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Mondrituale
Die Göttin des Silberlichts

Jörg Wichmann
©Copyright: Jörg Wichmann
Aus: "Unicorn. Magie - Schamanismus - Wege zur Erde"
Heft 10/84.
Unicorn ist erschienen von 1982-85 in 13 heften.
Gesamtausgaben sind noch erhältlich bei:
Horus-Buchhandlung
Bismarckstr. 19
53113 Bonn

 

DER ZUGANG

Nachdem im vorletzten UNICORN der Wicca-Kult im allgemeinen, sowie ein Grundritual vorgestellt und im letzten Heft die Große Göttin beschrieben wurde, werde ich hier versuchen, mich dem Mond, der Mond in zu nähern, dem bekanntesten Symbol und Zeichen der Göttin. Dabei baue ich auf der Grundlage meiner Bemerkungen zum Wicca-Kult in UNICORN 8 auf. Für mich als Mann ist die Königin der Nacht eher Gegenüber, denn Identifikationsfigur und unter diesem Aspekt werde ich sie hier auch sehen.

Der Artikel soll auch der erste einer Serie zur Magie der Planeten sein und deshalb in einem Teil den Mond als planetare Kraft in zereinonialmagi-schem Kontext betrachten. Doch ist die Mondin mehr: Herrscherin der Nacht, der Gezeiten und Rhythmen, die Göttin in ihrem strahlendsten Gewand.

Unter dem planetaren Aspekt ist der Mond der Trabant der Erde, der nächst l legende Himmelskörper, hellstes Licht nach der Sonne. Auch in der Astrologie eignet dem Mond eher weibliche Qualität. Im Horoskop wird ihm die Sphäre des Gefühls und des Unbewußten zugeschrieben, er steht auch für die Mutter und bei Frauen für ihre mütterliche und weiblich-sexuelle Kraft.

Was den planetaren Aspekt vom mythischen unterscheidet ist der Abstraktionsgrad. Die Astrologie sieht ihre Objekte eher als Kräfte, als Prinzipien an, denn als Personen oder Mächte. Vielleicht nicht von der Ebene der philosophischen Betrachtung, wohl aber für die magische oder meditative Praxis macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich mich an ein abstraktes kosmisches Prinzip wende und dieses in mir zu stärken versuche, oder ob ich eine Zeremonie für die silberne Königin meiner Träume durchführe, mich an sie um Kraft und Visionen wende.

Die Betrachtungsweise der Astrologie ist typisch intellektuell, die Welt wird auf ein Set von Symbolen bezogen, die je fest abgezirkelte Geltungsbereiche haben und sich in ihren Zusammenhängen sogar berechnen lassen.

Unseren Gefühlen viel näher ist dagegen die Poesie der Götter, ein Strom ständig sich wandelnder Bilder, die unsere Phantasie beflügeln und den Herzen Kraft geben.

Ganz im Gegensatz zu einem mehr oder weniger gut faßbaren astrologischen Prinzip ist die Weiße Göttin geradezu der Inbegriff des Mysteriums, des Unfaßbaren, Unergründlichen. Sie ist ein mythischer Charakter, so schillernd und vielfältig wie ein menschlicher. Die Mondin, Großmutter unserer Welt, in der abnehmenden und zunehmenden Phase, der volle strahlend weiße Vollmond in einer verschneiten Winternacht, die langsam aus dem Meer aufsteigende Kupferscheibe nach einem überhitzten Sommertag, die schmale Sichel zwischen von wildem Herbststurm zerfetzten Wolken - sie alle spiegeln Gesichter der Göttin, ihr freundliches und ihr grausames, ihr gebendes und ihr auszehrendes, ihr klares und ihr verhülltes.


HEXENMOND

Der Wicca-Kult ist vornehmlich ein Mondkult. Das bedeutet nun nicht, daß nur Mondrituale gefeiert würden, sondern beschreibt eher eine Art Grundstimmung, die für ihn charakteristisch ist. Die Rituale haben mehr mit Ekstase und Poesie zu tun als mit Struktur und Macht, der dumpfe Schlag der Trommel ist angemessener als die gesprochene Hymne.

Auch der männliche Gott trägt die Hörner als Zeichen des Mondes; er ist ekstatisch, leidenschaftlich und zärtlich, berauschend und fröhlich, melancholisch und wild. Er tanzt mit den Hexen auf den Lichtungen, über denen seine Geliebte und Mutter scheint, spielt ihr in langen Nächten traurige und wilde Lieder auf seiner Flöte, und seine Sehnsucht und Ekstase schwillt und schwindet mit ihrem Schein.

Ein gewisser Hang zur Nachtseite der Seele, zum Nicht-Rationalen, Traumhaften, Romantischen, zur Vision und Trance sind den Hexen eigen. Die Feste fallen rhythmisch ins Jahr, wie das Herz rhythmisch schlägt mit den Gezeiten des Blutes und wie die Mondin die Gezeiten der Meere bestimmt.

Als Gegenpol dieser Neigung zum Traumhaften, Visionären, das die Mondin für den Kult so bedeutend macht, ist eine festverwurzelte Liebe zur Erde, zur nährenden Mutter von uns allen, zum Körper und zur Sinnlichkeit vorhanden. Die mondige Seite unserer ganzen Welt ist dabei, verloren zu gehen. Die kleinen, stillen Tümpel verschwinden und die alten modernden Bäume und mit ihnen die Tiere, die die kühle, feuchte Nacht des Mondes lieben - die Salamander und Frösche, die Kröten und auch die Fledermäuse, von alters her Zeichen für die Mächte der Nacht.

Wir wollen auch die mondige Seite in uns selbst, in Männern und Frauen, vom Schutt befreien, der in Jahrhunderten darauf geladen worden ist. Die Silberne Göttin scheint wieder über unseren Festen und der Gehörnte Gott tanzt in ihrem Licht.

Mond der schwindet, Mond der wächst... Wir unterscheiden im allgemeinen drei Phasen im Mondlauf (,zu deren göttlichen Aspekten: Jungfrau, Mutter und Greisin Gabi in Nr. 9 geschrieben hat), denen unterschiedliche magische Gezeiten zugeordnet sind. Die wichtigste von diesen ist den Hexen der Vollmond - "... sollt ihr euch einmal im Monat treffen, am besten wenn der Mond voll ist" (Ara-dia). Vollmond ist der Höhepunkt des psychischen Kraftflusses. In unserer 'Kultur', die jeden natürlichen Ausdruck magischer Kraft unterdrückt, ist er daran zu spüren, daß die Fälle von Gewaltverbrechen, von psychotischen Schuhen, allgemeiner Nervosität, Autounfällen, Krisen schwerer Krankheiten etc. sich immens häufen.

Um den vermehrten Kraftstrom positiv zu nutzen, anstatt ihm passiv zu verfallen, finden Hexentreffen nach Möglichkeit zu den Vollmonden statt, de-rer jährlich 13 sind. 13 ist auch die Höchstzahl der Personen einer Wicca-Gruppe.

Viele oder einzelne Hexen gehen in der Nacht hinaus, um die Großmutter der Natur zu ehren, die Frauen das strahlende Bild ihres Hohen Selbst und ihrer eigensten Kraft, die Männer den Stern, der ihre Liebe und Hingabe, ihre Sehnsucht und Ekstase bedeutet.

Wenn wir keine Lust haben, eine große Zeremonie zu veranstalten, setzen wir uns einfach in den Mondschein und schauen auf die silbrig umrandeten Wolken, auf die gespenstischen Schatten, die die Bäume werfen und werden im Herzen so still wie das Licht der Göttin schweigend auf uns fällt. Der Herbstmond kann auch eine rasende, unstillbare Sehnsucht in mir entflammen, die mich zwingt, weit

zu wandern über Felder und Hügel, durch Dorfer und Wälder und zu suchen, was im Geheimnis seines Lichts liegt. Darum auch ist der Gehörnte Gott ein ruheloser Wanderer, Herr der wilden Jagd und der einsame melancholische Flötenspieler.

Welche Bilder und Träume wir auch in uns oder im Schattenspiel des Mondenlichts um uns herum entdecken, wir sollten nicht versuchen, sie zu deuten oder zu interpretieren. Erst wenn wir sie im Herzen bewahren und in ihrer Kraft leben, können sie sich voll entfalten.

Unsere Träume und Bilder sind ganz und lebendig, viel wertvoller als jeder psychologische (oder esoterische) Lehrsatz, den wir aus ihnen extrahieren können. Das ist die Lektion des Mondlichts. Die Eule fliegt nur in der Nacht.

Mondnächte sind auch höchst geeignet, um einen Zauber zu weben. Die hundert Möglichkeiten, dies zu tun, gehören hier nicht zum Thema. Nur einen Hinweis kann ich mir nicht verkneifen: Der Spruch am Beginn dieses Artikels ist ganz hervorragend geeignet als Einleitung für einen Zauberspruch, der im gleichen Rhythmus ein paar Zeilen weitergeführt werden kann. (Das ganze Gedicht von Elisabeth Burmeister findet sich in 'Labyrinth - Hymnen und Lieder' Verlag Frauenoffensive und UNICORN 7, S.208.)

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Wer im Mondschein magische Übungen machen möchte, sei auf die Vorschläge in UNICORN 5, S.89 verwiesen. Die Mondkraft ist aber heimlich und kommt von allein in die stille Offenheit oder die rauschhafte Begeisterung. Sie läßt sich jedenfalls nicht zwingen oder fordern. Deshalb ist eine simple Meditation oder eine schlichte beobachtende Stunde am Waldrand die bessere Annäherung als eine Übung mit viel Willensdruck oder ein ausgefeiltes, konzentriertes Ritual. Wer Pentagramme schlagend und kabbalistische Formeln ausrufend in der Mondnacht steht, mag sicher manches magische Erlebnis haben und seine Dämonenschar bereichern, aber die Mondin wird zur Nymphe und entschlüpft für immer seinen gierigen Fingern.


DAS WICCA-RITUAL

Hierfür spare ich mir die Erläuterungen zum Rahmenritual. da diese in UNICORN 8, S. 31-54 ausführlich gegeben werden.
Das Ritual wird auf einer Wiese oder einer Waldlichtung gefeiert, wo man gut barfuß unter dem Vollmond tanzen kann.
Ich gebe hier zwei Lieder an, die gut dafür geeignet sind. Das eine ist das Elbenlied an Elbereth aus 'Der Herr der Ringe' von J.R.R.Tolkien, dessen englische Fassung bedeutend besser ist, als die Übersetzung: (entn.d.Fass. Allen&Unwin, 1973)

Snow white! Snow white! 0 Lady clear!
0 Oueen beyond the Western Seas!
0 Light to us that wander here
Amid the worid of woven trees!

Gilthoniel! 0 Elbereth!
Clear are thy eyes and bright thy breath,
Snow white! Snow white! We sing to thee
In a far land beyond the Sea!

0 stars that in the Sunless Year
With shining hand by her were sown
In windy fields now bright and clear
We see your silver blossom blown!

0 Elbereth! Gilthoniel!
We still remember, we who dwell
In this far land beneath the trees,
Thy starlight on the Western Seas.

Ein anderes sehr schönes Lied lernten wir von einem Teilnehmer des Starhawk-Seminars in Detmold letzte Woche, der sich nur Sigram Aragon (wenn ich das recht verstanden habe) nannte.

I
II
I
III
I
II
III
Mondin Mutter, alte Weise
Himmel und Erde, wir rufen Dich
Mondin Mutter, alte Weise
Himmel und Erde, wir rufen Dich
Du scheinst für alle. Du scheinst für alle
Für alle, die wild sind und frei
Für alle, die wild sind und frei.


Litaraturhinweise für Anregungen zu Mondzeremonien:

Starhawk: Der Hexenkult als Urreligion der GroßenGöttin, S. 245ff

UNICORN V, S. 89 (Magisches Naturerleben)

UNICORN V, S. 72f (Isis, Isis)

UNICORN IX, S. 73ff (Die Göttin im Wicca-Kult)

A Book of Pagan Rituals, S. 55ff

Anne Kent Rush: Mond Mond

E.L.Abel: Die geheimnisvollen Kräfte des Mondes

1) aus: Elisabeth Burmeister - 'Labyrinth. Hymnen und Lieder' Verl. Frauenoffensive, München 1982

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Als Instrumente für Mond-Zeremonien sind sanfte Flöten, Glockenspiele, Xylophon, sowie Trommeln oder Schellen geeignet.

Die Kraft der Göttin kann in einer flachen Schale in klarem Wasser gesammelt werden, die'hinterher zum Trinken herumgereicht wird. Auch ein großer Kristall ist geeignet. Mondenergien zu binden und der Gruppe näher zu bringen.
Der Kreis kann mit 13 weißen Kerzen oder 13 Steinen umlegt werden.


DAS PLANETENRITUAL

Hierbei geht es darum, eines von den 7 (bzw 10) Planetaren Prinzipien zu beschwören und in die magische Persönlichkeit zu integrieren, über die gängigen Zuordnungen zum Mondprinzip kann man sich in jedem Astrologielehrbuch umfassend informieren, weswegen ich hier nicht näher beschreibend darauf eingehen werde. Das Ritual kann also folgende Struktur haben:

A) Die Teilnehmer (H, R und F) imaginieren sich in einer weiten Ebene stehend vor einem großen See (Caspar David Friedrich -Landschaft). Es ist Nacht, die Sterne beginnen gerade zu glitzern. Alle sind in schneeweiße Gewänder gehüllt (oder stellen es sich zumindest vor), die von silbernen Gürteln gehalten werden. Es ist kühl und die Luft riecht frisch und leicht süßlich (welche Imagination man durch Lüften und Weihrauch untermauern kann.) Auf dem Altar stehen silberne oder weiße Kerzen in silbernen Leuchtern (9 Stück oder 2), sowie eine Schale Wasser, das Räuchergefäß und die Tarotkarten II und XVIII.

B) R führt das Bannende Pentagramm-Ritual durch (s. UNICORN I, S. 45f), um die Szenerie von unerwünschten Bildern und Kräften zu reinigen.

C) Zur Konzentration auf das Mond-Prinzip führt H die Hexagrammbeschwörung mit den Mondhexagrammen in jede Himmelsrichtung durch.

Dabei wird in folgender Reihenfolge das Hexagramm in die Luft geschrieben:
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und mit jeder Bewegung werden folgende Gottesnamen intoniert: 1. Schaddai, 2. El Chai, 3. Ararita. Das Hexagramm und die Mondsichel werden in strahlendem Silber vorgestellt.

D) Die Teilnehmer stehen im Kreis um eine flache Wasserschale (Kristallschale ist am besten) und imaginieren den über der Ebene aufgehenden Vollmond; langsam steigt seine Scheibe empor. F trägt die Hymne vor, alle blicken in die Schale, in der sich nun der Vollmond spiegelt, und meditieren über das Mondprinzip.

E) Ist die Mondkraft im Kreis genügend angereichert, so ist je nach Ziel des Rituals möglich

1. die Kraft zu einem planetaren Geist zu verdichten, dem bestimmte Aufgaben aufgetragen werden. Besonders ist ein Zeichen zu vereinbaren, mit dem er jederzeit wieder gerufen werden kann.

2. die Kraft in sich aufzunehmen und an einen Talisman oder ein bildhaftes Symbol, vielleicht auch an eine bestimmte Sigille zu binden, mit der der Magier sie jederzeit in sich wachrufen kann.

3. mit der Kraft einen Talisman zu einem bestimmten Zweck aufzuladen - bei der Mondenergie vielleicht zur Verstärkung der Träume und Visionen.

4. sich mit Hilfe der Kraft in eine kontrollierte Trance zu begeben und dort eine bestimmte Frage (die natürlich in die Domäne des Mondprinzips fallen muß) zu bearbeiten oder eine bestimmte magische Aufgabe im astralen Bereich der Mondsphäre zu lösen.

5. eine magische Fertigkeit des Mondbereichs zu erlernen: z.B. Kristallsehen. Kaffeesatzlesen, Luzides Träumen.

F) Nach der Meditation führt R wiederum das Bannende Pentagramm-Ritual durch und beendet die Zeremonie.


Leise raunen die Wogen

Leise raunen die Wogen
Schäumend bricht sich eine Welle am Strand
Am Horizont erscheint der volle Mond
Scheint über die weiten Wasser
Erfülle uns mit deinem Licht oh Silberstern
Durchströme uns mit deinem Leben oh Sonnenspiegel
Bade uns in deinem Schein oh Nachtlicht
Kommt ihr Kräfte von Ebbe und Flut
Komme du Hüter der Bilder
Komm Mondeslicht komm
Dein sind die Gezeiten der Meere, der Lüfte
Und der Menschen Seelen
Dein ist das Kind und das Kalb und der junge Keim
Dein sind Krebs und Muschel und schimmernde Perle
Komm Mondeslicht komm
Beschützerin der Geburten
Herrin der Gezeiten
Göttin des verborgenen Lichts
Komm Mondes licht komm
Bade uns in deinem Silberschein
Dein Scheinen wächst und schwillt
Und ebbt und versiegt
Und wächst und schwillt von neuem
Dein ist die Beständigkeit des Wandels
Du lenkst die Bilder der Nacht
Und des Tages Die die Taten lenken
Du gibst Kraft dem Priester und dem Magier
Den Traum dem Malenden und Singenden
Das Leben den Liebenden
Mond oh Mond
Erfülle mich mit deinem Silberlicht
Gib mir Wärme und Geborgenheit
Oh Mutterstern
Denn dein sind die Brüste die Milch und der Schoß
Komm nächtliches Licht komm
Komm von Mond und Meer und See
Silberweißer Schein
Durchschwebe die Nacht Das Licht strömt in mich ein
Mit Macht
Oh Mond oh Silberstern!

(Harry Eilenstein)