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Lammas — Lughnasadh
von
Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 2/82.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn
Mit
freundlicher Genehmigung von Jörg Wichmann freigegeben für Publikation
auf Boudicca's Bard
In keltisch geprägten
Gegenden Großbritanniens wurde und wird vom 30. Juli zum l. August Lammas
(oder keltisch: Lughnasadh) gefeiert. Lammas ist ein Fest des Hochsommers, der Weizenernte
und dem keltischen Licht- und Sonnengott Lugh gewidmet.
Lugh ist in der keltischen Mythologie
der Sohn, Enkel oder Nachfolger des Licht- und Feuergottes Bei, nach dem Beltaine
(l. Mai) benannt ist. Lugh war ein Führer der Tuatha De Danann, dem 'Volk der
Göttin Dana'. Möglicherweise gibt es etymologische Zusammenhänge
zum lateinischen 'lux' (Licht) und 'lucifer' (Lichtbringer), dem Bruder der Diana.
Obschon die längsten Tage
bereits vorbei sind, ist doch in dieser Zeit die Sommerhitze am größten,
die Früchte werden reif, und das erste Köm (Gerste und Weizen) ist schon
geemtet. Die Sommerblumen blühen in ihren vollen satten Farben, und die erste
Brut der Vögel ist schon längst flügge.
Astrologisch sind wir mitten im
Zeichen des Löwen, das gut zu der im Überfluß ausstrahlenden Wärme
paßt. Doch ist Lughnasadh nicht eigentlich ein Fest der Sonne, sondern der
sommerlichen Erde, die fruchtbringend in den Sonnenstrahlen erglüht. Ährenbüschel
des gerade reifen Körns oder ein frischgebackenes Weizenbrot gehören daher
zur Lam-masfeier, sowie die schon reifen Waldbeeren.
Lughnasadh ist aber noch kein
Erntedankfest mit all der Früchtefülle, die zum frühen Herbst gehört.
Der Durchbruch der Anderweit,
der zu Walpurgis (Beltaine) und Allerheiligen (Samhain) eine wesentliche Rolle spielt,
wenn der Schleier zum Unsichtbaren sehr dünn ist und manchmal auch reißt,
steht beim Lammasfest im Hintergrund. Lammas ist viel eher ein Fest der Diesseitigkeit,
der ungebrochenen Freude am Licht, an der Sonne, der Wärme und der blühenden
Erde.
Doch wie zu Lichtmeß in
der Zeit der größten Kälte das erste Erstarken des Lichts und der
neuen Sonne gefeiert wird, so wohnt dem genau gegenüberliegenden Fest der größten
Wärme, Lammas, schon ein Hauch leichter Trauer um das sich neigende Jahr bei.
Dieser ganze Stimmungskomplex,
den ich versucht habe zu umreißen, kann bei der Gestaltung eines Sommeyfestes
berücksichtigt werden. Da, wie schon gesägt, dieses Fest bei uns keine
Tradition hat, möchte ich hier nur kurz allgemeine Strukturen einer Jahreszeitenzeremonie
beschreiben und die Füllung derselben der Phantasie und Intuition der Ausführenden
überlassen.
Der zeremonielle oder rituelle
Teil eines Jahresfestes, der von einer eventuell zusätzlich stattfindenden
Fete klar zu trennen ist, wird wie Jedes Ritual durch eine Einleitungs- und eine
Schlußgeste begrenzt. Üblicherweise wird anfangs ein Kreis gezogen, den
man mit Mehl, Steinen, einem Band oder rein imaginativ durch einen Lichtstreifen
markieren kann. Dieser Kreis sollte während des Ritus von niemandem betreten
oder verlassen werden. (1
Der Kreis wird dann von allen
abgeschritten oder-getanzt, ein- oder dreimal (im Uhrzeigersinn!), oder von Priesterin
oder Priester mit Weihrauch, Wasser, Salz oder Flamme oder allen vieren gereinigt.
Inwiefern diese Gesten durch erklärende oder bestärkende Worte unterstrichen
werden, hängt von der Beziehung der Teilnehmer zu Sprache und Gestik ab.
Nachdem nun der Kreis markiert
ist, werden die 4 Richtungen, Himmel und Erde angerufen und um Schutz und Segen
für die Zeremonie gebeten. Diese Anrufung der Himmelrichtungen, bzw. der Hüter
oder Wächter der Richtungen ist in sehr vielen rituellen Traditionen verbreitet.
Dabei entspricht in europäischer Tradition Norden der Erde, Osten der Luft,
Süden dem Feuer und Westen dem Wasser. Am Kreis werden die Elemente entweder
durch Kerzen oder durch ihre eigenen Symbole: eine Schale voll Erde oder Sand, ein
Räucherstäbchen, eine Kerzenflamme, ein Kelch mit Wasser markiert.
Zur Beendigung des Rituals wird
den Elementen gedankt und der Kreis aufgelöst. Innerhalb dieses Rahmens (1 findet die eigentliche Zeremonie statt.
Bei den Jahresfesten sollte ein
wesentlicher Bestandteil der Zeremonie das Danksagen sein, Dank an die Erde, die
Sonne und die Götter für alles, was das Jahr uns bringt, für die
Nahrung, die Wärme und das Licht, für die Dunkelheit und den Regen, für
die Schönheit der Natur und die Luft, die wir atmen. Dank auch für das
Leben selbst, für die Kraft, die unsere Körper lebendig und gesund erhält.
Mit diesem Dank kann ein kleines
symbolisches Opfer verbunden sein aus Rauch, aus Wasser, Früchten, Brot oder
was auch immer angebracht erscheint und zur Jahreszeit paßt.
Priester und/oder Priesterin werden
eine Anrufung oder Invokation der jeweiligen Gottheiten machen, sofern solche miteinbezogen
werden sollen.
Es ist natürlich zur Feier
der Jahreszeiten nicht notwendig, an irgendwelche Gottheiten zu 'glauben'. Man kann
die Götter verstehen als Symbole für die natürlichen Kräfte,
die uns erhalten, oder als archetypische Figuren unseres Unbewußten oder als
kosmische Wirkprinzipien - das ist nicht so wichtig. Was zählt, ist die Erfahrung,
die man in einer solchen Zeremonie macht. Und sofern ein Mensch sich von seiner
eigenen gefühlsmäßigen und intuitiven Seite nicht völlig abgeriegelt
hat, werden bei einer Zeremonie mehr oder weniger tiefgehende Erfahrungen auftreten,
die dann zur Grundlage weiterer Riten werden können.
Ein Ritus ist keine Demonstration
einer Weltanschauung, sondern ein Spiel mit Bildern, die Aufführung eines seelischen
Dramas. Daher ist es ganz unwichtig, wie man intellektuell zum Thema 'Religion'
Stellung nimmt.
Man rufe also ruhig die Götter
an, die man noch aus den Sagen und Märchen der Kindheit kennt, denn sie sind
häufig die am tiefsten wirkenden Bilder der Seele.
Als 'Invokation' bezeichnet man
den Versuch von Priester oder Priesterin, sich so völlig mit der angerufenen
Gottheit zu identifizieren, sich so in diese Kraft hineinzuversetzen, daß
ihr ganzes Bewußtsein davon ausgefüllt wird, daß sie zu dieser
Gottheit werden — oder zu einem lebenden Symbol dieser Kraft — solange das Ritual
währt. Das ist jedoch ein sehr schwieriger und tiefgreifender psychischer Prozeß
und für ein einfaches Jahreszeiten fest reicht es schon, wenn die Identifikation
stark genug ist, um alle Teilnehmer die angerufene Kraft oder Gottheit deutlich
in Priester oder Priesterin spüren zu lassen.
Darauf, wie eine solche Invokation
oder Anrufung vorgenommen werden kann, soll in einem der nächsten Hefte eingegangen
werden.
Der 'Erfolg' eines Rituals oder
einer Zeremonie, bzw. die unmittelbare Spürbarkeit desselben, hängt sehr
stark davon ab, inwieweit sich alle Teilnehmer in den Ablauf hineinversetzen können,
inwieweit sie in der Lage sind, ihr Bewußtsein auf die durch das Ritual erzeugte
'Wellenlänge' abzustimmen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß ein Ritual
auch dann eine starke Wirkung hat, wenn diese Abstimmung des Bewußtseins nicht
erfolgt. Die Wirkung wird dann zunächst nur unterbewußt auftreten und
langfristige Folgen zeigen.
Ein sehr wichtiges Hilfsmittel
zu dieser Einstimmung aller Teilnehmer auf eine gemeinsame Schwingung ist Musik,
besonders rhythmisches Trommeln. Mittelmäßige selbstgemachte Musik (und
das ist viel leichter, als man zunächst meinen sollte) ist meistens der Schallplatte
oder Cassette vorzuziehen. Als Instrumente sind Trommeln geeignet - besonders dumpfe
-, Rasseln und Flöten (das war schon bei den alten Griechen so).
Die Gruppe kann sich auch einstimmen,
indem sich alle im Kreis an den Händen fassen und eine Weile intensiv in gemeinsamem
Rhythmus atmen oder gemeinsam einen Ton summen.
Die wichtige Aufgabe für
Priester, Priesterin oder sonstige Zeremonienleiter ist es, die so aufgebaute —
zum Teil sehr hohe — psychische Energie in die Form ihrer Anrufung oder in eine
rituelle Geste, in ein Gebet oder einen Segen zu kanalisieren.
Für Gebete und Anrufungen
gilt das gleiche wie für die Musik, die Beziehung zu dem, was man tut, ist
wichtiger als die künstlerische Perfektion. Man kann als Faustregel fast sagen,
daß eine gute, brauchbare Anrufung ziemlich kitschig ist. Unser Unterbewußtsein
wird oft von dick aufgetragenem Pathos mehr angesprochen als von ästhetisch
vollendeter Lyrik. Im Wicca, im Christentum und vielen anderen Traditionen ist auch
ein rituelles Mahl üblich, das aus vorher geweihten Nahrungsmitteln, meist
Brot, Wasser, Wein oder Früchten besteht.
Mit diesen Anregungen will ich
es zunächst bewenden lassen. Nur eines sei noch gesagt: Die tragisch-ernste
Stimmung, die oft mit dem Begriff 'Zeremonie' assoziiert wird, ist bei den Freudenfesten
des Jahreslaufs denkbar ungeeignet. Wie die Huicholes sagen: ,,Worüber man
nicht lachen kann, das ist nicht heilig!"
l) Zur Funktion und Notwendigkeit der Abgrenzung
s. UNICORN I - Magie als Weg, S. 45
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