Wicca -

ein magischer Naturkult

Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 8/84.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

 

wichmann81.jpg ie Schamanen sind in aller Munde - Hüter alter Weisheit vom Leben mit der Natur und von veränderten Bewußtseinsformen, vor allem aber Heilende mit natur- und menschengemäßen Mitteln. Gesucht werden diese Schamanen in Nord- und Südamerika, in Afrika und Asien - weit von hier jedenfalls und stets mit dem Reiz des Exotischen behaftet.

Daß es auch in unserem Kulturkreis eine lebendige, magische Naturreligion gegeben hat, ist weitgehend unbekannt. Diese Naturreligion hat vor der Invasion des Christentums im germanischen und keltischen Bereich vermutlich in sehr ähnlicher Form existiert, wie sie auch in Nordamerika zu finden ist. Es gab heilige Plätze, Kraftzentren der jeweiligen Landschaften; die Natur wurde nicht als totes Objekt, sondern als belebter Partner des Menschen empfunden und behandelt und auch wichtige Symbole (z.B. die 4 Himmelsrichtungen, die Spirale) finden sich hier wie dort.

In Rudimenten hat diese alteuropäische Religion weitergelebt, verfemt und verfolgt als 'Hexentum' und 'Satanskult'. Diese Anschuldigungen waren natürlich nicht gerechtfertigt, da die Anhänger der alten Religionen der Erde die Figur des Satan gar nicht kannten und gewiß kein Interesse daran hatten, sich per Hexerei die Ernte oder den Viehbestand zu ruinieren, wie oft behauptet wurde. Im Gegenteil handelte es sich um eine Fruchtbarkeitsreligion, deren Feste Dankbarkeit gegenüber Himmel und Erde, Sonne und Mond ausdrückten, sowie den Zyklus von Wachsen und Gedeihen jährlich neu beleben und anregen wollten. Mit Teufelskult hatte das wahrlich nichts zu tun, wenn auch die Anschuldigung ein sehr praktischer Vorwand seitens der immer mächtiger werdenden römischen Kirche war, eine noch bis ins 15. Jh. hinein sehr starke Konkurrenzreligion, die vor allem menschlich und sozial viel tiefer im Volk verankert war, mit Feuer und Folter auszurotten. (Wie aus einem Naturkult durch die Inquisition ein Satanskult 'gemacht' wurde, ist in Ginzburg: Die Benandanti, Syndikat-Verl., Frankf. sehr gut dokumentiert.)

Eine gewaltige Menge präzisen und auch mythischen Wissens über den Gebrauch von Pflanzen, über Erdkräfte, Techniken der Bewußtseinserweiterung und uralte soziale Strukturen wurde dabei mitvernichtet. Heute muß dieses Wissen von Magiern, Hexen, Alternativen und Heilern mühevoll wiederentdeckt werden.

Die irische katholische Kirche - die ältere in Europa - hatte es klüger wichmann82.jpg angerangen und bewußt mit den Heiden' zusammengearbeitet, ihre Weisheit mitaufgenommen, ihre christliche @Lehre, Feste und Heiligtümer in diesen traditionell gewachsenen Boden gesetzt. Doch setzte sich die römische Kirche militärisch durch (396 wurde vom röm. Kaiser Konstantin Christus als Kriegsgott angenommen und nach einer bedeutenden unter dem Kreuz gewonnen Schlacht das Christentum zur Staatsreligion erklärt) und die alte Weisheit Europas geriet ins gesellschaftliche Abseits, wurde von Kräuterfrauen, Hebammen, vom fahrenden Volk und der ländlichen Bevölkerung zunächst w öeitergetragen. Natürlich versickerte die alte Überlieferung immer mehr, da ihre Heiligtümer zerstört und ihre Feste verboten waren. Die heiligen Haine waren durch Steinkirchen ersetzt worden - was angesichts der heutigen Umweltlage wie ein lang vorherlaufendes böses Omen erscheint.

Als Ende des vorigen Jahrhunderts und zu Anfang des unseren nach der dunklen Epoche des völligen Materialismus in vielen Kreisen das Interesse an der Esoterik wieder neu erwachte, als die Theosophie und die Anthroposophie in Blüte standen und auch die ersten parapsychologischen Forschungen stattfanden, da begannen auch einige Kreise in England wieder nach den Resten der alten Naturreligion zu suchen. Was sie fanden, bereicherten sie mit esoterischen Lehren aus Hermetik und Kabbalah undd bildete sich ein Kult, der nach einem alten angelsächsischen Wort "Wicca" genannt wurde - die magische Kunst der Weisen. Wieviel vom Wicca wirklich ohne Bruch authentisch überliefert wurde und wieviel erst um die Jahrhundertwende entstand, wird wohl nie richtig zu klären sein. Ebenso auch die ursprüngliche Bedeutung des Namens. Tatsache ist, daß diese Form der Spiritualität heute in England und den USA blüht und daß sie tiefgreifde Ähnlichkeiten mit anderen Formen der naturnahen Religion hat, etwa mit der der Indianer. In den USA gibt es auch zahlreiche Kontakte zwischen indianischen Schamanen und 'Hexen' (Wicca) der alten europäischen Tradition.

In Deutschland ist Wicca bislang noch nicht nennenswert verbreitet, da materialistische Denkformen hier anscheinend viel langsamer überwunden werden als anderswo. Doch wird der fortschreitende Umdenkprozeß auch hier den Boden bereiten für eine naturzugewandte Spiritualität, wie sie jahrtausendelang in Europa heimisch war und die ein Weltbild ermöglicht, das das Wissen um beide Seiten der Natur (die materielle und die geistige) zu integrieren versteht.

Von anderen neuheidnischen Richtungen unterschied sich Wicca bis vor etwa 10 Jahren durch seine klare Struktur. Ein Coven hatte bis zu 13 Mitgliedern, unter denen ein Hoherpriester und eine Hohepriesterin waren. Wicca/e wurde man durch Einweihung nach einer längeren Probezeit. Es gab 3 Grade. Wer den 3. Grad innehatte, konnte einen eigenen Coven gründen. Jeder Coven war autonom. Die Einweihung wurde Männern von Frauen und Frauen von Männern erteilt.

Inzwischen gibt es aber kaum ein Prinzip, das nicht durchbrochen worden ist. Es gibt Coven, die nur die Göttin verehren, Coven, die nur aus Frauen oder nur aus Männern bestehen. Selbsteinweihungstraditionen, etc. Da sich herausgestellt hat, daß es in den 'traditionellen' Gardnerian und Alexandrian Coven um die historische Authentizität (von der die magische nicht betroffen wird), sehr schlecht bestellt zu sein scheint, wird die Bezeichnung 'Wicca' auch mit Recht von Gruppen verwendet, die sich selbst dazu gemacht haben. Es ist immer noch besser so, als eine falsche Vorgeschichte vorzutäuschen.

Wir benutzen den Begriff Wicca für eine heidnische Kultform, deren magische Elemente stark im Vordergrund stehen, die also über die Verehrung der Naturkräfte hinausgeht, welche für alle Heiden charakteristisch ist.

Wichtig für die Wicca-Bewegung ist eine große individuelle Freiheit, die u.a. auf der Gleichrangigkeit aller Coven und der Gleichrangigkeit der einzelnen im Coven beruht. Die Grade werden meist sehr locker gehandhabt und stellen eher die Anerkennung bestimmter Lernschritte dar, als daß sie eine formale Autorität verleihen, die über die natürliche Autorität der magischen Kraft hinausgeht. Darüberhinaus ist es jedem Coven freigestellt, auf welche Tradition er sich stützt. So gibt es keltisch, germanisch, indianisch, feministisch, italienisch und an Gardner oder Sanders orientierte Coven.

Die beiden 'großen Männer' der Wicca-Bewegung Alex Sanders und Gerald B. Gardner haben große Aufbauarbeit geleistet und sich zuerst und zuvorderst der Öffentlichkeit gestellt - sicherlich oft eine sehr unangenehme Aufgabe. Ihnen ist vor allem die inzwischen weite Verbreitung und die Überwindung von Geheimhaltungstendenzen und notwendigkeiten zu verdanken. Daß sie ihre Fehler haben, sich oft zu sehr in den Vordergrund spielten und sich auch gern mit fremden Federn schmückten, verzeiht man ihnen deshalb meist, obwohl sie nirgendwo eine Star-Rolle innehaben, geschweige denn als Meister verehrt werden (wie das z.B. Crowley in anderen Kreisen wird). Vor allem die Öffentlichkeit stürzte sich auf diese Männer, da sie sich keine Bewegung vorstellen kann, die nicht von 'großen Männern' getragen und beherrscht wird. Innerhalb der Bewegung aber war der Einfluß z.B. von Doreen Valiente, Maxine Sanders oder Z. Budapest sicherlich viel bedeutender. Doch Wicca ist grundsätzlich nicht personenkultorientiert.

Das Verbindende der Wicca-Bewegung ist die Hinwendung zur Natur. Es gilt, die Wildheit wiederzufinden, die immer Teil des Menschen ist und deren Verdrängung so verheerende Folgen zeigt. Die innere Wildnis zu entdecken, ist jedoch absurd, wenn ich die äußere Wildnis mit aller Kraft zuzubetonieren versuche (auch dies ist letztlich eine durch Angst motivierte Verdrängungsreaktion - wie oben so unten). Daher auch die deutliche ökologische Orientierung im Wicca.

Wildnis innen und außen freizusetzen und akzeptieren zu können, ja sie zu fördern, ist ein Punkt, der in allen traditionellen hermetischen Magiesystemen zu kurz kommt, da auch sie meist aus der abendländischen Natur- und Leibfeindlichkeit plus einer gewissen Technikgläubigkeit entstanden sind.

Doch gilt es auch hier nicht ins Schwärmen zu geraten, sondern die Natur so zu sehen wie sie ist: in ihrer Fruchtbarkeit und Lebensfeindlichkeit, der Sanftheit und Erbarmungslosigkeit, der Üppigkeit und der Öde. Naturschwärmerei und falsche Romantik sind ebenfalls typische Entfremdungserscheinungen und zeigen einen Mangel an Natürlichkeit und Wildheit an. wichmann83.jpg
Der Gehörnte Gott und die Große Göttin, die beide unter zahllosen Namen gerufen werden, sind für Wiccas die personalen Vertreter der kosmischen Polarität des Weiblichen und Männlichen. Diese Polarität ist nicht mit dem Gegensatz von + und -, oder von Yin und Yang zu verwechseln. Es steht
nicht der Gott für aktiv, die Göttin für passiv. der Gott für Geist, die Göttin für Stoff. (Sogar G. G. Jung mit seinem tiefen mythologischen Verständnis schaffte es nicht, über dieses Klischee hinauszugehen.) Diese simplifizierenden Polaritäten haben im Geschlechtsrollenverständnis vieler Kulturen genug Schaden angerichtet. Die Polarität zwischen Gott und Göttin, die an den eben genannten Gegensätzen beide teilhaben, ist viel komplexer und nur schwer zu verstehen. Zu diesem Verständnis zu gelangen, ist eines der wesentlichen Ziele des Kults.

Außer dem Gott und der Göttin werden oft, die 'Alten', die 'Mächtigen' oder die 'Kräfte' angerufen. Diese meinen ungefähr das, was auch die Indianer als 'Spirits' anrufen, die intelligenten Kräfte der Natur, die als Geister der 4 heiligen Richtungen erscheinen, oder in Tierform, oder als Hüter bestimmter Kraftorte.

Hiermit möchte ich die allgemeinen Ausführungen beenden. Zur weiteren Information darüber verweise ich auf den Artikel zu den Jahresfesten in UNICORN I. Im Herbst wird in der Edition Magus, Bad Honnef, ein Buch von mir über Wicca erscheinen, in dem besonders der historische und weltanschauliche Hintergrund näher beleuchtet wird, aber auch weitere Rituale zu finden sind. Außerdem sei das ganz hervorragende Buch von Starhawk empfohlen, das gerade neu erschienen ist (s.Rezensionsteil). Wicca -Interessent/innen können sich auch gern persönlich an uns wenden.

Ich will hier ein Grund- oder Einleitungsritual vorstellen, das bei Vollmondriten und Jahresfesten (deren spezielle Hauptteile wir z.B. für Walpurgis-I-, Mittsommer-V-, Erntedank-VI- und Lichtmeß -VIII- geschildert haben) benutzt werden, wie auch für jede sonstige rituelle Gruppenarbeit. Eine sachlich-nüchterne Beschreibung wie diese, die der Klarheit der Einzelheiten und der Nachvollziehbarkeit dient, kann natürlich nicht die Stimmung einer Zeremonie wiedergeben; dazu muß man sie schon durchführen.

Der Einfachheit halber benenne ich die handelnden Personen abwechselnd als Priester oder Priesterin (im Wicca-Kult wird jedes initiierte Mitglied Priester/in). Die Rollen sind jedoch von jedem Mitglied des Covens ausführbar, mit der Einschränkung, daß außer für ganz spezielle persönliche Arbeiten nur eine Frau die Göttin und nur ein Mann den Gott invozieren oder darstellen wird. Mit kleinen Änderungen ist der ganze Ritus natürlich auch von einer einzelnen Person durchführbar.

Natürlich kann das Ritual auch von jedermann abgeändert werden. Die von mir vorgestellte Fassung ist nicht der 'alleingültige, uralte, heilige Text', da es einen solchen nicht gibt ! Fast alle heute verwendeten Wicca-Rituale sind in den Einzelheiten nicht mehr als 50 Jahre alt; die meisten werden für jedes Ritual neu geschrieben oder während der Zeremonie frei improvisiert. Wicca ist keine Schriftreligion der Dogmen, sondern eine Religion der Poesie und des Herzens. Die Grundstruktur allerdings ist uralt und sollte auch nicht verändert werden, solange man nicht sehr viel Ritualerfahrung hat.

Es gibt Wicca-Riten, in denen bedeutend längere Textpassagen verwendet werden. Wir ziehen es vor, die Symbole selbst wirken zu lassen und nur wenig zu sprechen. Man sollte sich beim Entwerfen von Ritualen immer vor Augen halten, daß es das Unbewußte ist, das hier angesprochen werden soll, das von der deutschen Sprache bestenfalls einige stark emotional besetzte Reizwörter versteht (daher das Pathos in üblichen Anrufungen).

Der Ort, an dem ein Wicca-Ritual stattfinden kann, muß groß genug sein, um einen Kreis zu ziehen, der allen Teilnehmern noch genügend Bewegungsfreiheit läßt. Die klassische Mitgliederzahl eines Covens ist 13, muß aber nicht eingehalten werden; sie sollte eher unterschritten als überschritten werden. Wenn es möglich ist, sind die Riten draußen zu vollziehen. Der Kreis kann vorher mit etwas Mehl, mit Steinen oder auch einem Band markiert werden. Der Altar, der aus einem Baumstumpf, einem flachen Stein, einem Tischchen oder einer großen Kiste bestehen kann, steht im Norden innerhalb des Kreises. Schön ist es auch, wenn man den Platz so wählen kann, daß im Norden ein großer Baum steht, der dann gleichzeitig für das Erdelement steht und mit seinen Wurzeln die Grundlage des Altares bildet.

An den Punkten der Himmelsrichtungen steht im Norden eine Schale voll Lehm, ein besonderer Stein oder ein Töpfchen voll Salz, im Osten brennendes Räucherwerk, im Süden eine brennende Kerze, im Westen ein Kelch, eine Schale voll Wasser oder auch eine schöne Muschel. Jede/r Teilnehmer/in sollte ein eigenes Athame (Dolch mit schwarzem Griff) oder zumindest einen anderen Gegenstand ähnlicher Art (Haselstab. Küchenmesser, etc.) haben, das den magischen Willen und die Kraft symbolisiert, konzentriert und trägt. Das Symbol des Hohenpriesters ist ein Stab (am besten von Eiche, aber auch von einem anderen Baum, wenn dazu eine bessere Beziehung besteht), der etwa ellenlang sein kann. Das Symbol der Hohenpriesterin ist der Kelch (ein anderer als der das Wasserelement vertritt), der mit Wasser, besser Wein oder Meth gefüllt ist. Links auf dem Altar (oder direkt daneben) steht eine schwarze Kerze, rechts eine weiße. Auf dem Altar können je nach Neigung des Covens noch Figuren oder Symbole der Gottheiten stehen, oder auch ein schöner Kristall, der als Fokus der Gruppenenergie für viele Zeremonien dienen kann. In der Mitte des Kreises brennt ein Feuer, oder eine Spiritusflamme, wenn man im Zimmer ist.

Das Ziehen des Kreises, die Anrufungen und sonstige Bewegungen geschehen der alten Tradition nach im Uhrzeigersinn, d.h. dem Lauf der Sonne nach, wenn eine aufbauende, verstärkende Arbeit anliegt (also z.B. immer bei der Ritualeinleitung); sie erfolgen gegen den Sonnenlauf, wenn eine abbauende, bannende oder destruktive Arbeit durchgeführt wird.

Mit welcher Kleidung die Rituale durchgeführt werden, oder ob nackt, wie das in der Gardnerian/ Alexandrian Tradition im angelsächsischen Bereich üblich ist, muß jeder Coven für sich entscheiden. Meist klärt die Witterung schon recht nachhaltig die Verhältnisse. Roben erhöhen zwar sehr effektiv die Dramatik, die für unser verspieltes Unbewußtes so wichtig ist, sind aber nicht unverzichtbar. Ritueller Schmuck kann eine wesentliche Hilfe zur Konzentration der Kraft, zur Evokation bestimmter Seelenhaltungen und zur Einstimmung auf die magische Persönlichkeit sein, allerdings nur, wenn er wirklich mit einer starken persönlichen Bedeutung oder einem wichtigen magischen Ereignis verbunden ist.

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Der Aufbau:

1) Der Kreis

2) Die 4 Hüter der Richtungen und Elemente

3) Der Gehörnte Gott und die Große Göttin

4) Der Kegel der Kraft

5) Der Teil für sonstige Arbeiten Jahresfestriten, Zauber, Einweihungen etc.

6) Abschluß

 

Das Ritual im einzelnen:

Alle stehen innerhalb des Bereichs, der zum 'Kreis' geweiht wird. Es ist unklug, diesen während des Rituals zu verlassen. Sollte es doch nötig sein, zieht man pantomimisch ein Tor hinein, das man sofort hinter sich wieder schließt.

1. Die Priesterin zieht den Kreis mit ihrem Dolch und spricht laut: "Ich errichte einen Tempel zwischen den Welten und jenseits der Zeit."

Auf dem Altar wird ein Schälchen voll Salz mit den Worten geweiht: "Ich weihe Dich, Wesen der Erde, daß Du rein und heilig seist im Namen des Gehörnten und der Erde." (Hier wie auch bei allen weiteren solchen Nennungen können die jeweilig benutzten Namen der Gottheiten eingefügt werden.)

Eine Schale (oder Kelch) voll klarem Wasser wird mit den Worten geweiht: "Ich weihe Dich, Wesen des Wassers, daß Du rein und heilig seist im Namen des Gehörnten und der Erde."

Der Priester schüttet das Salz in das Wasser und die Priesterin geht mit dem so geweihten Salzwasser um den Kreis (Uhrzeigerrichtung) und sprenkelt einige Tropfen in jede Himmelsrichtung.

Danach geht der Priester erst mit der Räucherschale, dann mit einer Altarkerze um den Kreis und hebt sie jeweils in die Himmelsrichtungen hoch.

2. Es bietet sich an, daß während der gesamten Errichtung des Kreises die übrigen Mitglieder des Covens summen, eine Trommel schlagen oder leise rasseln. Damit ist jetzt aufzuhören.

Dann spricht die Priesterin: "Der Kreis ist geweiht mit der geheiligten Kraft der Elemente im Namen des Gehörnten und der Erde."

Die Priesterin (oder der Priester) ruft sodann die 4 Richtungen an, beginnend im Osten (der Altar steht im Norden):

"Seid gegrüßt, Hüter des Ostens, Herr der Lüfte, Ihr Reiter auf den vier Winden, kommt schützt und begleitet diese Zeremonie und verleiht uns das Schwert der klaren Unterscheidung."

Im Süden: "Seid gegrüßt, Hüter des Südens, Herr des Feuers, Ihr Geister der Flammen, kommt, schützt und begleitet diese Zeremonie und verleiht uns den Stab der magischen Kraft."

Im Westen: "Seid gegrüßt, Hüter des Westens, Herrin der Wasser, Ihr Kinder der Seen und Flüsse, kommt schützt und begleitet diese Zeremonie und verleiht uns den Kelch des heilenden Wassers."

Im Norden: "Seid gegrüßt, Hüter des Nordens, Herrin der Erde, Ihr Bewohner der Felsen und Berge, kommt schützt und begleitet diese Zeremonie und verleiht uns den Schild der ehernen Ruhe."

Dabei folgen alle der anrufenden Person in Blickrichtung und Haltung. Zum Schluß wird das Athame (der Dolch) an die Lippen und dann ans Herz gelegt.

3. Es folgt die Anrufung der Gottheiten, im Wicca oft 'Das Herabziehen des Mondes' (Drawing Down the Moon) genannt. Diese Anrufung wird meist von den Personen, die sie im jeweiligen Ritual durchführen, selbst verfaßt, um größtmögliche Intensität zu gewährleisten. Eine Anrufung soll auf jeden Fall wirksam sein und starke Bilder evozieren; wenn sie trotz des dafür meist nötigen Pathos schön klingt, ist es erfreulich. Besser ist es, den Anrufungstext auswendig zu sprechen, zur Not kann auch abgelesen werden. Man steht während der Anrufung mit dem Gesicht zum Altar, während die Gottheit invoziert wird. Ist sie erschienen und spricht durch den Priester, so dreht er/sie sich zu den anderen hin um und spricht sie direkt an. Ziel der Anrufung ist es, daß sich Priester und Priesterin mit den Gottheiten identifizieren. Bei den Jahresfesten sind das die dem jeweiligen Fest zugehörigen Aspekte der Gottheiten. Bei den Vollmondriten wird die Mondgöttin (Diana, Artemis, Isis) angerufen und der Gehörnte Gott der Wälder. In unserem Beispiel eines Anrufungstextes ist der erste Teil aus 'Aradia - das Lied der Hexen', einem alten italienischen Grimoire und die gesamte Anrufung an die Göttin wird in ähnlicher Form von fast allen Hexen der Welt verwendet. Wir haben sie daher in dieser Form beibehalten:

Die Priesterin spricht ein kurzes Gebet für sich und ruft den Geist der Göttin auf sich herab. Dann spricht jemand: "Höret die Worte der Großen Mutter, die in alter Zeit bei den Menschen Artemis, Astarte, Diana, Melusine, Aphrodite, Cerrid-wen, Isis, Brigid und bei vielen anderen Namen gerufen wurde."

Darauf spricht die Priesterin mit der Stimme der Göttin: "Wann immer ihr etwas begehrt, sollt ihr euch einmal im Monat, bei Vollmond, an einem einsamen Platz treffen und meinen Geist anbeten, die ich die Königin aller Hexen bin. Und wer den geheimen Zauber lernen will, den werde ich in die tiefste Weisheit einweihen. Und ihr sollt singen, lachen, tanzen und euch lieben in meinem Namen, denn mein Gesetz ist Liebe zu allen Wesen, und alle Akte der Liebe und Freude sind meine Rituale. Ich bin die Schönheit der grünen Erde und die weiße Königin über den Sternen. Ich bin das Geheimnis der unendlichen Wasser und die Sehnsucht im Herzen der Menschen."

Mit der Kraft der Göttin segnet die Priesterin den Wein im Kelch und läßt ihn einmal herumgehen; jeder Teilnehmer nimmt einen kurzen Schluck davon.

Der Priester tritt sodann eine dumpfe Trommel schlagend in die Mitte des Kreises (oder besser noch: jemand anders schlägt die Trommel). Er ruft:

"Erwache Gehörnter und höre mich Erwache I0 PAN I0 PAN I0 PAN ! Komme über mich Herr!...

(Pause wenn der Gott kommt, weiter:)

Dein Feuer lodert in mir Ich bin Pan, 10 PAN 10 PAN PAN PAN

Tanzt mit mir

Ich bin das Licht die Lust und die Liebe

Der Flötenspieler am Quell

Und führe die Elfen im Reigentanz.

In der Nacht bin ich der Schatten

Der Hüter der Schwelle und das Grauen am Tor

Ich bin der Tänzer des Schreckens

Und befreie das ewige Lachen

Tanzt mit mir

Ich gebe das Leben und die Freude

Die Liebe die Lust und den Tod

Wo immer ihr mir singt

Pan bin ich, Herr des Lachens

Herr der Wälder und des Frühlings

Herr der Lust und der Unschuld

Bin der Tänzer der Großen Mutter

Ihr Sohn Ihr Vater Ihr Freund und Ihr Mann

Oh tanzt ineinen Reigen

Und höret mein Lied

So quillt aus euch das Lachen

Und Freude wie ein Schrei -

I0 PAN I0 PAN I0 PAN ! ! "

Der Priester kann die Kraft des Gottes weitergeben, indem er die anderen mit seinem Stab berührt (z.B. am 3.Auge).

4. Der Tanz wird dann ausgeführt und zum Kernteil des Rituals ausgebaut - zum Aufbau des magischen Kraftkegels. Der Aufbau magisch/psychischer Energie ist an sich kein Problem. Alle Teilnehmer tanzen langsam oder schnell, je nach Zweck und Stimmung. im Kreis und singen, summen, rasseln oder schreien. Eine andere Möglichkeit ist, daß sich alle an den Händen fassen und leise anfangen. Vokale zu singen bis eine geineinsame Schwingung entsteht, die sich dann steigert und zu einem mächtigen Crescendo der Kraft anschwillt. Schwieriger wird es dann bei der Aufgabe, die so erzeugte Energie, die Bewegungen, Laute und Gefühle auf einen Höhepunkt zuzusteuern.

5. Die Energie muß konzentriert und auf das Ziel gelenkt werden, für das sie bestimmt ist. Das erfordert einige Übung, Erfahrung und die Möglichkeit auf der Energieebene wahrzunehmen. (Mißlingt es, so bleiben die Teilnehmer wahrscheinlich 'aufgeladen', nervös und frustriert zurück.) Bei der Stärke der mit dieser Technik von mehreren Leuten erreichten 'Kraft' ist es aber meist nicht schwer, sie deutlich zu spüren oder zu 'sehen' - es ist sogar eine ganz gute Gelegenheit, es dabei zu üben. Ziel der Energiebündelung kann die Aufladung bestimmter Gegenstände, etwa von Talismanen, magischen Waffen, rituellem öl o.a. sein oder auch die Heilung einer Person (ein hervorragendes Beispiel solcher Arbeit ist in UNICORN IV, S.35 zu finden.)

Bei den Jahresfesten wird die Energie aufgebaut, um sich mit der Jahreszeit, den Kräften der Natur und der Erde zu verbinden.' Dieser 5. Teil ist der Hauptteil des Rituals und bei den einzelnen Jahreszeiten beschrieben worden oder wird noch in entsprechenden Artikeln zur Talismanweihung, Heilung, Planetenzeremonien etc. dargestellt werden.

(Die Teile 3 und 4 des Rituals können auch in umgek der Kraft würde dann vor der Invokation der Gottheiten stattfinden. Das hat den Vorteil, daß die Invokationen intensiver werden, aber die magische Arbeit muß dann von Priester und Priesterin allein direkt nach der Invokation vollzogen werden, weil die Kraft sich allein in ihnen konzentriert hat.)

6. Ist die magische Arbeit beendet, folgt eine Phase der Ruhe. War es anstrengend, können die Teilnehmer sich kurz erholen. Starke Eindrücke können meditativ verarbeitet werden. Bei den Jahresfesten wird jetzt zum lockeren Teil übergegangen: der Kuchen wird gegessen und der Wein getrunken (falls solche im Ritual vorgesehen waren, was ich nur empfehlen kann).

Anschließend wird der Ritus von der Priesterin beendet. Sie geht den Kreis noch einmal ab und sagt:

"Wir danken Euch, Ihr Mächte der heiligen Richtungen, für Eure Anwesenheit und Hilfe bei dieser Zeremonie. Wir danken Eucherr und HerrinNamen der Goteiten). Gehet hin in Frieden." Dann stellt sie sich in die Mitte des Kreises und sagt laut:

"Und ich entlasse alle Wesen, die durch dieses Ritual ohne Absicht gebunden worden sind. Fahret hin mit dem Segen der Mächtigen! Hiermit löse ich den Kreis (macht eine schnelle, entschlossene und plötzliche Handbewegung) und das Ritual ist beendet."