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Germanische Götter

von Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 3/83.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

Mit freundlicher Genehmigung von Jörg Wichmann freigegeben für Publikation auf Boudicca's Bard


EINLEITUNG

 

Ich finde es erstens charakteristisch, daß wir unter 'Mythologie' bislang nur die griechische und ägyptische behandelt haben und auch charakteristisch, daß ich jetzt das Bedürfnis habe, für den Artikel über germanische Gottheiten eine Einleitung zu schreiben und es irgendwie zu rechtfertigen, warum wir uns überhaupt damit beschäftigen.

Charakteristisch ist dies für die lange eingeübte Verdrängung unserer eigenen Mythologie und Sagenwelt.

Nicht nur die herrschende Religion ist für diese Verdrängung verantwortlich, sondern auch die Tatsache, daß sich seit Beginn des Jahrhunderts (vor 200 Jahren war das noch anders) anscheinend nur Reaktionäre und Rassisten (Marby, v.List, v.Liebenfels etc.) für unsere Mythen interessieren und das germanische Weltbild in ihr 'arisches Weistum' zurechtbiegen, so daß jedem, der auch nur etwas von den Originalmythen kennt, recht übel werden kann.

Diese Tatsache, daß die Beschäftigung mit den Germanen schon fast charakteristisch für eine rassistische Haltung war und ist und daß man unversehens, wenn man für eine Rückbesinnung auf die Wurzeln auch unserer eigenen europäischen Kultur plädiert, sofort ungerufenen Beifall aus den braunen Lagern bekommt, ist es, die mich lange davon abgehalten hat, näher auf die Gottheiten unserer Vorfahren einzugehen.

Doch wie Margrit Burri in ihrem hervorragenden Buch 'Germanische Mythologie' aufzeigte, kommen wir nicht darum herum, uns mit den archaischen Götterbildern wieder auseinanderzusetzen, die noch in den Tiefen unserer Seelen schlummern. Wir können es uns nur aussuchen, ob es ein Versinken in den Wahn ist (wie im arischen Rassenwahn des III. Reichs) oder ein fruchtbringendes Erwachen. Je weniger wir von unserer Vergangenheit wissen und ihre Werte und Schönheiten schätzen gelernt, ihre Fehler zur Kenntnis genommen haben, umso leichter lassen sich ihre Bilder für die ideologischen Zwecke des Machtwahns mißbrauchen.

Die Hauptschwierigkeit bei dieser Auseinandersetzung ist die extrem schlechte Ouellenlage. Die Gedichte und Fragmente, die zur Älteren Edda zusammengefaßt sind, wurden für Isländer gedichtet, die ihre Mythen schon gut kannten, die jüngere Edda ist zwar ausführlicher, aber eher als Merkhilfe für angehende Skalden (Dichtersänger) gedacht, als daß sie die wirkliche Religion der Bevölkerung spiegelte. So müssen wir aus den beiden Edden, aus einigen Sagas, aus Steininschriften, einigen Anmerkungen von Tacitus und Caesar, Orts- und Personennamen mühsam zusammenklauben, was wohl die geistige Welt der Germanen einst strukturiert haben mag.

Die Edda als 'Bibel' der 'germanischen Religion' zu benutzen ist schlicht Unfug. Erstens gab es nicht die germanische Religion (die Edda ist isländisch), zweitens gab es nicht die Germanen (sondern viele sehr verschiedene, z.T. zerstrittene Stämme) und drittens waren nur wenige der Germanen des Schreibens kundig, die Tradition wurde durch Erzählung und Kulthandlung weitergegeben, änderte sich also von Generation zu Generation.

Daß sich bei einer solchen Lage die Gelehrten trefflich streiten können, dürfte sich von selbst verstehen. Da nichts daran liegt. Ihnen hier Akademikerstreit um Detailfragen vorzuführen, will ich versuchen - trotz der genannten Schwierigkeiten - ein möglichst geschlossenes Bild darzustellen, das allerdings mehr ein Puzzle als ein Gemälde ist. Halten Sie sich aber bitte stets vor Augen, das fast alles uns Bekannte aus einem kleinen Zeitraum (schon christlich!) aus Island stammt und für unseren Raum nur bedingt zutrifft. (Es spricht jedoch manches für eine weiträumige Ähnlichkeit der Mythen.)

Die Mythologie wird zunächst unkommentiert dargestellt. Für fundierte Kommentare verweise ich nochmals auf das Buch von Burri (Rez. s. UNICORN V. S.118)



Allen Edeln gebiet ich Andacht,
Hohen und Niedern
von Heimdalls Geschlecht;
Du willst, Walvater,
daß ich würdig dir künde,
Die ältesten Sagen,
der ich mich entsinne.

So beginnt die Völuspa, das große Lied, das die Völva singt vom Aufstieg und Untergang Midgards, das Lied, das wie ein großer Schlußakkord den Höhepunkt der nordischen Dichtung und Kunst bildet und die Schau von Beginn, Ende und Neubeginn der Welt, von Göttern, Alfen und Menschen besingt.

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Und so ist das aus dem Norden überlieferte Bild vom Schicksal der Welt:

Vor Beginn derselben war nichts als ein gähnender magischer Abgrund, an dessen Nordende Niflneim seine kalten Dunstschwaden ins Nichts sandte und an dessen Süden die Flammen Muspellheims in die Leere leckten. Da enstand im Abgund Ymir, aus dessen Fleisch die Erde, aus dessen Blut das Meer, aus dessen Gebein die Berge und aus dessen Schädeldecke der Himmel gemacht ist. Zunächst nährte sich Ymir von der Milch, die in vier Strömen aus dem Euter der Kuh Audumla floß. Aus schmelzendem Eis war diese entstanden und aus dem salzigen Eis leckte sie einen Mann: Buri, dessen Sohn Bor mit Bestia die drei Söhne Odin, Willi und We hatte. Diese drei töteten Ymir und schufen aus ihm in der Mitte des magischen Abgrunds Midgard, die gründende umfriedete Erde.

Doch im Meer rings um Midgard liegt die große Schlange, der Midgardwurm, der sich in den eigenen Schwanz beißt und eine der größten Gefahren der Welt ist.

Über der Quelle der Urd, in deren klaren Wassern zwei weiße Schwäne schwimmen, steht Yggdrasil, die immergrüne riesige Weltesche, von deren Blättern der goldene Met der Götter tropft und deren unergründliche Wurzeln zu Hei, zu den Riesen und zu den Menschen reichen. Im Geäst des Weltenbaumes sitzt ein weiser Adler, zwischen dessen Augen ein Habicht sitzt, Hirsche gehen in ihr umher und äsen von den Blättern, wie auch die Ziege Heidrun, die den göttlichen Met gibt. Das Eichhörnchen Ratatösk läuft ständig zwischen Gipfel und Wurzeln hin und her und überbringt die Beschimpfungen, die der Adler und der Drache Nid-högg, der an den Wurzeln der Esche zehrt, untereinander austauschen. Sehr bedroht ist so der welterhaltende Baum von den unzähligen Drachen und Würmern, die seine Wurzeln und Seiten angreifen, doch ist er auch die Thingstätte der Götter und täglich schöpfen die Nomen das heilige Wasser aus dem Urdbrunnen
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über den Baum, um ihn frisch zu erhalten, denn während des großen vernichtenden Fim-bulwinters gibt er dem einzigen überlebenden Menschenpaar Raum, Schutz und Nahrung.

Mimirs Baum heißt er auch nach dem weisen Riesen, der der Bruder von des Walvaters (Odin) Mutter ist. Rat spendend sitzt Mimir an seiner heiligen Quelle, die alle Weisheit enthält und aus der zu trinken Odin ein Auge verpfändete.

Außer dem Brunnen der Urd gibt es noch den Brunnen Hvergelmir in Niflheim, aus dem die Urströme entspringen. Niflheim, das Nebelheim, oder Jötunheim, das Riesenheim, ist im Norden oder Osten von Midgard. Rauh und kalt ist es dort; und im Norden ist auch Hei zu finden, die freudlose Welt der Toten, deren gleichnamige Göttin diejenigen Toten aufnimmt, die nicht in der Schlacht gefallen sind. Vor den Toren Hels wacht der Höllenhund Garm, der blutbefleckt und heulend Eindringende bedroht. Ein langer finstrer Weg führt dorthin, der auf einer goldbeschlagenen Brücke über den laut brausenden Fluß Gjöll führt.

Die ruhmreichen Toten der Schlachten jedoch werden nach Wallhall entrückt, der goldenen Wohnstatt der Götter in Asgard. Zwischen Asgard und Niflheim spannt sich die leuchtende Regenbogenbrücke Bifröst, an deren Ende Heimdall ewige Wache hält. Viele Hallen und große, glänzende Säle gibt es in Asgard, doch die goldene Walhalla ist die größte, schönste und wichtigste. Dort, am Weltenbaum, finden die täglichen Versammlungen der Götter statt. Und die Götter schufen den Mond und die Sonne, die von einem Pferd gezogen und von zwei Wölfen begleitet am Himmel ihre Bahn zieht, bis ans Ende der Tage, wenn der Fenrirwolf sie verschlingen wird.

Nachdem die Äsen die Geschlechter der Zwerge und Alfen geschaffen hatten, fanden sie Ask und Embla (Esche und Ulme) bewußtlos am Ufer, gaben ihnen Seele und Leben und schufen so die ersten Menschen.

So ordneten die Asen Tag und Nacht und alle Dinge am Beginn der Zeit, doch über den Asen weben die drei Nomen - Urd, Verdandi und Skuld - die Fäden des Schicksals, das Göttern und Menschen vorbestimmt ist. Am Urdbrunnen unter der Weltesche sitzen die drei weisen Frauen und schneiden Stäbe für das Geschick Midgards und Asgards.

Dies ist das Bild vom Aufgang und Aussehen der Welt, wie die Schau der großen nordischen Seherin, der Völva, es zeigt. Später wird ihr Verderben und Untergang erzählt werden.

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Die 9 Welten der
germanischen Mysterien
M.P.Hall in 'Gimle'
Nr.6, Stockholm 1983
Von oben nach unten;
Spalte links:
Nifl-heim und Vana-heim
Spalte Mitte: Asgard, Alf-heim, Midgard,
Svartalfa-heim, Hel-heim

Spalte rechts: Jotur-heim und Muspells-heim


DIE KLEINEN GEISTER UND RIESEN


Für die Germanen existierte nicht nur die äußere Welt, die er "sehen und anfassen" konnte, sondern die Welt war bevölkert mit geistigen Wesen, Alfen, Zwergen und Toten, die nicht immer unmittelbar wahrnehmbar waren, sich jedoch denjenigen Menschen, die mit dem zweiten Gesicht begabt waren und vielen anderen in besonderen Situationen ihres Lebens zeigten. Dies konnte in seelischen Extremlagen geschehen, in der Todeswundheit auf dem Schlachtfeld, in ekstatischer Verzückung oder im Wahrtraum. So weit ging diese Begabung zum Kontakt zur Welt der Unsichtbaren, daß es als Krankheit galt, im Traum nicht mehr mit anderen Seelen Kontakt haben zu können.
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Als besonders seherisch begabt galten den Germanen die Frauen, von denen manchen deshalb besondere Ehren erwiesen wurden. Die Fähigkeit der Schau und besonders die der Zauberei war jedoch immer eine zwiespältige Sache und oft waren die Dienste und Künste der Zauberer und Hexen nicht nur gefragt, sondern auch gefürchtet und unheimlich.

Besondere Techniken der Weissagung bestanden darin, sich entweder durch rituelle Gesänge in Trance zu versetzen und die Fragen der Anwesenden zu beantworten, oder es wurden Buchenstäbchen, in die Runen eingeritzt waren, zum Orakelwerfen benutzt. Es wurde jedoch auch aus der Kehle von geopferten Gefangenen laufendes Blut (bezeugt für die in Italien kämpfenden Kimbern) und der Flug der Vögel als ein Prophezeiungen inspirierendes Medium benutzt. In heiligen Hainen wurden weiße Pferde gehalten, aus deren Verhalten die Priester den Willen der Götter zu deuten verstanden (laut Tacitus).

Die nähere und weitere Umgebung der Menschen, die Häuser und Gärten, Wiesen und Felder, Haine und Sümpfe waren mit Alfen und Zwergen bevölkert und in den Wolken, den Stürmen, den treibenden Eisbergen, Gletschern und rauhen Gebirgen sah man Ausdrucksformen und Taten der Riesen.

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Im Wachstum der Pflanzen und Tiere auf dem Acker und in der wilden Natur offenbarte sich nicht nur das Wirken der Götter, sondern auch mannigfacher anderer hilfreicher oder verderblicher Geister (mit 'Geister' seien hier alle Gattungen von Alten, Zwergen, Riesen usw. genieint, die unterschieden wurden) .

Da gibt es die Hausgeister, die meist harmlos oder hilfsbereit sind und deren Dienste mit kleinen Mengen an Nahrungsmitteln, die man an bestimmten Plätzen für sie deponierte, belohnt wurden. Dann sind da die Landwichte, die sich um das Wachstum auf den Feldern kümmern und einem Landstrich Fruchtbarkeit und Wohlergehen bringen, aber Mißernten und Dürre, wenn sie erschreckt oder verärgert das Land verlassen. Die Zwerge sind Wesen, die hauptsächlich die Erde und das Gestein bevölkern und große Kunstfertigkeit in der Herstellung von handwerklichen Arbeiten haben; viele dieser Arbeiten erlangten wegen ihrer magischen Kräfte große Berühmtheit, wie .z.B. die Schwerter Balmung und Mimung.

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In den klaren Bächen und in den zahlreichen Seen halten sich die Wassergeister, die Nixen und Nöcke auf, deren Verkehr mit den Menschen meist sehr rege war und die ihm Liebeslust bescheren oder aber ihn in ein nasses Grab locken können.

Der Name Elfen, Alten, Alben oder Eiben galt sowohl für die Gesamtheit der kleineren Geister (.im Unterschied zu den Riesen), als auch für eine Gruppe recht menschenähnlicher Wesen, die ziemlich ungebunden hauptsächlich die Wälder und Auen bevölkern. Man unterschied je nach ihrer gut- oder bösartigen Gesinnung Licht-, bzw. Dunkel-und Schwarzalben.

Ein grobschlächtiges, meist nicht besonders kluges Volk sind die Riesen, Jöten oder Trolle, die ältesten Wesen der Welt. Ihr Lebensbereich sind die riesigen nördlichen Eismassen, die Stürme und Unwetter, die Berge und das Meer. Aufgrund ihrer Grobschlächtigkeit war das Verhältnis der Menschen zu ihnen meist nicht sehr positiv, denn sie sind die großen Zerstörer und selbst Erzfeinde der Götter. Doch darf man nicht vergessen, daß auch der weise Mimir, der Ratgeber der Götter, von dem die Edda berichtet, ein Riese ist. Im Norden hausen die Reifriesen und Eisriesen, und im heißen Süden wohnt der Feuerriese Surt (nach der Edda), der am Weltende Midgard mit seinen Flammen verschlingen wird. Nicht nur zu den Göttern und Menschen ist der Riesen Verhältnis schlecht, auch bei den Alfen sind sie nicht sehr beliebt.

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So erzählt eine deutsche Sage vom Sturmriesen Fasold, der mit seinen Hunden die Moosfräulein durch die Wälder hetzt. Der erste Sonnenstrahl allerdings bannt Riesen und auch Zwerge und verwandelt sie in Stein, wenn sie sich bis dahin noch nicht zurückgezogen haben.

Den Riesen sehr nahestehend sind die Drachen oder Lindwürmer. Ihre gigantische Verkörperung ist die Midgardschlange der nordischen Lieder, aber wie viele Sagen bezeugen, trieben die Drachen überall im germanischen Bereich ihr Unwesen, Auf der öden Heide oder in unwegsamen Gebirgshöhlen haben sie ihre Wohnstatt und ihre spezielle Vorliebe für Schätze, die sie in ihre Höhlen schaffen und bewachen, ist nicht nur aus dem Nibelungenlied bekannt.

Sehr wohl kann aber auch ein Drache ein verwandelter Mensch sein, wie auch Bären und Wölfe menschliche (oder göttliche) Erscheinungsformen sein können, wie der Name der ekstatischen Krieger 'Berserker' und der heute noch geläufige 'Werwolf

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bezeugt. Diese Wandlungsfähigkeit der Gestalt war nichts Seltenes und wenn Nachtmahre, die auch Tru-den, Alp oder Druckerle genannt wurden, die Schlafenden bedrückten, so hielt man oft einen Lebenden - meist sehr zu dessen Nachteil - oder auch einen Verstorbenen für die Ursache dieser Plage.

Eine Art von Seelenwesen des Menschen kann aber auch als der Folge- oder Schutzgeist, die 'fylg-ja', Gestalt annehmen und dem Menschen erscheinen, meist um ihm seinen Tod anzukündigen. Im Norden war auch die Wiedergeburt, die Seelenwanderung nicht unbekannt, wie einige Sagas berichten.

Oft erschienen die Toten ihren Angehörigen, teils um sie zu warnen, teils um sie mit sich ins Grab zu nehmen. So mischten sich immer Angst und Verehrung gegenüber einem Toten, was in den Bestattungsbräuchen lebhaften Ausdruck fand - und z.T. noch findet.

Noch mannigfache andere seelische Erscheinungsformen, Geister usw. hat man gekannt und alle Sagas des Nordens und Sagen und Märchen Deutschlands und Englands legen Zeugnis ab von der Nähe zur geistigen Seite der Natur, in der die Germanen lebten. Die Sorge um die Gunst der Haus- und Feldgeister war voll mit in den Alltag eingebunden und wo sich der Mensch in der Wildnis bewegte, wußte er sich ebenfalls umgeben von bedrohlichen und freundlichen Wesen.

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Heil dir, Tag!
Heil euch. Tagsöhne!
Heil, Nacht und Nachtkind!
Mit holden Augen
Schaut her auf uns
Und gebt uns Sitzenden Sieg!
Heil euch. Asen!
Heil euch, Asinnen!
Heil dir, fruchtbare Flur!
Rat und Rede
Gebt uns Ruhmreichen beiden
Und Heilkraft den Händen!
(Gebet aus dem Sigrdrifusmal)

DIE GÖTTER

 

Weitaus mächtiger, wenn auch nicht so stark in die Kleinigkeiten des Alltags eingebunden wie die Alben, sind die Götter. Zahllos sind ihre Namen und Erscheinungsformen, doch nicht allzuviele sind es, denen, eine regelmäßige Verehrung dargebracht wurde. Die Germanen wußten sich von der göttlichen Leitung absolut bestimmt. Dem Schicksal, das Odin / Wotan für jemanden bestimmt hatte, konnte er niemals ausweichen. Doch selbst die Götter unterlagen noch dem Schicksalspruch der Nomen (nach Auskunft der Edda). So war die Ehrfurcht vor den Göttern getragen vom Wissen um die große Abhängigkeit von ihnen, aber auch um die Abhängigkeit derselben von höheren Schicksalsmächten.

Der Dienst an den Göttern fand zum großen Teil zu Hause statt, wo Hausvater und Hausfrau je unterschiedliche Aufgabenbereiche im Opferdienst gegenüber den Asen und Alfen hatten.

Auch das Thing, die Stammesversammlung, war ein heiliger Akt, für dessen Entscheidungen nicht selten die Götter befragt wurden. Größere Feste fanden wohl auf dem Thingplatz statt, aber auch bei den Tempeln, die - meist aus Holz gefertigt - Bilder oder Statuen der jeweiligen Götter enthielten und von Goden verwaltet wurden, die gleichzeitig meist auch die Priester waren. Eine eigene Priesterkaste - wie ihre Nachbarn, die Kelten, sie in den Druiden hatten - hatten die Germanen jedoch nicht.

Am ursprünglichsten ist wohl die Verehrung des Himmelsvaters und der Erdmutter, die sich bis-zurück zu den ältesten Vorfahren, den Indogermanen, verfolgen läßt. Der Name des Himmelsvaters ist anfangs wohl 'Teiwaz' gewesen, später, als er durch jüngere Götter in seiner Macht abgelöst wurde, wandelte sein Name sich zu Tiw, Ziu oder Tyr.

Im Gegensatz zu der sehr veränderlichen Verehrung des Himmelsgottes blieb das Verhältnis zur Erdenmutter immer ähnlich. Ihre Namen sind unübersehbar zahlreich: Fjörgyn, Hlodyn, Frigg oder Sjofu nannte man sie u.a. bei den Nordgerroanen und Tamfana, Nerthus, Hirke, Spurke, Holda, Berchta u.a. bei den südgermanischen Stämmen. In wechselnden Rollen ist sie die Gattin oder die Mutter des Hauptgottes und immer gibt sie die Fruchtbarkeit der Erde, des Viehs, und der Menschen, den Reichtum der Ernte, das Familienglück und die Ehe. Ihr ist die Kuh heilig und in einem von Kühen gezogenen Wagen wurde die Nerthus bei vielen Stämmen verehrt (nach Auskunft der Edda); Friede und Feststimmung herrschten während der Zeit der Anwesenheit der Göttin in ihrem Heiligtum. Die besondere Zeit der Verehrung der Muttergöttin war die Jul-zeit, - in der auch ihr Sohn (laut Tacitus) Thor hauptsächlich verehrt wurde.

Nicht selten wurde die Göttermutter in ihrem dreifachen Aspekt verehrt (besonders im Rheinland Statuenfunde): als Mädchen, Frau und Greisin (ebenso, wie sich dies im keltischen Bereich findet). über ihren Ursprung sagt die Völuspa nichts und die einzige Auskunft, daß Jörd die Tochter der Nacht und des Riesen Onar sei (VII, 115), hellt auch das Dunkel um sie nicht auf. Sagen auch die Lieder nicht viel über sie, so ist doch die ihr dargebrachte Verehrung gewaltig gewesen, deren Spuren bis zurück zur vorgermanischen Kultur in Europa reichen und deren Größe sich nicht zuletzt auch in der Verehrung der Maria wiederspiegelt, nachdem man die heidnische Religion ausgerottet hatte.

Eine angelsächsische Anrufung (ca. 1000 n.Zt.), die um den Segen der fruchtbringenden Herrin bittet, macht die Haltung der großen Göttin gegenüber sehr gut deutlich:

Die Erde bitt ich und den Oberhimmel
Erke, Erke, Erke, der Erde Mutter,
Es gönne Dir der Allwaltende
Äcker wachsend und aufsprießend,
Voll schwellend und kräftig treibend
Und der breiten Gerste Früchte
Heil sei Dir, Erdflur, der Irdischen Mutter
Sei Du grünend in des Gottes Umarmung,
Mit Futter gefüllt den Menschen zu Frommen.

Die Stelle des Himmelsgottes Teiwaz nehmen in späterer Zeit mehrere Götter ein: im Norden Odin, Thor und Frey und im Süden (d.i. etwa im heutigen Deutschland) Wodan, Donar und Ziu/Saxnot. Ziu oder Tyr, wie der Name des Teiwaz später lautete, war bald nicht mehr als ein Kriegsgott, der selbst in dieser Rolle weitgehend von Odin/Wodan verdrängt wurde und über den die Sage nicht mehr erzählt, als das er seinen rechten Arm bei der Fesselung des Fenrirwolfs verpfändet und verliert.

ODIN

 

Odin (spricht sich mit stimmhaftem 'd', wie englisch: _these) bzw. Wodan ist der Hauptgott, der wohl die meisten Gesichter von allen Göttern hat und die meisten Namen besitzt. Wodan ist der Gott der Ekstase, der Zauberei, des Krieges und der Toten, der Dichter und der Wanderer und er ist der Göttervater, der Herr Walhalls. Nach der Kunde der Skalden ist er ständig begleitet von zwei Raben - Hugin und Munin (Geist und Gedächnis) - , die ihm Nachricht aus aller Welt bringen, und von zwei Wölfen - Geri und Freki - ; er reitet den achtbei-nigen Hengst Sieipnir und wirft den unbesiegbaren Speer Gungnir. Auf der Erde erscheint er der Sage nach mit einem tief über das Gesicht gezogenen Hut und in einem weiten blauen Mantel. Da er sein eines Auge an Mimir, den weisen Riesen und Bruder seiner Mutter Bestla, verpfändet hat, um die Gabe der Prophetie aus seinem heiligen Brunnen zu erlangen, ist Odin einäugig (nach der Edda). Er ist der Herr der Seher und Zauberer und die Runenkunde stammt von ihm:

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Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Spser verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baumes, dem niemand ansehen kann,
Aus welcher Wurzel er wächst.
Sie boten mir nicht Brot noch Hörn;
Da neigt ich mich nieder,
Nahm die Runen auf, nahm sie schreiend auf,
Fiel nieder zur Erde.

(aus dem Havamal, Edda)


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Odin - Wesen des
Windes Zeichn.
G.Lundquist in:
'Gimle' Nr.6,
Stockholm

Von Mimir lernte er darauf die neun Sprüche und trank einen Schluck Met aus seinem Brunnen.

In diesen Versen zeigt sich auch die Sitte, die dem Odin Geweihten mit dem Speer zu töten oder zu hängen, denn er ist auch der Gott der Gehenkten.

Durch diese Einweihungszeremonie gewinnt also Odin die Runenkunde, die das Hauptmittel der germanischen Magie war. Doch es zeigt sich auch in Odin die Doppelgesichtigkeit des Zauberers darin, daß er z.B. auch als 'Unheilstifter' bezeichnet wurde und daß er unberechenbar seinen Günstlingen plötzlich ihr Glück raubt und sie mitten in der siegreichen Schlacht in den Tod befördert.

Als Gott des Zaubers und der Ekstase ist Odin in der Lage, sich in mannigfache tierische Formen zu verwandeln und auch seinen Körper zu verlassen, der dann wie tot daliegt, um blitzschnell in andere Länder zu gelangen,

Ein Nachhall des ekstatischen Elements ist wohl auch die 'wilde Jagd', die in Deutschland durch viele Wälder braust und den, der sie sieht, in Tod oder Wahnsinn treibt. Meist ist es Wodan, der sie führt, und ein Heer von Toten und Entrückten zieht mit ihm in den Wäldern, Heiden und manchmal auch Dörfern Schrecken verbreitend.

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Odin war es, der nach der Kunde der Skalden Midgard schuf und den ersten Menschen ihr Leben gab, und er ist es auch, der die Schlachttoten zu sich nach Walhall nimmt. Dort sitzen sie in der goldenen Halle und sterben jeden Tag aufs Neue in der Schlacht ihren Tod, bis sie im Endkampf gegen die Riesen auf der Seite der Götter streiten werden.

Wohl bei fast allen Germanen wurde Odin / Wodan als Gott der Schlachten angerufen, ihm wurde das gegnerische Heer geweiht, indem man den Speer darüber schleuderte und ihm wurden nach der Schlacht häufig die Gefangenen geopfert.

Die Gehilfen des Schlachtgottes sind die Walküren, die die Toten von den Schlachtfeldern holen und sie auf ihrem Roß durch die Wolken galoppierend nach Walhall tragen - sie greifen aber wohl auch mal in die Schlachten ein. Rabe und Schwan sind ihre tierischen Erscheinungsformen und es gibt manche Sage, die berichtet, wie eine Walküre ihres Schwanenkleides beraubt in der Gewalt des Räubers bleiben muß, bis sie es wieder erlangt.

Als vom Herrn der Dichter erzählt die nordische Sage von Odin, wie er mit großer List den Met, der die Dichtkunst gibt, vom Riesen Suttung raubt, indem er sich als Schlange in dessen Höhle schleicht, drei Nächte mit Suttungs Tochter Gunn-löd schläft und danach in drei Schlucken die drei Metfässer leert. Als Falke bringt er den Met nach Asgard, obwohl Suttung ihn in Adlergestalt verfolgt. Seitdem ist der Dichtermet in der Hand der Götter. Als Gott der Dichter gilt der Edda aber auch Odins Sohn Bragi.

In Asgard leitet Odin, der auch die Bezeichnung 'Allvater' führt, das Götterthing und wacht über den Lauf der Welt - so lehrt die Edda. Frigg ist seine Frau und mit Fjörgyn, der Erdgöttin, hat er den Sohn Thor, von dem nun die Rede sein soll.

THOR

 

Thor, Sohn der Erde, ist der Gewittergott, südgermanisch Donar, der Donnerer, der den Hammer Mjölnir (Zermalmer) führt. Uralt sind die Abbildungen' eines gehörnten Gottes, mit Hammer und riesigem Phallus, die sich auf Steinen, Felsen und an Höhlenwänden finden.
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Rotbärtig und derb ist der Thor des Nordens, er fährt einen Bockswagen und bringt der Erde Fruchtbarkeit und vor allem Schutz vor den Riesen. Auch dem südgermanischen Donar ist der Bock heilig und sein Fest ist im Frühjahr
(Ostern war ursprünglich Fest der Ostara) und insofern ist sein phallischer Charakter mehr als deutlich.

Thor ist der am meisten besungene Gott und fast immer geht es in den Liedern um seinen Kampf gegen die Riesen, in dem er dank seines Hammers Mjölnir bis zum Endkampf stets Sieger bleibt.

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Ein häufiges Motiv ist der Hammer auf Abbildungen und auch als Amulett wurde er benutzt. Es wird erzählt (Thrymskvida, Edda), daß einmal der Riese Thrym Thors Hammer stahl und in der Erde verbarg. Loki leiht sich daraufhin Freyjas Falkenhemd und fliegt gen Riesenheim, wo er bald von Thrym erfährt, daß dieser den Hammer hat, ihn aber nur im Austausch gegen Freyja wieder hergeben will. Als Loki dies Freyja berichtet, wird sie sehr wütend und lehnt diese Forderung strikt ab. Bei der folgenden Beratung der Götter überredet Loki dann auf Heimdalls Anraten hin den Thor, in Frauenkleidung als Freyja nach Riesenheim zu fahren und den Hammer selbst zu holen. Nach einigem Zögern willigt Thor auch ein und läßt sich in herrliche Brautgewänder mit glitzerndem Geschmeide kleiden, womit er dann unter Lokis Begleitung auf dem Bockswagen nach Riesenheim zu Thrym fährt, der darüber höchst erfreut ist. Als die Braut dann bei dem folgenden Fest einen Ochsen und acht Lachse ißt und drei Kufen Met trinkt, wird Thrym mißtrauisch. Loki beruhigt ihn jedoch mit dem Hinweis, daß die Braut aus lauter Sehnsucht seit acht Nächten nichts mehr gegessen habe. Als Thrym wenig später den Brautschleier zu einem Kuß hebt, fährt er vor Schreck quer durch den Saal zurück, als ihm Thors flammender Blick begegnet. Loki erklärt dies wiederum durch die brennende Sehnsucht, die Freyja acht Nächte wach gehalten habe, womit Thrym sich zufrieden gibt und endlich den Hammer holen läßt, um den Brauttausch zu vollenden. Als Thor jedoch den ersehnten Hammer in den Schoß gelegt bekommt, erschlägt er zuerst Thrym und dann das ganze Riesengeschlecht. So erhält Thor seinen Hammer zurück.

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Im Norden war Thor wohl der meistverehrte Gott; besonders galt ihm die persönliche Hingabe des Einzelnen, wie aus zahlreichen Personennamen zu ersehen ist, die die Träger besonders mit Thor verbanden. Und so war auch Thor der Gott, mit dem die christlichen Missionare am meisten zu kämpfen hatten.

Thor und Odin, die großen Asen, waren eher harte Götter und ihr Dienst wurde von Priestern versehen, den Goden (in Skandinavien), die meist gleichzeitig Besitzer des Tempels waren.

DIE WANEN

 

Der Kult der Wanen jedoch wurde von Priesterinnen versehen und die Wanen Njörd, Frey und Freyja waren ausschließlich heitere Götter, die allerdings nur in Skandinavien verehrt wurden.

Als Geiseln weilen die Wanen bei den Asen, nachdem nach dem großen Krieg der Göttergeschlechter ein Ausgleich durch Geiseltausch gefunden worden ist. Hönir und Mimir schickt man dafür zu den Wanen. Aber aus Ärger über Hönirs Dummheit töten die Wanen Mimir und schicken die beiden zu den Asen zurück, wo Odin Mimirs Kopf einbalsamiert und ihm wieder Leben gibt, so daß er ständig mit dem toten Haupt reden kann.

Njörd entspricht vom Namen her der norddeutschen Nerthus, ist Gott der Schiffahrt und des Seewetters und lebt am Meer. Seine Kinder sind Frey und Freyja.

Frey war in Skandinavien neben Thor und Odin der dritte große Gott. Er ist ausgesprochen heiterer Natur, bringt Frieden und Fruchtbarkeit und wurde mit großem Phallus dargestellt. Der Eber ist ihm heilig und die Zeiten seiner Verehrung waren in der Hauptsache die Julzeit und die Frühlings-äquinox.

Das einzige Lied über ihn berichtet, wie er seinen Diener Skirnir als Brautwerber zur Riesin Gerdr schickt, die nach fürchterlichen Drohungen Skirnirs auch einwilligt, Frey nach Ablauf von neun Tagen zu heiraten.

Frey ist auch Herr der Alfen und wohnt in Alfenheim. Ein Beiname von ihm ist auch Ing oder Yngwi, ein Name, der auch bei südgermanischen Völkern bekannt war.

Freys Schwester Freyja ist die Schönste unter den Göttinnen und Schutzherrin der Liebenden. In den Liedern der Edda besitzt sie ein Falkengewand und ihr Wagen wird von Katzen gezogen; sie hat auch den Beinamen 'Sau' und erscheint zuweilen auf einem Eber sitzend, wie ihr göttlicher Bruder. Nach einein Lied soll Freyja auch eine Hälfte der Toten in ihrem Wohnsitz Folkwang aufnehmen.

Die Namen Frey und Freyja bedeuten: Herr und Herrin, und ein Beiname der Freyja ist Vanadis, d.i.: weise Wanenfrau.

Dieses ist also das heitere, frucht- und lustbringende Geschlecht der Wanen, dessen Herkunft selbst den Liedern ungewiß ist. Die ihnen gewidmeten Feste dienten der Fruchtbarkeit und waren bekanntermaßen sehr ausgelassen und von überschwenglicher Wollüstigkeit.

Einen weitverbreiteten Kult hatte noch der Bogen-und Jagdgott Ull, der auf Schneeschuhen läuft. Jedoch ist von ihm nichts weiter bekannt, als daß Attila einst einen Eid auf seinen Ring schwor.

Die Götter, die von den Germanen kultisch verehrt wurden, waren also die Muttergöttin und der Himmelsgott, der später durch Odin/Wodan und Thor/Donar abgelöst wurde, und im Norden die Wanen, die sehr stark den Wirkungsbereich der großen Göttin übernahmen.

HEIMDALL, LOKI, BALDER UND RAGNARÖK

 

Die Götter, von denen nun kurz erzählt wird, finden sich fast nur in den Liedern der Skalden und die Verbreitung ihrer Kenntnis beim Volk ist ungewiß, wenn auch wahrscheinlich.

An der Brücke Bifröst, die Asgard und Jötunheim miteinander verbindet, wacht Heimdall, der glänzendste der Asen, der fast nie schläft und jede Gefahr für den Göttersitz schon von Ferne sieht. Sein Hörn, mit dem er die letzte Schlacht ankündigen wird, liegt am Weltenbaum verborgen. Ihm ist der Widder heilig (von dessen Kult sich überall im germanischen Bereich Spuren finden). Auch gilt Heimdall als der Stammvater der Menschheit.

Schalkhafter Freund und gleichzeitig bitterster Feind der Götter ist Loki, die Mutter nicht nur von Odins Hengst Sieipnir, sondern auch der Vater der schrecklichsten Dämonen, des Fenrirwolfes, der Midgardschlange und der finsteren Totengöttin Hel. Zahlreich sind die Geschichten um ihn, der der ständige Begleiter, aber auch der größte Gegenspieler des Thor ist. Eine Tat von ihm soll hier erzählt werden, da sie es ist, die das Ende der Welt einleitet:

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Balder, der Reine, Odins und Friggs Sohn, der lichteste der Asen, hat böse Träume. Auf Odins Befragen gibt eine Seherin ihm die Auskunft, daß sein Tod bevorstünde, woraufhin Frigg allen Dingen in der Welt den Eid abnimmt, Balder nicht zu verletzen. So stehen später die Götter da, und werfen und schießen mit allem nach Balder, was sie finden können und er steht in der Mitte und lacht, wenn die Geschosse von ihm abprallen. Das ärgert jedoch Loki und er verkleidet sich als alte Frau und geht zu Frigg, die er nach dem Wohlergehen ihres Sohnes fragt. Sie erklärt ihm die Situation, worauf Loki fragt, ob es denn gar nichts mehr gebe, was Balder verletzen könne. Frigg gibt zu, einen kleinen Mistelzweig nicht um den Eid gebeten zu haben, aber der sei ohnehin zu zart. Diesen Zweig holt sich also Loki und stellt sich wieder zu den spielenden Göttern. Dort bemerkt er Hödur, der untätig abseits steht, da er blind ist, und bedauert, Balder nicht seine Ehre erweisen zu können, indem er auf ihn schießt. Loki verspricht ihm zu helfen, nimmt seinen Bogen, legt den Mistelzweig auf und zielt für Hödur auf Balders Brust. Hödur schießt den Pfeil ab und während Loki schnell verschwindet, sinkt Balder tödlich getroffen nieder. Sofort reitet Hermod, Balders Bruder, zur Hel, um ihn zurückzubitten, was Hel unter der Bedingung zusagt, daß alle Wesen um ihn weinen. Frigg befragt nun alle Wesen, die auch gern bereit sind, dem hellen Balder diesen Dienst zu erweisen, nur Loki verwandelt sich in eine alte Riesin und bedenkt Frigg mit Spott, als sie zu ihm kommt. Balder muß bei Hel bleiben und die Lebenskraft der Götter schwindet. Noch in der Nacht seiner Geburt rächt Odins Sohn Vali Balders Tod an Hödur. Doch es soll noch eine längere Verfolgung kosten, bis die Götter Loki gefangen haben. Sie schmieden ihn an drei unterirdische Felsen und befestigen eine Giftschlange über seinem Kopf, deren ätzendes Gift ihm ständig ins Gesicht tropfen soll. Doch Lokis Frau Sigyn fängt ständig das Gift mit einer Schale ab; nur wenn sie die Schale leert, tropft das Gift in Lokis Antlitz und vor Schmerzen bäumt er sich so auf, daß die Erde bebt. Bis zum Ende der Zeiten bleibt er dort angeschmiedet.

Diese Tat Lokis läutet den Weltuntergang ein. Über die Herrschaft der Götter bricht unversehens das Chaos herein.

Gräßlich heult Garm vor Gnippahellir,
Es reißt die Fessel, es rennt der Wolf,
Vieles weiß ich. Fernes schau ich:
Der Rater Schicksal, der Schlachtgötter Sturz.

So beginnt die Ragnarök, die Götterdämmerung im Lied der Seherin, die die Völva in gewaltigen und furchtbaren Bildern besingt, deren Kraft und Eindringlichkeit kaum wiederzugeben ist.

Das Schicksal der Äsen hat sich vollendet, in Riesenheim kräht der rote Hahn, der goldene in Asgard und der schwarzrote in den Sälen Hels, Heimdall bläst das Gjallarhorn, gellend heult der Höllenhund Garm, der Fenrirwolf reißt sich los von seiner unsichtbaren Fessel und auch Loki befreit sich.

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Auf dem Wigridfelde sammeln sich die Asen zum letzten Kampf. Von Süden kommt Surt mit seinen flammenden Scharen, von Osten segelt das Totenschiff heran, die Midgardschlange peitscht das Meer auf und der Wolf verwüstet die Erde. Frey wird von Surt erschlagen und der Fenrirwolf verschlingt Odin. Thor und die Schlange töten sich gegenseitig, sowie Heimdall sich mit Loki und Tyr sich mit Garm. Vidar erschlägt den Fenrirwolf. Selbst Yggdrasil erzittert, als Surt die Erde mit Feuer überzieht.

Schwarz wird die Sonne,
die Erde sinkt ins Meer
Vom Himmel schwinden
die heitern Sterne.
Glutwirbel umwühlen
den allnährenden Weltbaum
Die heiße Lohe
beleckt den Himmel.

(aus der Völuspa)

Doch nach dem Ende wird sich eine neue strahlende Erde aus dem Meer erheben und eine neue Sonne wird aufgehen - so schaut es die Seherin - , das Böse wird sich bessern, Balder und Hödur kehren zurück und die Asen werden über eine Welt herrschen, auf der die Äcker von allein Früchte tragen.

Einen Saal seh ich heller als die Sonne
Mit Gold bedeckt auf Gimles Höhn:
Da werden bewährte Leute wohnen
und ohne Ende der Ehren genießen.

Doch verschwunden ist das Dunkle auch dann nicht.
Die Midgardschlange bleibt und auch der Drache Nidhögg, und sie werden den Schatten bilden, der zum Licht gehört.

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Literatur:

 

I) Die Edda - übers. F. Genzmer - 1964 Düsseldorf/Köln

II) Götterlieder der älteren Edda - übers. K. Simrock - 1960 Stuttgart

III) Tacitus Germania

IV) Baethke, W. - Die Religion der Germanen in Ouellenzeugnissen - 1937 Frankfurt

V) Derolez, R.L.M. - Götter und Mythen der Germanen - 1963

VI) Johnston, J.A. - An Esoteric Interpretation of Teutonic Mythology - Edinburgh 1980

VII) Ninck, M. - Götter und Jenseitsglauben der Germanen - 1937 Jena

VIII) Meyer, E.H. - Mythologie der Germanen - 1903 Straßburg

IX) Mogk, E. - Germanische Mythologie - 1907 Straßburg

X) Woeste, F. - Spuren weiblicher Gottheiten in der Grafschaft Mark, in: Zs. f. deutsche Mythologie und Sittenkunde S. 384-96 - 1853

XI) Dumezil, G. - Loki - 1959 Darmstadt

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Zum Thema GERMANISCHE MYTHOLOGIE ist folgende Literatur zu empfehlen:

Originaltexte:

Die Edda (übers.K.Simrock)

Die Edda (übers.F.Genzmer)

Simrocks Übersetzung ist die textnaheste Übersetzung überhaupt, während Genzmer den Sprachfluß der isländischen Skaldik besser nachahmt.

Tacitus: Germania lat./dt)

Sekundärliteratur:

Jakob Grimm: Deutsche Mythologie 3 Bd
Ein Klassiker der Mythen und Sagenforschung, wenn auch in vielen Punkten nicht mehr aktuell.

Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte 2 Bde. Das Standartwerk aus religionswissenschaftlicher Sichtweise.

Ström, A. / Biezais,H.: Germanische und baltische Religion (aus 'Religionen der Welt')

Kulturen im Norden. Die Welt der Germanen, Kelten und Slaven

Germanische Götterlehre.

Mit dem einzigen ausführlichen Lexikon der germanischen Mythologie. Diederichs Gelbe Reihe

Burri.M.: Germanische Mythologie zwischen Verdrängung und Verfälschung, s.ausf..Rez. im vorigen Heft. Die erste wirklich brauchbare Deutung der germanischen Götter.

Alle diese Werke erhalten Sie über die

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Bismarckstr. 19,
5300 Bonn 1

Wir weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, daß wir zwar Literatur zur einheimischen Mythologie führen jedoch keine ariosophische oder rassistische Literatur. Einige scheinen die alte Kultur Europas im-mernoch mit rassistischer Ideologie verbinden zu wollen. WIR NICHT !!

Sehr viele wichtige Werke zum Thema sind leider nicht mehr im Handel erhältlich (so z.B. die Prosa-Edda von Sturloson oder die Saga-Literatur. Dafür können wir nur Bibliotheken empfehlen.

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