Bayrisch-Franken und Grenzgebiete.

Nach Schöppner Hin. 1301 soll Perht in Franken als Spstf. und Kinderscheuche bekannt sein (nach mündl. Quellen). Belegt sind mimische Darstellungen der Perht. Panzer II 184: In Holzberndorf haben sonst die jungen Leute die Eisenberta vorgestellt. Einer steckte sich in eine Kuhhaut mit den Hörnern, nahm Äpfel, Birnen und Nüsse zu sich und in die Hand einen halben Besen als Rute. Nachts zog er mit anderen Burschen von Haus zu Haus und belohnte oder bestrafte die Kinder. Einmal vermehrte sich die Schar der Umziehenden um eine Gestalt: es war die wirkliche Eisenberta. Demnach war die Eisenberta ein bekanntes mythisches Wesen. Erscheinen des Dämons. Zeit des Umzuges: Weihnachten.

Auch um Bamberg und in einigen Teilen der Stadt selbst kommt vor Weihnachten die eiserne Berta und nach Weihnachten der Hel-Niclos. Die eiserne Berta wirft Nüsse, Äpfel u. dgl. zum Fenster hinein, tritt aber nicht in die Stube selbst wie Hel-Niclos (Panzer   II S. 11.8).

Perht ist demnach in Ober- und Mittelfranken bekannt. Unterfranken scheint sie nicht mehr zu kennen, denn schon im nahen Würzburg tritt Holda an Perhts Stelle als Weihnachtskinderscheuche.Holda ist als Holla, Hollefru, Frau Holl nach Schm. BW. I 1083 in Franken bekannt. Schöppner I n. 124 berichtet nach Döderlein Antiq. in Nordgar. Rom., S. 34 (bei J.W.Wolf, d. M. u. S. S. 578): Die gemeinen Leute halten dafür, wenn eine Weibsperson den Tag vor Weihnachten den Rocken nicht abspinne, so käme die Frau Holla und tat ihnen einen stinkenden Possen darein. Weil sie für die heidnische Diana oder Jagdgöttin gehalten wird, so gibt man auch von ihr vor, sie durchstreife das Land mit einem wilden oder wütenden Heere, bei welchem man Hunde bellen, Jagdhörner etc. höre, aber meist nur bloße Schatten sehe. Holda als Spstf., Verunreinigung, Verknüpfung mit der wilden Jagd.

Als Kinder scheuche ist sie in Würzburg bekannt (Schöppner II 727, mündl.): Dort schlich die Frau Hülle oder Hullefrau in der Christnacht in den Straßen umher mit weiter Haube, weißem Mantel und einer Rute in der Hand. Böse Kinder nahm sie im Sack fort. Heute kommen vermummte Gestalten,  die diese züchtigen.   Eine  solche  Spukgestalt nennt man heute noch Hullefrau oder Hullepotz. Wird der Name jetzt als die verhüllte Frau verstanden

Ähnliches war Sitte in Wertheim. Dort verkleideten sich früh am Weihnachtsabend die Mädchen in Frau Hülle (so die ortsübliche Form), indem sie ein weißes Kleid anlegten und eine Krone von Goldpapier aufsetzten. Den guten Kindern brachten sie Weihnachtsbäume, die bösen straften sie mit der Rute. Ein gerichtliches Protokoll von 1749 erwähnt einen frauen Hüllen bäum in der Gemarkung von Höhfeld, süd­östlich von Wertheim (beides bei Alex. Kaufmann, ZfDM. IV S. lä).

Ein fraun Hollen baum auch im Tarforster Weistum von 1592. (Chart. Max. XIII n. 417; Hocker, Stammsagen S. 115. ,Im fraw hollen bäum ahn, da stehet eine mark.' Sitzungsber. d. pliil.-hist. Kl. 171. Bd. 2. Abk. )

Ein Zentrum für Holdasagen bildet der Ort Hasloch am Main. Das Material gesammelt von A. Fries, ZfDM. I S. 23 f.

I.    Am unteren Berg bei Hasloch zeigt sich oft Frau Hulli — so bei den Bauern der Umgebung (eine Deminutiv­
bildung?), Frau Holle oder Holla mainaufwärts. Sie ist ein schönes, geisterhaftes Wesen in langem weißen Gewand und Schleier, der ihr manchmal das Gesicht verhüllt, und wohnt in dem genannten Berge.
Sie hilft gern frommen Mädchen und Frauen bei der Feldarbeit, beim Spinnen und anderer häuslicher Tätigkeit. Wo sie geht, ist es glockenhell in der finstersten Nacht; so leuchtet sie oft Verirrten. Wer aber ihre Hilfe abweist oder sie gar beleidigt, dem tut sie Schabernack an.

Besonders ungehalten ist sie, wenn der Hocken Samstag abends nicht völlig abgesponnen ist. Dann kommt sie und verwirrt nachts Rocken und Garn. Faule Mägde, die über Weihnachten ihren Hocken stehen lassen, haben das ganze Jahr nur Unglück, besonders verwirrt sich ihnen das Garn. Alten schwachen Frauen ist sie vor allem geneigt.

II.   (S. 24 f.) Am Fuß des unteren Berges nahe am Mainufer liegt ein flacher Stein, der Frauhullistein. Hier  ruhte Frau Hulli aus, wenn sie ermüdeten Mädchen die Gras­oder Holzlast getragen. Von den Kötzenstellen (Füße des Korbes) sieht man heute noch die Löcher im Stein.

III.    Nahe dabei, in einem Mainarm, ist Frau Hullis Badeplatz. Allein oder mit zwei gleich schönen Frauen  badet sie hier vor Tagesanbruch oder zu Mittag zwischen 11 und 12 Uhr. Noch ein 1838 hochbetagt gestorbener Schäfer will sie belauscht haben.

IV.      (S. 25.)   Eine alte Frau aus Hasloch, Klara Behringer, berichtete Fries selbst, wie sie einmal im Walde Frau Hulli gesehen, deren Ansinnen, ihr den schweren Korb zu tragen, abgewiesen habe, wobei sie sie eine Hexe schalt. Dafür wurde sie von ihr so verblendet, daß sie durch Dorn und Gestrüpp herumkroch und erst auf den Anruf der Ihrigen, die sie hoch oben umher steigen sahen, erwachte.
Ähnlich ist die V. Sage S. 26. Ein betrunkener Mann,
dem sie bei seinem nächtlichen Heimweg leuchten will, beschimpft sie. Da verschwindet Hulli und er verirrt sich so, daß er plötzlich auf dem Frau Hullistein steht. Durch die Gefahr ernüchtert, findet er den Heimweg. Doch starb er binnen kurzem am Nervenfieber.

Frau Hulli sitzt während der Rebenblüte im Mondschein auf dem Felsen oberhalb des Kartäuserweinberges.
Ihr weißes Gewand leuchtet weit hinab ins Tal.Kinder dürfen nicht auf sie hören, sonst müssen sie bis zum jüngsten Tag im Walde mit ihr umherfahren. Als sich eines Abends in Hasloch wieder das Gerücht verbreitete, Frau Hulli singe wieder auf ihrem Felsen, ging ein Bursch hinauf und hörte die ganze Nacht zu. Ganz verzückt wünschte er sich, ewig bei ihr sein zu können. Tatsächlich starb er nach drei Tagen und muß nun mit Frau Hülle umfahren.

VII.      (S. 28.)   Bisweilen sieht man auch Frau Hülle durchs Gebirge ziehen auf ihrem prächtigen Schimmel, dessen Gezäum und Satteldecke mit silbernen Eollen und Glöckchen besetzt ist. Er schwebt über dem Waldesboden,  manchmal hoch in der Luft über Berg und Tal. Wenn man das Geläute hört, sagt man: Horch, der Rollegaul zieht um.  1816 soll ihn ein russischer Geistlicher in seine Heimat gezaubert haben.

Holda ist demnach als Vegdäm. und Spstf. bekannt. Motive: Bad, Loreley, Arbeitshilfe, irreführend und heimgeleitend, Steinabdruck, Umzug zu Pferd, Garnverwirren. Von Hasloch setzen sich die Holdasagen im Spessart fort. Sie sind von Herrlein gesammelt. Doch konnte ich in dieses Werk nicht Einsicht nehmen. Nach der Mannh., GM. S. 263 zitierten Stelle erscheint sie ebenfalls als Waldfrau. Auch im Rhöngebirge ist sie bekannt (Henne am Ehyn, Vs. S. 410; bei Knappert 160). Dort darf streckenweise am Samstag der Hulla keine Arbeit verrichtet werden. Sie beschmutzt die Spinnrocken, die am Sonn- oder Frau Hollen-(sic!) abend nicht abgesponnen sind (ebd. S. 416 n. 837).  

 

Hessen.

Mit Hessen betreten wir das Stammland der Mythologie des Volksglaubens. Aus diesem Lande vor allem hatten die Brüder Grimm ihr Material, das sie in der KHM. und DS. verarbeiteten, und hier wird auch J. Grimm auf Holda aufmerksam geworden sein. Denn der Glaube an ein mythisches Wesen dieses Namens war zu seiner Zeit noch ganz lebendig. Hier hat wahrscheinlich die Vorstellung ihre Heimat, die der bekannten Stelle bei Burchardt von Worms zu Grunde liegt. (,Erat igitur Burchardus in provincia Hassia genitus, parentibus secundum seculi dignitatem non infirmis/ Vita B. ep. c. I bei Pertz IV, fol. 832.) Über dieses Zeugnis handelt Fried. Kauffmann PBB. XVIII in einem Aufsatze über die dea Hludana, S. 146 ff. Das 19. Buch der Decreta, von Burchard selbst ,Corrector' betitelt, faßt das in den vorausgehenden Büchern behandelte Material in der Form von Frage und Antwort kurz zusammen. Man begegnet daher vielfach fast wörtlichen Wiederholungen. In diesen Fragen sind nun die deutschen Bezeichnungen des besprochenen Aberglaubens und seiner Wesen in der Form: quod vulgus . . . vocat eingestreut. In Gap. 5 der lib. 19 LX (nach Wasser schieben ,Bußordnungen der abendländischen Kirche' 624ff.) sagt Burchard: Credidisti, ut aliqua femina sit, que hoc facere possit, quod quedam a diabolo decepte se affirment necessario et ex pre-cepto facere debere id est cum demonum turba in similitudi-nem mulierum transformata quam vulgaris stultitia holdam voca(n)t certis noctibus equitare debere super quasdam bestias et in eorum se consortium annumeratam esse?
Die Parallelstelle ohne den Zwischensatz steht 1. 10, c. 29, derselbe Passus auch in 1. 10, c. 1. Dieser ist mit dem ganzen übrigen Inhalt des 1. 10, c. 1 aus Eeginonis abbatis Prumiensis libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis übernommen. Daraus glaubt Kauffmann schließen zu müssen, daß von Burchard ein Stück romanischen Aberglaubens durch Einfügung eines Zwischensätzchens auf deutsche Verhältnisse übertragen wurde. Die Frage nach dem Ursprung und der Verbreitung der Vorstellung von umziehenden dämonischen Frauenheeren ist, wie schon einmal erwähnt, vor einer eingehenden Spezialuntersuchung indiskutabel. Hier kommt es vor allem darauf an, daß Burchard Holda als Name eines mythischen Wesens verwendet. Und das scheint mir unzweifelhaft. Kauffmann allerdings schließt sich Schmeller an, der Wb. I2 1090 die Lesart holdam verwirft, und zieht mit ihm die Lesart unholdam Clm. 17.736 (sec. XI) und cod. vind. 926 vor, die er auf einen urschriftlichen gen. plur. unholdon zurückführt. M. E. ist es nicht richtig, wenn Soldau, Gesch. der Hexenprozesse S. 495, behauptet, daß bei Annahme unverderbter Überlieferung das Wort holda auf die ganze Schar der nachtfahrenden Dämonen zu beziehen sei. Logisch ist eine Konstruktion wie: die umziehende Dämonenschar, welche man den wilden Jäger nennt, ohne weiteres denkbar und in unserem Falle tritt noch ein formeller Faktor hinzu, da diese Zwischensätze ganz parallel gebaut sind. Eben weil es sich um einen Zwischensatz handelt, der in einen vorliegenden Text eingeschoben wurde, wäre eine Laxheit in logischer Beziehung vollständig begreifbar. Welche Lesart übrigens den Vorzug a priori verdient, kann durch eine Untersuchung über die Güte der Hss. allein entschieden werden. Es ist aber von vorneherein eher verständlich, daß aus einem holdam in diesem Satz ein unholdam wurde, wo dieser wesentlich md. Name unbekannt war, als der umgekehrte Weg, wenn man nicht einen Schreibfehler annehmen will.
Die Lesart holdam muß man wohl auch für die Vorlage von cod. E. 216 der Madrider Nationalbibl. (1143 abgefaßt, vgl. J. Grimm, Monatsb. d. Bei. Art. 12. März 1857, S. 175) annehmen, wenn man Kauffmanns Erklärung der dortigen Variante: quam vulgaris stultitia frigaholdam vocat akzeptiert. Kauffmann nimmt an, daß ein span. Leser der Vorlage sich zu lioldam (beziehungsweise unholdam ?) das von dem Schreiber als friga entzifferte Wort mit Verweisungszeichen als Glosse (striga) an den Rand geschrieben hat. Unser Schreiber hat das Striga des Originals als friga verlesen, was bei der Ligatur sehr leicht passieren konnte, offenbar hat der Schreiber auch das Wort striga (Hexe) nicht verstanden/ Auffallend ist es nun, wenn wir im heutigen Volksglauben der Steiermark weibliche däm. Wesen namens Strigholden antreffen, und noch merkwürdiger, daß der bekannte Historiker Mich. Ignaz Schmidt (geb. zu Arnstein b. Würzburg 30. 1. 1736, gest. zu Wien 1. 11. 1794, vgl. Wurzbach, Biogr. Lex., 29. Teil, S. 303 ff.), der ab 1781 in Wien als Direktor des Hof- und Staatsarchives wirkte, in seiner ,Geschichte der Deutschen' II, 2. Aufl., Wien 1784, die von ihm, c. 13, S. 454, zitierte Stelle bei Burchard folgendermaßen übersetzt: ,Hast du geglaubt oder Teil an dem Unglauben gehabt, daß einige gottlose, von dem Teufel verblendete Weiber vorgeben, daß sie zur Nachtzeit mit der Göttin Diana (in einer anderen Frage heißt es, mit einem Haufen von Teufeln in Weibergestalt, die man Strigholden nennt) und einer unendlichen Menge etc.
Schmidt hat kaum unmittelbar aus dem Volksmund geschöpft, sondern hat wohl aus einer schriftlichen Quelle die Stelle übernommen. Die Madrider Hs. dürfte diese kaum gewesen sein wegen des Plurals bei Schmidt. Die angeführten Tatsachen geben der Annahme Raum, daß Kauffmann insoferne Recht hat, daß er annimmt, es habe in der Vorlage Strigaholdam gestanden, daß aber dies keine Randglosse war, sondern eben der Name. Diesen konnte ein selbständiger, mit der Volksiiberlieferung vertrauter Schreiber leicht an die Stelle des überlieferten holdam gesetzt haben. Damit wäre das merkwürdige frigaholdam erklärt. Bei Ablehnung dieser meiner Annahme wären die oben angeführten Über ein Stimmungen ein ganz merkwürdiger Zufall.

Was die Richtigkeit der Lesart Holdam und die Auffassung als Name eines mythischen Wesens betrifft, möchte 
ich noch darauf hinweisen, daß auch die in den anderen Glossen vorliegenden myth. Bezeichnungen vollständig richtig sind.
M. E. ist das Zeugnis Burchards für ung. 1000 insofern zurechtbestehend, als es ein myth. weibliches Wesen Holda belegt. 
Weiteres ist mit Sicherheit nicht anzunehmen.
Das nächste Zeugnis aus der Gegend von Hessen stammt aus der Reformationszeit, von Erasmus Alberus. Geboren in Sprendlingen in der Wetterau, begann er seine Fabeln als Schulmeister zu Oberursel bei Frankfurt zu schreiben und vollendete sie 1550. ,Das Buch der Tugend und der Weisheit, 49 Fabeln, zu Frankfurt a. M. 1550/ In f abel 16 von der berge geburt sagt er v. 93 f.

    es kamen auch zu diesem heer
   viel weiter, die sich forchten sehr,
   und trugen sicheln in der hand,
   fraw Hulda hat sie ausgesandt.

Die Situation ist die folgende: Von einem Berg bei Grimmental geht das Gerücht, daß er gebären wolle. Es sammelt sich ein großes Heer, meist von Bauern. Unter den heranziehenden Truppen sind auch die genannten Frauen. Interessant ist die Lesart zu v. 96: Uns liebe frawe hatt sie ausgesandt. Ein weiteres historisches Zeugnis liegt vor in den Hexenprozeßakten von 1630 aus dem Besitze des Fürsten zu Ysenburg in Büdingen, die Dr. W. Crecelius, ZfDM. I S. 272 ff., veröffentlicht hat. Ein der Zauberei beschuldigter Calbacher namens Diel Breule sagte aus: er sei, nachdem ihm Weib und Kind gestorben, einmal eingeschlafen und habe sich beim Erwachen im Venusberg befunden. Hier: hette er mancherlei sachen und daß fraw Holt (an anderen Stellen Holl) einen kessel mit wasser ubergehengt und sonsten gesehen, daß etzliche im feuer gesessen. (Dazu vgl. die Aussage einer Frau in Bludenz 1525 vor Gericht Germ. II 437 f. ,In den Frohnfasten richte das Volk ein Ding an wie ein Kessel, es sei aber kein Kessel, sondern ein Feuer, darin werfe man die, so selbiges Jahr in dem Kirchspiel sterben müßten/ Es handelt sich um ein nachts umfahrendes Seelenheer mit Frau Selga, der Schwester der Frau Venus, als Führerin, vgl. Sph. II 352/3.) Andere sitzen um den Tisch, Speise und Wein sei vorhanden, aber kein Brot. Es ginge nichts Böses vor. Dann ganz unvermittelt: fraw Holt die führ voranen in den berg, deren folgten leut, die man aber nicht kennen kont; denn es zeigte sich nur ein Schein, auch Vieh und Pferde mit Locken. Mit einem Pfarrer im Berge rede Frau Holt. Auf Befragen was, antwortete der Angeklagte, man höre nur den Schall. Frau Holt verbinde und wasche die leut, so lam und mangel an schenkein hetten.
Die Fahrt in den Venusberg geschieht am Neujahrstag. Wenn die Zeit komme, müsse er fort und läge dann gleichsam tot. Unter den im Venusberg Anwesenden bemerkte er einmal einen ihm bekannten Verstorbenen. Über Holt berichtet er ferner: fraw Holt were von forn her wie ein fein weibsmensch, aber binden her wie ein holer bäum von rauhen rinden. Sie weiß auch von den Vorstrafen des Inquirierten, sie gibt kein Geld, sondern verbindet nur Wunden. Einige lägen in schönen Betten und doch im Feuer.
Fraw Holt pflegte zu sagen: hüte dich vor den hindersten, der forderst tut dir nichts; si füre voranen das gezücht, hernach und zuletzt ein mansmensch, wan er redete und Antwort gebe, würde er von allen, so da weren, mit henden geschlagen; sie koseten nichts als der man, der bei tisch seße, mit fraw Holden. Schließlich bekennt er, daß er das jahr viermal, nemblich alle fronfasten in berg führe.
Das Protokoll ist in seiner Gedankenfolge total unverständlich. Es sind Einzelaussagen, die bunt aneinander gereiht sind. Erschwert wird das Verständnis noch dadurch, daß sich der Inquirierte möglichst bemüht, die Sache in einem harmlosen Lichte darzustellen. So habe ihm fraw Holt sogar den Vorwurf gemacht, er habe Unrecht getan, daß er den Handel (offenbar seinen Besuch im Venusberge) nicht der hohen Obrigkeit erzählt habe. Der offenbar pathologisch veranlagte Zauberer scheint selbst an die Realität seiner Visionen während der Ohnmachtsanfälle zu glauben, doch vermag er die einzelnen Vorstellungen — wenigstens in der Wiedergabe nach dem Protokoll — nicht ordnungsgemäß darzu­stellen. Er bietet ein Konglomerat von Motiven. Den Venusberg stattet er so aus, daß man an ein Totenreich denken kann, welches aber Straf- und Lustort zugleich ist. In diesem scheint fraw Holt eine leitende Stellung einzunehmen. Ihre Funktionen sind nicht recht klar: er weist hin auf eine
Umfahrt und Einfahrt in den Berg. Als Begleitung sind erwähnt: schattenhafte Menschen, Vieh und lockige Pferde; als Abschluß ein gefährlicher Mann (ein bekanntes Motiv der wilden Jagd). Das Anreden und Antwortgeben ist verboten. Ihre Beschäftigung scheint strafend und lohnend zu sein, wenigstens, wenn man den übergehängten Kessel mit den Leuten, die im Feuer sitzen, in Verbindung bringt.

Auch das sexuelle Moment, das bei der Venusbergvorstellung eine große Rolle spielt, ist angedeutet, aber in oben angegebener Tendenz abgeschwächt. Das Motiv des hohlen Rückens ist von Wichtigkeit. Es findet sich auch sonst bei elbischen Vegetationswesen, so auch bei den norw. Huldren. Dieser echt volkstümliche Zug läßt es als wahrscheinlich erscheinen, daß wir es hier tatsächlich um Elemente lebendigen Volksglaubens zu tun haben, wenn auch unklar und getrübt. Als erwiesen können wir annehmen: fraw Holt oder Holl, umziehendes myth. Wesen, in Verbindung mit dem Venusberg, Motiv des hohlen Rückens, bedeutsame Zeiten: Neujahr und die vier Fronfasten. Zeit des Beleges: 1630.

Ein nur 50 Jahre jüngeres Zeugnis führt uns zum Zentrum des hessischen Holdaglaubens, zum Meißner oder Weißner, der allerdings schon im frk.-sächs. Grenzland liegt. Der 780 m hohe Berg erhebt sich südöstlich von Kassel zwischen Werra und Fulda. Hier greift das sächs. Gebiet vielfach über die Werra hinüber und bei dem Mangel genauer Ortsangaben in den Sammlungen (auch bei Grimm) ist es unmöglich, frk. und sächs. gut zu scheiden. Es ist dies übrigens überflüssig, da in den Grenzgebieten ohnedies die Vorstellungen ineinander verfließen, in unserem Falle außerdem Holda in beiden Gebieten bekannt ist. Ich führe daher alle Meißnersagen nach dem Muster Grimms hier an. Das erwähnte Zeugnis ist Zeilerus ,Epistolische Schatzkammer', Ausg. v. 1683, S. 622 f. (Nach Lyncker, S.  18;   Gr.  D.  S.  S. 8;  Zeiler  Sendschreiben  II  533,  695; Prätorius Weltbeschr. I 476): In dem Eschweger oder Bilsteiner Amt liegt an dem Weißnerberg ein großer Pfuhl oder See, welcher mehrstenteils trüb ist, wird Frau Höllenbad genannt, weil der Alten Bericht nach ein Gespenst in Gestalt eines Weibsbildes in der Mittagsstunde sich darinnen badend habe sehen lassen und hernach wieder verschwunden seyn solle, auch außer denen viele Gespenster an diesem Berge umb die Moraste sich haben vernehmen lassen, auch zuweilen Reisende und Jäger verführet und beschädiget haben sollen. Daß es sich um eine gelehrte Umdeutung des Namens handelt, zeigt der heutige Warne: Frau Hollen Teich. Von diesem und Frau Holle selbst berichten die Brüder Grimm, DS. S. 6 n. 4 nach Schaub ,Beschr. d. Meißner s', Cassel 1794, 8 S. 12—14; Münchhausen ,Abh. über d. M/ Hess. Denkw. II ÜG1—202: Von dieser Holle erzählt das Volk mancherlei Gutes und Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; die neugeborenen Kinder stammen aus ihren Brunnen und sie trägt sie hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat, und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, teilt sie denen aus, die ihr zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt. Wenn es bei den Menschen schneit, klopft sie ihre Betten aus, davon die Flocken in die Luft fliegen. Faule Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn verwirrt oder den Flachs anzündet. Fleißigen schenkt sie Spindeln und spinnt selbst für sie über Wacht. Faulenzerinnen zieht sie die Decke ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster, wogegen fleißige Mägde, die schon früh­morgens Wasser zur Küche tragen, im Eimer Silbergroschen finden. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich; die guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich geht sie in dem Land umher und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber sie fährt auch an der Spitze des wilden Heeres durch den Wald und erschreckt die Leute. Bald zeigt sie sich als schöne, weiße Frau in der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar und man hört aus der Tiefe Glockengeläute und finsteres Rauschen.

Diese Mitteilungen ergänzt Lyncker (1854), S. 15—18 nach Schminck Zsch. d. V. f. hess. Gesch. IV 103 aus mündl. Quelle: Die unartigen Kinder straft sie mit der Rute, wenn sie zu Weihnachten kommt, den gehorsamen bringt sie Spielzeug, Äpfel u. ähnl. Wenn es am Weißner nebelt, besonders wenn einzelne Wolken daran hinziehen, hat Frau Holle ihr Feuer im Berg. Oft erscheint sie auch als tückisch und neckend, indem sie den Menschen, besonders den Weibern das Haar verwirrt; daher heißen die mit verworrenem Haar Hollerkopf und die Leute sagen: Dein Haar ist hollerich oder verhollert. Einen Stein am Weißner soll Frau Holle auf dem Daumen hergetragen haben (S. 18), einen Felsblock auf einem Berggipfel zwischen Eschwege und Eeichensachsen schüttete sie aus ihrem Schuh, weil er sie drückte. Das sind die Sagen des Meißner-Gebietes über Frau Holle. Sie erscheint demnach:

1.    als Brunnenfrau.  Motive:  Gesundbrunnen, Generationszauber, Kinderbrunnen, Unterirdischer Garten und  Geschenke daraus, Mittagsbad, Glockenklang und Rauschen, Kinderraub, Glückskind und Wechselbalg;

2.    als  Spinnstubenfrau.  Motive: Spindelgeschenk, Spinnhilfe, Geldgeschenk, Besudelung, Verwirrung, auch des Haares, Anzünden des Spinngerätes, Entblößung;

3.    in Bezug zum Wetter. Motive: Bettausschütten, Nebelfeuer;

4.    mit der wilden Jagd;

5.    in Beziehung zur Vegetation:  segnender Flurumgang;

6.    als Riesin. Motiv des fallen gelassenen Findlings;

7. in mimischer Darstellung als Kinderscheuche zur Weihnachtszeit.

Aus Hessen stammt auch die eine Variante des berühmten Märchen von Frau Holle. Gr. K. H. M. I, 8, S. 133 ff. n. 24. Eine genaue Wiedergabe ist bei der Bekanntheit über­flüssig. Grimm bemerkt III, 3, S. 40 ff. zu diesem Märchen: aus Hessen und Westfalen. Offenbar im allgemeinen gleichlautende Texte, da er sie sonst gesondert hätte. Die hessischen Märchen sind von den Brüdern Grimm unmittelbar aus mündlicher  Überlieferung aufgenommen,  die westfälischen  Beiträge stammen von der Familie Haxthausen (vgl. Hamann, S. 12; auchn. 24). Wie schon erwähnt, dürften die beiden.Varianten in der Textierung ziemlich übereinstimmen, wir müssen daher in beiden Frau Holle als handelnde Person annehmen.
Die Brüder Grimm selbst III S. 40 f. bringen noch vier Erzählungen aus Mitteldeutschland (Schwalmgegend, Paderborn, Hessen, Thüringen) über denselben Stoff. An Stelle von Frau Holle erscheint hier: ein rotes Weib, eine Hexe, eine Nixe. Die Arbeit besteht vor allem im Lausen und Kämmen.
Wir haben es hier mit einem auch anderweitig bekannten Märchen zu tun (vgl. Gr. III a. a. O.), das in Hessen an die im Volksglauben auch als Brunnenfrau bekannte Frau Holle geknüpft wurde. Mythisch ist nur diese selbst und das Motiv vom Bettfedernschneien; alles andere ist märchenhaft. Hessisch sind wohl auch die Vorstellungen, die in dem Gedicht Waldbrühls, D. Ma. III S. 270 f. verarbeitet sind. Er schildert Frau Holle als wilde Jägerin und Spstf. in den Zwölften; ihr Umzug ist segensreich. Dazu stimmt die oberhessische Redensart (GM. III 88) meatt der Holle färn: verworrenes Haar oder verworrene Hocken haben, auch wohl nachtwandeln.

Aus Gießen an der Nassauer Grenze bringt GM. III 87 die Redensart: die Holl kommt ohne weitere Bemerkung. Aus der Gegend von Fulda berichtet J. W. Wolf, II. Sg. S. 10 n. 12 nach Schwarz Buchenblätter II 91: Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen sieht. Da hat Frau Holl über ihren Mann so bittere Tränen geweint, daß der harte Stein davon erweichte. Motiv der klagenden Waldfrau. Eine Variante bei Schwarz I S. 117: ein Mädchen verlangt für ihre Huld, daß der Jüngling den Stein aus dem Walde vor ihre Hütte schaffe. Er versucht es, schafft sich aber dabei zu Tode. Hier heißt der Stein vom Rollen Fraurollstein. Das ist wohl ätiologisch, vielleicht kennt man hier auch die Namensform Frau Roll. Wolfs Bemerkungen S. XII u. S. 182 über Identität dieser weinenden Holl mit Freyja-Frowwa sind falsch.

Neben Holl, Holle als Name eines mythischen Wesens kommt dieses Wort in Hessen auch als Benennung eibischer Gestalten in Mehrzahl vor: die Hollen. Über solche berichtet Wolf a. a. 0. S. 52 u. 81 aus mündl. Quelle: Die Hollen waren kleine Berggeister, die in den Klugstein unweit Obernburg, am Main östlich von Darmstadt, schon in Bayern, ihren Wohnsitz hatten. Sie entfernten sich erst von dort, als sich die Gegend mehr und mehr bevölkerte und sie durch den Bergbau gestört wurden. Böse Menschen hatten viel von ihnen zu leiden, gegen gute aber waren sie wohltätig und gefällig. Die Spinnerinnen hatten sich stets zu beeilen, ihren Rocken abzuspinnen, sonst kamen die Hollen hinein und verwuschelten alles. Wenn man an manchen Tagen an dem weißen Berg vorüberging, konnte man an den Felsritzen den Dampf ihrer Pfannkuchen riechen. Wie man sieht, zeigen die Hollen ganz die Züge der Zwerge. Alle Motive, die oben erzählt wurden, gehören dem Vorstellungskreis der Zwerge an bis auf das Motiv der Rockenverwirrung, das von der Spstf. erzählt wird. Dieser Beleg ist durch seine Lokalisation auffallend, da er in dieser Gegend singulär ist. Dagegen schließen sich die guten Hollen zwischen Wolfhagen und Volkmarsen, nordwestlich von Kassel (Lyncker, S. 54) an die waldeckschen Hollen an. Es sind kleine Leute mit dickem Kopf in unterirdischen Wohnungen, gutmütig, aber rachsüchtig; sie stehlen Ähren und Kinder usf. Von einer Verwandtschaft mit Holda ist bei diesen nichts zu merken. Das Gebiet ist übrigens schon niedersächsisch.

Wir haben also in Hessen:
1.
    Ein weibl. däm. Wesen namens Holda, Holle, Holl, Roll. Verknüpft mit  der Hexenfahrt (?),  dem Venusberg, Märchen von den zwei ungleichen Geschwistern, der wilden Jagd. Erscheint als Brunnenfrau,   Spstf.,  klag. Waldfrau, Vegdäm., Riesin. In Beziehung zum Wetter.

2.
    Eibische Wesen namens Hollen, gute Hollen. Motiv der Rockenverwirrung.

Auch in der ehemaligen gefürsteten Grafschaft Henneberg (Schleusingen, Schmalkalden, Ilmenau, Ostheim, Meinin­gen etc.) ist Holda bekannt. Sie ist ein Phantom, mit dem man Kinder scheucht (Id. I S. 68). Von ihr heißt es: die fra Holln schütelt ör bett, wenn es schneit. D. Ma. II S. 48.. Id. II s. v.: die Holle Frau schüttet ihr Bett aus, wenn es schneyt. Spieß, Volkstüml. aus dem frk. Hbg., berichtet nichts von ihr.

 

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