LUCIFER / LUCI - FER

Zur Psychologie des Dämonischen

von Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 2/82.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

 

Mit freundlicher Genehmigung von Jörg Wichmann freigegeben für Publikation auf Boudicca's Bard



(In diesem Beitrag wird grundsätzlich die Magie als ein In-dividuationsweg verstanden, ein Weg zu größerer seelischer Reife und zur Erleuchtung - zu dem Ziel, zu dem letztlich alle Techniken führen, wenn sie richtig verstanden werden. Wer Magie als Hobby oder Psycho-Sport betreiben möchte, mag diese Ausführungen getrost überschlagen. Wenn ich auch häufig tiefenpsychologische Termini benutze, so geschieht dies nur aus didaktischen Gründen. Eine 'Psychologisierung' der Magie im Sinne des so beliebten Reduktionismus liegt mir fern.)

Es findet sich in 'magisch arbeitenden Kreisen' heutzutage ein erstaunlich großer Eifer, Dämonen zu beschwören oder sich an dem zu versuchen, was man dann für 'Schwarze Magie' hält. Dabei wird im allgemeinen munter davon ausgegangen, daß die Unterschiede zwischen weißer und schwarzer Magie ja längst überholt sind — Monismus ist (verbal) 'in' — und daß die moderne Psychologie ja längst gezeigt habe, daß der Mensch sieh auch mit seinen dunkleren Seiten auseinandersetzen muß.

Dies alles ist gewiß richtig, doch ich denke, daß solche Ansichten meistens nur als Entschuldigungen dafür dienen, sich eben nicht mit den 'dunkleren Seiten' auseinanderzusetzen, sondern sich ein Nachtseiten-Surrogat zu schaffen, das man dann fröhlich beschwören kann und das einem nicht nur nicht wehtut, sondern auch noch Geld, Macht und Lust bringen soll.

Deshalb habe ich vor, hier einmal die Dämonen etwas näher unter die Lupe zu nehmen, die da so beschworen werden.

Eigenschaften, die diesen dämonischen Wesen zugeschrieben werden, sind: Aggressivität, Wildheit, Lüsternheit, Macht, Häßlichkeit oder berückend-verführerische Schönheit, Gefährlichkeit, dumme Grobheit oder berechnende Intelligenz. Besonders beliebt sind natürlich immer die Dämonen, die mit Sexualität oder Geld im Bunde stehen. Und viele Magier kommen sich dann sehr verworfen und finster vor, wenn sie versuchen, solche Dämonen zu rufen und sich dienstbar zu machen. Aus der Sichtweise der in unserer Kultur gängigen Moralvorstellungen mag das sicherlich auch stimmen.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß die aufgezählten Eigenschaften zu den in der christlichen Ethik und in unserer Gesellschaft verpönten gehören. So kann also der solches beschwörende Magier mit Recht für sich in Anspruch nehmen, daß er an die Nachtseite der menschlichen Psyche rührt.

Es kommt aber eben nicht darauf an, einen Schatten zu beschwören, sondern seinen eigenen. Und diesen eigenen Schatten empfindet man nun mal notwendigerweise immer als negativ, abstoßend, unerquicklich und furchterregend - sonst wäre es nicht der Schatten. Ich verwende hier C. G. Jungs Begriff des Schattens, da er formal und nicht inhaltlich definiert ist und sich daher hier besonders gut anwenden läßt.

Wenn also z.B. der Frater S.·. M.·. in seiner inzwischen weithin berüchtigten Jack-the-Ripper-Invokation einen Dämon der Aggressivität in seine Psyche einläßt, so hat er damit nicht einen Bestandteil seines Schattens aufgearbeitet, da er ohnehin schon immer auf seine sadistischen Tendenzen stolz war und es ihm einen Riesenspaß gemacht hat, mit der genannten Invokation seine lieben Mitmenschen zu schockieren. Die geeignete Invokation für Frater S.·. M.·., um seinen Schatten zu integrieren, wäre vermutlich die des Geistes einer viktorianischen Gouvernante oder eines bornierten Moralpredigers. Das Charakteristische des Schattens oder des Dämons ist keineswegs das 'Böse', wie es so schön handlich in Grimms Märchen präsentiert wird. (Ursprünglich kommt der Begriff 'daimon' aus dem Griechischen und bedeutet dort ganz neutral etwas Numinoses, etwas Göttliches, etwas, das mit heiligem Schauer erfüllt. Der heutige gängige Dämonenbegriff erfaßt davon nur noch einen Teilaspekt und wird auch in diesem Beitrag nur als Wesen verstanden, das schattenhafte Züge trägt).

Derjenige Aspekt unserer Psyche, den Jung so treffend als den Schatten beschreibt, ist also die Summe, bzw. Personifikation der Persönlichkeitsanteile, die uns unbewußt sind, weil wir sie nicht wahrhaben wollen, uns ihrer schämen oder sie fürchten. So fürchtete der mittelalterliche Mönch oder fromme Einsiedler die eigene Sexualität, die ihn natürlich bei jahrelanger Enthaltsamkeit entsprechend verlockte und quälte. Eine der gefürchtetsten dämonischen Erscheinungsformen jener Zeit war daher der Buhlteufel — der Succubus den Männern, der Incubus den Frauen. Die Buhlteufel waren nackt und verführerisch hübsch und boten sich zum Geschlechtsverkehr an. In einer Zeit und Kultur, in der der Geschlechtsverkehr nicht mehr als teuflische Handlung angesehen wird und für einen Magier, der vor dem Anblick eines nackten Mädchens nicht panische Angst hat, ist es natürlich völlig albem, die Beschwörung von Buhlteufeln und nächtlichen Succubi als Umgang mit Dämonen (im unüblichen Sinn des Wortes) zu deklarieren. Es ist natürlich nichts Grundsätzliches gegen eine solche Beschwörung einzuwenden, außer eben, daß sie ein geeignetes Mittel darstellen kann, sich vor den eigentlichen psychischen und magischen Schwierigkeiten zu drücken, in dem Glauben, man wäre ja schon dabei, an seiner dunklen Seite zu arbeiten.

Es gibt also nicht den Schatten, der einem erscheint oder irgendeine vorhersehbare Gestalt, in der er sich manifestiert; sondern jeder Mensch muß für sich selbst herausfinden, mit welchen Inhalten der eigene Schatten gefüllt ist. Und sich mit diesen Inhalten zu konfrontieren, sie sich ins Bewußtsein zu heben und sie so eventuell zu bewältigen und ins Leben zu integrieren, das ist echte magische Arbeit. Aber das kostet auch Zeit und Energie und Anstrengungen wie jedes Beschreiten des Individuationsweges. Wer sich nun auf die Suche nach seinem Schatten machen will, der fange am besten mit den Eigenschaften an, die er an seinen Mitmenschen besonders wenig leiden kann, mit den Ansichten, die ihn schon immer besonders gestört haben und mit den Bildern, die ihn am meisten schockieren. Wenn er all diese als Teile seiner selbst begriffen und anerkannt hat und über die anfängliche Verwirrung hinweg ist, ist der erste Schritt getan. Die tieferen Bereiche des Schattens kann man meist nicht mehr suchen. Sie erscheinen dann, wenn der magische, bzw. psychische Entwicklungsprozeß weit genug ist, von allein. Die wirklich wichtigen, tiefgehenden Entwicklungsschritte kann man nicht 'machen' oder forcieren, man kann sich die Rituaie dafür nicht ausdenken. Diese Schritte ergeben sich irgendwann als innere Notwendigkeit. Jede gelungene Beschwörung, in dem Sinne, daß sie zu größerer psychischer Reife führt, ist mit tiefer innerer Betroffenheit verbunden, mit einem Aufgewühlt- und Umgekrempeltwerden der Persönlichkeit. Wo dies nicht eintritt, ist auch kein weiterer Schritt getan worden. Das beste Zeichen für ein psychologisch ineffektives Ritual ist es, wenn man hinterher noch ohne Schwierigkeiten stundenlang Urlaubspläne diskutieren oder fernsehen kann.

So wird Lucifer nur dann zum Lichtbringer (lat. lux — Licht, ferre — tragen), wenn man den Schatten ernsthaft und auch schmerzhaft konfrontiert und nicht nur mit irgendwelchen überkommenen Magieklischees spielt.


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