ERNTEDANK und BRAUCHTUM
aus alter Zeit

(29/9 oder 1. Sonntag in Oktober)

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von Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 6/83.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

Mit freundlicher Genehmigung von Jörg Wichmann freigegeben für Publikation auf Boudicca's Bard


Eh man sich's versieht, ist der Sommer wieder vorbei, und die Nächte werden wieder länger als die Tage. Warm ist es noch, aber schon zeigt einer der großen Wendepunkte des Sonnenlaufs an, daß wir uns auf die dunkle Jahreszeit zubewegen.

Doch tritt bei der Herbstgleiche der Aspekt des Gleichmaßes von Hell und Dunkel nicht so sehr in den Vordergrund des naturbeobachtenden Bewußtseins (nur unser Titelbild versucht dem Ausdruck zu verleihen). Dafür sind wir in unseren Breiten noch viel zu sehr in der Fülle des Jahres. Die Ernte ist gerade eingebracht, die letzten Früchte in voller Reife, erst langsam färben sich die Blätter bunt (außer bei den Schwefel- und salzkranken Bäumen) - wer denkt da schon an den Winter und an lange Nächte. Allerdings wurden in Westfalen und Holland am 16.und 17.Sept. schon die ersten Laternenfeste gefeiert.

Es ist eine prächtige Jahreszeit zum Wandern. Nur im Frühjahr riecht der Morgen so nach Erde wie jetzt. Das Leben, das sich zum Rückzug in den Winter bereit macht, strahlt Ruhe und Besinnlichkeit aus, die aber noch gefüllt ist mit Dynamik und Melancholie, keine reine Stille, wie ein verschneiter Wald sie haben kann.

Traditionell feierte und feiert man zu ungefähr dieser Zeit das Erntedankfest und später das christliche Michaeli. Diese Feste sind geprägt von den jetzt in Fülle vorhandenen Nahrungsmitteln;
es sind Feste der Dankbarkeit an die Erde und die Sonne (Michael als Sonnen- und Feuergeist), in denen bewußt werden soll, daß uns alle Nahrung von der Erde gegeben wird.

Das Erntedankfest liegt meist am Herbstanfang, wenn alle Früchte schon geerntet sind und ist von den eigentlichen Erntefesten zu unterscheiden, die direkt mit dem Verlauf und Abschluß der Ernte zu sammenhingen und auch als Ventil nach harten Arbeitswochen dienten. Bei den Germanen wurde um diese Zeit das große Herbstthing abgehalten und auch als Dank für die Ernte Opfer an Odin gebracht.

Ein wichtiges, auf der ganzen Welt verbreitetes Symbol der nahrungsspendenden Gottheit ist die Kornmutter. In Indien die Reismutter, in Amerika die Maismutter, die Roggenmuhme im alten Mitteleuropa und das Weizenbüschel in den eleusinischen Demetermysterien.

Die Kornmutter hat sicherlich manche Züge auch der 'Großen Mütter' (Demeter, Cybele etc.), bleibt jedoch viel näher am feldbearbeitenden Menschen, wird nicht so abstrakt, nicht so 'kosmisch'. Sieht man sie doch direkt lebendig in der ersten oder letzten geernteten Garbe, die aufbewahrt und verehrt wird.

So wurde die letzte Garbe oft stehengelassen oder zu einer menschlichen Figur zusammengebunden. Sie galt als Ernteopfer für die Tiere und ihre Fruchtbarkeit sollte auf die Saat des nächsten Jahres übergehen. In ihr konzentrierte sich der Geist des Kornes, wenn alles andere schon gemäht war, daher galt die letzte Garbe als heilig, ihre Vernichtung (profanes Aufessen) als gefährlich.

Die Persönlichkeiten der Korngeister waren mal freundlich (Kornmutter), mal boshaft (Korndämonen), von Landschaft zu Landschaft verschieden. Vermutlich wurden sie als ambivalent angesehen, je nachdem wie günstig die Ernte ausfiel.

Die interessanteste Form des Korngeistes, die ich fand (bei Frazer), wird in Schweden und Dänemark verehrt: Aus dem Korn der letzten Garbe wird im Winter der Juleber gebacken - ein Brot in Schweinsform, das die ganze Julzeit über auf dem Tisch steht und dann im Frühling von dem Pflüger und seinem Vieh gegessen wird. Nirgendwo wird der Zusammenhang des Korngeistes und der höchsten Gottheiten so deutlich wie hier. Der Eber war zu germanischer Zeit sowohl Frey (der goldene Eber Gullinborsti) als auch der Freyja heilig. So wachten diese beiden Fruchtbarkeitsgötter, deren Namen einfach 'Herr' und 'Herrin' bedeuten, über den ewigen Kreislauf von Saat, Wachstum und Ernte, Frey als goldener Sonnengott, Freyja als Mutter und Schutzgöttin der Ernte.

So vielfältig sind die menschlichen und tierischen Erscheinungsformen des Korngeistes und so sehr mit verschiedenen Festen und Bräuchen verflochten, daß es unmöglich ist, hier mehr als nur einen überblick zu geben.

Die Beispiele sollten bewußt werden lassen, in welch hohem Maße menschliche Gemeinschaften, die nicht nur von Hektik und Profitdenken 'beseelt' sind, ihren Alltag in kosmisches Geschehen eingebettet finden konnten. Beschäftigt man sich einmal mit der schier unübersehbaren Vielzahl der Feste, die früher gefeiert wurden, so sieht man die These, die uns seit Jahrzehnten eingeredet wird, daß die moderne Technik uns so viel Freiheit und Freizeit beschere, mit ganz anderen Augen. Jemand sagte einmal als Fazit einer Studie über Arbeitszeit und -verhalten im Lauf der Geschichte: Wir haben heute den Himmel, den man sich vor 200 Jahren ersehnte; vor 200 Jahren aber war die Hölle, die vor 400 Jahren niemand für möglich gehalten hätte.(Im 18.Jh. begann die industrielle Revolution.)

Eine Besinnung auf den Jahreslauf und vielleicht sogar ein zeremonielles Wahrnehmen der Jahresfeste kann auch jetzt noch wenn nicht Ruhe, so doch wenigstens einen Rhythmus in das gehetzte Leben bringen.

Wir wollen im folgenden als Beispiel eine Zeremonie skizzieren, wie sie von Anhängern der Wicca -Religion zur Herbstgleiche durchgeführt wird. Wicca ist eine der wenigen spirituellen Gemeinschaften (die größte und verbreitetste), die ernsthaft versuchen. Formen der Naturverehrung und Erdreligion (und -magie) .wie sie sich heute in schamanistischen Kulturen finden und auch im alten, vorchristlichen Europa verbreitet waren, wieder aufleben zu lassen und für den modernen Menschen, seine geistige (und ökologische) Entwicklung fruchtbar zu machen. Wir werden in einem der nächsten Hefte ausführlicher darüber berichten.

Hier nun die Zeremonie:

Es bietet sich an, einen Raum (innen) oder einen geschützten Platz (draußen) für die Zeremonie auszugestalten, d.h. mit Farben, Gerüchen und Gegenständen zu versehen, die an den Herbst erinnern (Herbstblumen, Fichten-,Tannen-,Kieferzapfen, Getreidebüschel, Eicheln, braun-grün. Nadelholzduft etc., je nach Geschmack).

Es muß nicht sein, aber jahrtausendelange Erfahrung hat gezeigt, daß es sinnvoll ist, eine solche Andacht/Zeremonie/Ritual auf einen zentralen Gegenstand zu beziehen (Altar, Schrein, Statue).
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Die Zeremonie wird so begonnen, wie man gewöhnt ist, eine zu beginnen.
Als Beispiel: Ein Kreis wird um den Ort der Andacht gezogen. Dann ruft jemand die Hüter der 4 Elemente und Himmelsrichtungen (Norden - Erde, Osten - Luft, Süden - Feuer, Westen - Wasser; in europäischer Tradition), sowie Himmel und Erde an, bittet um Schutz und Aufmerksamkeit der kosmischen Mächte/Gottheiten für das Ritual. Alle Anwesenden zentrieren sich und werden sich des Göttlichen in sich selbst bewußt, das allein ihnen ermöglicht, sich auf diese Weise mit den anderen kosmischen Kräften in Verbindung zu setzen.

In einer verdeckten Schale wird eine Weizenähre in die Mitte des Kreises gestellt. Die Wicca-Prie-sterin spricht: "Es ist jetzt die Zeit des Gleichgewichts, wenn Tag und Nacht sich gleich gegenüberstehen. Doch ist es die Nacht, die nun wächst und der Tag, der schwindet; denn nichts bleibt je das Gleiche im Rhythmus von Himmel und Erde. Wisse und denke daran, daß, was sich erhebt, auch niedergehen muß und was niedergeht, sich wieder erhebt. Darum laßt uns den Tanz des Niedergangs und der Wiederkunft tanzen!"(aus: Eight Sabbats..)

Alle tanzen - möglichst spiralförmig linksherum - nach innen, um das Schwinden des Tages zu symbolisieren (Linksdrehung - Vernichtung). Schließlich setzen sich alle um die noch verdeckte Schale still nieder und die Priesterin lüftet das Tuch mit den Worten: "Schaut das Geheimnis! In der Stille keimt der Same der Weisheit." Alle meditieren die Weizenähre schweigend.

Nachdem man sich so auf die lebengebende Kraft der Mutter Erde bezogen hat, ruft der Wicca-Prie-ster die Sonne an. Das kann er entweder mit selbstgewählten Worten tun, oder mit einer Hymne oder einem Gedicht, die irgendwo aufgespürt wurden. (Homerische oder Orphische Hymnen sind dafür eine Fundgrube.) Hier ein Beispiel von Doreen Valiente, einer britischen Wicca-Priesterin:

"Leb wohl, Sonne, ewig wiederkehrendes Licht,
Verborgener Gott, der dennoch immer bleibt.
Durch die Tore des Todes geht er jetzt
In das ferne Land der Jugend (kelt.:Jenseits)
Als Richter dort zu thronen über Mensch und Gott,
Gehörnter Führer der luftigen Scharen.
So steht er unsichtbar am Rand des Kreises
So wohnt er im geheimen Samen -
Dem Samen frischmähten Korns,
dem Samen des Fleisches;
Verborgen in der Erde und wundersamer
Sternensame.
In ihm ist Leben,
und Leben ist der Menschen Licht,
Das ewig geboren, niemals stirbt.
Heiter sind darum die Weisen,
und weinen nicht."

Im Bewußtsein die ewig wiederkehrende Sonne, beginnen alle einen Spiraltanz nach außen (jetzt rechtsdrehend = aufbauend).

Danach bedankt man sich bei den 4 Wächtern der Elemente, bei Himmel und Erde, löscht den Kreis und beendet die Zeremonie.

Solche Zeremonien zu gestalten, ist natürlich wesentlich der Phantasie der Gruppe (oder der/s einzelnen) überlassen. Diese hier war nur als grobe Anregung gedacht. In Anbetracht der Tatsache, daß ohnehin keine naturreligiösen Andachten authentisch von alteuropäischen Kulturen überliefert sind, sollte man sich hauptsächlich auf die eigene Intuition verlassen. Das Nachahmen von vorgefertigten Texten, kann auf die Dauer langweilig oder peinlich sein. Aber lohnenswert ist es schon, sich seelisch auf den Lauf der Natur einzulassen, ist es doch die älteste lebende Form menschlicher Spiritualität.

Das rhythmische Empfinden des Lebens und des Körpers, von dem oben schon die Rede war, ist allerdings nicht als Ergebnis eines einmaligen 'Rituals' zu erwarten, sondern nur als Folge lang anhaltender Einstimmung auf den steten Verlauf der Natur. Die Erdreligion bietet kein 'instant samadhi', bietet auch keine effektiven Kurzübungen, um für neue Streßschlachten fit und erfolgreich zu werden. Dafür vermittelt sie mit der Zeit ein Gespür für den Sinn und die Schönheit natürlicher Abläufe (in uns und außen) und die subversive Gefahr, daß man an der Hektik einer übertechnisierten Horrorzivilisation gar ein wenig das Interesse verliert, wenn man sich der lebendigen Realität der Welt zuwendet.


Quellen:

Janet u. Stewart Farrar: Eight Sabbats for Witches, London 1981
(die Übersetzungen sind vom Verfasser)

J.G.Frazer: Der Goldene Zweig, Frankfurt 1977

Sybil Gräfin Schönfeld: Das große Ravensburger

Buch der Feste und Bräuche, Ravensburg 1980.

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