht. Allerdings liegt nur der Bericht A. Lütolfs, Germ. X 1865, S. 103, vor: Frau Zaelti, wie der Schwizer, Frau Selten, wie der Urner den Namen (= Saelde) spricht, hat sich erbarmungsvoll der nach christlichen Begriffen vom Himmel ausgeschlossenen Kinder angenommen und führt sie in den wonnevollsten Räumen zwischen Himmel und Erde herum. Vom Seltenbach zu Escholzmatt im Lande Entlebuch kommen für das Dorf die kleinen Kinder (vgl. Die Sagen, Bräuche etc. aus den fünf Orten 77—80).

Hier hat demnach ein aus literarischer Tradition entsprungenes Wesen das Amt der Perht übernommen und auch die Vorstellung zeigt nicht den volkstümlichen Charakter wie in Tirol.   Näheres unten. Auch die Spinnstubenfrau ist nicht unbekannt. So vor allem die Chlunge, ChTungere", Chlungeli, meist Chlungeri, ein weiblicher Unhold mit Höcker auf Brust und Bücken, gebogener Nase und langen Fingernägeln. Sie geht in den letzten Tagen des Jahres, also in der Weihnachtsfestzeit um. Sie dient als Kinderscheuche und zeigt die Eigenschaften eines Druckgeistes (Vgl. Eeithard 1853, S. 126). Die Chlungeri soll sich im Chlungeri-Kasten, einer Höhle an der Sihl aufhalten; in der Silvesternacht geht sie in alle Häuser, um zu sehen, ob die Mägde ihren Hocken abgesponnen haben. Nichts von der Arbeit soll ins neue Jahr hinübergenommen werden (Staub-Tobler III 658 1; Vernaleken Alpens. 348). Der Name ist zu Chlunge m. Knäuel zu stellen, ahd. Chlunga f., mhd. klunge f. (über den Genuswechsel s. St. T. III 659). Die Namensform Chlungeri dürfte nach Analogie anderer movierter Feminina aus mascnlinen nominibus agentis auf —ari wie Schurderi, Najeri aus Chlunge , oder aus chlungle" (zu einem Knäuel winden oder ballen) entstanden sein. Chlungeri", dann durch Ausfall des zweiten 1 aus Chlungleri  (St.-T. a.a.O.). Es gibt auch mimische Darstellungen dieses Wesens. Schon Reithard schwz. Familienkai. 1845 berichtet, daß Chlungeri die Holle des Knecht Ruprecht mit der Hute spiele. Zu Fastnacht ist es ferner Sitte, daß ein häßlich vermummter, mit Schellen behangener Bursche mit anderen zusammen unter greulichem Lärm durch die Straßen zieht und für ein Trinkgeld seine Spässe vormacht. Er führt in Lauterbrunnen bei Bern den Namen: Fasnacht-Chlungel. Ebenfalls aus dem Kanton Bern ist der (Fastnacht-) Chlungler belegt. Er trägt ein mit farbigen Bändern verziertes, weißes Hemd, eine hohe, spitze, mit bunten Federn geschmückte Papiermütze und eine Pferde- oder Kuhschelle auf der Brust. Chlungelen heißt daher in Bern als Chlungler umherlaufen.

Eine weibliche Maske ist die Chlungleri.n, glossiert als mulier bachans larvata.   H. Bullinger St. Nikolausspruch 1549. ,So tue noch eins und schütt das gfider der kunkel, spring ir zu dem grind, damit viel garn (und wenig angesponnenes Werg) die Chlunglerin find. Ein Beleg 1578: Das ist gemein by uns, dass einer oder eine, damit die kind recht tüegind ghorsam seiend und empsig arbeitind, sich verkleidet und die kind brögt; da sagt man den kinden, es sye die stupfnas oder mutter klunglerin; einer oder eine werde sy fressen oder in sack stossen. Dafür 1670: Stumpfnase oder schwarze Nachtfrau. (Alles nach St.-T. III 659 f.) Wie man sieht, sind schon in den Quellen das mythische Wesen und die mimischen Darsteller, die beide wie üblich denselben Namen führen, miteinander verquickt. Es gibt auch eine Chrungelinacht (Chrungeli aus Chlungeli), leider ist nicht zu ersehen, wann; da aber Chrungeli als Weihnachtsgespenst glossiert wird (III 833), dürfte es sich um eine Nacht der Weihnachtsfestzeit handeln. Allerdings erscheint Chrungeli auch zu Fastnacht.

Unter den umziehenden Masken ist interessant die: Mel-Chrungelen, die in einer Pfanne Asche und Mehl durcheinandergerührt hat und das Gemisch den Leuten ins Gesicht wirft (III 833 aus Zürich, Oberamt).

Eine andere Spinnstubenfrau ist die Frau Chunkle"-Von ihr heißt es: Die fülsti Spinnere seil z' Wiehnecht 20 Haspelen g' spunne" ha (sonst) chumt d' Frau Chunkle" und wirft se-n-über's Hüs üs und d'rzue darf si auch nit ad' Fassnecht ga (Var.: vrbrönnt d'r das a de Hänge wo d' Afe g' spunne hesch) Schild. 1885, St. T. III 365. Der Namen gehört zu chunkle nhd. Chunchela, mhd. kunkel aus mlat. conueula 1. colus Spinnrocken.

Eine weitere Spstf. ist die Sträg(g)ele. Nach Vern. Alpens.116 geht im sogenannten Bauernlande (Cham, Hünenberg) die Sage: Wer nicht bis zu Weihnachtsfronfasten (Mittwoch vor Whn.) zehn Haspeln Garn gesponnen hat, den holt die Strägele. Avis Zug und Amt Hochdorf, K. Luzern, folgende Erzählung: Eine Mutter drohte oft ihrer Tochter mit der Strägele. Einmal sollte sich ein Knecht heimlich abends zum Fenster begeben und das Kind verlangen. Tatsächlich pochte es mit der Forderung und das Kind wurde hinausgegeben.   Es war aber  die wirkliche Strägele. Der Knecht kam später. Von dem Kind hörte man noch das Jammergeschrei und fand in der Nähe die abgerissenen Zöpfe. Das Motiv des vorwitzig gerufenen Dämons, auch sonst bekannt. Eine Variante Alpenrosen 1813 aus Urswelt, K.Luzern.

Auch im Kanton Zürich ist Strägele bekannt als alte Frau, die in der Fronfastennacht vor Weihnachten herumspukt und die Mädchen, die ihr Tagewerk nicht gesponnen, auf mancherlei Weise schreckt (Vern. Alpens., S. 117). Diese Nacht heißt daher die Sträggelenacht. Der Name dieser Spstf. ist wohl Diminutivbildung aus entlehntem ital. strega Hexe, die auch als Spstf. erscheint. An den Namen dieser Spstf. knüpft sich die Bezeichnung eines Brauches, der mit dem Perhtenlauf große Ähnlichkeit hat: das Streggelenjagen. Eochholz, S. 94 berichtet darüber aus Meerenschwanden: Mehrere Nachtbuben wollten sich zusammen den landesüblichen Spaß machen, jenes Nachtgelärm zu veranstalten, das man mit Peitschen, Ketten und Schellen um die Häuser bekannter Familien erhebt und wobei namentlich die erwachsenen Mädchen durch maskierte Liebhaber unsanft aus ihrem Schlafe geweckt werden. Man nennt dies im Freienamte und im benachbarten Luzerner Land das Streggelejagen. Die Burschen sammelten sich in der Nacht des Fronfastenmittwochs vor Ostern und fingen den tollen Lauf an. Sie machten nun einen Scherz mit einem der Ihrigen und steckten ihm in den Sack, in dem sich die gejagte Streggele fangen sollte, eine schwarze Katze. Diese wurde aber zu einem maßlos wachsenden Ungetüm, das erst durch einen Kapuziner beschworen werden konnte. Die Urheber des Spasses starben bald darnach. Das Streggelejagen ist also ein nächtlicher Umzug zur Osterzeit mit möglichst viel Lärm vermittels der üblichen Instrumente; ein Generationsritus ist angedeutet. Daß die Sträggele gejagt und in einem Sack gefangen werden soll, ist offenbar demjenigen, dem der Streich gespielt wurde, weisgemacht worden und dürfte aus dem Namen geschlossen worden sein. Das andere berührt sich mit dem Motiv vom Erscheinen des Dämons mit Zügen aus der Teufelssage.

Auch an die Fronfasten ist eine Spstf. geknüpft. Fronfasten nennt man die Quatembralfasten, dreitägige Feste, die das kirchliche Jahr in vier Jahreszeiten teilen; sie fallen auf den ersten Mittwoch, Freitag, Samstag je nach Aschermittwoch, Pfingsten, Kreuzerhöhung (14. Sept.) und Luzia (13. Dez.). Speziell an die Dezemberfronfasten geknüpft ist die Frau (Fron-) Fasten, auch Fasten-Müeterli, —Wibi. Diese zieht in der Vornacht umher; am Vorabend muß alles aufgesponnen sein. Alt Schwyz (St.-T. I 1114). Bleibt man länger als bis 10 Uhr auf, so sucht einem ein Geist, Fronfasten genannt, zu schaden. Eotenbach. An der Fronfaste darf man nicht waschen, denn das Fronfastenwibli geht um. Ebd. Als Schwester Verenas wird Frau Fasten bezeichnet, da die Tage einander nahe liegen (1. und 14. Sept., hier also nicht die Dezemberfaste). Was St.-T. I 917 über Verena, Venus und Freia sagt, ist falsch.

Hol da ist selbstverständlich der Schweiz gänzlich unbekannt. Rochholz II 179 glaubt zwar in der Redensart: mit der Heuel fahren für mit zerzaustem Haar, Kleid oder Spinnrocken (?) erscheinen eine Entsprechung für das md. mit der Holle fahren gefunden zu haben; doch handelt es sich hier um die Eule, tiwel, vgl. St.-T. I 613 ; vgl. s' Heuel Annis Flug St.-T. II 1824, für den Ausflug eines Mädchenpensionates. Dem Sträggelejagen in Warnen und Wesen ähnelt das Posterlijagen in Entlebuch (Vern. Alpens. 346/347). Posterli ist dort ein unheimliches Gespenst. (Spstf. ?) In der vorletzten Woche vor Weihnachten versammeln sich die Junggesellen und -männer mehrerer Orte und unter ohrenbetäubendem Gelärm von Schellen, Kesseln, Peitschen etc. und allgemeinem Gebrüll der mehr als 100 Burschen zählenden Schar ziehen sie nach einem bestimmten Ort, wo sie die dortigen Burschen erwarten. Einer aus der Truppe stellt das Posterli in Gestalt einer alten Hexe oder einer alten Ziege oder eines Esels dar; bisweilen ist diese possierliche Maschine (also eine Puppe) auf einem Schlitten. In einer Ecke läßt man das Gespenst zurück und der Lärm hört auf.  Auch hier keine Jagd.

 

Elsaß.  

Das Elsaß schließt sich ganz der Schweiz an, da auch hier Name und Wesen der Perht unbekannt ist, dagegen der Brauch des bechten's und andere Spstf. bezeugt. Der Elsässer Cunrat von Dankrotzheim scheint allerdings ein Wesen Behte zu bezeugen: heiliges Namenbuch (Kalender Strobel, S. 123, bei Schm. B. W. I 269). ,Darnauch (nach Thomas v. Cantelberg und vor Silvester, also am 30. Dezember)

so kommt die milte Behte,
die noch hat gar ein groß geflehte, 

die stük zwene broten an den spiß

und briet und machte einen guten friß,

und geriet in uff die ahssel fassen

und ging mitte behten uft den gassen

und drug da uff an alles duren

und lud ir guten nachgeburen

und ir briider und ir swester.

Do kam der heilige Sylvester

und bracht eine brotwurst in der hande.

Hier offenkundig nur Tagesbezeichnung,kein mythisches Wesen. Die zeitliche Verschiebung ist auffallend.
Der Gebrauch des behtens ist seit altersher im Elsaß bekannt. Geiler von Kaisersberg ,narenschiff', Straßburg 1520, 153 a äußert sich: ,Die ander schel (Schellen an der Narrenkappe) ist putzen anteitter tragen das sein Ursprung hat von den hei den als man zu Straßburg brucht ze pfingsten, da so vil kruizen (Masken) darkommen, der hirtz (eine Neujahrslarve) und das unsinnig weib von geistspitzen; lys Ovidium da einer ward yn ein hirtzen verkeret, da must man bechten, wurst samlen, von Bacho kumpt das her, iten Meyerbertsch (Gebäck?). (Fach Alsatia 1852, S. 149.) Ebenda auch andere Belege. Es handelt sich um einen Maskenumzug
von Haus zu Haus mit Gabenbettel zur Weihnachtszeit. Der Name ist heute nicht mehr erhalten, der Brauch dagegen dauert noch fort. Der Flurnamen Bechtenwinkel ge­hört wohl zum Personennamen Be(r)chta (ebd.).

Spinnruhe ist belegt aus dem Unter-Elsaß. Hier wird am Christabend Sperrnacht gehalten; da werden die Rädchen gesperrt, das heißt das Spinnen über die Feiertage eingestellt. Die jungen Leute versammeln sich, schmausen und treiben Kurzweil (Als. 1852, S. 146). Als Spinnstubenfrau ist Frau Faste bekannt. Als. 1856/1857, S. 134 berichtet aus Heiligenkreuz: etliche Spinnerinnen sind über 10 Uhr aufgeblieben, da klopft es und Frau Faste wirft zornig drei Spulen zum Bespinnen herein. Sie wird wie die andere Spstf. betrogen. Es handelt sich wohl um die Weihnachtsfronfaste.

Das Fronfastentier (Sagen des Eis., S. 37) gehört nicht Melier. Sonst ist nichts Hiehergehöriges aus dem Elsaß bekannt.

 

Schwaben.

Im Gegensatz zu den alemanischen Gebieten ist uns Perht in Schwaben vielfach bezeugt. Schon Seb. Frank erwähnt sie (Fischer SWb. I 858). ,Pan der Gott, der die Leute fürchtig macht, den die Kinder Bockelmann oder Bercht nennen.' Also eine männliche Kinderscheuche Bercht, von Frank ganz im Sinne der deutschen Renaissance mit einem Wesen der antiken Mythologie identifiziert. Eine ähnliche Gelehrsamkeit entwickelt M. Crusins, eigentlich Kraus aus Gräbern bei Bamberg 1526—1601, der eine schwäbische Geschichte: Annales suevici I, II 1595, III 1596 schrieb. Vgl. Fischer Wb. I 858:
Feminam fuisse iracundam et paena saevam. Quod adhuc fabulae apud nos confirmant de vagante circum domus noctu Bildaberta (Wildaberta) i. e. fera Bertha, ejulantes et contumaces pueros corripiente atque lacerante, quo terrore hi a matribus compescuntur (An. Sulz I 329). Hier ist Berta, die Mutter Karls des Großen, gemeint, an die Crusius die volkstümliche Vorstellung von der wilden Perht, einer weiblichen, nächtlich umherziehenden Kinderscheuche anknüpft.
An einer anderen Stelle (ann. Suev., p. 2, lib. 8, c. 7, p. 266), wo er von Padua im 9. Jh. handelt, sagt er: Arniatu carrocio uti coeperunt in bello, Bertha nominato. Hinc dictum hoc ortum puto, quo terrentur inquieti pueri: Schweig oder die eysene Bertha kumbt. Ein weiteres Zeugnis ist das Augsburgische ,'s Jahr einmal' von 1764. Ich zitiere nach Birlinger, Germ. XVII, S. 79 f.:     In Hornung gibt es diese Freud',
   Daß sich annäht die Faßnachtszeit,
   Da wird sich vor der Tür' und Schwellen
   Der Holla-Mütterly einstellen

   und laden zu dem schönen Fest,
   Wozu es da und dort gibt Gast',  etc.
   .........................................

    So ist es auch ein schändlich Spotten,
   Daß des Christkindleins zwei Vorboten
   Die Bercht und Ruprecht müssen sein,
   Die sich der Zeit auch stellen ein,
   Doch aber auch gar großen Schrecken
   Bei denen Kindern oft erwecken.

Mimische Darstellung einer weiblichen Kinderscheuche Perht, die mit Ruprecht erscheint, also am Nikolaustag oder -abend. Aus dem heutigen Volksglauben folgende Zeugnisse: Birlinger I, S. 250: Im Neresheimischen bei Rötungen geht der Bercht um. Er hat einen ungeheuren Bauch und ein ebensolches Maul und ist der beliebteste Kinderschrecken (schriftlich vgl. Fischer I 858). Oberamtsbeschreibung Ellwangen 173 (bei Fischer I 858): Am letzten Anklopfdonnerstag (D. vor dem Christfest) kommt die Bercht mit Krone, einem Wischh Werg und einem Kochlöffel. Eine Person ihrer Begleitung stellt eine Gans mit langem Kragen vor.

Einen fast identen Brauch bei Panzer II 118 aus Oberhausen bei Augsburg. Dort heißt es zu St. Nikolaus: heut kennt do' Kläs, morge de Buzebercht.(In Augsburg heißt  die gespenstige Wehmutter auch Butzenbercht. Vgl. SchOppner III 238 n.  1228 u. 368. Anm. z. n. 1228.) Die Buzebercht, eine vermummte Frau, die Haare verwirrt und herabhängend, das Gesicht geschwärzt und mit schwarzen Lumpen angezogen, hatte einen Hafen mit Stärke, rührte mit dem Kochlöffel und bestrich dem Begegnenden das Gesicht. Ein kultlicher Aufzug im üblichen Kostüm und einer bekannten Zauberhandlung (vgl. den Aschenschütz). Übrigens zieht auch in Ellwangen mit St. Niklas ein Bursch namens Berch(t) um (in weiblicher Maske?), Birlinger II S. 2. In Deffingen (Panzer I S.247) erscheint am Klausenabend eine verkleidete Frauens­person, die Berchtl.  Wenn die Kinder in Spinnen und Lernen nicht fleißig waren, werden sie von ihr mit der Hute bestraft, sonst schenkte sie Hutzeln, Nüsse u. dgl.

Als weibliches Gespenst, womit man Kinder schreckt, ist ferner bekannt (Fischer, S.1385): Brechtölterin, Brechhöldere u. a. in Schw.-Hall, Bühlertann b. Ellwangen, Sontheim, Gnadental. Meier, S. 45 ans Schw.-Hall: Sei stille oder die Brechhöldere kommt nnd nimmt dich mit! In Ach. Jason Widmanns v. Hall ,History Peter Lewen' 1550, 11 ist von den drei Donnerstagnächten die Rede, wo die Bauernmägde und -knechte im Kunkelhaus beieinander sind und viel Aberglauben vorbringen von Berchtold und dem wütenden Heer; diese Nächte fürchten sie sehr und sagen, sie seien unheimlich. Berchtold scheint hier der wilde Jäger zu sein. Ob Brechhöldere in seinem zweiten Teil zu holde genius gehört, ist. nicht sicher; zu Holda jedenfalls nicht. Vgl. übrigens Hölderli Teufel Schwz. Id. II 1191. Bercht und Brechhöldere erscheinen auch als Appellativa. Fischer I 858. Bercht-e Schimpfnamen für ein altes, häßliches Weib (Lainz, Memmingen), auch Butzenberch. Berchhüldere nach Meier, S. 45 für ein altes, häßliches Weib. Interessant ist das Schülerfest Bechtlein in Saalgau, das in Namen und Wesen alem. Ursprung verrät. Birlinger II 277—281 beschreibt es eingehend. Perht scheint demnach in Schwaben nur als Kinder schreckendes Gespenst bekannt zu sein; von ihr als Spstf. hören wir nichts. In Baisingen (Birlinger, S.187) erscheint als betrogene Spstf. das Naehtweible (bei Spinnen im Mondschein). Spinnruhe zu Weihnachten ist bekannt. Meier, S. 473. In den zwölf Nächten darf nicht gesponnen werden. Bei Kalw wurde eine Spinnerin, die am Christabend spann, vom Teufel geholt (S. 163). Wenn ein Weib ihr Werg vor Weihnachten nicht abspinnt, fault ihr der kleine Finger ab (Derendingen, S. 464). Wer vor Neujahr nicht abspinnt, behält das ganze Jahr Flachs an der Kunkel (Bühl, Poltringen).

 

Baden.

Aus praktischen Gründen besonders behandelt. Baden nimmt Teil am fränkischen, alemannischen und ein wenig am schwäbischen Sprachgebiet.

Im alem. Teile erscheint wie im benachbarten Elsaß die Fronfasten als Spstf. für die Nächte vor den Fronfasten. Baader, N. Vs. S. 44 n. 62 bringt eine Geschichte aus Orschweier mit dem Motiv der betrogenen Spstf. Der Ratgeber ist hier der Pfarrer. Dasselbe aus Bollschweil (Vs. S. 36 n. 45), wo eine nicht benannte Frau erscheint, als ein Weib Freitag mitternachts spinnt. Es gibt auch eine Mehrzahl von Fronfastenweibern. Von ihnen bringt Baader zwei Sagen. Die erste Vs. S. 35 n. 43. In einer Fronfastennacht stellte sich ein Mann in Kirchhöfen unter eine Linde, um die Fronfastenweiber vorbeireiten zu sehen. Bald darauf zogen sie auf Besen vorüber; eine von ihnen ritt zu ihm und sagte: ,Ich will einen Nagel in den Pfosten dort schlagen.' Im Nu stak ihm ein schuhlanger Nagel im Kopf, von dem er erst nach einem Jahre von dem Weib befreit wurde. Der Ritt der Fronfastenweiber erscheint als Hexenritt. Motiv des eingeschlagenen Beils. Die zweite Erzählung H. Vs. S. 15 n. 20. Ein Mann aus Adelsberg trug nachts ein Faß Wein nach Hause. Da sah er die Fronfastenweiber kommen. Er verbarg das Fäß-ein im Graben und sich hinter einen Busch. Als die Weiber zu dem Fäßlein kamen, fanden sie es, tranken lustig daraus und entfernten sich nach einer Weile. Zuhause wollte das Fäßlein lange nicht leer werden; erst als man hineinschaute, war nichts mehr drinn. Das bekannte Motiv vom ewigen Bier. Das Motiv vom Erscheinen des Dämons wird aus Unter-Kiffersdorf erzählt (Vs. S. 4). Ein Bursch, der sich am Fastnachtabend als Teufel im Schlitten umherziehen läßt, wird vom Teufel selbst geholt. Aus dem fränk. Taubergrund berichtet Schnezler, S. 635 nach Mones Anz. 1839. Das Motiv der betrog. Spstf. von einem weißen Männchen, das einer Frau, die im Mondschein spann, erschien.

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