Magie als Weg zur seelischen Ganzheit

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selbst hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen, jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen, aber deuten kann jeder nur sich selbst.

(Hermann Hesse - Demianj

von Peter Ellert & Jörg Wichmann
©Copyright: Peter Ellert & Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 1/82.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

 

Mit freundlicher Genehmigung von Jörg Wichmann freigegeben für Publikation auf Boudicca's Bard



Wenn heute jemand das Wort Magie hört, denkt er vielleicht an Bühnentricks, vielleicht an finstere Verschwörerzirkel, vielleicht auch an archaische Formen der Weltauffassung oder an den allmächtigen Zauberer im Märchen, dem nichts unmöglich ist und auf dessen Fingerzeig auch die mächtigsten Geister zu Diensten sind. Es sind diese Formen der Magieauffassung, mit denen sich der Ethnologe, der Religionswissenschaftler und auch der Psychologe beschäftigen und die zu dem Versuch führen, ein Bild der nichtrationalen Seite des Menschen zu zeichnen. Ein Versuch, der von der rationalen Seite ausgeht, die aber schon vom Wort her die nichtrationale Seite ausschließt 1) und somit auch nicht erfassen kann. Lediglich die Existenz eines nichtrationalen Bereichs mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und eigener innerer Logik kann in immer neuen schillernden Bildern aufgezeigt werden. In Bildern, die auf uns Menschen einer vom Rationalen gezeugten und getragenen Kultur befremdend, faszinierend, oder auch schlicht unverständlich wirken, da wir gewohnt sind, alle Dinge mit dem Verstand begreifen . .. wollen.

Selbst in der uralten Domäne des Nichtrationalen, der Religion, wird heute nach Kräften auf Rationales reduziert und psychologisiert, d.h. 'der modernen Zeit angepaßt'. Unsere rationale Seite hat sich diese Umwelt geschaffen, so wie sie jetzt ist, und wird von ihr als Lebensnotwendigkeit sekundär immer neu verstärkt. Bis hinein in verschiedene Bereiche der Kunst und Musik hat sich der rationale Persönlichkeitsanteil gedrängt und herrscht natürlich in Wissenschaft und Technik allein. Dort sind es seine analytischen Funktionen, die strenge Logik und die hohe Differenzierung, die bedeutende Erfolge brachten.

Doch auch in einer hochtechnisierten Kultur wie der unseren ist die Macht des Nichtrationalen ungebrochen. Auch wenn viele Menschen ihr erst auf der Couch des Psychotherapeuten gegenüber zu treten wagen, so wirkt sie doch ständig in unser Leben hinein und durch unser Rationales hindurch. Doch da, wo unsere Kultur auf eine andere stößt, wo zwei verschiedene Welten sich gegenüberstehen, oder wo der Mensch in die tieferen Schichten seiner Psyche vordringt (freiwillig oder auch nicht), im Bereich der sog. Geisteskrankheiten, in Drogen- und Meditationserfahrungen läßt uns unsere rationale Seite meist im Stich und allgmeine Hilfslosigkeit tritt auf. In manchen Fällen reicht auch eine heftige Verliebtheit, tiefe Trauer oder ein wilder Traum, um die Bastion des Rationalen zu erschüttern. Meist bleibt nur ein mühevolles nachträgliches Rationalisieren als 'Lösung', da eben kaum jemand gelernt hat, mit dieser anderen Seite seiner selbst umzugehen.

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Durch eine auf technische und industrielle 'Bedürfnisse' zugeschnittene, total dem Rationalen verschriebenen Ausbildung, die selbst Kunst erst dann für verständlich hält, wenn sie ins Rationale übersetzt, d.h. 'interpretiert' ist, wird dem Nichtrationalen als Existenzbereich nur das Unbewußte zugewiesen. Im Extremfall wird das Nichtrationale mit dem Unbewußten identifiziert, was bedeutet, daß nur noch rationale Inhalte bewußtseinsfähig sein können. Das Nichtrationale ist dann gewissermaßen verdrängt, was aber nicht heißt, daß es nicht mehr wirkt. Seine Äußerungen führen zu einem Verhalten, das wir gewöhnlich als 'irrational' bezeichnen, häufig schon mit negativer Wertung. Ebenso wie Nichtrationales, das aufgrund mangelnder Differenzierung des Bewußtseins oder aufgrund von Verdrängung an der Bewußtwerdung gehindert sein kann, gilt dies auch für Rationales. Auch das Rationale besitzt Wurzeln im Unbewußten, und wenn seine Funktionen im Bewußtsein nicht genügend entwickelt sind, bleiben weite Teile unbewußt und undifferenziert und führen zu 'irrationalem' Verhalten.

Es ist das Bild der zueinander komplementären rationalen und nichtrationalen Bereiche im Menschen, das man im Auge haben muß, wenn man verstehen will, was Magie ist. Von je her war das Ziel der Magie die ausgewogene Entwicklung aller Bereiche im Menschen. In diesem Sinne war sie Wissenschaft und Kunst zugleich, so wie ihre Tochter, die Alchymie. Sie war aber zu keiner Zeit ein abgeschlossenes, fertiges System, sondern ständig im Fluß, in Lernprozessen begriffen, so wie die Wissenschaft heute. Als im Laufe der historischen Entwicklung bedeutende Entdeckungen mit Hilfe der 'rationalen' Methoden geniacht wurden, führte dies dazu, daß der rationale Bereich immer stärker betont und deshalb auch erfolgreicher wurde. Aus der rationalen Seite der Magie entwickelte sich die Naturwissenschaft. Zunächst waren Wissenschaftler zugleich Magier; Newton z.B. laborierte an alchymistischen Experimenten und Traktaten, während er gleichzeitig seine 'principia' schrieb, in denen er den Grundstein zur Newton-schen Mechanik legte. Für viele Historiker ist dies ein schwer verständlicher Widerspruch, denn heute hat sich die Wissenschaft so weit von der Magie entfernt, daß sie ihre komplementäre, nichtrationale Hälfte nicht mehr verstehen kann.

Bei der Magie jedoch dreht es sich darum, die Ganzheit zu entwickeln und beide Hälften zu verstehen, weshalb sowohl Wissenschaft, als auch Kunst, Meditation usw. unter dem Blickwinkel einer Ganzheitsentwicklung und -ausdifferenzierung magische Techniken darstellen können. Die Entwicklung der rationalen Seite der Persönlichkeit sei deshalb nochmals als essentiell für den Magier 2) herausgestellt (jemand, der „verkopft" ist, hat deshalb noch nicht unbedingt seine Vernunft gut oder zu viel ausgebaut - meist ist die sog. „Verkopfung" nur ein Zeichen eines undurch-schauten und daher irrationalen Verstandesgebrauchs!). Hier soll es jedoch hauptsächlich um die Arbeit mit dem Nichtrationalen gehen. Es ist jener Teil von uns, der am wenigsten reif ist, und deshalb gibt es so viele erfolglose Ansätze. Zu diesen muß man auch die Parapsychologie rechnen. Den wissenschaftlichen Grundsätzen verpflichtet, ist sie streng an den rationalen Bereich gebunden, kann nie in das Nichtrationale eindringen, sondern lediglich beschreiben und katalogisieren. Die Grenzüberschreitung findet nicht statt. Umgekehrt liegen die Verhältnisse beim Aberglauben. Zwar findet auch. hier eine Grenzüberschreitung nicht statt, doch wird versucht, Gesetze, die nur 'jenseits des Zaunes' gelten, auf den Alltag unreflektiert anzuwenden. Einer. ähnlichen Verwischung von Grenzen begegnet man im 'Okkultismus', mit seinen häufig etwas abenteuerlichen Welterklärungsversuchen, in denen Rationales und Nichtrationales in einem ungenießbaren Potpourri vermischt und dann als Wissenschaft ausgegeben werden.

Ähnliche Entwicklungseinrichtungen mit entsprechend geringen Erfolgsaussichten gibt es auch innerhalb der Magie. Zwei entgegengesetzte Ansätze, die wir im Anschluß an Fr. V.-. D.-, als pragmatische und dogmatische Richtung bezeichnen wollen, fallen besonders auf.

Die dogmatische Haltung ist geneigt, den 'okkulten' Aspekt überzubetonen und in eine Geheimniskrämerei zu verfallen, die einen vernünftigen Informationsaustausch unmöglich macht. Behauptungen müssen oft als Offenbarungen oder ehrwürdige alte Weisheiten - nichts gegen solche! - hingenommen werden. Zwar erreicht man eine gewisse psychische Überreiztheit mit dieser Haltung, die in Annäherung an die dann emotional überbewerteten 'geheimnisvollen' Gegenstände und Riten leicht zu echten psychischen Phänomenen führen kann. Doch die damit notwendig verbundene unkritische und ängstliche Grundhaltung läßt eine vernünftige Verarbeitung und Integration der Phänomene in die eigene Psyche nicht zu.

Auf der anderen Seite - und zum Teil als Reaktion auf diese Art Magie zu betreiben - steht der pragmatische Ansatz, der von angelsächsischen Autoren stark vertreten wird (siehe auch den Artikel von Frater V.-. D.".).
Hier wird ohne Geheimniskrämerei und Hokus-Pokus mit psychologischen Ansätzen (und manchmal sogar psychologischem Geschick) an die Magie herangegangen. Die Arbeitsweise ist empirisch-pragmatisch: geglaubt wird erst einmal nichts, jedoch wird auch nichts von vornherein abgestritten. Man kann problemlos über alle Phänomene reden - es sind ja eben 'nur' psychische Vorkommnisse und große geheime Bruderschaften, mächtige Geister und romantische Ritualstätten gibt es keine mehr. Der Nachteil, der sich hier sehr schnell einstellt, ist, daß man aufgrund einer zu nüchternen Einstellung manche Phänomene gar nicht erst entstehen läßt, zu sehr an der Stabilität unserer gut anerzogenen 'Realität' hängen bleibt. Auch bleibt die Anziehung des Geheimnisvollen, Unerklärlichen, die oft als Motivation einen entscheidenden Faktor der praktischen Magie darstellt, aus und muß ersetzt werden durch einen übersteigerten Machtanspruch des magischen Ich oder ein abstraktes Evolutionsziel. Ein guter Schuß Romantik tut hier sicherlich not, auch schon deshalb, um nicht auch diesen letzten wirklich bunten Bereich des menschlichen Lebens durch Funktionalisierung, Operationalisierung und Pragmatisierung zu einer Karrikatur seiner selbst verarmen zu lassen.

Letztlich versagen diese beiden Ansätze, weil sie die Komplementarität zwischen Rationalem und Nichtrationalem nicht erkennen und berücksichtigen, weil nicht gesehen wird, daß es diese beiden Bereiche sind, die der Magier zu entwickeln und in seiner Person ausgereift zu vereinen hat, ohne zu versuchen, einen durch den anderen zu ersetzen oder sie undurchschaut durcheinander zu bringen.

Diese Synthese kann man als das hohe Ziel der Magie im weitesten Sinne betrachten. Dabei ist der Magier jemand, der im nichtrationalen Bereich das volle Potential ausschöpfen und integrieren will. Die verwendeten Techniken können vielfältige sein, die auch von anderen Richtungen spiritueller Entwicklung benutzt werden, wenn auch das Ritual die spezifische Technik ist, die man mit 'Magie' meist verbindet - doch ist sie nicht die einzige. Es kommt nicht darauf an, was man macht, sondern wie man es tut, auf die innere Einstellung. Nicht der möglichst direkte Weg zurück in den göttlichen Urgrund bevor die Persönlichkeit voll ausdifferenziert ist, ist das Ziel. Er kann im Extremfall sogar zu einer Regression in ein ,,Uterus-Bewußtsein", die bloße Auflösung, führen. Den Weg, der uns bestimmt ist, müssen wir erst ganz zu Ende gehen, müssen erst ganz Mensch werden und dann dorthin zurückkehren, woher wir gekommen sind. Es sei also gewarnt vor einer Flucht in den nichtrationalen Bereich aus bloßer Scheu vor der Ausdifferenzierung des Rationalen.

Die zweite praktische Klippe, die zu umschiffen ist, ist der Rückfall in kindliche Allmachtsvorstellungen. Der Pseudomagier, der, in großartiger Robe, zauberstab-schwingend meint, das Universum befehligen zu können, verwirklicht nicht die Ganzheit seiner selbst, sondern schwelgt nur in den Illusionen eines aufgeblähten Ego.

Richtig verstanden ist der Magier ein Künstler. Wie der alte Begriff 'königliche Kunst' schon sagt, ist die Magie die Königin der Künste, sie ist die direkte Kunst, die ohne ein Medium zu benutzen, ohne Vermittlung direkt den Menschen und die Welt formt. Das Medium Kunst ist der Magier selbst, die Bühne ist die Welt. Die Gesetze, die dabei herrschen, sind jedoch nicht der Willkür des Menschen unterworfen, der sich bemüht, diese Kunst auszuüben. Wie der Denker die Gesetze der Logik nicht macht, sondern feststellt und mit ihnen arbeitet, so macht auch der Magier nicht die Gesetze seiner Entwicklung, sondern versucht sie- zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Doch läßt sich die Magie nicht nur als Weg der Selbst-werdung verstehen, sondern sie kann auch im Dienste einer Aufgabe eingesetzt werden, die ein Mensch im Leben zu bewältigen hat. Wer beispielsweise Arzt ist, hat die Möglichkeit, diese Aufgabe nur rational mit den Mitteln der Medizin oder Homöopathie zu lösen. Er kann aber auch seine Gesamtpersönlichkeit dafür einsetzen und mit nichtrationalen Mitteln arbeiten. Im äußersten Falle würde dies bis zu einer Identifikation mit dem Archetyp des Heilers - bzw. zur heiligen Besessenheit durch die Gottheit der Heilung - führen. Solch eine Identifikation - wenn sie bewußt erfolgt - wäre dann magisch als gelebte Invokation zu bezeichnen.

Wir wollen zunächst einige allgemeine Methoden erörtern, um dann das Beispiel des kleinen Pentagrammrituals zu geben.

Wie wir gesehen haben, geschieht die eigentliche Arbeit in der Magie außerhalb des uns zunächst Bewußten. In den Tiefen unserer Psyche soll aus dem grauen wertlosen Graphit der klare funkelnde Diamant geschaffen werden. Das Material bleibt das gleiche, nur die Struktur wird geändert, bzw. ändert sich. Bei der Kultivierung und Entwicklung unseres nichtrationalen Teils ist es am günstigsten, mit dem Naheliegenden zu beginnen. Denn direkt unter der Oberfläche dessen, was wir normalerweise beachten, liegen schon die Anfänge des Bereichs, in den wir wollen, den wir zur Bewußtseinsfähigkeit bringen wollen.

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Unser Gefühl, unsere Phantasie, Träume und Tagträume, die Intuition, die uns mit unerwarteten 'Geistesblitzen' überrascht, und unser Körper mit seiner ganzen Sinnlichkeit gehören zu den vernachlässigten Bereichen unseres Selbst, die zunächst beachtet und ausdifferenziert werden müssen, bevor in tiefere Bereiche fortgeschritten werden kann. Gefühl, Intuition und Imagination sind sozusagen die Wahrnehmungsorgane unserer Psyche in ihren - zunächst -unbewußten Schichten. Nun gibt es zur Entwicklung all dieser psychischen Fakultäten so viele Anleitungen und Techniken, daß es müßig wäre, hier noch länger darauf einzugehen. Es sei nur auf einige Dinge hingewiesen: Wer eine 'geistige' Entwicklung anstrebt, der muß zunächst mit seinem Körper umgehen, ihn direkt fühlen lernen - auch wenn dies manchem immer noch paradox erscheint. Der Körper ist der Teil von uns, der am weitesten im Nichtrationalen verblieben ist, und er kann uns ein guter Führer sein. Dabei darf man sich natürlich nicht an das hängen, was man für den biologisch-physischen Körper hält (das wäre eben die rationale Sichtweise), der Körper als Ganzheit ist viel mehr, ist im weiteren Sinne auch übersinnlich.

Ein weiterer Bereich, wo uns unsere nichtrationale Seite ständig ohne unser Zutun zugänglich ist, sind unsere Träume. Die Traumarbeit ist ein sehr vielversprechendes Gebiet für den 'magischen Anfänger'.

Gemeint ist nicht eine systematische Rationalisierung der Trauminhalte, sondern wirkliche Verarbeitung. Echte Traumarbeit ist gar nicht so einfach, wie es zunächst scheint - vorausgesetzt natürlich, man betreibt sie ernsthaft und sieht sein Unbewußtes nicht nur als einen Kuchen an, aus dem es die Rosinen herauszupicken gilt.

Selbstverständlich ist auch jede echte künstlerische Betätigung geeignet, weiter in diesen Bereich hineinzuführen und uns zur hohen Kunst an uns selbst, der Magie, zu führen.

Es ist entscheidend wichtig, in die Gefühle, die Sinnlichkeit, die Träume und Kunstwerke wirklich hineinzugehen, sich zu identifizieren und nicht als distanzierter Beobachter außen vor zu bleiben und zu versuchen, die 'Produkte' des Unbewußten für sich in Anspruch zu nehmen. Das Ziel ist, um dies nochmals zu betonen, die Entwicklung neuer geistiger Funktionen durch gerichtete Aufmerksamkeit auf den Körper, das Träumen, die Gefühle, die Kunst etc. Gerichtete Aufmerksamkeit - nicht intelektuelle Analyse!

Obige Fähigkeiten müssen bis zu einem Maximum entwickelt werden, denn aus ihnen leiten sich alle weiteren magischen Praktiken und Techniken her - ohne sie wird nie etwas wirklich gelingen.

Gelingt es nun, in den nichtrationalen Bereich der Psyche hineinzukommen, so wird man feststellen, daß man mit den normalen Formen des Verhaltens und der Verarbeitung von Vorgängen nichts mehr anfangen kann. Es gelten dort andere Gesetze, die Gesetze des Traums und des Märchens. Es ist sehr hilfreich, die alten Märchenbücher zu Rate zu ziehen, um neue Verhal tensstrategien in unserem unbewußten Bereich zu entdecken.
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Dort kann man noch lernen, unter welchen Umständen sich Kohle in Gold verwandelt oder wie man das Wasser des Lebens findet. Alle Theorien, die wir uns vorher von den Vorgängen im dunklen Teil unserer Seele gemacht haben (und dazu zählen auch die sog. okkulten Theorien!) versagen da plötzlich, wo es auf uns selbst ankommt, auf das, was wir wirklich "verinnerlicht haben an Wissen und Gewissen. Was wir immer glaubten, was wir seien, und alle guten Vorsätze werden da plötzlich als Illusionen entlarvt und wir werden ziemlich brutal mit unserem nackten Ich konfrontiert, was einem ja schon in Träumen dauernd passieren kann, sofern man sie zuläßt.
Deshalb ziehen es dann auch viele vor, diesen Schmerz zu meiden und hinter einem magischen Kreis und einer Pentagramm-Palisade gut verschanzt sich der Illusion hinzugeben, daß die Geister auf ihre Machtworte hören würden.

Unter Voraussetzung der vorigen Entwicklungen kann man sich nun sinnvoll den Techniken nähern, die als die eigentlich 'magischen' bekannt sind: Invokationen, Divinationen, Evokationen usw. Man kann zwar auch schon frühzeitig beginnen, mit solchen Techniken zu arbeiten, eben um die o.g. Fakultäten des Nichtrationalen zu fördern. Das geschieht dann aber nur zu Übungszwecken und sollte mit der eigentlichen Ausübung der Techniken nicht verwechselt werden. Es ist eben ein Unterschied zwischen den Sezierungen eines stud. med. und einer wirklichen Operation.

Es könnte sich die Frage stellen, welche Notwendigkeit überhaupt noch Rituale haben, wenn man mit den vorher angedeuteten Techniken schon in der Lage ist, seine nichtrationale Persönlichkeitshälfte zur Reife " zu bringen. Sicherlich kann man sich darauf beschränken, wenn es reicht! Doch entwickelt meist die reifende Psyche in sich selbst das Bedürfnis nach Ausdruck. Was Sprache und Schrift im Rationalen leisten, das ist Kunst und Ritual im Nichtrationalen. Das Ritual ist besonders geeignet, lebende Strukturen und Vorgänge der Psyche auszudrücken und sie so stärker ins Bewußtsein zu heben. Man könnte das Ritual auch als ein dramatisiertes lebendes Mandala bezeichnen. Wie das Mandala aber, ist auch das Ritual nicht nur Ausdrucks-, sondern auch Eindrucksmittel. Es ist besonders geeignet, der Psyche bestimmte Vorgänge zu induzieren, indem ihr äußeres Analogen dramatisiert wird. Daher ist es wichtig, daß jedes Ritual dem Zweck entsprechend strukturiert und möglichst leicht durchschaubar ist.

Es gilt nicht, daß eine Zeremonie umso wirkungsvoller sei, je unverständlicher und länger ihr Text und je verwickelter ihre Handlungsweise.

Man wählt ja auch für eine Suggestionsformel einen kurzen, prägnanten Satz und nicht einen langen Lehrtext, und ein Kind spricht zuerst in kurzen, klaren Sätzen. Daher sollten gute Riten möglichst klar, durchschaubar und schlicht sein, auch schon um unvorhergesehene, unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden.

Ein Ritual kann zwar dazu dienen, der Psyche neue Symbole einzugliedern, aber zumindest der größte Teil der verwendeten Symbolik sollte bereits bedeutungsgeladen sein. Es bietet sich immer an, Symbole zu verwenden, die man schon aus Träumen, Visionen oder geliebten Märchen gut kennt.

Für diejenigen, die beginnen, ihre ersten Ausflüge in den nichtrationalen Bereich zu machen, ist es existentiell wchtig, die Bereiche klar gegeneinander abzugrenzen. Es ist dafür sinnvoll, eine bestimmte rituelle Geste festzusetzen, die zu Beginn die Pforte zur Anderweit öffnet und zum Schluß wieder schließt. Diese Geste kann im Ziehen eines magischen Kreises, einem bestimmten Zeichen, im Anzünden einer bestimmten Kerze oder dem

Aussprechen eines bestimmten Wortes bestehen. Zwar ist das Ziel der magischen Entwicklung, beide 'Hälften' der Psyche bewußtseinsfähig zu machen, und letztlich erübrigt sich dann die Pforte, aber für Anfänger, deren Hauptanteile des Nichtrationalen noch unbewußt sind, würde eine Verwischung der Grenzen zur „Inflation des Bewußtseins" (in Jungscher Terminologie) und zur Psychose führen. Diese Gefahr, vom 'Unbewußten' überwältigt zu werden, sollte auf gar keinen Fall unterschätzt werden, zumal gerade diejenigen, die diese Schwelle anfangs am leichtesten überschreiten können, häufig psychisch recht labil sind. Eine gute Sicherung ist es immer, mit anderen zusammenzuarbeiten.

Das Ziel der Bannung ist, die psychische Athmosphäre vor den eigentlichen rituellen Handlungen zu klären. Der innere Horizont wird von allen Wolken befreit, so daß die darauf angerufenen Kräfte deutlich an einem klaren Himmel erscheinen können.

Die Schlußbannung sorgt dann dafür, daß keine unerwünschten Wirkungen 'im inneren Raum hängenbleiben'. Durch die psychische Zentrierung zu Beginn eines Rituals wird einerseits die notwendige Konzentration geschaffen und andererseits das 'höhere Selbst' angerufen, den Kern der Person zu stützen, damit man sich nicht in den vielfältigen Erscheinungen des Psychischen verliert.

Wichtig ist allein, daß das klare Gefühl auftritt, nach einem deutlichen Übergang ins Nichtrationale gut innerlich zentriert in klarer psychischer Athmosphäre arbeiten zu können.

Wir werden daher das nun folgende Pentagrammritual nicht mehr theoretisch analysieren, sondern einfach in einer praktikablen Form vorstellen. Es ist eine sehr bekannte Technik, Anfang und Ende eines Rituals zu gestalten und erfüllt alle Anforderungen, die an Übergang, Bannung und Zentrierung zu stellen sind. Abwandlungen der hier gegebenen Form sind möglich, solange die Grundstruktur erhalten bleibt.

Besonders die Farben und Vorstellungen sind den eigenen Erfordernissen so anzupassen, daß wirklich die Kräfte wachgerufen werden, die man erreichen will. Grundlage des rituellen Lebens ist, daß es nicht eine abstrakte Struktur bleibt, sondern mit den lebendigen Impulsen möglichst aller Sinne und Gefühle gefüllt wird.

Das Pentagrammritual:

Es besteht aus vier Teilen:
1. Qabalistisches Kreuz
2. Ziehen der Pentagramme
3. Anrufen der Erzengel
4. Qabalistisches Kreuz

Das Ritual beginnt mit Blickrichtung nach Osten und die Gesten werden mit der rechten Hand durchgeführt. Dazu streckt man Zeige- und Mittelfinger aus und bedeckt die anderen beiden mit dem Daumen. Der Kreis wird um den Ritualplatz geschlossen, indem er entweder auf den Boden aufgezeichnet oder sehr intensiv visualisiert wird. Er sollte während des Rituals nicht verlassen werden.
Danach ieder Blickrichtung Osten.

1. Qabalistische Kreuz

Berühre die Stirn und sprich:
ATEH (Du bist)
Berühre die Brust und sprich:
MALKUTH (das Reich)
Berühre die rechte Schulter und sprich:
VE-GEBURAH (und die Kraft)
Berühre die linke Schulter und sprich:
VE-GEDULAH (und die Herrlichkeit)
Kreuze die Hände auf der Brust und sprich:
LE-OLAM (in Ewigkeit)
AMEN (So ist es).

Während man dies durchführt, sollte man sehr intensiv visualisieren, wie die Hand eine Linie von weißem Licht zieht, durch die Krone des Kopfes in den Körper strömend und in den Solarplexus absteigend und von da aus zu den Füßen. Genauso von der rechten zur linken Schulter, während man »ve-Geburah«, »ve-Gedulah« sagt und so bildet man ein Kreuz aus Licht durch den ganzen Körper. Im Zentrum des Kreuzes kann man eine Rose visualisieren, während man »Le-Olam, Amen« vibriert.

2. Ziehen der Pentagramme

Für das kleine Pentagrammritual wird die Form des Pentagramms der Erde verwandt; also:


Es wird in Pfeilrichtung beginnend vor dem Körper mit etwa einem Meter Gesamthöhe gezogen und dabei intensiv visualisiert, wie der Hand ein weißlich-blau schimmerndes Band folgt, so daß anschliessend ein strahlendes Pentagramm an der Stelle im inneren Raum stehen bleibt. Man kann die Bewegungen sehr vorteilhaft mit dem Atem verbinden, indem man bei den Aufstrichen ein- und bei den Abstrichen ausatmet.

Immer noch in Richtung Osten blickend, schreibt man das erste Erdpentagramm. Während man ieder einatmet, zieht man die Hand zurück an die Brust, sticht in die Mitte des Pentagramms und vibriert denGottesnamen JHVH (Jäh-ho-va, oder: Jod-He-Vau-He) obei voll ausgeatmet wird.

Die Hand bleibt ausgestreckt und man wendet sich nach Süden, wiederholt den gleichen Vorgang und vibriert ADNI (Ah-do-nai).

Nach Westen wird nach der Ziehung des Pentragramms intoniert: EHIH (Äe-hi-iäh).

Zum Schluß Gleiches nach Norden mit dem Gottesnamen AGLA (Ah-g-lah).

Dann dreht man sich mit immer noch ausgestreckter Hand zum Ausgangspunkt im Osten zurück.

Außer der starken Visualisierung der Pentagramme, die nach Möglichkeit alles außerhalb des Kreises verschwinden läßt, stellt man sich beim Vibrieren der »Gottesnamen« vor, daß der Klang bis zum Ende des Universums getragen wird und alles erfüllt. (Anmerkung: der Brustkorb sollte »vibrieren«.)

3) Anrufung der Erzengel (d.h. der Hüter der Elemente)

Strecke die Arme seitlich waagrecht aus und sprich:

Vor mir Raphael
Hinter mir Gabriel
Zu meiner Rechten Michael
Zu meiner Linken Auriel
Denn um mich flammt das Pentragramm
Und über mir scheint der sechsstrahlige Stern.

Die Namen werden jeweils lang und laut vibriert, während man die menschengestaltigen Formen der Erzengel visualisiert.

Raphael im Osten ist der Hüter der Luft. Er trägt ein gelbes Gewand und einen Stab, manchmal auch einen Salbentopf. Ihm unterstehen Denken, erwartungsvolle Freude und Wind, und er wird als Heiler gesehen.

Gabriel im Westen ist Hüter des Wassers. Er trägt ein blaues Gewand und einen Kelch, meist steht er in klarem, strömendem Wasser. Er drückt Liebe aus, mystische Allverbundenheit und Gefühl. Mit ihm ist auch der Mond verbunden.

Michael im Süden ist der Hüter des Feuers, trägt ein leuchtend rotes Gewand und ein Flammenschwert. Er steht für Energie, Wille, Führung und Schutz.

Auriel im Norden ist Hüter der Erde. Sein Gewand ist erdfarben braun, oliv und dunkel. Er trägt einen Früchtekorb und steht manchmal auf einem Pentakel, meist in Weizenfelder in deren Hintergrund ferne Berge zu sehen sind. Er symbolisiert Fruchtbarkeit, Festigkeit, Dauer und Selbsterkenntnis (trägt manchmal auch einen Spiegel).

4. Qabalistisches Kreuz

Dieses schließt den rituellen Zyklus und beendet das Pentragrammritual.


1) Die Begriffe »rational und nichtrational« sind in diesem Zusammenhang beschreibend und nicht als exakte philosophische Begriffe zu verstehen, wenn auch eine klare Definition möglich ist, die aber diesen Rahmen übersteigt.

2) Die Autoren möchten hier grundätzlich alle weiblichen Leser um Entschuldigung bitten für den ausschließlichen Gebrauch der männl. Artikel und Pronomina. Eine doppelgeschlechtliche Schreibweise (der/die etc.) würde den Text unlesbar machen und wir bitten deshalb, die Eigenschaft unserer Sprache, »eingeschlechtliche« Sammelbegriffe zu bilden, einstweilen hinzunehmen.


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