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„Die Wikinger“Alexander Bugge Bei der Digitalisierung des nachfolgenden Kapitels sind nicht alle altnordische Zeichen korrekt übernommen worden, da sie in den vorliegenden Zeichensatz nicht erhalten waren. Für gebliebene Scanfehler wird um Nachsicht gebeten. Kapitel 2Das Weib in der WikingerzeitUm das Kulturniveau eines Volkes bestimmen zu können, ist nichts so wichtig als die Stellung des Weibes im Gemeinwesen kennen zu lernen. Schon auf Grund dieser Erwägung dürfte die Schilderung des Weibes der Wikingerzeit ihr nicht unbedeutendes Interesse haben. Aber die Frauen jenes bewegten Zeitalters umgibt auch ein ganz eigener Glanz und Schimmer. Nicht nur in der Welt des Götterglaubens und der Phantasie, wo Walküren in der Gestalt strahlender Frauen auf dem Walplatze den gefallenen Krieger erkiesen um ihn nach Walhall zu führen, damit er dort in der Einherier Schar kämpfen könne, und wo Fylgjen 1) in Weibesgestalt dem Manne auf seiner Wanderung durchs Leben folgen und seinen Tod und Untergang vorhersagen, sondern auch in den Eddaliedern, in den Sagas, ja zuweilen auch in den kurzen Zeilen der Runeninschriften, werden eine Reihe großzügiger Frauengestalten gezeichnet, von denen das nordische Mittelalter nur einen schwachen Nachhall in den Schilderungen der Folkeviser besitzt. Besonders in den Sagas haben wir eine Gallerie von Frauengestalten, deren Seitenstück wir in der norwegischen Literatur nur bei den Dichtern unserer Tage erblicken können: Eine Hallgerd, eine Bergthora in der Njäls Saga, eine Aud oder eine Gudrun in der Laxdöla Saga, die schöne Helga in der Saga von Gunnlaug Schlangenzunge.*) 1) Folgerinnen, Folgegeister. Vgl. Mogk: Mythologie im Grundriss für gem. Philologie III2, S. 271 f. und E.H.Meyer: Germanische Mythologie, S. 262 ff. *) Es ist ein deutlicher literarischer Zusammenhang zwischen den Frauengestalten der Dramen von Ibsen und Björnson und denen der isländischen Saga. Frauen so eigentümlich und stark ausgeprägt sowohl nach der guten wie nach der üblen Seite hin, dass sie zuweilen mit der Kunst eines Shakespeare gezeichnet zu sein scheinen. Welche Literatur besitzt wohl einen interessanteren Weibertypus, als die schöne aber böse, ränkesüchtige und rachgierige Hallgerd ihn repräsentiert, jenes Weib, das mit unwiderstehlicher Macht die Männer, selbst die besten, an sich zieht, obwohl sie selbst aller moralischen Eigenschaften bar ist und für das Vorhandensein des Unterschiedes von Gut und Böse, von Ehrenhaft und unehrenhaft nicht das geringste Gefühl besitzt. Als sie noch ein halberwachsenes Mädchen ist, sieht ihr Oheim Rut sie einmal spielen und sagt zu ihrem Vater Hoskuld, dass er nicht begreifen könne wie die Diebesaugen in die Sippe gekommen seien. Diese Worte bewahrheiteten sich späterhin. Sie entblödet sich nicht zu stehlen und verursacht aller derer Tod, die sie lieben. Ihr Gegensatz ist Njäls Weib, die hochsinnige aber stolze und heftige Bergthora. Wo finden wir wohl eine ebenso dramatische Szene wie die zwischen Hallgerd und Bergthora ? Hallgerd ärgerlich darüber, dass sie, Gunnars Weib, den Platz vor einer von Bergthoras Schwiegertöchtern hatte räumen müssen, ergreift Bergthoras Hand mit den Worten: „Du und Njäl passt gut zueinander; denn du hast missgestaltete Nägel an jedem Finger und Njäl ist bartlos“. „Allerdings“, entgegnet Bergthora, „aber obwohl dein erster Gatte Thorvald nicht bartlos war, brachtest du ihm doch den Tod“. Schließlich gelingt es der Hallgerd dann doch durch ihre Ränke Unfrieden zwischen den Männern zu stiften und die Geschichte endet damit, dass Gunnar im Kampfe fällt und Njäl in seinem Hause verbrannt wird. - Oder nehmen wir die schöne Gudrun der Laxdöla Saga. Auch sie ist rachegierig, eitel und eifersüchtig. Sie duldet nicht, nachdem sie selbst Bollis Braut geworden ist, dass ihr früherer Geliebter Kjartan mit einer anderen glücklich wird und weiß ihren Mann aufzuwiegeln gegen seinem Pflegebruder undunzertrennlichen Freund. Als Bolli nach dem Morde heimkehrt, beglückwünscht Gudrun ihn zu seiner Tat. „Wir haben beide“, spricht sie, „ein gutes Tagewerk vollbracht; ich habe 12 Ellen Garn gesponnen und du hast Kjartan getötet”. Frauentypen wie Hallgerd und Grudrun mit ihren maßlosen Eitelkeit und Ränkesucht, mit ihrem Hass und ihrer Rachgier sind außerhalb Islands im Norden beinahe unbekannt. Selbst eine Sigrid hin StorräÐa*) ist eine ganz andere viel großartiger veranlagte und ansprechendere Natur als diese Frauen, in deren kleinlicher Ehrbegier und Hoffart man unmöglich den versöhnenden Zug höheren Strebens entdecken kann. Dagegen finden wir Frauen dieser Art in keltischen Landen, in Schottland und Irland, wo die Menschenbrust für das höchste und edelste Streben sowohl wie für unzähmbare Wildheit und zügellosen Hals zugleich Raum gehabt zu haben scheint. Die älteste Geschichte dieser Länder zeigt uns das Bild von einer Reihe dämonischer Frauengestalten, die mit Menschenschicksalen, mit Tod und Verderben ebenso unbekümmert spielen wie ein junges Mädchen im Ballsale mit ihrem Fächer, Frauen gerade von der Art der Hallgerd und Gudrun. In Lady Macbeth hat Shakespeare mit genialem Griff dieses keltische Weib gezeichnet, dessen Natur gewiss nicht „too füll of the milk of human kindness“ ist, und dessen Ehrbegier die treibende Kraft im Drama ist, die Tod und Untergang bringt. Ein Seitenstück zur Lady Macbeth im wirklichen Leben haben wir in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Frakark, der Tante des Orkneyjarls Harald. Listig, rachegierig und ränkesüchtig, war sie lange Zeit hindurch der böse Geist der Orkneyjarle. Durch ein vergiftetes Kleidungsstück bewirkt sie des Jarls Harald Tod, während sie es eigentlich auf Jarl Fall, seinen Halbbruder, abgesehen hatte. Nach einem langen Leben voll von Boshaftigkeit und Ränkespiel ereilt sie endlich der wohlverdiente Tod. Zu Hallgerds und Gudruns Zeit lebt in Irland die Königin Gormflaith, die Korml›d der Sagas. Ich kenne keine Frauengestalt aus der alten Geschichte, die eine solche Wirkung ausübt wie sie. In ihr haben Lady Macbeths Ehrbegierde und Hallgerds Eitelkeit und Rachsucht gleichsam gigantische Dimensionen angenommen. „Sie war“, so berichtet Njäls Saga, „die schönste von allen Frauen und die am besten ausgerüstete in alle dem, worüber sie selbst keine Macht hatte, d,h, in allen den Gaben, womit die Natur sie ausgestattet hatte. *) Sigrid Sturr Ða war zuerst des schwedischen Königs Olaf Schoßkönig und nachher des dänischen Königs Svend Gabelbart Gemahlin. Von dem norwegischen König Olaf Trygvesson zurückgewiesen, veranlaßte sie den Tod des letzteren. „Aber sie handelte böse in allen Dingen, worüber sie selbst Einfluss hatte“. Sie war mit drei Männern verheiratet gewesen, aber von allen dreien geschieden, mit dem Könige von Dublin Olaf Kväran (981), mit dem früheren Oberkönige von Irland Maelsechlainn und mit dem Könige von Munster, dem späteren Oberkönige über ganz Irland Brian Borumha. Auch nach der Scheidung wohnt sie in Brians Königsburg Kinncora am Shannon. Aber sie hasst ihren früheren Ehegenossen und um Rache an ihm zu üben weiß sie den größten Kampf zu erregen, den Irland vor der Eroberung durch die Engländer gesehen hat. Friede und Ruhe herrschte in Irland wie es seit Jahrhunderten nicht der Fall gewesen war. Die ganze Insel, auch der Dublinkönig Sigtrygg, Gormflaiths eigener Sohn, erkannten von ungefähr dem Jahre 1000 her Brians Oberherrschaft an. Nur Gormflaith dürstete nach Rache. Gelegenheit dazu fand sich nur zu bald. Gormflaiths Bruder, Maelmorda, König von Leinster, sollte einst drei Föhrenstämme als Tribut zu Brian bringen. Der Weg war schlecht und führte durch Wald und Moor. Da geschah es, dass Maelmorda einen Silberknopf von einem prächtigen Seidenmantel verlor, den ihm Brian einst verehrt hatte. Als er nach Kinncora kam, bat er seine Schwester ihm einen neuen Knopf anzunähen. Sie aber nahm den Mantel und warf ihn ins Feuer und machte ihrem Bruder heftige Vorwürfe, dass er Knechtschaft erdulden und eine Steuer bezahlen wolle, die weder sein Vater noch sein Großvater dem Könige gegeben hätten. Mit solchen Worten wiegelt sie Maelmorda auf, so dass er mit Brian bricht. Ihren Sohn, König Sigtrygg von Dublin, vermag sie gleichfalls dazu sich wider Brian zu erheben, und von allen Enden der nordischen Welt wird Hilfe geworben zum Kampfe gegen den Oberkönig. Gormflaith ist die Seele des Ganzen. Durch das Versprechen ihrer Hand wird der Orkneyjarl Sigurd Lodvesson und der Wikingerhäuptling Brodir gewonnen. Um die Ehrbegierde und den wilden Hass dieses Weibes zu stillen, wird am Charfreitage des Jahres 1014; am 23. April, die Schlacht bei Clontarf nördlich von Dublin geschlagen, die den gewaltigsten Völkerkampf der Wikingerzeit darstellt die im Andenken der Völker, ihrer Sage und Dichtung fortlebte. Eine Erinnerung an den Kampf ist das DarraÐarljoÐ, 1) das von zwölf webenden Walküren erzählt. Einschlag und Kette ihres grausen Gewebes bilden Menschengedärme, die Gewichte sind Menschenhäupter, Schwerter dienen als Kämme und Pfeile als Weberschiffchen. Sie weben Streit und Kampf, Tod und Unheil. Ein solches Weib ist Gormflaith; sie versucht selbst Menschenschicksale zu weben und webt Tod und Verderben für Freund und Feind. Ihr eigenes Leben hat jedoch nicht den tragischen Abschluss, den man erwarten sollte; sie stirbt in hohem Alter erst im Jahre 1030. Ist diese Ähnlichkeit zwischen den isländischen und keltischen Frauen zufällig? Haben nicht das keltische Blut, das in vieler Isländer unter anderem auch in Hallgerds Adern floss, und der starke Einfluss irischer Kultur durch die zahlreichen ersten Ansiedler oder Landsleute, die von den Hebriden (den Süderinseln) und Irland kamen, dem Charakter der Irländer ihr Gepräge aufgedrückt? Wir sehen die Ähnlichkeit im Äußeren, am dunklen Haar und den kleinen schwarzen Augen. Aber mag diese nicht auch seelische Eigenschaften umtatst haben, rühren daher nicht vielleicht die wilden Leidenschaften, der starke Hass, aber auch die brennende Liebe, die wir sonst nirgendwo im Norden finden? Allmählich schwindet diese Ähnlichkeit mehr und mehr - aber müssen wir sie nicht etwa immer vor Augen haben, wenn wir die älteste Geschichte Islands verstehen wollen? Von edlerem Schlag sind andere Frauengestalten in den Sagas, so die schöne Helga des Skalden Gunnlaug Schlangenzunge Geliebte. Enttäuschung und Trauer darüber, dass sie den Geliebten nicht gewonnen hat, machen sich bei ihr nicht Luft in heimtückischen Ränken und gehässiger Rede. Gegen ihren Willen treibt sie Gatten und Geliebten in Kampf und Tod. 1) Dieses „Lied des DQrrnÐr“, das richtiger „Walkürenlied“ genannt wird, ist uns in der Njäls Saga ans der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der großartigsten isländischen Saga, die zugleich die nordische Hauptquelle für die Clontarßchlacht bildet, bewahrt. Eine deutsche Übersetzung findet sich bei Konrad Maurer: Die Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christentume I, S. 556 f. Ihre Liebe wahrt das ganze Leben hindurch. Erst im hohen Alter trifft sie der Tod. Mit dem Mantel vor sich ausgebreitet, den Gunnar einst von König Äthelred empfangen hat, die Blicke starr darauf gerichtet verscheidet sie. - Nur wenige Frauen spielen aber in den Sagas eine solche Rolle wie die Männer und kaum eine außer der Landnämsfrau Aud, des Olaf P i Großmutter, gehört zu den Gebietenden im Lande, ragt selbst unter den Häuptlingen hervor. In der nun folgenden Schilderung werde ich jedoch nicht das Hauptgewicht auf die Sagas legen, wenn diese auch zu keineswegs unwesentlichen Beiträgen herangezogen werden. Denn schulden nicht etwa die Frauengestalten der Sagas, mag auch ihr Name und ihr Leben wenigstens in den Hauptzügen historisch sein, der Kunst des Sagaerzählers mehr als sie der Welt der Wirklichkeit zu verdanken haben? Außerdem berichten die Sagas nur von der Frau auf Island, wo ihre Stellung in mancher Hinsicht anders und vor allem freier war als in Dänemark, Schweden und Norwegen. Um ein getreues und zuverlässiges Bild von den Frauen der Wikingerzeit zu erhalten, müssen wir auch zu anderen Quellen zurückgehen und uns auf die gleichzeitigen Skaldenverse und Eddalieder, besonders auf die Schilderungen des „Liedes von Rig“ (Rigsçula) stützen, in Betracht kommen dann auch und nicht minder wichtig sind die mannigfachen Aufschlüsse über soziale Verhältnisse, die die Gesetze jener Zeit bieten, und außer acht lassen darf man fernerhin nicht die knappen Zeilen der Runensteine. Schon zu jener Zeit, wo wir zuerst von den Germanen in der Geschichte hören, hat das Weib bei ihnen eine hohe Stellung eingenommen und war in weit höherem Grade geachtet und geehrt als z. B. bei den Kelten und Slaven, mögen wir auch bei den Kelten in Britannien und Irland in alter Zeit von einzelnen Frauen hören, die über die Menge emporragen, das Volk leiten und des Vaterlandes Unabhängigkeit gegen fremde Gewaltherrschaft verteidigen. Die Weiber der Cimbern und Teutonen folgen ihren Männern auf deren Zügen und streiten wie Löwinnen an ihrer Seite in den Kämpfen gegen die Römer. Des germanischen Freiheitshelden, des Siegers in der Teutoburger Schlacht, Armins Gattin, Thusnelda, ist ihres Mannes gleichwertige Kameradin, die selbst in der Gefangenschaft der Römer ihren Stolz und ihre Würde bewahrt. Tacitus in seiner berühmten Schilderung der Germanen aus dem ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung erzählt auch von dem Mute und der Todesverachtung ihrer Weiber. Sie pflegen die Verwundeten, bringen Speise und Trank zu den Kämpfenden und entflammen deren Mut. Als Priesterinnen, oder richtiger als weise Frauen, die in die Zukunft zu schauen vermögen, haben Frauen schon in uralter Zeit eine Rolle im Gemeinwesen spielen können. Bei den meisten heidnischen Völkern in alter wie in neuer Zeit hat es Priesterinnen gegeben, bei den Griechen und Römern und bei den slavischen Völkern wie bei den Malayen und afrikanischen Stämmen. Aber die Germanen hatten nicht wie die Kelten, deren Götterverehrung in alter Zeit der ihrigen doch nicht so unähnlich gewesen sein kann, einen wirklichen Priesterstand. Der Häuptling vereinigte mit seiner Stellung die Würde eines Tempelpriesters, eines Goden, und leitete selbst die heiligen Opfer. Daher hat es auch nicht viele wirkliche Priesterinnen gegeben. Tacitus und spätere römische Autoren berichten dagegen von berühmten ahrsagerinnen bei den Germanen, von Albruna, die sich während der Feldzüge unter Drusus und Tiberius einen Namen machte, von Veleda, die weithin Verehrung genoss, nachdem sie vorausgesagt, dass die Bataver die römischen Legionen vernichten würden. Auch im Norden kannte man solche Frauen; sie wurden v?gvur (Stabträgerinnen) oder seidkonur (Zauberweiber) genannt. Sicherlich sah man mit greiser Ehrfurcht zu ihnen empor; aber nach der Einführung des Christentums wurden sie als Trollweiber (Zauberinnen) betrachtet und nach und nach ausgerottet. Doch auch bei den Germanen hat es weibliche Goden oder Tempelpriesterinnen gegeben. Von den Westgoten wird berichtet, dass sie bei ihrem Einfall ins Römerreich ihre Heiligtümer samt Priestern und Priesterinnen mit sich führten. So haben auch die Nordleute ihre weiblichen Goden (altnord, gydjur) gehabt, die doch kaum immer Tempelvorsteherinnen gewesen sind. Im Edda-liede von der Riesin Hyndia (Hyndlulj¢d) wird erzählt, dass die Mutter des Helden Ottar ?Hledis gydjaä war. Von mehreren solchen Priesterinnen auf Island, haben wir Kunde. In der Landn mb¢k, der wichtigsten Quelle zur isländischen Besiedelungsgeschichte werden zwei Frauen mit Namen ?Ðuridr Gydjaä erwähnt und in der Vatnsd”la Saga wird sogar von einer Frau mit Namen Steinvor berichtet, „die Tempelpriesterin (hofgydja) war und dem Haupttempel vorstand“. 1) Auch von Priesterinnen in den Wikingerdistrikten auf den britischen Inseln hören wir. Eine alte irische Saga, genannt „Der Iren Krieg mit den Fremden“ erzählt von dem Norweger Turgeis (oder Ðorgestr), der um das Jahr 840 im nördlichen Irland, ein Reich zu begründen und dort die Asa-Lehre einzuführen suchte. Turgeis, der selbst Gode war, setzte sich fest in Irlands berühmtestem Heiligtum Armagh in Ulster. Er machte sich selbst zum Abte dort, sagt die Chronik. Turgeis' Weib hieß Otta, sie ließ sich im anderen Heiligtume der Insel, zu Clonmacnois im Herzen von Irland nieder. Die Domkirche wurde zu einem heidnischen Göttertempel umgebildet; sie selbst saß auf dem Hochaltare und erteilte von dort, wie überliefert wird, ihre „Orakelantworten“. Otta ist also eine Volva gewesen, mit dieser Eigenschaft hat sie aber auch die Würde eines weiblichen Goden, einer Gydja, vereinigt. Gab es somit bereits bei den alten Germanen einzelne allerdings nur sehr wenige Gebiete, wo eine Frau selbständig wirken und auftreten konnte, so war sie doch damals noch mehr als späterhin an das Haus gebunden. Die Ehe ist bei den Germanen ein heiliges Band, das selten gebrochen wird, berichtet Tacitus. Die jungen Mädchen wie die jungen Männer sind keusch und enthaltsam. Die Gattin ist des Mannes „treue Genossin in Mühsalen und Gefahren“; sie folgt ihm im Frieden wie im Kampfe und sieht Kriege und andere öffentliche Begebenheiten keineswegs als Dinge an, die sie nicht angehen. Der Gatte achtet sie als Kameradin, die Kinder lieben und ehren sie. äEs ist ehrenvoll über Frauen zu trauern; der Männer soll man gedenken“, sagt Tacitus. 1) Die Snorra Edda berichtet, dass die Götter selbst den Tempel (horgr) für die Priesterinnen erbauten. Was vor allem die angesehene Stellung der Frau bedingte, war sicherlich der Umstand, dass die Germanen von den ältesten Zeiten an fast ausschließlich in der Einehe lebten, während bei den Kelten und Slaven Vielweiberei im Schwange war. Tacitus sagt von den Germanen: „Als fast die einzigen von allen Barbaren begnügen sie sich mit einer Frau; nur wenige gibt es, die - nicht aus Wollust, sondern wegen ihrer hohen Geburt - mehrere Ehen eingehen“. Tacitus' Schilderung ist doch, wie allgemein angenommen wird, idealisiert und aufgeputzt. Er wollte warnend die unverderbten Germanen den degenerierten und verkommenen Römern gegenüberstellen. Mehrere Umstände zeugen nämlich davon, dass die Stellung der Frau zuzeiten eine andere und schlechtere gewesen ist, als der Eindruck der Taciteischen Schilderung vermuten lässt. Alte Stammessagen sowohl, wie z. B. die römische vom Raub der Sabinerinnen, als auch Hochzeitsbräuche von heutzutage in mehreren europäischen Ländern, so in Lithauen und bei den Esten zeigen uns, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, wo die Völker Europas - wie so manche andere wilde Stämme - sich ihre Weiber zu rauben pflegten. Wahrscheinlich ist es nun auch, dass es in ferner Vorzeit gleichfalls für die Germanen eine solche Zeit gegeben hat, wenn es richtig ist, das altgermanische Wort für Hochzeit, 1) das sich im Skandinavischen erhalten hat, isländisch br£laup, (dänisch-norwegisch brylloupp, schwedisch bröllop) aus dieser Sitte zu erklären. Andere meinen doch, dass das Wort eigentlich den „Brautaufzug“ bezeichne. Doch könnten möglicherweise auch nordische Hochzeitsgebräuche, z. B. dass die Braut sich vor dem Bräutigam, der sich gewaltsam Zugang zu ihrer Wohnung verschaffen muss, verbirgt, eine Erinnerung an den Brautraub der Vorzeit darstellen. In Thelemarken pflegte der Bräutigam noch im 18. Jahrhunderte unter Lärm und Geschrei und dem Abfeuern von Schüssen die Braut abzuholen, die bitterlich weinen musste, sowohl wenn ihr der Brautstaat angelegt werden sollte, als auch beim Verlassen des Elternhauses. 1) Das Wort ist gleichfalls im Angelsächsischen belegt, ebenso im Alt- und Mittelhochdeutschen (br–tlouft). Vgl. auch Schiller: Wilhelm Teil IV, 3 der Brautlauf. Obwohl das Gesetz bei Todesstrafe den Brautraub verbot, kam er doch im Mittelalter noch häufig vor. Ein Birger Jarl suchte z. B. durch ein Gesetz über Frauenfrieden dieser Unsitte zu steuern. Das Verbot musste aber mehrere Male wiederholt werden, ehe es wirkte. Der Brautlauf als Institution gehört aber jedenfalls einer fernen vor aller Geschichte liegenden Vorzeit an.1) Der historischen Zeit näher liegt dagegen die Periode, wo das Weib durch Kauf bei der Eheschließung in das Eigentum des Mannes überging, ebenso wie es zuvor das Eigentum des Vaters oder der Familie gewesen war. Das männliche Oberhaupt der Familie war in uralter Zeit stets des Weibes Herr, sei es ihr Vater, ihr Gatte, ihr Bruder oder sogar - nach des Gatten Tode - ihr Sohn. Ohne seine Zustimmung konnte es keine Ehe eingehen. Ja die Sagas zeigen sogar manche Fälle, wo der älteste Sohn seine Einwilligung geben muss, ehe die Witwe nach dem Tode ihres Mannes eine neue Ehe schließen darf. In alter Zeit war es jedoch einer Witwe nicht gestattet, sich aufs neue zu verheiraten, so berichtet u. a. auch Tacitus. Das die Frau des Mannes Eigentum war, zeigt sich doch in allererster Linie darin, dass eine der wichtigsten Bestimmungen des Ehevertrages den sogenannten mundr betraf, d. h. „den Preis, für welchen der Bräutigam seine Frau von ihrem Familienoberhaupt kaufte“. Freilich wurde die Summe, die der Mann für die Frau erlegte, in späterer Zeit deren Eigentum und der Brautkauf wurde zu einer symbolischen Handlung, wodurch die Rechte u.a., die sich auf Vermögen und Erbe beziehenden, die mit der Vormundschaft über das Weib verbunden waren, auf den Ehemann übertragen wurden. Aber noch lange Zeit hindurch hielt man die Frau, für die kein mundr bezahlt worden war, nicht für rechtsgültig verheiratet; ihre Söhne galten für unehelich und werden in der norwegischen Gulaçingsb¢k 2) mit dem Schimpfwort hornungr („Sohn einer Kebse“) belegt. Die Sprache selbst legt indessen Zeugnis dafür ab, dass es wirklich eine Zeit gegeben hat, wo es die Person der Braut war, die der Freier käuflich erwarb. 1) Eine Remeniscenz an die Raubehe dürfte gleichfalls darin zu suchen sein, dass Kinder ans raublicher Verbindung (brutsbarn) nach ostnordischem Rechte als ehelich galten. Vgl. Amira im Grundr. d. germ. Phil III, 2, 65. 2) Die älteste Redaktion dieses Rechtsbuches stammt ans dem Beginne des 12. Jahrhunderts und stellt also eines der ältesten nordischen Literaturdenkmäler dar. Im Eddagedichte „Lokasenna“ 1) sagt Loki, dass Freyr sein Weib Gerd, Gymirs Tochter, „mit Gold gekauft habe“. Die Ehe eingehen wird in den Sagas und in den alten Gesetzen „sich eine Frau kaufen“ (kaupa sér konu) genannt, und ebenso wird das Wort „Brautkaufä (bruffkatip) oft in derselben Bedeutung wie „Hochzeit“ (brúðkaup) gebraucht. Die Zeit, wo der Mann sein Weib wie ein anderes Eigentum kaufte, liegt weit hinter uns im Dämmerdunkel der Vorzeit, in der es für die Geschichtsforschung niemals völlig Licht werden kann. Die Heirat war nach meiner Ansicht noch zu Beginn der Wikingerzeit ein wirklicher Kauf, verlor jedoch im Laufe des 9. Jhs. ihren ursprünglichen Charakter. Ein Beispiel kenne ich, das mir gerade dies wahrscheinlich zu machen scheint. In der Wikingerkolonie von Dublin ist um das Jahr 867 ein entsetzlicher Streit zwischen den drei herrschenden Brüdern Olaf, Ivar und Háisl (Oisle) entbrannt. Ein Weib war die Ursache des Zwistes. Háisl sagte da zu seinem Bruder Olaf: „Bruder, wenn du dein Weib, Cinaedhs Tochter, nicht liebst, warum trittst du sie nicht an mich ab; was du für sie bezahlt hast, will ich dir zurückgeben“.*) Diese Worte scheinen zu beweisen, dass der König von Dublin, Olaf der Weiße, wirklich Brautgeld für seine Frau nicht an sie selbst, sondern an ihren Vater, den Schottenkönig Cinaedh, gezahlt hatte. Auch der bekannte schwedische Archäologe Oscar Montelius ist der Meinung, dass das nordische Weib ziemlich lange Zeit hindurch erst des Vaters Eigentum war und dann durch Kauf das des Mannes wurde. Wenn einzelne Forscher die Ansicht vertreten haben, dass Brautkauf ursprünglich kein Personenkauf war, sondern mehr eine symbolische Handlung, ein Rechtskauf, wodurch das Weib von dem Rechtsverhältnisse frei wurde, in dem es zu seiner Familie stand, so glaube ich, dass sie mit ihrer Auffassung unrecht haben. 1) „Der Wortstreit Lolds“; vgl. die einzig in Betracht kommende mustergültige hochpoetische Eddaübersetzung von Hugo Gering (Leipzig u. Wien, Bibliogr. Institut, 1892), die wie die Schlegel Tiecksche Shakespeareübersetzung für immer zum Bestande der deutschen Literatur gehören wird. *) Diese Erzählung findet sich in einer alten irischen Chronik, genannt „Three Fragments“. Es ist möglich, dass Oisle nicht das nordische Háisl, sondern Audgisl wiedergibt. Auch aus Tacitus' Worten kann man nichts schließen, wenn er sagt: „Die Frau bringt dem Manne keine Mitgift, sondern der Mann der Frau“. Möglicherweise hat der Brautkauf bei den Germanen in Deutschland schon zu Tacitus' Zeit seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt. Aber bestimmend für unsere Auffassung der Verhältnisse möge die Tatsache sein, dass sich noch heutigentages das Seitenstück dazu bei den wilden Völkern findet, geradeso wie in alter Zeit die Babylonier und Griechen ihre Frauen zu kaufen pflegten. Ein bekannter Forscher Ratzel sagt in seiner Völkerkunde: „Ein Entgelt der einen oder ändern Art, das der Begründer der neuen Familie seinem Schwiegervater darbringt, stempelt die Eheschließung bei fast allen Naturvölkern zu einem Kauf.“*) Auch auf andere Weise als durch direkten Kauf konnte der Mann bei unseren Vorfahren seine Ehefrau gewinnen. Er konnte durch Arbeit auf dem Hofe seines Schwiegervaters, die Arbeitskraft ersetzen, die die Tochter für das Elternhaus repräsentierte, oder mit anderen Worten, er konnte seine Frau durch Arbeitsleistung kaufen. Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit alle der Erzählung von Jakob, der in Labans Haus erst sieben Jahre um Lea, dann sieben Jahre um Rahel dient. Und wenn das Märchen von allen Mühsalen und Widerwärtigkeiten erzählt, die der König den jungen Bauernsohn ausstehen lässt, ehe dieser die Königstochter gewinnt, so haben wir hier vielleicht auch eine Erinnerung an jene vorzeiten über die ganze Erde verbreitete Sitte. Aber auch die Sagas berichten von dem Manne, der sich seine Frau erarbeitet. In der „Eyrbyggja Saga“ (Kap. 28) sagt Viga- Styrr zu dem Berserker Halli, der ihn um seiner Tochter Asdis Hand bittet: „So geht des Volkes Rede, dass du nicht reich an Gütern seist. Aber was willst du statt dessen tun, dass du nicht mit Geld und Gut aufwarten kannst?“ Halli versetzt: „Ich werde tun, was in meinen Kräften steht; doch kann ich kein Geld hernehmen, wo keins ist.“ Viga-Styrr erwidert darauf: „Ich sehe, dass es dir nicht angenehm sein wird, wenn ich dir meine Tochter nicht zum Weibe gebe. Ich will daher tun wie die Alten pflegten, und dich deine Braut durch harte Arbeiten verdienen lassen.“ *) Katzel, Välkerkunde, I (Einleitung), S. 79. Heirat als Kaufakt wurde in der Wikingerzeit bei den Nordleuten abgelöst durch Heirat als Schenkungsakt.*) Der Vater verkaufte nicht länger mehr seine Tochter, er gab sie dem Manne. 1) Aber um ihre Einwilligung wurde sie nicht gefragt, und die isländischen Sagas wissen von vielen unglücklichen Ehen zu erzählen, die ohne Neigung von Seiten der Frau geschlossen worden sind. Erst in späterer Zeit und unter dem Einfluse des Christentums wurde der Frau in einzelnen Fällen das Recht zugestanden, selbst ihren Gatten zu wählen; doch musste sie immer ihre Verwandten um Rat fragen, bevor sie sich verheiratete. Eine Folge dieser ursprünglich rechtlosen Stellung der Frau war, dass es für sie ausgeschlossen war, Grund und Boden oder sonstiges unbewegliches Eigentum zu besitzen und dass sie nicht erbberechtigt war. Auf dem bekannten norwegischen Runensteine von Tune in Smaalenenes Amt, dessen Inschrift vor dem Jahre 500 eingegraben ist, liest Professor Sophus Bugge in seiner Ausgabe von 'Norges Inskrifter med de aeldre Runer': „Ich Wiw machte [diese] Runen nach Wodurid [meinem] Gefolgschaftskameraden“; und auf der anderen Seite des Steines liest er: „[Ich] verfertigte die Runen und setze nach Wodurid den Stein. Drei Töchter teilten das Erbe, die Nächstverwandten der Erben.“ Ist diese Erklärung der Runeninschrift des Runesteines richtig, 2) müssen also Wodurids Töchter sich in diesem Falle in die Erbschaft ihres Vaters geteilt haben, allerdings aus ganz besonderen Gründen und wohl nicht nur deswegen, weil keine männlichen Verwandten vorhanden waren. *) Siehe 0. Montelins: „Hurn länge har kvinnan betraktats som mannens egendom?“ (Wie lange ist das Weib als Eigentum des Mannes betrachtet worden?) Nordisk Tidskrift fuer vetenskap, konst och industri, 1898. 1)Vgl. anord. gipta (schwed. gifta) = verheiraten (ursprünglich vergeben, schenken). 2) Lesung umstritten; vor allem die Deutung der zweiten Seite ist sehr unsicher! Vgl. Hugo Gering: ZfdPh. XXVIII, S. 242 und Adolf Noreen: Altisländische und altnorwegische Grammatik, 2. Aufl., S. 265, 3 Aufl., S. 345, wo sich auch die wichtigste Literatur angegeben findet. Daher hat die Erklärung auch Zweifel bei den Rechtshistorikern hervorgerufen, da sie im Widerspruche zu sonst bekannten altgermanischen Rechtsgebräuchen steht. Noch Jahrhunderte sollten dahingehen, ehe das Weib bei unseren Vorfahren mit dem Manne zusammen erben durfte. Erst im 13. Jahrhunderte begannen die Frauen in Norwegen und Schweden den halben Anteil zusammen mit den Männern bei der Beerbung naher Verwandter zu „nehmen“. In Dänemark hingegen, wo die Rechtsauffassung in dieser Hinsicht vermutlich auf höherer Stufe gestanden hat, scheint die Frau bereits in der Wikingerzeit Erbrecht besessen zu haben. Die Sage schreibt Svend Gabelbart das Verdienst zu, den Weibern dazu verholfen zu haben. Als Harald Gormsson, Blauzahn zubenannt, gestorben war (985), wurde sein Sohn Svend von Jarl Sigvald gefangen genommen und nach Jomsburg geführt. Anstatt zum Kriege zu rüsten und ihren König zu rächen, zogen die Dänen es vor, ihn frei zu kaufen. Aber Sigvald verlangte eine sogroße Geldsumme, dass das Land sie nicht leicht erschwingen konnte. Da pflogen alle Frauen und Jungfrauen Dänemarks Rat miteinander, wie Saxo erzählt, und legten aus Mitleid mit ihrem gefangenen Herrn und Koenig alle ihre Schmuckstücke und Kleinodien zusammen, bis sie eine ausreichende Summe hatten, um ihn aus der Gefangenschaft loskaufen zu künnen. Koenig Svend lohnte den Frauen ihren Opfermut nach seiner Rückkehr und bestimmte. dass sie von da an gemeinsam mit Brüdern und anderen nahen Verwandten erben könnten. So berichtet die Sage und ebenfalls die dänischen Landschaftsrechte vom 13. Jh. scheinen zu bezeugen, dass das Erbrecht der Frau schon zu jener Zeit in Dänemark alt war. Doch hat sicherlich in besonderen Einzelfällen das Weib der Wikingerzeit nicht nur in Dänemark, sondern auch sonst im Norden Erbnehmerin sein können. Sigridr Toestadttir (die Mächtige), die sich nach dem Tode ihres ersten Gatten, Eriks des Siegreichen, mit Svend Gabelbart, dem Könige von Dänemark, verheiratete, hinterließ so nach ihrem Tode viel Eigentum an Grund und Boden, das ihre Nachkommen lange Zeit hindurch besaßen, die sogenannte „Hinterlassenschaft der Sigrid“ (Sigridlev), Gebiet, das sie wohl von ihrem Vater, dem mächtigen schwedischen Häuptling Skoglar-oesti, geerbt hatte. Rimbert erzählt in seiner Lebensbeschreibung des heiligen Ansgar von einer Frau in Birka in Schweden (ca. 850), die ihrer Tochter Catha ihr Geld unter der Bedingung hinterließ, daß sie nach Duerstede in Holland gehen sollte, um es unter die Armen dort zu verteilen. Auf Island sehen wir bereits am Schlüsse des 9. Jhs. Frauen als erste Kolonistinnen (Landnamskonur), die natürlich auch Erbrechte haben mußten. Wichtiger ist es jedoch noch, daß schwedische Runeninschriften aus dem 11. Jh. erhalten sind, wahrscheinlich aus heidnischer Zeit, deren Inhalt nach derselben Richtung deutet wie der Stein von Tune und der davon zu zeugen scheint, daß die Frau in Schweden lange vor Birger Jarls Gesetzgebung in gewissen Fällen erbberechtigt war. Auf einem Stein aus dem Härad Färentuna in Uppland, lesen wir einen langen Bericht über Erbschaftsteilung. Es wird da erzählt, wie das Elternpaar Geirmund und Geirlaug erst einen Sohn bekam, der ertrank. Das einzige Kind, das am Leben blieb, war eine Tochter.. „Sie hieß Inga, sie verheiratete sich mit Ragnfast von Snutastader. Dann starb er und dann (starb Ingas) Sohn. Inga beerbte darauf den Sohn. Dann heiratete sie Erik. Dann starb sie. Da trat Geirlaug die Erbschaft ihrer Tochter Inga an." Auf einem anderen Steine an selbiger Stelle lesen wir: „Inga errichtete Stab und Steine nach ihrem Ehemanne Ragnfast. Sie beerbte ihr Kind." Noch ein anderer Stein in Uppland scheint außerdem von einer Frau als Erbin zu berichten. Aber gerade der Umstand, daß die Frau auf dem Steine ausdrücklich hervorhebt, daß sie Erbin gewesen ist, dünkt mich zu beweisen, daß wir es mit einer Ausnahme von der geltenden Regel zu tun haben. Da die Ehefrau ursprünglich des Mannes Eigentum war, so hatte dieser Recht, sie ganz nach Belieben jemandem zu verkaufen, zu vertauschen oder über sie im Testament zu verfügen. Daß ein Sterbender seine Gattin einem anderen vermacht, wird oft sowohl in den Eddaliedern, als auch in den Sagas erwähnt. In der Flöamanna Saga wird erzählt, wie der Isländer Thorgils, der eine längere Zeit mit seiner Frau in Norwegen zugebracht hatte, nach Island zurückkehren will. Vor der Abreise verschenkt er seine Frau an seinen Freund Thorstein. Dieser dankte für die Gabe und das Volk deuchte es ein gutes Geschenk zu sein. Es fiel niemandem ein, dieses für eine unehrenhafte Handlung zu halten. Wenn der Mann seine Gattin verkauft, empfindet sie es dagegen als eine Kränkung. Der Isländer Illugi Svarti verkaufte seinen Hof mit all seiner Fahrnis und seine Gattin an Holm-Starri. Doch Frau Sigrid wollte diesen Schimpf nicht überleben und erhängte sich im Tempel. Weibertausch war gleichfalls bei unseren Vorfahren nichts Ungewöhnliches und noch in Papstbreves des 11. Jhs. wird über diese Unsitte der Nordleute in Island geklagt. Der Mann hatte auch von alters her Hals- und Handrecht über seine Gattin. Dieses Recht bewahrte er noch bis in jüngere Zeit, Noch in Waldemars des Siegers Jydske Lov, 1) das aus dem Jahre 1241 stammt, heißt es: „Wer seine Ehefrau und seine Kinder schlägt, solange diese in Hausgenossenschaft mit ihm leben, ist straflos, insofern es mit dem Stocke oder der Peitsche geschieht und nicht mit einer Waffe und sofern kein Glied gebrochen wird. Die Frau aber darf ebensowenig ihre Hand gegen ihren Mann erheben wie die Kinder gegen ihre Eltern." Nur auf Island, wo die Frau im ganzen früh eine weit gröbere Freiheit erreichte als sonst irgendwie im Norden, war das Recht des Mannes die Frau zu strafen eingeschränkt, und Schläge werden mehrere Male in den Sagas als Scheidungsgrund angeführt, Bei manchen Völkern, wie z. B. bei den Hindu, ist es noch in unseren Tagen Sitte, daß die Gattin ihrem Manne in den Tod folgt und an seiner Seite verbrannt oder beerdigt wird.2) Auch bei unseren Vorvätern muß dieser Brauch einmal herrschend gewesen sein. 1) Das Gesetzbuch für Jütland, das berühmteste und wertvollste Werk der dänischen Landschaftsgesetzgebung. 2) Die Sati (Suttee), eigentlich die Gute, die Treue (Gattin), dann auf den Akt der Witwenopferung übertragen, seit 1829 in Indien verboten und als Mord geahndet, dürfte heute nicht mehr vorkommen. Der Grieche Prokop, der die Geschichte der Gotenkriege geschrieben hat. erzählt von den Erulern, die, wie wir zuvor gehört haben, ein nordischer Stamm waren, daß die Frau, die ihren Mann verloren hatte, gezwungen war ihrem Leben mit dem Strange ein Ende zu machen und zusammen mit ihm im Grabhügel bestattet wurde. Dies wurde ihr zur Ehre angerechnet; tut sie es nicht, so muß sie in ewiger Schande leben. Im kurzen Sigurdsliede der älteren Edda läßt Brynhüd sich nach Art der Witwen zusammen mit ihrem geliebten Sigurd' verbrennen. In einer alten Saga von Olaf Trygvesson wird berichtet, daß es zur Zeit Häkon Jarls in Norwegen und Schweden Sitte gewesen sei, daß die Frau lebend ihrem abgeschiedenen Manne in den Grabhügel folgte. Von den Nordleuten in Rußland hören wir auch etwas Ähnliches. Allgemein kann doch dieser Brauch, der seinem ganzen Charakter nach so wenig nordisch ist, niemals gewesen sein. Die Zeit, wo er herrschte, liegt nach meiner Ansicht vor der Wikingerzeit. So war also die rechtliche Stellung der Frau bei unseren Vorfahren. Erst nach und nach ist sie im Laufe der Wikingerzeit und besonders auf Grund des mildernden und kulturbringenden Einflusses des christlichen Europa zur Gleichstellung mit dem Manne herangewachsen. Trotz alledem war doch, wie ich bereits erwähnt habe, die Stellung der Frau bei den Germanen von alters her frei und geachtet. Hierzu trug wohl ganz besonders bei, daß die Einehe in alter Zeit die geltende Regel bei ihnen war. Strahlende Frauengestalten ragen bereits in den Tagen der Völkerwanderung unter den Männern hervor. In dem alten angelsächsischen Heldengedicht „Beowulf", das sich auf nordische Quellen gründet, wird erzählt, wie Königstöchter an fremde Fürsten verheiratet werden um Frieden zwischen den Völkern zu stiften, und wie die Frau selbst den ehrenden Beinamen „Friedensweberin" (freodu-webbe) erhält. Edle Frauen wirken nach dem „Beowulf" in der Königshalle der Dänen und Geaten, wenn wir auch annehmen müssen, daß der Einfluß angelsächsischer Verhältnisse die Schilderung teilweise umgestaltet und gemildert hat. Eine der hervorragendsten Gestalten in der dänischen Königshalle „Heorot" (Hirsch) zu Leire ist Roars Gemahlin Wealpeow. Sanft und freudebringend geht sie unter der Schar der Männer einher. Geschmückt mit Gold und Ringen, begrüßt sie die Gäste in der Halle und trägt den Willkommsbecher von Mann zu Mann. Noch ein anderes Weib spielt' im „Beowulf" eine Rolle, nämlich Hygd, die mit Hygeläc (Hugleik), dem Könige der Geaten,1) vermählt ist. „Sie ist noch sehr jung, doch weise und würdevoll, obschon sie erst wenige Winter in der Burg geweilt, Häreds Tochter; auch ließ sie sich weder zu sehr herab, noch kargte sie mit den Gaben, den Kleinodien des Schatzes, vor den geatischen Mannen."2) Auch sie bewegt sich unter den Mannen in der Halle. „Liebreich wartete sie den Mannen auf; die Kannen mit Met trug sie den Helden zu", wie es im Gedichte heißt. Hochsinnig und edel, mild und friedenbringend war das Frauenideal unserer Ahnen zu jener Zeit, wo sie zuerst in die Geschichte eintreten. Getreulich haben sie dieses Ideal im Laufe der Zeiten bewahrt. Magnus Barfuß' Königin, die schwedische Königstochter Margareta, die zwischen Norwegen Schweden Frieden stiftete, erhielt im Gedenken des Volkes den schönen Beinamen „Fredkulla". Die lichte, strahlende Frau, die den Männern Frieden und Sanftmut bringt, ist das weibliche Ideal der Germanen; vor allen anderen europäischen Volksstämmen haben sie dieses voraus. Die Frauennamen der Heidenzeit zeigen uns aber doch auch ein anderes weibliches Ideal, die kämpfende Frau. Die überwiegende Mehrzahl der altnordischen Frauennamen ist zusammengetzt aus oder mit Wörtern, die „Kampf" bedeuten, wie -gunn und -hild, so die Namen Gunnhild, Brynhild, Ragnhild, Svanhild, Thorgunn u. a. m. Nur selten findet sich ein Frauenname, der ein Verhältnis zu friedlichen Beschäftigungen andeutet. Auch auf die Schönheit des Weibes nehmen die alten Namen keineswegs oft Bezug, man könnte Alfsol und vielleicht die Namenformen auf -frid nennen. Manche Frauennamen bezeichnen dagegen das Weib als Trägerin magischer Kräfte, so die Namen auf -rün, z. B. Sigrun d. h. „ein Weib, das durch Zauberzeichen und Zauberformeln Sieg zu verleihen vermag". Außerdem ist zu bemerken, daß einer ganzen Reihe von Frauennamen entsprechende Mannesnamen gegenüberstehen. 1) Vgl. Anmerkung- 2 auf S. 18. 2) Vgl. Holder, Beowulf t. 1926 ff. Schon aus der ältesten Zeit der nordischen Völker weiß die Sage nicht allein von guten und edeln, sondern auch von wilden und dämonischen Weibern, voll von bösen und verderblichen Eigenschaften, zu berichten: Skuld, die den Tod ihres Bruders Rolf Kraki verursacht, oder Thrydo, die Gemahlin des mythischen Angelnkönigs Offa, die doch vielleicht nicht dem nordischen Sagenkreis angehört. Sie wird im „Beowulf" als Kontrastfigur der Hygd gegenübergestellt; schon von Angesicht und Gestalt ist sie hochmütig, wild und blutdürstig; „handfeste Todesfesseln" wurden der Schar der Mannen von ihr, wie es im „Beowulf" heißt. . Grabfunde aus der Zeit der Völkerwanderung scheinen auch zu bezeugen, daß die Frau schon damals als dem Manne gleichgestellt geehrt wurde. Man hat aus dieser Zeit im Norden eine Reihe von Frauengräbern aufgefunden und ebenfalls Gräber, in denen Männer und Frauen gemeinsam bestattet sind. Nur die Königs- und Häuptlingsgräber, worin der Sohn viele Geschlechtsglieder hindurch an der Seite des Vaters bestattet wurde, sind ausschließlich Mannsgräber, hier findet man keine Reste von Frauen- und Kinderleichen. Frauen — und auch 'Männer — sind zu jener Zeit oft in Schiffsgräbern bestattet, weil der Tote nach dem Glauben des Volkes eines Schiffes bedurfte, um in die Unterwelt zu gelangen. Die Frau ist in der Regel in ihrer täglichen Tracht, geziert mit Schmuck, bestattet und bisweilen sind ihr häusliche Gerätschaften beigegeben, wie in dem neulich gefundenen Oseberg-schiff. Sogar kleine Frauenbilder, die als Amulette gedient zu haben scheinen, hat man in den Gräbern aus jener Zeit gefunden. Auf den berühmten goldenen Hörnera, die gleichfalls aus der Völkerwanderungszeit stammen, sehen wir Frauenbilder mit Trinkhörnern in den Händen ganz ebenso wie auf gottländischen Bildsteinen. An beiden Stellen haben wir Darstellungen von Walküren, die in Walhall Met schenken, vor uns.1) 1) Bei Gallehus und Tondern wurden 1639 und 1734 zwei goldene Hörner, wahrscheinlich Weihgeschenke darstellend, gefunden, 1802 aher aus der Kopenhagener Kunstkammer geraubt und eingeschmolzen, ein Ereignis, das Adam Oehlenschläger in seinem berühmten Gedichte „Guld-hornene" ein Jahr darauf symbolisch behandelte. Dieser Umstand beweist uns, daß die Nordleute bereits in der Zeit der Völkerwanderung dem Weibe ein Leben nach dem Tode zuschrieben. In der Wikingerzeit herrschte auf Island der Glauben, daß verheiratete Frauen zu Freyja und unverheiratete zu Gefjon kämen. Wenn zuweilen berichtet wird, daß Freyja den halben Wal') mit Odin habe, so haben einige Forscher daraus gefolgert, daß Ehefrauen in einzelnen Fällen mit ihren Gatten wieder vereinigt werden konnten. Im großen und ganzen scheint alles, was wir über den Götterglauben unserer Altvorderen in der Heidenzeit wissen, davon zu zeugen, da0 sie in Anbetracht der Zeitverhältnisse eine hohe und ideale Anschauung von der Frau hatten. Die ältesten nordischen Runeninschriften, die in den sogenannten älteren Runen geschrieben sind, lassen dasselbe vermuten. Doch ihre Entzifferung ist schwierig, ihre Deutung oft sehr unsicher, die Zahl der Worte knapp. Dennoch lassen sie uns, wie mich dünkt, einen Blick in die Zeit selbst tun, in ihre Verhältnisse, in ihr Gefühlsleben. Das Verwandtschaftsgefühl gewinnt oft einen rührenden Ausdruck, des Vaters Trauer über seine Tochter, des Bruders Liebe zu seiner Schwester. Auf einem Stein von By im Amte Buskerud, dessen Deutung jedoch sehr unsicher ist, hat Professor Sophus Bugge in seinem Werke über die norwegischen Runeninschriften zu lesen geglaubt: „Der Kriegshäuptling Hror, Hrors Sohn, machte diese Steinplatte nach (d. h. zum Andenken an) seiner Tochter. Tochter mein, ruhe darinnen (d. h. im Grabe)." Ist die Deutung richtig, so haben wir eine Erinnerung an einen Vater, der auf seiner Tochter Grab eine Inschrift setzen ließ, worin er ihr Frieden und Ruhe im Grabe wünscht. Vielleicht ist der Vater, dessen Zuname erilaR außer Kriegshäuptling (das spätere „Jarl") auch „Eruler" bedeuten kann, von erulischer Herkunft gewesen. Seine Vorfahren gehörten möglicherweise zu den Erulern, die an der Völkerwanderung teilnahmen, es jedoch später vorzogen nach dem Norden zurückzukehren, als daß sie sich der Herrschaft der Römer unterworfen hätten. Dort unten in den südlichen Ländern, im Verkehr mit den Griechen und Römern, 1) Altnord, valr (ags. wsel), d. i. die Gesamtheit der Gefallenen auf der Walstatt. können Hrors Ahnen den innigeren sanfteren Glauben der Christen kennen gelernt haben und daher setzt er seiner Tochter diese Inschrift, die so unnordisch lautet, so wenig an das Bild erinnert, das die meisten von uns sich von unseren Altvorderen zur Heidenzeit gemacht haben. Noch bemerkenswerter ist eine Inschrift von Opedal im Amte Søndre Bergenhus, die man so deutet: „Birging, wohne in Kühe (d. h. weile in Frieden), meine Schwester, mir lieb, Wag!" — In dieser Inschrift, die aus der Mitte des 6. Jhs. zu stammen scheint, ist besonders das Wort liubu „lieb" ins Auge zu fassen. „In keiner anderen urnordischen Inschrift", sagt Professor Sophus Bugge, „finden wir etwas Entsprechendes, auch nicht in den nordischen Gedenkinschriften auf Steinen vom Schlüsse des heidnischen Zeitalters. Aber zu Beginn der christlichen Zeit kommt es, wenn auch selten, vor, daß ein Gefühlsverhältnis, das den Verstorbenen mit dem Überlebenden, der die Inschrift ausführen läßt, verknüpfte, in dieser Weise zum Ausdrucke gebracht wird. In römischen Inschriften dagegen sind solche Ausdrücke, die uns nun so natürlich erscheinen, ganz gewöhnlich." Dürfen wir vielleicht annehmen, daß sich auch hier christlicher Einfluß aus weiter Ferne her geltend gemacht hat, der entweder durch die Verbindung der Eruler und Goten mit Südeuropa oder durch den Verkehr der Norweger mit den britischen Inseln übertragen wurde. Hier haben jedenfalls die Gefühle die harte Schale der Vorurteile und des Herkommens durchbrochen und die Liebe zur Schwester hat in einer Zeit, wo die Frauen noch in mancher Hinsicht des Mannes Eigentum waren, einen gemeingültigen ergreifenden Ausdruck gefunden. Vom Morgen der Zeiten an haben die Menschen einander geliebt und gehaßt, um den Besitz des Weibes gekämpft und um seinetwillen über einander Leid gebracht. Schon in die Geschichte des Skjoldungengeschlechtes greift unheilschwangre Liebe ein. Aber erst in der Dichtung der Wikingerzeit, in den Eddaliedern, schildern die Dichter, wie gewaltige Leidenschaften bisweilen die Menschen befallen und schwächen können. In den „Skirnismal" wird die verzehrende Liebe des Gottes Freyr geschildert. Freyr sieht von Hlidskjalf 1) herab auf die Behausungen der Eiesen und seine Augen gewahren eine Jungfrau, „vom Glanz ihrer Arme, erglühte der Himmel und all das ewige Meer".2) Die Leidenschaft kommt über ihn — „inniger hat niemals seit der Urzeit Tagen ein Mann ein Mädchen geliebt".2) — er sitzt einsam und schweigsam und vermag nichts zu unternehmen bevor ihm die Geliebte gewonnen ist. Ich kann auch Saxos Erzählung2) von Balder, Odins Sohne, erwähnen, der aus Liebessehnsucht nach der holden Nanna, deren strahlende Schönheit er im Bade erschaut, dahinschwindet und nicht einmal zu gehen vermag. „So überwältigend war die Leidenschaft, sie seine Brust erfüllte, daß sie ihm beinahe hoffnungslos tödliches Siechtum brachte." In Brynhilds Liebe zu Sigurd Fafnisbani sehen wir die elementaren Naturtriebe der Menschen erwachen, eine Leidenschaft, die allen Hindernissen Trotz bietet und schließlich einen tragischen Abschluß findet. Wie ergreifend versteht nicht der Dichter des kurzen Sigurdliedes Brynhilds Hals und Eifersucht zu schildern, wenn sie Sigurd glücklich mit Gudrun vermählt sieht, ihn, den Helden, der ihr selbst hätte zu eigen sein sollen: „Oftmals schritt sie Unheil brütend, auf die eisigen Gletscher am Abend hinaus, wenn dem Liebsten Gudrun zum Lager folgte. und Sigurd sie hüllte mit seidner Decke."3) Leidenschaft für Brynhild führt Sigurds und der Gjukunge Untergang herbei. Das Weib war jedoch für die alten Nordleute nicht vornehmlich das Wesen, das geliebt wird und Leidenschaft in Männerherzen weckt. Es war in erster Linie Gattin, des Hauses weibliches Oberhaupt, die Mutter der Kinder. Die Eheschließung ist, wie wir ersehen können, bereits in der Wikinger zeit eine heilige Handlung. 1) Odins Sitz, von dem er über alle Welten schaut. 2) Hugo Gerings Übersetzung in Meyers Klassikerausgaben, Leipzig und Wien 1892. Vgl. S. 49 Anm. 3! 3) m. Buch. Die Braut „geht unter das Brauttuch" 1) (lin) und wird dem Manne „geweiht"2) unter Ablegung feierlicher Gelübde und unter Anrufung der Var, der Schirmgöttin der Verträge.*) — Nur der Knecht und das unfreie Weib leben miteinander und zeugen Kinder ohne Zeremonien. — Als Sinnbild ihrer Wirksamkeit hat die Hausfrau Schlüssel an ihrer Seite hängen; sie wird in der Rigþula hanginlukla genannt, d. h. „die Frau mit den herabhangenden Schlüsseln". Sie waltet im Hause, rüstet Mahl und Trunk für den wegmüde einkehrenden Wanderer und hilft dem Manne ihn zu unterhalten. Wenn ihre Zeit gekommen ist, gebiert sie ihren Sohn, wickelt ihn in Windeln, übergießt ihn gemeinsam mit dem Vater mit Wasser und gibt ihm einen Namen.**) Dies war Stellung und Aufgabe des Weibes bei den alten Nordleuten. Von älteren unverheirateten Frauen ist fast nie die Rede in den Sagas, wohl besonders aus dem Grunde nicht, weil Mädchen fast unmittelbar nach der Geburt ausgesetzt wurden. Einige wenige konnten vielleicht Beschäftigung finden als Wahrsagerinnen (späkonur) oder Wundärztinnen oder ihr Leben fristen, indem sie Klatsch und Neuigkeiten berichtend von Hof zu Hof zogen, so wie sie verächtlich in der Njäls Saga geschildert werden. Außer der Ehe hatte im Grunde genommen ein Frauenleben in den Augen der alten Nordleute weder Zweck noch Sinn. Wie man aus den vorhergehenden Zeilen entnehmen kann, spielte die Liebe nur eine untergeordnete Rolle bei der Verheiratung , wie es ja noch in. den meisten südlichen Ländern und ebenso bei den skandinavischen Bauern der Fall ist. Erst am Ende der Wikingerzeit hören wir davon, daß der Mann seine Auserwählte vor der Verlobung liebt. Ja auf Island wurde, wie bekannt, das Dichten von Liebesliedern auf ein Weib als niðingsverk betrachtet und mit der Acht bestraft. 1) D. h. ihr Haar, das sie als Unvermählte offen getragen, wird mit dem „lin" bedeckt; „Schmücke dich, Freyja, mit dem Schleier (Im) der Braut", heilst es im Eddaliede von Thrym („prymskviöa"). 2) Dän.-nonv. vie, schwed. viga. *) So wird die Eheschliefsung in den Eddagedichten „Drymskviöa" und „Bigspula" geschildert. **) Siehe die Schilderung in der Rigsfula. Was für den jungen Mann, der sich eine Braut erwählen sollte, vor allem begehrenswert am Weibe erschien, war keineswegs Schönheit. Nur von wenigen Frauen berichten die Sagas, dafs sie schön sind, und ihre Liebe bringt fast immer Unheil und Verderben, man denke nur an die schöne Helga, an die Gudrun der Laxdöla Saga, an Hallgerd in der Njäls Saga. Wichtiger ist es, dafs die Frau energisch, tüchtig und hochsinnig ist, das, was man kvennskorungr nannte. Aber in aller erster Linie lockte den jungen Mann, der heiraten wollte, Reichtum und vornehme Geburt. Oft liest man in den Sagas: „Sie schien die beste Partie zu sein, sowohl ihrer Familie als auch ihres Reichtums wegen." Die Liebe lag, möchte ich fast sagen, außerhalb des Gesichtskreises des gewöhnlichen Mannes, und wenn sie dennoch über ihn kam, so empfand er sie als eine Qual, als ein Hindernis. Schwerlich konnte es einem Nordländer der Heidenzeit passieren, sich zu verlieben, wie wir zu sagen pflegen, oder einfallen zu anderen von seiner Neigung zu sprechen. Charakteristisch für Zeit und Auffassung ist eine Erzählung der Egils Saga. Der Skalde Egil Skallagrimsson, diese wunderliche Mischung von Gut und Böse, von Hochsinn und engherziger Kargheit, hatte auf einer Heerfahrt in England seinen Bruder Thorolf verloren. Dessen Witwe Ásgerd saß nun verlassen mit ihrer kleinen Tochter bei ihrem Verwandten Arinbjörn, der Herse1) in Sogn war; hier hielt auch Egil sich auf. „Als es Herbst wurde", berichtet die Saga, „wurde Egil von großer Verstimmung befallen, er trank wenig und saß oft das Haupt nieder in die Felldecken geduckt." Einst ging Arinbjörn zu ihm hinein und fragte nach dem Grunde seiner Übellaunigkeit, nur zur Aussprache in dunklen, an Rätsel gemahnenden Versen konnte er Egil bewegen. Schließlich aber bekommt Arinbjörn soviel aus ihm heraus, daß er den Wunsch hegte, sich mit seiner Schwägerin Ásgerd zu verheiraten, und mit Arinbjörns Hilfe kommt es nun zur Verlobung und ehelichen Verbindung. Waren Egils Gefühle Liebe oder lebte in ihm nur der Wunsch, seinem Geschlechte zu bewahren ? Ásgerds Reichtum seinem Geschlechte zu bewahren? 1) Ein wahrscheinlich ursprünglich unabhängiger Häuptling, der mit seiner weltlichen auch eine priesterliche Macht vereint zu haben scheint, und der in späterer Zeit nächst dem Jarl kommt. Am ehesten war wohl eine Mischung von beiden bestimmend für ihn. Aber nach der Hochzeit hören wir nichts darüber, daß Ásgerd für ihn etwas anderes oder mehr sei, denn seiner Kinder Mutter und des Hauses Oberhaupt. Er selbst unternimmt viele und lange Reisen nach fernen Ländern; sie aber sitzt daheim und sieht nach dem Rechten in Haus und Hof. So waren die meisten Ehen der Heidenzeit beschaffen. Die Frau hatte das Geschlecht fortzupflanzen; konnte sie keine Kinder gebären, ja oft auch trotzdem, mußte sie Kebsweiber neben sich dulden, wenn auch die wenigsten so friedfertig waren wie Erik Ejegods Gemahlin Bodil, die selbst die Geliebten ihres Mannes schmückte, damit sie dem Könige gefielen. Bald aber bricht ein Frühling an für den Norden, das Eis lockert und löst sich, der Schnee schmilzt, die Bäche erbrausen, die Ströme schwellen an, frei und blank liegen die Fjorde da, die Schiffe werden in die See gerollt. Im „Beowulf" heilst es: „In Fesseln von Eis die Fluten zwängte Der harte Winter, bis dem Wohnsitz der Menschen Der Frühling nahte, der Freudenbringer, Lieblich schmückend den Schoß der Erde Herrlich wie heute; aus Halle und Hof Fort trieb's den Recken, den reisigen Gast."1) Die Wikingerzeit beginnt; die Nordleute begeben sich auf weite Heerfahrten, kommen mit den Völkern des Ostens und Westens zusammen, gewinnen Reiche und gründen Kolonieen. Bis nach Grönlands Gletschern geht ihre Fahrt, und Amerikas Gestade betreten sie lange vor Columbus. Ihre Gesandten und Kaufleute haben die Pracht des goldenen Byzanz erschaut, und die mutigsten unter ihnen haben mit ihren Drachenschiffen die Säulen des Herkules umsegelt. Es war eine Zeit, wo die wiegende Woge des Meeres dem Manne einen festeren Grund bot als das Land mit seinem ewigen Kampf und Streit und Überfall. In solchen Zeiten werden vor allem die Sinne gestählt und starke, sondertümlich ausgeprägte Charaktere geschaffen. 1) Vgl. Holder, Beowulf v. 1132 ff. und S. 18, Anmerk. i. So in allen großen Zeiten, wo neue Gedanken, neue Ziele die Sinne bewegen, wie zur Zeit der Kreuzzüge, der Renaissance, der französischen Revolution, so wachsen in der Wikingerzeit an allen Enden im Norden strahlende Heldengestalten auf, die länger in der Erinnerung der Völker leben als die Männer der darauf folgenden friedlichen Zeitläufte, Staatsmänner und Herrscher schaffen die Gemeinwesen nach dem Gesetze ihres Willens um, Dichter finden neue Ausdrücke für die Gedanken der Zeit. Aber in dieser wunderlichen Zeit, wo alles sproßt und blüht, ist auch die Frau rege. Sie sprengt die Bande, mit denen von den Urvätern überkommene, Jahrtausende alte Sitte sie an Haus und Heim gebunden. Ihre Stellung wird freier, sie kann selbständig in das Leben der Zeit eingreifen, ja sogar das eine oder andere Mal ihm den Stempel ihrer Persönlichkeit aufdrücken. Sie wird vollends vom Manne als gleichgestellt anerkannt. Erst in der Wikingerzeit beginnt das Weib um seiner selbst willen geliebt zu werden. Die Männer kämpfen nicht allein um die Geliebte, sondern suchen auch ihre Liebe zu gewinnen und nicht nur durch Geschenke, sondern ebenfalls durch die Anziehungskraft ihrer Persönlichkeit. Auf Island umwirbt der Skalde Kormak1) sein ganzes Leben hindurch die schöne Steingerd mit seinen Liebesgedichten, deren Glut noch heute das Herz wärmt. Thormod,2) der übrigens wie die meisten Isländer etwas schwankend in seinen zärtlichen Gefühlen war, verfaßt ein Gedicht zu Ehren der Thorbjorg Glumsdatter, mit dem Zunamen Kolbrun; seit jener Zeit wird er gern Thormod Kolbrunarskald genannt. Auch andere Liebesweisen werden in den Sagas erwähnt. Außerhalb Islands hören wir von der Sitte, Liebeslieder zu verfassen, in alter Zeit nichts und dort selbst erst im 10. Jh. Die Lyrik, die der Denkungsart unserer Altvorderen so fern lag und niemals zu frischem Leben in der alten Skaldendichtung heranblühte, ist vermutlich eine aus Irland importierte Ware und ursprünglich bei den Griechen und Römern heimatsberechtigt. 1) Um die Mitte des 10. Jahrhunderts. 2) Gefallen in der Schlacht bei Stiklastaðir 1030. Halb satirische Verse hingegen, worin der Mann seinen aus Haß und Liebe gemischten Gefühlen einer Frau gegenüber Ausdruck gibt, stimmen jedenfalls besser mit den Charaktereigentümlichkeiten der alten Nordleute überein. Einen solchen Vers in Runenschrift auf einem Knochenstücke, der aus dem 11. Jh. zu stammen scheint, hat man zu Trondhjem gefunden. Wir lesen hier: „Ich liebte die Maid, Ich will nicht lästig fallen Erlends häßlicher Frau; Als Witib würde sie mir gerade recht sein." Auch aus Dänemark und Schweden sind uns Zeugnisse überliefert von der höheren Auffassung, die das Zeitalter der Wikinger von der Frau hatte. Der Mann errichtet Runensteine zum Andenken an seine Gattin und gedenkt ihrer in Liebe. So auf einem Runensteine von Capellansvretan im Kirchspiel Häckebo in Västmanland, wo das Wort „hüsfrü" (Hausfrau im Sinne von Ehefrau, Gattin) zum ersten Male vorkommt. Die Inschrift lautet folgendermaßen: „Der gute Hausvater Holmgöt ließ [diesen Stein] nach (d. h. zum Andenken an) Odendisa errichten, seiner guten Frau, Gud ... s Schwester. Nie wird als Hausfrau Der Sohn errichtet Mutter und Schwester einen Stein und findet einen schönen und tiefempfundenen Ausdruck für die Trauer über den Verlust seiner Lieben, wie auf dem Steine von Rimso im Amte Randers; dort lesen wir: „Thore, Enraades Bruder, errichtete diesen Stein nach seiner Mutter und Schwester, [zwei] guten Frauen. Der Tod (d. h. der Mutter Tod) ist das schlimmste Unglück für den Sohn." *) E. Brate und S. Bugge, Kunverser, S. 225. Doch auch die Liebe des Mannes hat besonders in Dänemark — mehr als in Schweden — bereits in der Wikingerzeit ihren schönsten Ausdruck gefunden. Ich will nur an die Dichtung von Hagbard und Signe erinnern, wo Liebe und Treue bis in den Tod so innig und ergreifend besungen werden wie in keiner anderen altnordischen Dichtung. Nur schade, daß die Dichtung nicht in ihrer ursprünglichen Form auf uns gekommen ist, sondern lediglich in einer mittelalterlichen Ballade und in Saxos lateinischer Wiedergabe. Auch die Dichtung von Helgi Hundingsbani und Sigrun, die mehr als irgendein anderes Eddalied von zärtlicher, treuer, wehmütiger Liebe handelt, stammt ursprünglich von Dänemark. Hier ist nichts von der trutzigen Wildheit zu verspüren, die in anderen Eddagedichten zum Ausdruck kommt, und die wir bei manchem isländischen Skalden in seinem Verhalten zur geliebten Frau wiederfinden, sondern hier treffen wir Zärtlichkeit und Ritterlichkeit an, von Süden kommende, vom Rittertume gepflegte Tugenden. Dieselben Saiten, die in den Dichtungen von Hagbard und Signe und von Helgi und Sigrun ertönen, vernehmen wir, dünkt mich, auch von einem altdänischen Runenstein, von dem großen Stein von Rygbjerg im Amte Vejle, worauf wir folgendes lesen: „Tove ßryde (d. h. Gutsvogt) errichtete diesen Stein nach Brydes Gespielin Torgunn. Diese Runenstäbe Welch ein schöner Ausdruck ist nicht „Brydes Gespielin"; er erinnert an das Sprichwort, worin das Kind „der beste Spielkamerad der Mutter" genannt wird. „Ein schönerer Ausdruck", sagt Professor Wimmer in seiner ausgezeichneten Ausgabe der dänischen Runendenkmäler,1) „konnte ja nicht gewählt werden, um das Verhältnis zwischen dem jungen Manne und dem jungen Mädchen zu bezeichnen, und wir können uns nicht darüber wundern, daß Tove auch auf dem Runenstein, den er zu ihrem Gedächtnisse errichtete, seiner früh vollendeten Freundin den Namen ,Spielgenossin' beilegte". Die Runensteine bezeugen auch auf manche andere Art die veränderte Stellung der Frau in der Gesellschaft. Während Frauennamen in Inschriften mit den älteren Runen (ca. 400 Ms 750 n. Chr.) nur äufserst selten vorkommen, begegnen sie uns nun sehr häufig. *) „De danske ßunemindermserker" II, S. 110. Frauen treten nach dem Tode des Mannes als Familienoberhäupter auf und errichten, wenn die Söhne noch unmündig sind, selbst das Denkmal über seinem Grabe. Schon im 9. Jh. begegnen uns in Dänemark Frauen von hoher Geburt, die zum Andenken an ihre Männer Runensteine errichten, der Inschrift ihren eigenen Namen beifügen und mit Stolz den Namen ihres eigenen Geschlechtes ins Gedächtnis rufen. Eagnhild, die den Stein von Glavendrup auf Füneri setzte „nach Alle, dem Goden von Saalve, des Heiligtums hochehrwürdigem Hüter." Ihre Söhne sind noch klein und unmündig, und so nennt sie nur sich selbst mit Namen. Nach ihres ersten Mannes Tod heiratet sie, wie Wimmer uns gezeigt hat, einen seeländischen Häuptling namens Gunnulv, der nach seinem Beinamen „der Beredte" zu urteilen möglicherweise auch Gode oder Tempelpriester gewesen ist; mit ihm lebt sie in kurzer kinderloser Ehe. Zum Andenken an ihren zweiten Gatten errichtet sie den Stein von Tryggevselde auf Seeland, auf dem wir unter anderem lesen: „Ragnhild, Ulvs Schwester, setzte diesen Stein und machte diesen Hügel und dieses Schiffsgrab') nach Gunnulv, ihrem Ehegenossen, dem beredten Manne, Nœrves Sohn." In Schweden finden wir ganz dasselbe. Auf einem Stein von Ramsta in Södermanland lesen wir: „Auda und Inga und Erindis die dritte, Mutter und Töchter, haben diesen Stein nach Männern aus ihrem Geschlechte gemacht, nach Svein, ihrem Vater und nach Gudfart, ihrem Bruder, er war Audas Sohn." Auch auf einem anderen Stein von Södermanland vom Anfange der christlichen Zeit lesen wir, daß Mutter und Tochter den Stein errichtet haben. Daß die Frau allein ihrem dahingegangenen Ehemann das Denkmal setzt, kommt ebenfalls oft vor. Auf Runensteinen in Västergötland begegnen uns Frauennamen verhältnismäßig häufiger als in Inschriften vom östlichen Schweden. 1) Wie die Leiche auf einem oft in Brand gesetzten Schiffe dem Meere übergeben oder auf einem Schiffe in einem Hügel beigesetzt wurde, so pflegte man diese Bestattungsart oft nur anzudeuten durch Steinsetzungen in Form eines Schiffes. Vgl. Weinhold, Altnordisches Leben, S. 483 ff. Västergötland stand ja auch in lebhafterer Verbindung mit dem christlichen Westeuropa als irgendein anderer Teil des schwedischen Festlandes. Die Bandgeflechte und die Bilder auf den Runensteinen legen Zeugnis ab von diesen Verbindungen und deuten wahrscheinlich auch darauf hin, daß Männer von Västergötland und dem südöstlichen Norwegen u. a. von Ringerike gemeinsam Wikingerzüge unternahmen. Das Christentum fand auch früher Eingang in Västergötland als in irgendeinem anderen Teil Schwedens.*) Eine Folge hiervon war natürlich, daß die Frau in Västergötland früher eine freiere Stellung bekam als in Svealand, wo das Volk fester an den alten Sitten hing. Wir sehen auf den westgötischen Runensteinen Frauen das Andenken ihrer Männer und diese das ihrer Frauen ehren. Schon in heidnischer Zeit errichten Mann und Frau zusammen einen Grabhügel (kumbl) mit einem Gedenkstein über ihre verstorbenen Söhne.**) Eines der größten und prächtigsten schwedischen Denkmäler ist der Runenstein von Saleby bei Dagsnäs in Västergötland. Er ist nicht jünger als das 10. Jh. und von einem Manne mit Namen Freystein zur Erinnerung an seine Ehefrau Thora errichtet. „Sie ist", sagt die Inschrift, „eines Königs Tochter", dessen Name jedoch nicht mehr zu entziffern ist, „der das Feldzeichen an der Spitze der tapferen Schar der Gefolgschaftsleute fällte"; und voll Stolzes über die hohe Herkunft seiner Gattin hat der Mann noch hinzugefügt: „Keine tatenlosen Männer weist ihre Familie auf." Die Runensteine zeigen uns die Frau als Errichterin von Runensteinen und als solche, zu deren Andenken ein derartiges Mal gesetzt wird. Ein einziges Mal nur begegnet uns auch, wie ich anzunehmen geneigt bin, ein Weib, das den in alter Zeit sehr ehrenvollen Beruf eines Runenritzers ausübte, der sonst nur einer kleinen, fast möchte man sagen Zunft von Männern vorbehalten blieb, bei denen sich die Fertigkeit oft vom Vater auf den Sohn vererbte. *) loh sehe natürlich ab von den Missionsversuchen Ansgars. **) Torin, Vestergötlands Enninskrifter, Nr. 108. Auf der Insel Man, mitten in der Irischen See, wo die nordischen Kolonisten im 11. Jh. eine hohe und eigenartige, halb nordische halb irische Kultur entwickelten, sind besonders die mit Bildern und Bandverschlingungen gezierten Steine merkwürdig. Auf einem von diesen, auf dem von Conchan scheint zu stehen: Puriþ) raist runer „Thurid ritzte die Runen". Auch in Norwegen sind beim Ausgange der Wikingerzeit Frauen beim Setzen von Runenmalen beteiligt. Merkwürdig sind diese Steine vor allem, weil sie zu bezeugen scheinen, daß die Frauen fast mehr als die Männer in der Vergangenheit unseres Volkes Sinn für Kunst und Schönheit an den Tag legten. Norwegen besitzt nur eine beschränkte Zahl von Bildsteinen, aber die beiden prächtigsten von diesen, der Stein von Alstad auf Thoten und der von Dynna auf Hadeland, sind beide von Frauen errichtet, die mit Mühe und Last den schönen roten Sandstein den weiten Weg von Hole nach Ringerike hatten herschaffen lassen um ihn behauen sowie mit Bildern und Ornamenten schmücken zu lassen, so wie sie wohl vernommen hatten, daß es in England, Schottland und Irland Gepflogenheit sei. Auf dem Stein von Alstad, der aus dem 10. Jh. zu stammen scheint, sehen wir die bildliche Darstellung einer Falkenjagd, wie sie im christlichen Europa veranstaltet wurden und als Ornament die aus der antiken Kunst stammenden, in der karolingischen Kunst wieder auferstandenen, buchtig gespaltenen und gezackten Akanthusblätter. Die Inschrift, deren Deutung jedoch unsicher ist, lautet etwa: „Jörun errichtete diesen Stein nach ..., der sie besaß (d. h. mit ihr verheiratet war, und führte (den Stein) von Ringerike her, von Hole ... und sie ließ den Stein mit Bildern versehen."*) Der Stein von Dynne stammt aus der Mitte des 11. Jhs. Er ist von einer Mutter für die Tochter errichtet worden. Die Mutter hat auf dem Steine die Bilder von den heiligen drei Königen, vom Sterne und der Krippe zu Bethlehem einbauen lassen und nach christlichem Brauche hatte sie eine Brücke (wohl über ein Moor) gebaut um ein Gott wohlgefälliges Werk zu verrichten, das ihrer Tochter Seele vielleicht aus dem Fegefeuer erlösen könnte. *) Nach Professor Sophus Bugges Erklärung. In der Inschrift selbst hat die Liebe der Mutter zur Tochter, der Zierde des Hauses, einen schönen Ausdruck gefunden: „Gunvor, die Tochter Tririks baute eine Brücke zum Andenken an ihre Tochter Astrid. Sie war die handfertigste Maid In Hadeland." Hier endigt die Inschrift also in einen Vers, was in Norwegen sehr selten, in Schweden aber ganz allgemein ist. Diese beiden Frauen Jörun von Thoten und Gunvor von Hadeland verdienen, daß man ihrer gedenkt, wenn Norwegens Kulturgeschichte einst geschrieben werden soll. Sie haben zu einer Zeit, wo nur die Blicke weniger über die Bergrücken ihrer Landschaft hinausdrangen, die Augen offen gehabt für das Geschmackvolle, Künstlerische und Schöne, und so gut es in ihrer Macht stand ihre Heimat zu schmücken gesucht zur Erinnerung an die teuren Dahingeschiedenen. Noch mehr bezeugen uns die Runensteine! Sie reden davon, wie bereits erwähnt, daß Frauen des Nordens auch außerhalb Dänemarks, wenn keine männlichen Erben vorhanden waren, erbberechtigt sein konnten. Die dänischen Runensteine lehren uns sogar Frauen als mächtige Gutsbesitzerinnen kennen, zu deren Andenken Männer, die in ihren Diensten standen, Steinmale setzen. Einer der reichsten und mächtigsten Männer des 10. Jhs. in Dänemark war Giß der Kluge, zu dessen Andenken sich ein merkwürdiger Runenstein im Kirchspiel Skivum, im Herred (Gerichtsbezirk = Harde) Aars des Amtes Aalborg befindet. Auf diesem lesen wir die stolzen Worte: „Die Mutter Thyre und die Söhne Odinkar und Gudmund, die drei errichteten dieses Denkmal nach Giß dem Klugen, er war der beste und erste unter den Gutsherren in Dänemark." Sein Grundbesitz erstreckte sich über große Teile von Jutland bis hinab in die Gegend von Lœborg im Amte Ribe, und nach ihm hat wahrscheinlich, wie Wimmer zu erweisen, sucht, das an das Herred Aars grenzende Herred Gislum seinen Namen erhalten. Doch nicht weniger merkwürdig als Giß ist sein Weib Thyre gewesen. Nach dem Tode ihres Mannes hat sie mit glücklichem Erfolg das von ihm überkommene große Eigentum verwaltet und das Ansehen des Geschlechtes bewahrt und gemehrt. Eine machtvolle und gebieterische Erscheinung ist sie gewesen, zu der die ganze Gegend als zu ihrer Herrscherin emporblickte. Sie liegt begraben zu Lœborg und über ihrem Grabe erhebt sich ein gewaltiger Runenstein, dessen Thorshämmer davon zeugen, daß sie zu einer Zeit lebte, wo Dänemark noch heidnisch war. Die Inschrift hat folgende Worte: „Ravnunge-Thove hieb diese Runen ein nach Thyre seiner Gebieterin". Auf Thyres Hügel hat noch ein anderer ansehnlicher Runenstein gestanden, dessen Inschrift erzählte: „Ravnunge-Thove und Funden und Gnyble, die drei warfen Thyres Grabhügel auf". Eine solche Frau, über der runenkundige Männer Hügel und Mal errichten, kann kein unbedeutendes Weib gewesen sein, dessen Wirken nur innerhalb der Grenzen von Haus und Hof von Einfluß war. Sie muß eine von den Mächtigen im Lande gewesen sein. Ihres Sohnes seltener Name Odinkar bezeugt auch, daß ihr Gatte oder sie selbst dem größten und ruhmvollsten Geschlechte Jütlands angehörten. Sie ist ein würdiges Seitenstück zu ihrer großen Namensschwester, der Königin Tyre, mit der mehrere Forscher sie verwechselt haben. Aber sie war keineswegs die einzige selbständige und mächtige Frau Dänemarks. Auf einem Stein im Kirchspiel Ravnkilde im Amte Aalborg ist zu lesen: „Asser, der Gutsverwalter, Fogges Sohn, ritzte diese Runen nach Gryd, seiner Herrin." Ebenso erwähnen die isländischen Sagas ähnliche Frauengestalten, die um eines Hauptes Länge alles Volk überragen, geborene Führer- und Herrschernaturen. Ich kann da die Landnämsfrau Aud (Auðr) nennen, die mit Olaf dem Weißen, dem Könige von Dublin, verheiratet gewesen war. Eine echte Häuptlingsgestalt, wie die unsicheren, stets wechselnden Geschicke in den Kolonien des Westens sie schufen. Sie versteht zu handeln und zu herrschen und mit männlich mutiger Umsicht sich und die Ihrigen, selbst in größter Not und Fährlichkeit, zu retten. Nach Thorsteins des Roten, ihres Sohnes, Fall ist sie selbst das anerkannte Haupt ihrer Sippe. Sie bestimmt selbst ihrer Töchter Gatten, und keiner ihrer zahlreichen Nachkommen darf ohne ihren Rat etwas unternehmen. In ihren alten Tagen kommt sie nach Island, wo sie selbst wie andere Häuptlinge Land in Besitz nimmt und es an ihre Angehörigen und Untergebenen austeilt. Im ersten Winter, den sie auf Island zubringen, lädt der eine ihrer Brüder sie mit zehn Mann zu sich ein, aber zornig antwortet sie, daß sie nicht gewußt hätte, das er so arm sei. Sie zieht dann zu einem anderen Bruder, der sie bittet mit all ihren Leuten bei ihm zu Gaste zu sein, „denn er kannte seiner Schwester Sinn", fügt die Laxdöla Saga hinzu. Später rüstet sie für ihren Enkel mit greisem Gepränge die Hochzeit. Sie ist gebeugt vom Alter, ihre Kraft ist fast gebrochen; doch niemand darf es merken. Sie schläft lange in den Tag hinein und wird böse wenn man sie weckt. Dann erhebt sie sich vom Lager und tritt in die Festhalle, so stolz und rank und schlank wie vordem. Die Leute sprechen davon, welch stattliches Weib sie noch sei. Am Tage nach der Hochzeitsfeier findet man sie tot in ihrem Bette. Außerdem werden noch andere Frauen genannt, die selbst Land auf Island in Besitz nahmen und eine nicht geringe Rolle in der Zeit der ersten Besiedelung der Insel spielen. Da wäre zu nennen Thurid Sundafyller von Hälogaland, die nach Bolungavik zuäußerst am Isafjord kam und sich dort mit ihrem Sohne niederließ. Ihren Beinamen soll sie erhalten haben, weil sie einst in einem Mißjahr jeden Sund Hälogalands durch Zauberei mit Fischen füllte. Natürlich hatte sie damals ihre Landsleute eine rationellere Art den Fischfang zu betreiben gelehrt; denn ebenfalls nach ihrer Niederlassung auf Island machte sie sich verdient um die Fischerei im Isafjord, indem sie Marken, um die Fischgründe zu bezeichnen, errichtete. Zum Lohn dafür erhielt sie von jedem Bauern am Fjord ein Lamm.*) Wie viele Frauen sich unter den ersten isländischen Kolonisten befanden, können wir aus* einer Bestimmung schließen, die getroffen wurde, nämlich, daß eine Frau sich nicht mehr Land sollte aneignen können, als sie an einem Frühlingstage zwischen Aufgang und Niedergang der Sonne mit einer zweijährigen Färse oder einem halberwachsenen Rinde begehen könne. *) So berichtet die Landnämabök, die wichtigste Quelle der Kolonisationsgeschichte Islands, II, Kap. 29; vgl. Mvmch, Det norske Folks Historiel, 545. Auch auf anderen Gebieten des menschlichen Lebens ragten in der Wikingerzeit Frauen hervor als selbständige eigenartige Persönlichkeiten. Die Skaldenkunst ist wohl ein Gebiet, so werden die meisten anzunehmen geneigt sein, das ausschließlich dem Manne vorbehalten ist; doch Dichterinnen finden wir auch bei den alten Nordleuten. Mehrere Verse werden in den Sagas Frauen zugeschrieben, von Hildr, der Mutter Gangerrolfs, ist ein Vers bewahrt, den sie vor Harald Schönhaar vergebens hergesagt haben soll, um ihren Sohn von der Friedlosigkeit zu befreien. Doch auch unter den großen Skalden finden wir ein Weib, Jörunn Skaldniser. Sie lebte auch zu Harald Schönhaars Zeit und hat ein Gedicht verfaßt, das Sendibitr genannt wird und von Haralds Kriegszügen nach den Westlanden gehandelt zu haben scheint. Auch als Wundärztinnen haben die Frauen und sicherlich seit unvordenklichen Zeiten gewirkt. Tacitus erzählt ja, daß die Germanen ihre Verwundeten während des Kampfes zu den Weibern bringen, und der göttliche Repräsentant der Heilkunst ist bei unseren Altvorderen ein Weib, Eir. Oft hören wir in den Sagas von Frauen, die es verstehen, Wunden zu verbinden, doch auch von wirklichen weiblichen Wundärzten. Nach der Schlacht bei Stiklastaðir (1030) kam Thormod Kolbrunarskald schwer verwundet in eine Hütte, wo auch andere Verwundete lagen. Ein Weib war dabei, die Wunden mit warmem Wasser zu reinigen und zu verbinden. In einem Steinkessel kochte sie. Lauch und andere Kräuter, die sie den Männern zu essen gab. Am Gerüche erkannte sie, ob die Wunden tief waren. Als Thormod die mit Widerhaken versehene Pfeilspitze aus seiner Brust selbst mit einer Zange herausriß, da der Schaft abgebrochen war, blieben rote und weiße Herzfasern daran sitzen. Als der Skalde dieses sah, sagte er: „Gut hat der König (Olaf der Heilige) uns genährt, fett bin ich um die Herzwurzeln." Darauf fiel er zurück und war tot. Eine primitive Heilkunst war es gewiß, aber sie zeigt doch, daß die Frau schon in jenen fernen Zeiten heilend und segenbringend tätig war. Am meisten hat sie wohl als Krankenpflegerin gewirkt und zwar war sie wohl nicht lediglich auf den engen Kreis ihrer Familie beschränkt, sondern brachte vielleicht auch außerhalb dieser den Leidenden Hilfe. Wenn in einem isländischen Abenteuerroman erzählt wird, daß Ingegerd, des Russenkönigs Ingvar Tochter, ein Krankenhaus gestiftet und Pflege und Wartung sanfthändigen Frauen anvertraut habe, so dürfen wir daraus keine Schlüsse für die Wikingerzeit ziehen, aber wohl für das Mittelalter in Norwegen und auf Island. Sogar auf einem Gebiete, das zu allen Zeiten mehr den Männern überlassen gewesen ist, treffen wir die Frau an, selbst am harten Handwerke des Krieges ist sie beteiligt. Das ist jedoch nichts Neues für die Wikingerzeit, sondern im Gegenteil ein Überbleibsel von den roheren und primitiveren Verhältnissen einer älteren Periode. Bei allen Naturvölkern der Erde sind sowohl in der Vorzeit als auch in unseren Tagen Frauen gewesen, die als Krieger gekämpft haben. Wir alle kennen die Sage von den Amazonen. Auch bei den Kelten nahmen die Frauen von alters her am Kriege teil. Noch im 6. Jh. unserer Zeitrechnung mußten die irischen Frauen Kriegsdienste leisten. Mit Peitschenhieben wurden sie, so erzählt man, von den Männern vorangetrieben, bis es dem heiligen Adamnán gelang, die grausame Sitte abzuschaffen. Die Kelten kannten auch sogar weibliche Heerführer. Einer der letzten Vorkämpfer für Britanniens Freiheit war ein Weib — Boudicea, die Königin der Icener. Von ihrem Streitwagen herab — gleichwie die Helden Homers — kämpft sie tapfer gegen die Legionen der Römer. Zuletzt aber muß sie sich der Übermacht beugen, und um nicht in die Hände der Feinde zu fallen, leert sie den Giftbecher. Bei manchen afrikanischen Völkern, z. B. in Dahomey, hat es weibliche Truppen gegeben, die stärker gewesen sind und mit größerem Mute gekämpft haben als die Männer. Despoten, wie die Könige von Siam, haben weibliche Leibgarden gebildet, da sie glaubten sich besser auf diese verlassen zu können als auf männliche Sklaven. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn wir auch bei den Germanen, insbesondere bei den Nordleuten, kämpfende und kriegführende Frauen finden. Wir haben gehört, daß die Weiber der Cimbern und Teutonen ihren Männern auf ihren Zügen folgten und mit ihnen gegen die Römer kämpften und ebenfalls, daß die Weiber der Germanen in der Zeit der Völkerwanderung am Kampfe teilnahmen und ihren Tod bei den Wagenburgen fanden. Aber hoch über dieses Gros der kämpfenden Weiber ragen die Schildmädchen empor, die Schlachtenjungfrauen,1) die brünnenbekleidet an der Seite der Männer fechten. In der Heldensage spielen diese menschlichen Walküren eine große Rolle, eine Sigrun, eine Sváva, eine Brynhild, die strahlendsten Frauengestalten der Eddalieder gehören zu ihnen. Die in der „Hervarar Saga" bewahrten alten Sagen und Lieder vom Kampfe der Goten mit den Hunnen berichten von der Schildmaid Hervor und von des Gotenkönigs Schwester, die eine Burg gegen die anstürmenden Feinde verteidigen und selbst im Kampfe fallen. Im Gedichte von der Bravalla-schlacht führen Schildmädchen ganze Heeresabteilungen an.2) Die alten Nordleute scheinen auch ganze Regimenter von Schildmädchen gehabt zu haben, nachdem zu urteilen, was die „Atlakviða" (Str. 18) vom Hunnenkönig Atli (d. h. Attila) erzählt wird, und als Gudrun den Feuerbrand in Atlis Halle schleudert, sterben auch sie in der heißen Lohe. Aber diese Frauen gehören nicht nur der Sage und Dichtung an, sie haben wirklich existiert. Besonders scheint die Wikingerzeit diesen Schildmädchentypus in mannigfacher Weise entwickelt und, wir können so sagen, idealisiert zu haben. In einem nordischen Grabe hat man die Leiche einer. Frau und Waffen ihr zur Seite liegend vorgefunden. Daraus haben die Forscher, und gewiß mit Recht, geschlossen, daß sie zu Lebzeiten eine Schildmaid gewesen sei. Aber auch Erzählungen von fremden Ländern, die von unseren heimischen Quellen unabhängig sind, wissen von Kriegsjungfrauen unter unseren Vorvätern in der Wikingerzeit zu vermelden. In mehreren irischen Chroniken wird unter den Wikingerhäuptlingen des 10. Jhs. eine Frau mit dem Beinamen „das rote Mädchen" erwähnt; an einer Stelle wird angegeben, daß sie in Ulster, im nordöstlichen Irland, heerte. Daß ein Weib die wilden Wikinger anführte, hat einen tiefen Eindruck auf 1) Steenstrup, Normannerne I, S. 351 ff. etc.; Wprsaae, Vorgeschichte des Nordens S. 61, 72. 2) Axel Olrik, Kilderne tu Sakses Oldhistorie I, S. 52 ff. die leicht erregbare Phantasie der Iren gemacht. Die Sage hat sich ihrer Person bemächtigt, sie ist sozusagen eine Verkörperung der Wildheit und Grausamkeit der ganzen Wikingerzeit geworden. In einem irischen Gedichte des 14. Jhs., wo verschiedene Wikingerhäuptlinge aufgezählt sind, heißt es von ihr:*) „Eine große Hotte kam unter ,dem roten Weibe'; Als die Iren sahen die mächtige Flamme, Vermochten sie nicht zu kämpfen. Brian**) kam von dem schönen Eachtga, Mit vier Heeresabteilungen in seinem Gefolge, Nach der Stätte, wo das Weib sein Lager hatte. Die Dämonen rückten an: Hier in diesem Gedichte hat „das rote Mädchen" übermenschliche Dimensionen angenommen. Es ist zu einem Zauberwesen mit Dämonen in ihrem Dienste geworden, durch dessen Haupt ein Pfahl gerammt werden muß, damit es nicht wiedergeht und auch nach dem Tode noch Unheil anrichtet. Aber die Tatsache, daß sie einst gelebt und in Irland eine Wikingerschar angeführt hat, dürfen wir kaum bezweifeln. Indessen *) Das Gedicht ist verfafst von Muiredach Albanach O'Daly (f 1240) und befindet sich in einer Handschrift der Kgl. Akademie zu Dublin ( 2ä )\C. 18/. 1) Irisch Sidh „Wohnung der Elfen", „Hügel"; sidhe (spr. schi), „Zauberwesen", „Fee", „Elfe" (ursprüngl. wohl „Seele der Abgeschiedenen"). Vgl. dazu meine Ausführungen Ark. f. nord. Fil. XXI. S. 387. **) Der hier genannte Brian ist Brian Borumha, König von Munster, der spätere Oberkönig von ganz Irland; er fiel in sehr hohem Alter 1014 in der grofsen Schlacht bei Clontarf. ***) Murchadh war Brians Sohn; auch er fiel in der Schlacht bei Clontarf. war die rote Jungfrau nicht die einzige Schildmaid, die Wikingerfahrten nach fremden Landen unternahm. Ein griechischer Autor des 10. Jhs. Kedrenos erzählt vom Kampfe der Griechen gegen die Russen (d. h. gegen die in Rußland angesiedelten Nordleute) in der zweiten Hälfte des 10. Jhs. und hebt hervor, daß die Griechen bei der Plünderung der gefallenen Barbaren nach der Schlacht unter den Getöteten Frauen in Mannskleidern gefunden hätten, die an der Seite ihrer Männer gegen die Griechen gefochten hatten. Von den Weibern der Normannen wird gleichfalls berichtet, daß sie die kriegerischen Eigenschaften ihrer nordischen Stammväter geerbt hätten. Der Normanne Robert Bürdet erhielt zu Anfang des 12. Jhs. vom Erzbischofe von Tarragona in Spanien den Auftrag diese Stadt zu verteidigen. Während er nach Hause gereist war, um mehr Krieger zu holen, führte seine normannische Frau den Oberbefehl. Ein alter Chronist sagt von ihr: „Mut und ein männlich Herz zierten sie in eben so hohem Maße wie Schönheit. Während der Abwesenheit ihres Mannes wachte sie mit den Wachen, legte in jeder Nacht eine Rüstung wie ein Ritter an, bestieg mit einem Stabe in der Hand die Mauern, ging in der Stadt umher, ermunterte die Wächter und wies sie an, sich schlau vor dem Hinterhalt der Feinde zu hüten."*) Solche Frauen waren nach dem Sinne unserer Altvorderen. Ihr Andenken verherrlichen die Eddalieder — wenn auch dichterisch idealisiert und mit göttlichem Wesen verquickt — in den Walkürengestalten, schönen Weibern, die in glänzender Rüstung und hoch zu Roß in den Kampf ziehen und selbst wie Svava und Sigrun ihren Gatten erkiesen, wie es in dem alten Wolsungenliede1) heißt: „Es fand Sigrun den frohen Helden Und eilte, Helgis Hand zu fassen, Den König im Helm mit Küssen begrüßend — Da wandte sein Herz dem Weibe sich zu.
Nicht hehlte die Wünsche Hognis Tochter: ,Helgi', sprach sie, , muß hold mir werden; Schon lange trug ich in liebendem Herzen Sigmunds Erben, eh' ich selbst ihn schaute.'
, Dem Hoddhrodd ward ich verheißen beim Thinge, Doch herrlichem Gatten begehrte mein Herz; Doch sorg' ich, Fürst, ob der Sippe Zorn, Weil ich Widerstand bot den Wünschen des Vaters." *) Siehe Joh. Steenstrup, Normannerne I, S. 271 ff. 1) Siehe Helgakviða Hundingsbana H, Str. 13—15, die Übersetzung stammt von Hugo Gering. Diese Strophen rücken die Bilder der Walküren mehr herab und der Welt der Wirklichkeit näher. Denn aus den Berichten mehrerer alter Schriftsteller, z. B. Saxos, über die für die Wikingerheere im Auslande geltenden Satzungen geht hervor, daß, wenn ein Weib auf einem Wikingerzuge im fremden Lande einen Mann geheiratet hatte, der Vater die Ehe späterhin nicht umstoßen konnte. Das widerstreitet ja freilich der nachdrücklichen Forderung der väterlichen Einwilligung für die Eheschließung der Tochter in jener Zeit, wie sie auch in den letzten beiden Versen der eben zitierten Stelle des alten Wolsungenliedes zum Ausdruck kommt. Aber man kann mit Professor Johannes Steenstrup, dem bekannten dänischen Forscher, der die Geschichte der Wikingerzeit schrieb, füglich sagen: „Indessen mag jene Regel wohl nicht für die abnormen Verhältnisse der Wikingerzeit passen, wo das Weib nicht minder als der Mann reichlich Gelegenheit hatte Selbständigkeit zu entwickeln, wo der Einflute der Sippe notwendig in den Hintergrund gedrängt werden mußte bei der Losreißung der Familien von ihrem eigentlichen Angel- und Sammelpunkt, dem gemeinsamen Grundeigentum des Geschlechts und der häuslichen Niederlassung darauf".*) Die Schildjungfrauen der Wikingerzeit waren damals, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, emanzipierte Frauen, die die Schranken der Familie überschritten und sich selbst einen Weg durchs Leben bahnten. Unsere Vorväter aber beugten sich vor allem Starken und Selbständigen, sie beugten sich auch vor diesen Frauen und erwiesen ihnen die größte Huldigung, die ein Mann einer Frau erzeigen kann, sie erachteten sie für gleich mit sich selbst, gestanden ihnen die Freiheit und Selbständigkeit des Mannes zu. *) Siehe Steenstrup, Normannerne I, S. 318 f. Selbst an den höchsten Stellen des Gemeinwesens standen im Norden Frauen, Frauen, die die Geschicke des Landes gelenkt haben, deren Namen die Nachwelt in dankbarer Erinnerung bewahrt. Ich habe zuvor Turgeis' (Thorgests) Eheweib, die Priesterin Otta, genannt, die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts eine große Bolle in Irland spielt. In der ersten Hälfte des 10. Jhs. stehen sich in Dänemark zwei merkwürdige Frauen einander gegenüber, die eine für eine sterbende, die andere für eine siegende Sache streitend; beide gleich stolz, willensstark und tatkräftig. Die eine ist Asfrid, Odinkars Tochter, die Herrscherin von Hedeby. Selbst gehörte sie Jütlands mächtigstem Geschlechte an, das Dänemark einen Jarl und zwei Bischöfe mit Namen Odinkar gegeben hat. Hedeby (Heiðabyr), das am Haddebyer Nor (Strandsee) südlich von der Stadt Schleswig lag, hatte in der zweiten Hälfte des 9. Jhs. angefangen ein besuchter Handelsplatz zu werden, wohin norwegische, schwedische, friesische und sächsische Kaufleute mit ihren Waren kamen. Hier setzte sich im Beginne des 10. Jhs. ein schwedischer Häuptling Olaf fest und begründete eine selbständige Herrschaft, die sein Geschlecht bis zur Mitte des Jahrhunderts inne hatte. Nach seinem Tode folgte ihm sein Sohn Gnupa, eben der Gatte jener vorgenannten Asfrid. Er dehnt seine Macht nach Norden und Süden hin aus, erleidet aber im Jahre 934 eine Niederlage im Kampfe mit Heinrich dem Vogler, der ihn zwingt sich taufen zu lassen und ihn tributpflichtig macht. Gnupa fällt dann im Kampfe gegen den dänischen König Gorm den Alten. Seine Witwe Asfrid errichtet über seinem Grabe ein heidnisches Denkmal und regiert das Reich gemeinsam mit ihrem Sohne Sigtrygg, einem großen Wikingerhäuptling; dessen Flotte bis nach den Gestaden der Normandie fuhr. Kurz vor 950 fällt Sigtrygg.1) Doch noch eine geraume Zeit nachher war seine Mutter im Besitze der Herrschaft in Hedeby, das ihr Geschlecht zu einer starken Festung gemacht hatte 1) Nach der Darstellung Professor Hugo Gerings im Kolleg über die Runenschrift W. S. 1901/2 ist Sigtrygg 943 im Kampfe gegen den westfränkischen König Ludwig, in dessen Land er eingebrochen war, nach der Ansicht anderer Forscher im Kampfe gegen Harald Blauzahn gefallen. Die Ansieht Gerings hat die grölsere Wahrscheinlichkeit für sich. Vgl. Gerings Keferat Zfdph. XXVIH. 236 ff. . Bei Vedelspang, genau südlich vom alten Hedeby, errichtet sie auf Gnupas Grabhügel zwei Gedenksteine für den gefallenen Sohn. Des einen Inschrift ist von einem Schweden eingehauen und bezeugt Sigtryggs schwedische Abkunft. Auf diesem lesen wir: „Asfrid machte (ließ herstellen) dieses Grabdenkmal nach Sigtrygg, ihrem Sohne, auf Gnupas geweihter Grabstätte." Auf dem anderen, einem dänischen Stein, lesen wir: „Gefriedetes Grabheiligtum, Asfrid machte dieses Grabdenkmal, Odinkars Tochter, nach König Sigtrygg, ihrem und Gnupas Sohne." Die schwedische Herrschaft konnte sich doch auf die Dauer nicht gegen die dänische Übermacht behaupten. Nicht lange nachher, als Asfrid die beiden Steine zum Andenken an ihren Sohn errichtet hatte, nahm Harald Blauzahn Hedeby ein, und mit Asfrids Macht war es zu Ende. Aber fortan, nachdem Ludw. F. A. Wimmers Runen-Untersuchungen*) und Sophus Müllers Ausgrabungen**) beim Danewerk (dän. Danevirke) uns über die alte schwedische Herrschaft in Hedeby aufgeklärt haben, wird Asfrid, Odinkars Tochter, stets als eine der merkwürdigsten Frauengestalten des nordischen Altertums vor uns stehen, als eine Frau, die selbst Land und Volk regiert, die trotz der ihr aufgezwungenen Taufe ein heidnisches Grabmal über Gatten und Sohn errichtet, eine Frau, die als letzte auf den Mauern weilt, als der Feind eingebrochen ist und die Macht vernichtet, die ihr Schwiegervater, Mann und Sohn begründet hatten. Einen glänzenderen Namen in der Geschichte hat Asfrids Gegnerin Thyre Danebot,1) Gorms des Alten Gemahlin. Gorm wird in der Sage dargestellt als schwacher untätiger Fürst; die leitende Seele aller seiner Unternehmungen ist Königin Thyre. Sie ist es, auch, dürfen wir annehmen, die ihn zum Zuge gegen König Gnupa und Hedeby anspornt. Vielleicht stammte sie selbst aus dieser Gegend. *) De danske Runemindesniserker I. **) Nordiske Fortidsminder, udg. af det kgl. iiordiske Oldskriftsselskab L, S. 240 ff. 1) Danebot = Zierde oder Heil der Dänen. Einige Quellen berichten, daß sie die Tochter des holsteinschen Jarls Harald gewesen sei. In Verbindung hiermit, als ein Glied in der Kette von Arbeiten, die bestimmt waren, Hedebys Macht zu Falle zu bringen, steht ihre eigentliche Großtat, die Erneuerung des Danewerks. Die Volkssage hat freilich Thyre zur eigentlichen Erbauerin des Danewerks gemacht. Das ist aber nicht der Fall; das Danewerk ist mehr denn hundert Jahre älter und rührt von Karls des Großen Gegner, König Godfred, her. Doch gleichwohl ist das Wirken der Königin Thyre bedeutungsvoll genug gewesen und hat ihr mit Recht einen würdigen Platz in der Erinnerung des Volkes gesichert, als der ersten in der Reihe von Dänemarks großen Königinnen. Es war eine Zeit des Bauens, in der Thyre lebte. Ringsumher in Europa, in Deutschland, Frankreich und England bauten Fürsten und Bürger, Festungen und Burgen und umgaben die Städte mit ragenden Mauern. In Deutschland wirkte Heinrich L, der Vogler, und errichtete Wehren und Wälle gegen Magyaren und Nordleute. In England herrschte damals König Alfred der Große und sein Geschlecht. Besonders zeichnet sich seine Tochter Ethelfled, Mercias Herrin, in ihrer Sippe aus. Während des langjährigen Siechtums ihres Gatten Ethelred, des Ealdorman1) von Mercia, ergreift sie mit kräftiger Hand das Steuer der Regierung: „Von ihrer Weisheit geleitet", sagt eine alte Chronik, schliefst sie einen Vertrag mit den Bewohnern von Schottland und Wales zur gemeinsamen Abwehr der Nordleute. Durch Klugheit und Beharrlichkeit wehrt sie einen heftigen Angriff auf die Stadt ehester ab. Durch friedliche Unterhandlungen weiß sie die Burg Leicester, die lange im Besitz der Nordleute gewesen war, in ihre Hände zu bringen. Sie gibt Anregung zum Bau von Festungen und Burgen und beginnt auch auf das eifrigste selbst damit, kräftig von ihrem Bruder, dem Könige Eadward, unterstützt.*) Ein Weib vom Schlag der Lady Äthelfled war Königin Thyre und es darf wohl kaum in Zweifel gezogen werden, dafs Ethelfled, die im Jahre 918 starb, in manchen Stücken Thyres Vorbild gewesen ist bei der Wiedererrichtung oder, richtiger gesagt, bei der Ausbesserung des Danewerks. *) Alderman (= Ältester) in der angelsächsischen Verfassung Oberhaupt einer Grafschaft und Anführer des Heeraufgebots dieser im Kriege; später wurde diese Benennung durch das nordische Jarl (earl) abgelöst. 1) Vgl. Steenstrup, Normannerne III, S. 21—23 u. a. m. Die Mittelpartie des Danewerks von Danevirkesa bis nach dem westlich gelegenen Kurborg war ein besonders ausgesetztes Stück des Walles. An dieser Stelle baute Thyre König Godfreds altem Werke einen neuen Wall aus Erde, Holzwerk und Granitsteinen vor. Das granitne Fundament ist bis auf den heutigen Tag erhalten. Auf der Mauer befanden sich, wenn wir Olaf Trygvessons Saga Glauben schenken dürfen, Kastelle von Holz, und außen vor dem Werke zog sich ein Graben hin. „In einer Entfernung von je 100 Klaftern waren Burgtore angebracht und darüber ragte jedesmal ein Kastell zur Verteidigung des Werkes empor; denn es führte zu jedem Tore eine Brücke über den Graben." *) Alles das war Thyres Arbeit. Eine große Frau war Thyre, gleich ausgezeichnet durch ihre Tatkraft wie durch ihre Klugheit und Geschicklichkeit: Saxo und sein Zeitgenosse und Vorgänger, der Lunder Kanonikus Svend Aageson'), erzählen, wie Thyre Männer aus ganz Dänemark zur Arbeit am gewaltigen Grenzwall warb. Das ganze Volk mit dem Könige an der Spitze sah zu ihr auf wie zu einer Führerin, davon zeugt auch das Denkmal, das Gorm ihr bei Jœllinge setzte: „Gorrn machte dieses Denkmal nach Thyre seinem Weibe, Dänemarks Heil (oder Zierde)."Dies TanmarkaR but des Runensteins lebte im Volke fort, Thyre Danebod heißt die Königin noch heute. So sehen wir auf allen möglichen Gebieten des Lebens eine Reihe selbständiger und eigenartiger, ja oft großzügiger Frauengestalten an unserem geistigen Auge vorüberziehen: Frauen, die Runensteine errichten und Sinn für Kunst und Schönheit verbreiten, Besitzerinnen ausgedehnter Güter, Kolonistinnen, Ärztinnen, Dichterinnen, Schild Jungfrauen und Wikingeranführerinnen, Königinnen und Staatslenkerinnen. Die Stellung der Frau wurde freier und selbständiger. Sie wird nicht länger mehr als das Eigentum des Mannes angesehen und kann in gewissen Fällen mit ihm zusammen erben. *) Vergl. Sophus Müllers grundlegende Untersuchungen in „Nordiske Fortidsminder". 1) Verfafste die „Compendiosa historia regum Daniae", die erste Schilderung dänischer Geschichte im Zusammenhang. Auf Island sehen wir die jungen Männer und Mädchen frei und unbehindert Umgang miteinander pflegen. Ganz besonders haben sicherlich die jährlichen Zusammenkünfte beim Althing, und das Zusammentreffen auf dem Spielplatze Veranlassung zu manchem Flirt und manchem Liebesabenteuer unter der Jugend gegeben. Die isländische Frau tritt frei und selbständig auf. Mag sie sich auch bei der Eheschließung dem Willen des Vaters beugen müssen, später ist sie doch völlig ihre eigene Herrin. Sie tyrannisiert eher den Mann, als daß sie sich von ihm knechten läßt, und oft, manchmal fast ohne Grund, läßt sie sich scheiden und verlaust Haus und Herd. Auch anderswo im Norden sprengen Frauen die Schranken, die Jahrtausende alte Rechtsgewohnheit ihnen gezogen hatte; sie beginnen auf eigene Hand in das Leben hinauszutreten und sich selbst Bahn zu brechen. Dänemark geht hierbei voran, es folgen erst Norwegen, dann Västergötland und schließlich Uppland. Diese nun einsetzende allmähliche Befreiung des Weibes ist eine Folge der Wikingerzeit, die auf mannigfache Art das gesellschaftliche Leben in seinen Grundfesten erschüttert und mit uralter überkommener Sitte bricht. Die Verbindungen mit dem Frankenreiche und England, wo die Stellung der Frau ja eine ganz andere als im Norden war, wirkte dabei nicht unwesentlich mit, besonders aber machte sich daneben auch der Einfluß des Christentums geltend, das sich ja stets der Schwachen und Wehrlosen angenommen hat.. Nach der Einführung des Christentumes im Norden wird die Stellung der Frau in mancher Hinsicht besser und sicherer als sie während der Wikingerzeit gewesen ist. Aber das Christentum fesselte das Weib wieder an Haus und Herd. Wollte das Weib fortan selbständig wirken oder seine eigenen Wege gehen, so mußte es im Dienste der Religion sein. Aus diesem Grunde begegnen wir auch nur selten im Verlaufe des späteren Mittelalters im Norden Frauen, die so selbständig sind oder dem Gemeinwesen den Stempel ihres Sondertums aufprägen, wie es in der Wikingerzeit der Fall gewesen ist. Aber man darf nicht vergessen, das Bild auch von der anderen Seite zu betrachten. Die Züge nach fernen Ländern, die Ansiedelungen in Westeuropa wie in Rußland hatten anfangs nicht nur gute Wirkungen, sondern waren im Gegenteil in mancher Hinsicht wenig ersprießlich und glückverheißend für die Stellung der Frau. Die Vielweiberei begann viel allgemeiner zu werden als zuvor, nicht allein bei den Häuptlingen, sondern auch unter der Kriegerklasse. Auf ihren Zügen führten die Wikinger anfangs selten Weiber mit sich. Aber Weiber mußten sie trotzdem haben. — Zum Lobe der Dänen im Gegensatze zu den Norwegern sagt ein alter irischer Chronist: „Sie konnten sich doch jedenfalls für eine Zeit des Schmausens und der Weiber enthalten." — Hatten sie keine Frauen bei sich, so raubten sie sie ganz einfach im Auslande, wie die fremden Annalen so oft aus der ersten Zeit der Wikingerzüge zu berichten wissen. Aber eine Frau daheim, eine in England, eine in Irland oder Frankreich, das wurde bald zu viel für einen Mann und nach und nach wurde die Vielweiberei allgemein in den Wikingerdistrikten des Ostens und des Westens. In Rußland scheinen die Nordleute bereits sehr frühzeitig begonnen zu haben in fast orientalischen Verhältnissen zu leben. Der arabische Schriftsteller Achmed Ibn Fadhlan, der russischen Sklavenhändlern an der Wolga begegnete *), gibt uns ein entsetzliches, allerdings wohl übertrieben grell gemaltes Bild von ihrem Leben in Üppigkeit und Wollust mit vielen Weibern, die nach dem Tode des Mannes mit ihm auf den Scheiterhaufen gelegt werden. Der alte russische Chronist Nestor erzählt vom Großfürsten Wladimir (gest. 1015), dem Enkel Ruriks (oder Rariks) des schwedischen Begründers des russischen Staates: „Wladimir war bis zur Tollheit in die Weiber vernarrt und ließ sie aus allen Gegenden zu sich führen. Er siedelte die Rognjed in Lybed an, mit ihr hatte er vier Söhne und zwei Töchter, und mit der Griechin hatte er den Swjatopolk und mit einer tschechischen Frau Wysjeslaw, mit einer anderen Swjatoslaw und Stanislaw, mit einer Bulgarin Boris und Gleb und an Kebsweibern besaß er dreihundert in Wysjegrad, dreihundert in Belgrad und zweihundert in Berestow." 1) In den Jahren 921—922. Wenn diese Schilderungen auch übertrieben sind, dürfen wir doch daraus schließen, daß bei den in Rußland ansässigen Nordleuten schon früh Vielweiberei herrschte, und daß sie die Frauen nach morgenländischer Sitte in Harems einzuschließen pflegten. Ebenso waren die Verhältnisse am anderen Ende der nordischen Welt in der Wikingerzeit, auf den britischen Inseln und besonders in Irland. In den großen Städten Westeuropas, wie in London und York, begegneten auch die Nordleute zum ersten Male der legalisierten Unzucht. Die Prostitution war vom Oriente zu den Römern gekommen und wanderte mit diesen nach Gallien und Britannien. Die öffentlichen Dirnen mußten von alters her wie es aus der Erzählung von Samson und der Hure in Gaza hervorgeht, in einem abgesonderten Teile der Stadt wohnen, unmittelbar bei der Mauer oder dem Tore der Stadt. In London wohnten sie jedenfalls im 13. Jahrhunderte unten in Southwark. Sie sollten sich durch ihre Tracht von den ehrbaren Frauen unterscheiden, sie durften kein Pelzwerk, keine kostbaren Zeuge und Schmucksachen tragen und waren auch sonst manchen Zwangsmaßregeln unterworfen. Daß die Nordleute die Prostitution in England kennen lernten, das bezeugt das altnordische und altdänische Wort für „Hure" porfkona, das dem Angelsächsischen entlehnt ist (port-cwên von port „Hafen, Hafenstadt", das vom lateinischen portus stammt, und von cwên „Frau"). Unsere Altvorderen selbst glaubten allerdings wohl, daß das Wort „ein am Tore (altnord. port) wohnendes Weib" bezeichne. Bereits in der Wikingerzeit müssen die Nordleute nicht nur die Prostitution kennen gelernt haben, sie müssen sie auch in ihre irischen Niederlassungen eingeführt haben. Aus dem Nordischen — nicht aus dem Angelsächsischen — ist nämlich das Wort porfkona ins Altirische übergegangen. Es findet sich in einem Glossar, das der irische König Cormac von Munster um das Jahr 900 schrieb, und zwar in der Form parthuine auch im Irischen bedeutet das Wort „Hure". Wir ersehen aus dem Vorhergehenden, daß Laster und Untugenden von Land zu Land wandern, nicht weniger geschwind als Kultur, Bildung und nützliche Erfindungen. Das Gute aber wirkt doch am tiefsten und nachhaltigsten. Das Schlechte, das unsere Vorfahren von den Westlanden lernten, gilt im Laufe der langen Zeit nichts gegen alle die herrlichen Kulturkeime, die sie von Frankreich, England und Irland mit heimbrachten. Bei den Nordleuten in Irland wurde die Vielweiberei bald zur Regel, auch hier begann man gerade so wie in Rußland förmliche Harems zu halten. Mehrere von den norwegischen Königen in Dublin scheinen, wenigstens im 9. Jahrhundert, mehr als eine Frau gehabt zu haben, und von den Nordleuten, die im südwestlichen Irland in Munster angesiedelt waren, wird an mehreren Stellen berichtet, daß sie ihre Weiber und Kinder an einer Stätte versammelten, wo sich keine Männer aufhielten. Im Jahre 977 plünderten so die Iren die Inseln im Shannon draußen vor der Stadt Limerick, „nämlich jeden Ort, wo sich Weiber, Kinder und Harems der Nordleute befanden".*) Auch in der skandinavischen Heimat wurde die Vielweiberei viel allgemeiner als es zuvor der Fall gewesen war, und zwar nicht nur bei den Häuptlingen, sondern gleichfalls unter den Vornehmeren und Reichen. Adam von Bremen, der in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts schrieb, berichtet von den Schweden, daß sie sich selten mit einem Weibe begnügten. „Jeder hat nach seinem Belieben zwei oder drei oder mehrere Frauen; aber die Reichen und Häuptlinge haben Frauen ohne Zahl." In Dänemark war es gleichfalls ganz gewöhnlich, daß Könige *und Häuptlinge viele Frauen und Kebsen hatten, deren Kinder geradeso wie in Schweden und Norwegen für erbberechtigt galten. Wir wissen, welche Mengen von Kebsweibern Svend Estridsson hatte, und welche Wirren seine vielen Kinder dem Lande verursachten. Schuld daran war, meint Adam von Bremen, nicht so sehr des Königs eigene Begehrlichkeit als die unsittlichen Gewohnheiten seiner Nation. — Dieselben Verhältnisse herrschen in Norwegen. So heißt es von Harald Schönhaar, als er sich mit der dänischen Königstochter vermählte: *) Das von mir mit „Harem" übersetzte Wort bedeutet eigentlich „eine Vereinigung oder Ansammlung von Frauen". Die Erzählung stammt aus einer alten irischen Saga, genannt „War of the Gaedhil with the Gaul", d. h. „Der Kampf der Iren gegen die Fremden" (die Nordleute). „Er verschmähte der
Horden Auf Island, wo die Häuptlinge doch nicht mehr als eine rechtmäßige Frau gehabt zu haben scheinen, war es jedenfalls allgemein, daß selbst der Beste — ein Njäl z. B. — Kebsweiber hatte. Noch im christlichen Mittelalter durfte ja ein Isländer eine Ehefrau in Norwegen, eine andere auf Island haben. Aber dies verfehlte die Wirkung nicht auf die ganze Auffassung, die die Zeit von der Frau hatte. Die Männer, die auf Wikingerfahrten nach fremden Landen ausgezogen waren, dort geliebt und das Leben genossen hatten, verloren ihren Glauben an das Weib. Im Eddaliede von Harbard, wo Odin als der Repräsentant der höheren von den Westlanden beeinflußten Kultur der Wikingerzeit dargestellt wird, im Gegensatze zu dem bäurischen Thor, erzählt Odin von seinen Taten. Am stolzesten ist er über seine Talente als Verführer. Er war in Walland (d. h. im nördlichen Frankreich), hetzte Könige gegeneinander und versöhnte sie nie wieder. Viele Weiber umarmte er und gewann ihre Liebe, doch alle betrog er zuletzt. In den Havamal der Edda, d. h. in den Sprüchen des Erhabenen (Odins), von denen man sagen kann, daß sie uns in vieler Hinsicht die Summe der Lebensanschauung der alten Nordleute bieten, so wie sie sich auf den Wikingerzügen und durch den Verkehr mit Westeuropa entwickelt hatte, sehen wir die blasierte und zynische Auffassung von der Frau noch deutlicher hervortreten. Durch schöne Reden, Gold und Versprechungen gewinnt man das Weib, und zu flüchtiger Lust ist es geschaffen: „Schmeichelnd rede und Schätze biete Wer die Gunst einer Maid hegehrt; Er lohe die Schönheit der leuchtenden Jungfrau, Dann trägt die Liebe ihm Lohn."2) 1) Aus dem Haraldskvœði þjorbjorn Hornklofis, des Hirdskalden König Haralds. 2) Hugo Gerings Übersetzung. In vielen "Variationen wird auch bei unseren Vorvätern das alte Wort von der Unbeständigkeit des Weibes wiederholt: „Vertrauen auf falscher Frauen Liebe, Der Eisfahrt gleicht's mit unbeschlagenem Roß, Zweijährigem, wildem, wenig gezähmtem, Oder steuerlosem Segeln im stürmischen Meer, Des Hinkenden Jagd, der zu haschen versucht Das scheue Renntier auf schlüpfrigem Fels.":) Männern soll man nicht trauen — sogar dein Freund kann dich hintergehen —, doch noch weniger soll man sein Vertrauen auf Weiber setzen: „Nicht traue der Manu eines Mädchens Reden Noch der Weiber Wort; Ihr Herz ward auf rollendem Rade geschaffen, Drum wohnt der Wankelmut drin." 1) Immerhin stehen die zuletzt berührten Verhältnisse nur zeitweilig mehr im Vordergrunde, sie bilden nur eine Seite der Stellung des Weibes während jener wildbewegten Zeit und keineswegs die wichtigste. Haremswirtschaft und Vielweiberei waren nur episodisch im Leben der Nordleute. Dauerhafte Folgen dagegen hatte die beginnende Emanzipation des Weibes während der Wikingerzeit infolge der weitgehenden Einflüsse vom christlichen Westeuropa. 1)Hugo Gerings Übersetzung. Max Niemeyer Verlag, Halle a.S., 1906. |